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Nr. 169.

Donnerstag, den 23. Juli 1885.

II. Jahrg.

Berliner Volksblatt

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Volksblatt"

rscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Pf. Boftabonnement 4 Mt. Einzelne Nr. 5 Pf. Sonntags- Nummer mit illuftr. Beilage 10 Pf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1885 unter Nr. 746.)

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Insertionsgebühr

beträgt für die 3 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 pr. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., 3immerstraße 44, sowie von allen Annoncens Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen.

Redaktion: Beuthstraße 2. Expedition:

de Der Mädchenhandel.

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Expedition: Bimmerstraße 44.

Mit der Prostitution ist's gerade wie mit der ,, Vagas bondage". Es giebt nur wenige Leute, die aus wirklicher Ein Londoner Blatt, die Pall Mall Gazette ", hat den Arbeitsscheu, aus Neigung vagabondiren. Die ungeheure Muth gehabt, über die füttlichen oder besser gesagt unfitt- Mehrzahl ist durch Arbeitslosigkeit und andere Umstände lichen Zustände der Weltstadt London Enthüllungen zu dazu gezwungen. Von den prostituirten Mädchen haben machen, die ungeheures Aufsehen erregt haben. Das Blatt neunzig Prozent aus Noth zu ihrem Gewerbe gegriffen, die hielt da der sogenannten guten Gesellschaft" in England anderen mögen an einem solchen Dasein Gefallen finden. einen Spiegel vor, in dem sie sich in abschreckendster Ge­Die Prostitution entsteht zunächst aus Mangel an Un­stalt erblickte. Man wußte sich denn auch nicht anders zu terhaltsmitteln, aus Noth und dann aus Mangel an Bil­helfen, als daß man sich entrüftet" stellte, weil ein Blatt bung. Ihre Lösung bildet eines der schwierigsten Probleme. folche Dinge zu besprechen gewagt hatte. Die gute Ge- Die Garantie einer ehrlichen und ausreichenden Eristenz für sellschaft" in England war entrüstet über ihre eigene Im- Alle würde die Prostitution im Allgemeinen beseitigen; eine moralität! Dann hätte sie aber beffer gethan, ihren 3orn gesteigerte Bildung würde im Bunde damit sie auf ein Mi­auf sich selbst zurückfallen zu lassen, als auf die Balnimum beschränken. Was dann noch bliebe, wäre kein Mall Gazette". Diefer Born ging fogar soweit, daß soziales Unglück mehr, es wären mehr oder minder verein­man daran dachte, die gerühmte englische Preß- zelte Erscheinungen. freiheit zu durchbrechen und das unanständige" Blatt verfolgen zu lassen. Die Pall Mall Gazette " kann freilich nichts dafür, wenn der Mädchenhandel in London so schmachvoll betrieben wird, daß man es allerdings als ein journalistisches Wagniß betrachten muß, die damit verbun­denen Thatsachen an die Oeffentlichkeit zu ziehen. Die Ent­hüllungen des Londoner Blattes haben auch einen Reflex auf Belgien geworfen und man erinnert sich wieder baran, wie täglich aus England Dampfer in Belgien an­tommen, die junge Mädchen, höchstens 15 Jahre alt, für die öffentlichen Häuser in Brüssel ,, ausladen".

Diejenigen, die der Prostitution gegenüber nur öde Moralpredigten haben, tönnen sich weder von unseren ökono­mischen Buständen, noch von dem Volks- Charakter im All­gemeinen einen Begriff machen. Es existirt unter dem Volke mehr Tugend und Charakterstärke, als die Pharisäer wissen. Wo einzelne seiner Angehörigen dem furchtbaren Drang der Noth erliegen, da ist dies zum Mindestens verzeihlich.

