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Der- Stiefe

Nr. 250.

Sonntag, den 25. Oktober 1885.

II. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Volksblatt

scheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Pf. Bostabonnement 4 Mr. Einzelne Nr. 5 Pf. Sonntags- Nummer mit illuftr. Beilage 10 Pf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1885 unter Nr. 746.)

Redaktion:

Wer trägt die Schuld?

lann die hohen Löhne nicht tragen; die Leistungsfähigkeit der Arbeiter ist zu gering, deshalb sind die Produkte min­berwerthig und so muß die Industrie leiden!

Die Arbeiter find schuld daran! Die Fabrikation

gange der Industrie oft genug hören. Solche Bemerkungen muß man jetzt bei dem Nieder­

Berständige Leute machen allerdings solche Bemer­

industrieller.

Aber in spießbürgerlichen Rreisen, in den

Beuthstraße 2.

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-

Insertionsgebühr

beträgt für die 3 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Pf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 the Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., 3immerstraße 44, sowie von allen Annoncen Bureaux , ohne Erhöhung des Preises, angenommen.

Expedition: Zimmerstraße 44.

die Rheinisch- Westfälische Beitung" eine sehr resolute Ant­wort, welche die Dividendenmacher nicht vor den Spiegel stecken werden:

werden hervorgeholt, um die Produktion nicht einschränken zu müssen."

Was sagen dazu die Herren Direktoren und Dividen denmacher? benmacher? Haben also die Arbeiter Schuld? Mit nichten!

-

-

Nun wollen wir ja, weil wir etwas Nationalökonomie verstehen, gern erklären, daß auch die Schuld der ein­zelnen Betriebsleiter keine große ist an dem Rückgange einer Industrie, daß sie auch nur mittelbar die Schuld tragen an der Ueberproduktion.

fungen nicht, nicht einmal ein gebildeter Groß- haben dürfte, Kreifen der Handwerker und kleinen Industriellen muß theil der Betriebsleiter an der Höhe der Produktion, zügellose freie Ronkurrenz" und die mit derselben verbun

man oft genug berartige Behauptungen vernehmen. fann, wie der Großbetrieb, das ist selbstverständlich, da der Daß der Kleinbetrieb nicht dieselben Löhne tragen Großbetrieb überhaupt billiger produziren kann. Dies wollen die Kleinmeister in ihrem übertriebenen Stolze nur nicht einsehen, deshalb müssen gewöhnlich nicht die über thnen Stehenden, die Großindustriellen, sondern die unter ihnen Stehenden, die Arbeiter herhalten.

immer

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Roth einen Prügelknaben suchen und diesen in der Person bes Arbeiters, des Gesellen zu finden vermeinen. Anders ist es bei der Großindustrie und besonders bei ben Dividenden- Unternehmungen.

,, Auf die Gefahr hin, von einem Theile Derjenigen, die durch die nachstehenden Zeilen sich unmittelbar ange­griffen fühlen, der Verleumdung und Verkennung geziehen zu werden, wagen wir es, die größere 3ahl der mittelbar Betheiligten auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der einen nicht geringen Antheil an der gegenwärtigen Ralamität bie durch die offenbare Ueber produktion hervorgerufen ist. Wir meinen den An­die Tantieme für jeden Zentner Roheisen oder Roke und Rohle, der auf dem betreffenden Werte erzeugt wird. Diese Art der Besoldung ist noch vielfach üblich. Gewöhnlich haben die Mitglieder der Direttion, oft auch die Unterbeamten, ein verhältnißmäßig fleines festes Gehalt; ein großer Theil ihrer Einnahmen rührt aus der Tantieme her, die ihnen bei Uebertragung des Amtes zugesichert ist. Wir wollen nicht bestreiten, daß diese Form der Besoldung ihre guten Seiten hat. Der Beamte ist persönlich unmittel bar mit dem Werke verkettet, das Interesse des letzteren ist

Das verschuldet in erster Linie die unsinnige, allgemeine, bene planlose Produktion. Wie diese zu besiegen sind, das wissen unsere Leser.