Man denke nur, wie viele Tausende von alleinstehenden jungen Mädchen, namentlich in großen und größeren Städten, sich ernähren sollen. Sie arbeiten für größere Geschäfte; fie nähen, sticken und treiben andere Hausarbeit. Die Löhne, Welche Dimensionen der in- und ausländische Handel die sie erhalten, sind minimal, denn eine große Anzahl von mit den unglücklichen, den Fluch der Prostitution anheim- Mädchen aus besseren Familien" liefert auch solche Ar­gefallenen Mädchen erreicht hat, ist bekannt, wenn auch keine beiten, die vielleicht keinen anderen 3wed haben, als die Statistik dabei zu Hilfe kommt. Es ist lächerlich, wenn sich jährlichen Ausgaben für ihren Ballstaat zu bestreiten. Die einzelne Leute so stellen, als habe man durch die Pall Töchter befferer Familien" können sehr billig arbeiten, denn Gazette" etwas Neues erfahren. Im deutschen Reichs- fie haben ja Daheim ihr Auskommen. wiederholt hingewiesen worden; Parlamenten desgleichen. Auch bie Ruppler Kupplerinnen ge=

Mall

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tage ist auf den Export" deutscher Mädchen nach über

seeischen Ländern

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gegen

anderen einzelne

und

führten Prozesse haben scharfe Schlaglichter auf die schmäh­in Deutschland herausgebildet haben. Wir stehen keines­

fagen:

Damit drücken sie die Löhne auf ein Minimum hinab und die armen Mädchen, die nur von ihrer Hände Arbeit leben müssen, sollen mit diesen Löhnen, die oft zwischen 50 Pf. und 1 Mt. täglich schwanken, ihr Leben fristen.

Man stelle sich das Leben eines solchen Mädchens vor.

In einer Dachlammer, wo sie den ganzen Tag nur ein

Stückchen graugelblichen Himmels sieht oder in einem Stüb­chen auf einem finsteren und schmutzigen Hofe hat sie von

die Herren Pharisäer nicht. Betrachtet man den Umfang der Prostitution im Verhältniß zu der Nothlage unter den Arbeiterinnen, so muß man unser Volk darum bewundern, daß die Prostitution feinen größern Umfang angenommen hat. Denn es giebt Hunderttausende, Millionen von Ar­beiterinnen, die sich in der drückendsten Lage befinden und allen Verlockungen der Prostitution widerstehen. Ob gerade eine gewisse Sorte von hochmüthigen und tugendstolzen Damen, das weibliche Moralphilisterthum, im ähnlichen Fall auch so standhaft bleiben würde, das müßte erst durch That­fachen erwiesen werden.

Viele sind auch der Meinung, durch energische Ver­folgung der sogenannten Kuppelei ließe sich der moderne Mädchenhandel beseitigen oder eindämmen. Das ist offen­bar ein Irrthum. Ein scharfes Vorgehen gegen jenes schmußige Geschäft ist schon am Plaze; man wird die Kup­pelei am ersten und schnellsten lahm legen, wenn man ihr die Wa are entzieht, d. h. wenn unsere Sozialgesetzgebung sich ernsthaft Mühe giebt, die Situation der Arbeiterinnen zu verbessern. verbessern. Dazu gehört auch, daß man die von der mo­dernen Industrie so vielfach zerstörte Familie und Häuslich­feit des Arbeiters wiederherstellt, damit den Kindern eine beffere Erziehung gegeben werden kann. Eine nur geringe Besserung der wirthschaftlichen Situation, eine Vermehrung der Arbeitsgelegenheit allein schon würde, davon sind wir überzeugt, eine bedeutende Abnahme der Prostitution, des Mädchenhandels bewirken. Wird man den Versuch einmal machen?

Politische Uebersicht.

Als die Ausweisungen russischer Polen von der ges sammten liberalen Presse als eine nicht zu rechtfertigende Maß regel hingestellt wurden, da behauptete das Kanzlerblatt, die Nordd. Allg. 3tg.", daß es in der Konsequenz unserer Wirth­schaftspolitit liege, derartigen Einbrüchen fremder Arbeiter in den Arbeitsmarkt" vorzubeugen, die nationale Arbeit gegen die unter bevorzugten Bedingungen auftretende aus ländische Konkurrenz zu schüßen. Das war recht brav gesagt, und wenn auch die Ausweisungen nirgends besondere Freude verursachten, so konnte andererseits gegen solche Motive doch fein Einwand erhoben werden. Freilich wurde von uns sogleich

wegs auf dem beschränkten Standpunkt der ordinären Mo­ralphilister, denn von diesen können wir mit Heine Morgens 5 oder 6 Uhr bis Abends 8, 9 oder 10 Uhr, bezweifelt, daß die Ausweisungen lediglich zum Schuß der

Wir wissen, sie trinken heimlich Wein

Und predigen öffentlich Wasser."