Wir haben auch nur obige Punkte berührt, um die albernen Anklagen gegen die völlig schuldlosen Arbeiter zu­rückzuweisen und die wahren Schuldigen ans Tageslicht zu ziehen.

"

Politische Uebersicht.

Auch rebet die herrschende Presse den Kleinmeistern noch von ihrer Selbstständigkeit, von dem möglichen Aufschwung des handwerksmäßigen Betriebes etwas vor, so auch das feinige, sein Eifer, sein Fleiß, seine Kenntniß und daß diefelben sich in allerlei schöne Träume einwiegen und Umsicht bringen nicht nur den Eigenthümern des Werkes, noch mehr versinken. Man kann also den kleinen sondern ihm auch selbst Vermögen zu; in Zeiten gesteigerten Meistern barüber nicht grollen, daß sie in der Angst und Bedarfes tann es kaum ein besseres Mittel geben, der Nachschlagen, zu deren Gunsten er geschieht. Daraus frage zu genügen. Freilich ist es von einem idealen Stand­punkte nicht ganz zu billigen, daß durch einen gewissen Eigennuz das Interesse zur Sache gesteigert werden muß, doch läßt sich hierüber nicht rechten, denn das Verhältniß beider Parteien beruht auf freier Vereinbarung. Nun aber die Rehrseite der Webaille. In guten 3eiten, als alle Produkte bes Werkes flotten Absatz fanden, steigerten sich die Einnahmen der Oberbeamten zu angenehmer Höhe, dementsprechend wuchsen die Bedürfnisse und steigerten sich die Ausgaben. Inzwischen ist jedoch leberprobuftion eingetreten, die Bestände mehren sich von Tag zu Tag, der Versandt nimmt ab, aber

Wir fagten schon oben, daß der gebildete Groß industrielle für den Rückgang des Geschäftes wohl niemals Die Arbeiter verantwortlich macht und auch nicht die hohen"

Löbne;

aber die meisten Emporkömmlinge, welche die Situation nicht überblicken können, müssen einen Sündenbock haben und für sie dient dann auch der Arbeiter als solcher. ohe Löhne, geringe Leistung,( Lüberlichkeit, Sozialdemo­

Lombardirt werden."

-

Der Volkswille soll bei den Wahlen unverfälscht zum Ausdrud tommen, und in dem Maße, wie das Voll fich seines Wahlrechts und deffen Bedeutung bewußt wird, gierungsbeamte gerade zum Schaden derjenigen Partei aus­wird jeder Versuch der Beeinflussung durch unmittelbare Re so schreibt bie Mago. 8tg."- daß die Abgeordneten die Vertreter des Volles und nicht der Regierung sein sollen, folgt, daß die un­mittelbaren Regierungsbeamten fich aller Wahlagitation zu enthalten haben. Wahlagitationen durch unmittelbare Regie rungsbeamte lönnen nur eine Voltsvertretung erzeugen, die in Wahrheit zu einem geringfügigen Werkzeuge der jeweiligen Regierung geftempelt würde, und ein Beamtenstand, der heute im Sinne dieses, morgen im Sinne jenes Ministeriums, wel­ches gerade zufällig herrscht, handeln müßte, würde alles Ge­fühl für seine Würde und Selbstständigkeit verlieren und schließlich die Achtung des Volkes einbüßen. Um so mehr müffen es fich die Wähler im Intereſſe unseres Beamtenstan­

fratie u. f. w. werden zusammengemengt und so ist etwas nicht die Produktion, das Lager wird immer größer, der Dorhanden, an dem man seine Dummheit und seinen Geldzufluß immer kleiner, die Folge ist, daß die Bestände tiren und das Material zu sammeln, um dem Abgeordneten­Berger, manchmal über die eigene Schuld, auslassen kann. Am meisten aber haben die Arbeiter von den Direktoren

Die Betriebsleiter also haben die Schuld! Sie pro­

ftr. 44. und Beamten der Aktiengesellschaften, von den Dividenden- duziren drauf los, damit ihre Tantiemen nicht fallen, wäh machern zu leiden. Immer und immer wissen diese Herren, rend der Lohn der Arbeiter, trotzdem dieselben tüchtig schaffen ihren Einfluß wenn einmal das Geschäft nicht gut geht, die Schuld auf müssen, fortwährend sinkt. Wenn die Arbeiter fich gegen bie Arbeiter abzuwälzen; dabei findet gerade auf Aktiens

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werten die schlechteste Behandlung der Arbeiter statt, ein fortwährendes Haften und Treiben, ein Jagen und Heßen,

geringen Lohn auflehnen, dann sind natürlich sie Schuld an dem Rückgang.

des angelegen sein lassen, rechtzeitig alle jene Vorfälle zu no­hause ein flares Bild über etwa stattgehabte Wahlbeeinfluffungen und sonstige Ungeseglichkeiten beim Wahlaft selbst zu geben. Eine Wahl, vollzogen unter einem unzulässigen Drucke von Beamten, welche glauben, thre Autorität und einfegen zu dürfen für die Zwecke Der Wahl eines ihrer politischen Richtung genehmen Kandidaten, ist ebenso ungiltig, als wenn beim Wahlakt selbst von Seiten der zur Wahrung der Geseßlichkeit des Wahlaktes berufenen Wahlvorstände Verstöße gegen das Wahlgesetz ge macht werden, welche die Freiheit und Sicherheit der Wahl Soweit die brave Magd. 3tg." Wenn man nicht wüßte,

wie es bei alten, festen Privatfirmen nur selten üblich ist. aber wird nicht vermindert, weil eine Einschränkung ja mehr oder minder aufheben. und Hehen? Darauf ertheilt das große Fabrikantenorgan, Leiter des Werkes ist! Alle fadenscheinigen Gründe daß dieses nationalliberale Blatt fich stets die möglichste Mühe Weshalb aber dieses Haften und Treiben, dies Jagen gleichbedeutend mit einer Verminderung der Einnahmen der

11]

serboten.]

Feuilleton.

Die Hand der Nemesis.

Roman

von

Ewald August König .

( Fortsetzung.)

Eine fleine forpulente Frau, deren Haare bereits einen Silberschimmer zeigten, trat mit außerordentlicher Lebhaf 00 Damlet in bas 3immer. Ihr Anzug war einfach, aber in gewiffem Grade elegant, fie trug sogar eine lange goldene Uhrlette und ein Brillantring blitte an ihrer Hand.

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3. Theil

Sonntags,

Aber in ihrem Blid und in ihren Bügen lag etwas,

fein. Bufriedener als Ihre Miether es find. Die Ratten wirthschaft nimmt überhand. Jedermann beschwert sich, Reiner will Abends mehr auf den Hof gehen-"

Auf dem Hof hat auch Reiner was zu suchen," fiel der Antiquar ihr in's Wort. Und in's Haus kommen die unschuldigen Thiere nicht."

"

Ich bin ihnen schon auf der Treppe begegnet." " War auch kein Unglück, die Thiere sind froh, wenn man sie in Ruhe läßt."

,, Und Sie füttern die Bestien noch!" " Soll ich sie verhungern lassen?" " Ungeziefer muß man vertilgen!"

,, Das muß man kennen," erwiderte Jakob Hochmuth spöttisch, jedes Thier will leben und hat eine Berechtigung zu leben, und mir machen die Ratten Spaß. Wenn Kinder und alte Weiber sich vor ihnen fürchten, so können sie aus­Wenn Kinder und alte Weiber Ihnen einen hohen

was Jeben unangenehm berühren mußte, etwas Lauerndes, man fonnte fagen Boshaftes, was sofort Mißtrauen ein ziehen, verstanden?" aus Auste, und auf einen tückischen Charakter schließen ließ.

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Der Antiquar schenkte ihr kaum Beachtung, fie nahm Miethzias zahlen, so können Sie auch verlangen auf demselben Stuhle Plaz, auf dem kurz vorher Willibald

gesessen hatte, und heftete den stechenden Blic er

"

Nichts für ungut, Frau Siebel, wenn eine Ratte in Ihr Bimmer tommt, dann haben Sie das Recht, fie todtzu­

Wartungsvoll auf ihn, während ihre fleischige Hand nach schlagen, aber Fallen und Kazen dulde ich nicht."