Die Heulmeier und Mucker, die sich geberden, als müffe die ganze Welt in Sad und Asche gehen, mögen uns

je nach Unterschied, mit geringen Unterbrechungen, ohne Unterlaẞ arbeiten, zu um ihren unzu reichenden Lohn zu verdienen. Viele dieser Mädchen können sich nur selten einen freien Sonntag gönnen. Wenn nun an folche Mädchen die Verlockung herantritt, durch Preiss

vom Halse bleiben. Die Prostitution in ihrer heutigen gebung ihres Körpers ihr Einkommen zu erhöhen Form ist und bleibt eine Frage, die durch Mittel der Standhaftigkeit, ja welcher Heldenmuth mag oft dazu ge= Humanität zu lösen ist und nicht durch Pharisäerei.

Stadbrud verboten.]

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Sehr

Feuilleton.n

Das Mormonenmädchen. Amerikanische Erzählung

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Balduin Möllhausen.

sbus( Fortsetzung.)

originell," sagte er gutmüthig, sobald er be

-

hören, diesen Verlockungen zu widerstehen! Das erwägen

ich sie, ich müßte ja blind sein, wie ein Maulwurf," ant­wortete Falt, und Raft hatte schon gar nicht mehr nöthig, ihn nach sich zu ziehen.

"

Das ist originell! blind wie eine gemalte Ranonen­luke," versetzte der Seemann mit unterdrückter Stimme. Ihr seid unbedingt ein Gentleman; behaltet also mit mir zugleich jene Landpiraten in Sicht, und während wir gleichen Rours mit ihnen steuern, will ich Euch eine Erklärung ge­ben, wie es sich zwischen Männern geziemt."

merkte, daß er es mit feinem Betrunkenen zu thun habe und versicherte, daß er mit dem Vorschlage einverstanden sei, und daher nur ein Irrthum obwalten könne.

" Verdammt!" entgegnete Raft, immer nach derselben

Eure Enterhalen von meiner Gurgel nehmen und mich eine

Strede begleiten

Falk, immer gespannter auf Das, was folgen würde, Raft, nachdem er sich leise geräuspert, hob and ,, Einer von uns ist der Beleidigte-"

"

Ein unfreiwilliges Busammenprallen ist keine Belei­

nationalen Arbeit" in Aussicht genommen seien. Wir ver mutheten sofort, daß dieselben im Wesentlichen nur aus poli­tischen Gründen erfolgen würden und diese Vermuthung war gewiß berechtigt. Als vor Kurzem in Erdmannsdorf ein Weber streit ausbrach, tam aus Desterreich eine große Anzahl Czechen, um fich für einen billigeren Lohn anzubieten. Die nationale Arbeit der Weber wurde durch diese anspruchslosen Elemente aufs äußerste bedroht; statt nun aber die nationale Arbeit zu schüßen, wußte die Nordd. Allg. 3tg." nichts Besseres zu

einen Satz vorwärts machte; ,, wo haben sie ein Ende ges nommen? Weg sind sie, weg wie'n Topfegel vor dem Teiphoon!"

Still, steht still," ermahnte Falt, seinen Begleiter nun­mehr feinerseits am Arme zurückhaltend, dort in die Haus­thür schlüpften sie hinein. Laßt uns nur die Pforte bewachen; wo sie hineingegangen sind, müssen sie doch endlich auch wieder herauskommen."

An Euch ist ein Seemann verdorben," sagte Raft mit wirklichem Bedauern, habt Augen wie'n durstiger Midshipman, und berechnet die Länge wie'n alter Kommo­bore."

Richtung hinftierend. Ich habe Eile, und wenn Ihr ein Gentleman seid, dann werdet Ihr, eh' ich Euch würge, digung," unterbrach Falk lachend seinen Gefährten, dessen mand entgehen konnte, der aus der bezeichneten Thür ins

fegeln!

-

geschwind

geschwind, eh' sie außer

Ernst ihn zu ergößen begann.