Wir könnten das erzwingen," erwiderte Frau Siebel,

Blatt vor den Mund, dann wissen sie, woran sie sind. Wollt Ihr einen Liqueur trinken, Frau Siebel?"

Das Gesicht der ehemaligen Wärterin heiterte sich auf, der Antiquar holte aus der Küche eine Flasche und zwei Gläschen und füllte die lettern mit einer bunkelbraunen Flüssigkeit.

Selbst fabrizirt?" fragte Frau Siebel lächelnd. " Natürlich, dann weiß ich auch, was ich hab', das muß man fennen! Wohl bekomm's!"

Und was wollte Herr Rabe von Ihnen?"

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" So fragt man die Leute aus," spottete Jakob Hoch muth. Weshalb interesfirt es Euch, das zu erfahren?" Weil ich mit der Frau Generalin noch immer in Vers bindung stehe!" erwiderte die kleine Frau, sich stolz in die

Bruft werfend.

Der Antiquar griff tief in seine Dose hinein und hielt den Blick fragend auf das runde Antlitz der ehemaligen Wärterin geheftet.

" Thr?" fagte er. In welcher Weise?"

Ich beziehe eine Pension." " Wofür?"

" Für meine Pflichttreue."

Der Bruber der Generalin von Studmann?" fragte sie. War der Herr, ber Sie ſoeben verlassen hat, nicht sich mehr und mehr ereifernb. Werner hat auch gesagtpflegt bob

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Jakob Hochmuth blickte sie befremdet an.

Julius Tullius, kennt Ihr den auch? erwiderte er. war ja damals Wärterin bei der Generalin."

,, Bärterin? Und jest tragt Ihr Brillanten?"

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Werner? Wer ist Werner?"

,, Der Bräutigam meiner Tochter."

" Ach, der Polizeisekretarius? Julius Tullius, Frau Siebel, für das, was der fagt, gebe ich nicht einen Groschen. Den Ring hat mir die Generalin geschenkt, als ich Mit der Polizei habe ich nichts zu schaffen, und es ist mir Stelle verließ," sagte Frau Siebel; es war eine Ans ärgerlich genug, baß der Sekretarius jeden Abend in mein

ennung für meine treuen Dienste."

ingut, wovon lebt Ihr eigentlich? Habt Ihr Vermögen? .m, das ist aller Ehren werth. Aber nichts für

" Ste fragen geradeaus-""

" Ich bin der Hausherr und muß wissen, was die Leute enfir. 18. ben, die in meinem Hause wohnen." Ein ironisches Lächeln glitt über das Gesicht der Frau. Das tann Sie wenig fümmern," erwiderte fie, wenn Wiethgins pünktlich gezahlt wird, dürfen sie zufrieden

Dorn I

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Haus kommt und mit der Spürnase hier herum schnüffelt." Wollen Sie damit sagen, Werner Kaltenborn sei ein geheimer Spion?" fragte Frau Siebel entrüstet.

Ich sag' gar nichts, aber ich denk' das meinige. Und in meinem Hause hat mir Niemand Vorschriften zu machen; wem es hier nicht gefällt, der kann ausziehen, das muß man fennen."

Sie sind immer grob-"

" Ich sag' den Leuten die Wahrheit und nehme kein

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Julius Tullius, dafür, daß Ihr bas eine Kind ges habt?"

"

Das Kind und die Mutter!"

Julius

" Nichts für ungut, das begreife ich nicht!" " Sie wollen boch Alles kennen, verstanden?" schlug Frau" Siebel ihn mit seinen eigenen Rebensarten. Tullius, die Leute ärgern, ja, bas verstehen Sie, nichts für ungut, aber wenn Jemand für treue Dienste belohnt wird, so finden Sie das unbegreiflich. Mutter und Kind waren bem Tode näher, als dem Leben, meine treue Pflege hat ihnen das Leben erhalten."

H

Das geht wie ein Mühlrad!" spottete der Antiquar. Wie hoch ist die Pension?"

Bierhundert Thaler."

" Immer etwas mehr als nichts!"

" Damals war's genug, aber jetzt reicht es nicht mehr,

Alles ist theurer geworden."

Die Tochter verdient ja auch!"