" Ich sage Euch, Herr, Einer ist der Beleidigte, und Sicht sind! Hol' der Satan meine Dummheit! So anzus wollt Ihr es nicht sein, so bin ich es. Wir haben mit den Breitfeiten gegen einander gelegen, und verdammt will ich Des Bootsmanns Worte flangen so aufrichtig, daß sein, wenn die Sache nicht ausgefochten werden muß. Ihr salt keinen Augenblick an seiner Ehrlichkeit zweifelte. habt mir den Hals beinah' zugeschnürt, und dafür follt Ihr Auch ich habe Eile, von hier fortzukommen," entgegnete Satisfattion haben, und das ist originell!" er daher, feine Arme von dem Nacken seines Gegners

" Aber Ihr

11

,, Sehr originell!" bekräftigte Falt, immer mehr beluftigt

entfernend und einen Schritt zurücktretend, so viel Eile, über des grimmigen alten Burschen Eifer. daß ich Euch nicht begleiten kann." Wollte Euch also bitten, eine Stunde oder so herum müßt!" rief der aufgebrachte Bootsmann zu warten, bis wir den Nothhafen der beiden Piraten dort ausgemacht, und dann-" Soll ich mir die Knochen von Euch entzweischlagen

schnaubend aus, und gleichzeitig griff er den Maler dicht

über dem Handgelenk seines linken Armes, worauf er ihn

tritt Beranlassung geben wollte.

"

So sprechend stellten sie sich im Schatten des gegen­überliegenden Hauses so auf, daß ihrer Wachsamkeit Nie­Freie trat.

Mehrere Minuten verharrten sie sodann schweigend. Plötzlich schien Raft sich auf etwas zu befinnen. Ihr seid ein Gentleman," hob er an, was meint Ihr, wenn wir den Kreuzknoten, den wir mit einander zu lösen haben, zu gelegener Beit aufhöfen; vielleicht bis morgen an irgend

einem bestimmten Orte und zu irgend einer bestimmten Stunde?"

Der Vorschlag ist nicht übel und ganz originell," er­widerte Falk lächelnd, sich absichtlich Raft's Lieblingsaus­drucks bedienend. Freute Raft sich nun, auch einmal aus einem anderen Munde, als dem eigenen, das Wort, originell" zu verneh­men, oder war sein Wohlwollen für den gefälligen, gut­

mit unwiderstehlicher Gewalt und Eile mit sich fortzog, daß lassen," fiel Falk seinem Begleiter in die Rede, kaum noch Sener müthigen Deutschen in so schnellem Wachsen begriffen, genus, er zu einem geräuschvollen Auf- Chre, bin aber bereit, Euch noch etwas Geſellſchaft zu nachdem er einige Male mit dem Kopfè genidt, verfehte er

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leiften."

"

Bei Gott , Herr! kein Knochenentzweischlagen," ver­

"

zögernd: Sagen wir also übermorgen."

Nachdem sie also ungefähr dreißig Schritte neben einander in vollem Lauf zurückgelegt hatten, schien Fall's sicherte Raft, weder rechts noch links blickend. Ihr seid hingelenkt, in welcher drei Personen erschienen, die sich ziem

Führer wieder Herr seiner selbst zu werden. gleiten?" fragte er den überraschten Künstler, der allmälig Seht Ihr dort die Schatten an den Häusern hin­ein neugieriges Interesse an seiner eigenthümlichen Lage

empfand.

Die Männer dort auf jener Seite? allerdings sehe

zwar nur ein Deutscher, aber doch ein Gentleman, und Ihr follt alle Vortheile haben, die einem Gentleman gebühren; 3 würde mich auf dem Boden des Ozeans nicht ruhig schlafen lassen, wäre ich Euch Satisfattion schuldig geblie­ben, das ist originell, nur etwas warten müßt Ihr Goddam!" fuhr er plötzlich wild empor, indem er zugleich

Hier wurde ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Thür

lich laut unterhielten.

Raft stieß seinen Gefährten an, zum Zeichen, daß er seine Leute wieder erkenne. Dieselben traten ganz aus der Thür heraus, während die dritte Person, offenbar ein noch junger Mensch, in derselben zurückblieb und sie über die einzuschlagende Richtung belehrte.