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Nr. 252.
Mittwoch, den 28. Oktober 1885.
II. Jahrg
Berliner Volksblatt.
Organ für die Interessen der Arbeiter.
Das Berliner Volksblatt
icheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 f. Bostabonnement 4 Mr. Einzelne Nr. 5 Pf. Sonntags- Nummer mit illuftr. Beilage 10 Pf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1885 unter Nr. 746.)
Redaktion: Beuthstraße 2.
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Das Berliner Voltsblatt" hat sich die Sympathie der arbeitenden Bevölkerung Berlins zu erringen gewußt. Trop der überaus großen Anzahl von Tagesblättern der verschieden ften Tendenzen, die in Berlin existiren, hat bisher kein wirkliches Organ des werthätigen Volles bestanden. Es ist daher Bflicht eines jeden Arbeiters, namentlich im Hinblick auf die bevorstehenden Kommunalwahlen, unser Blatt zu unterstüßen. Wenn jeder Abonnent nur einen zweiten wirbt, so hat er feine Pflicht gethan.
Wir unsererseits werden nicht nachlaffen, jedem berechtigten Wunsche unserer Abonnenten nachzukommen.
Die Redaktion und Expedition des ,, Berliner Volksblatt".
Bur Altersversorgung der Arbeiter.
Daß die Altersversicherung und Invalidenversorgung der Arbeiter auf die lange Bank geschoben worden sind, wissen unsere Leser.
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beträgt für die 3 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 the Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., 3immerstraße 44, sowie von allen Annoncen Bureaux , ohne Erhöhung des Preises, angenommen.
Expedition: Bimmerstraße 44.
bie Unternehmer aufzubringen und für die Altersver forgung muß mit seinen Mitteln das Reich eintreten.
Schon bei den beiden ersten Gesezen hat man dieses Prinzip verlassen und ist deshalb der Duackfalberei verfallen; bei der Altersversorgung aber wird man nicht umhin können, sich zu obiger Anschauung zu bekehren, man mag wollen oder nicht.
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Die Altersversorgung ist ein durch Reichsmittel erhaltenes Institut oder sie ist nicht" darüber kommt auch Fürst Bismarck nicht hinaus. Aber ohne Altersversorgung ist auch die ganze bis jetzt ausgeführte Sozial- Reform" ein Stückwerk, welches man mit dem Lichtenberg 'schen Messer ohne Klinge, an dem der Griff fehlt, vergleichen fann.
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Man sieht also, wie die Sache steht; die Mittel fehlen dem Reiche bei den heutigen Zuständen. Und da wir nun einmal in erster Linie ein Militärreich bilden, deshalb müssen die Mittel für die immer wach sende Militärmacht in erster Linie aufgebracht werden. Auch soll der nächste Reichstag schon erhöhte Ausgaben für bie Marine bewilligen.
Dagegen muß natürlich die Altersversorgung für die Arbeiter zurückſtehen.
Würde man die Dienstzeit der Infanterie auf ein Jahr, die der Kavallerie und Artillerie auf ein und ein halbes Jahr herabsetzen, so bliebe vom Militäretat jährlich schon so viel übrig, um die Beiträge zur Altersversorgung zu erzielen. Aber das will man nicht.
Und ebensowenig will man das Steuer System ändern. Erhöht man aber aber die indirekten Steuern auf nothwendige Gebrauchsgegenstände, so nimmt man dem arbeitenden Volte mit ber einen Hand und zwar mehr, als man ihm durch die Altersversorgung mit der anderen Hand giebt.
Es wird vorgeschlagen, die Branntweinsteuer zu er höhen, um die Erträgnisse zur Altersversorgung zu verwenden, Würde man diese Erhöhung an der Spiritusquelle, bei den großen Branntweinbrennern vornehmen, so könnte man über bie Frage wenigstens in Diskussion treten, aber wenn man nur die Schankgewerbesteuer zu erhöhen gedenkt, so muß sich das arbeitende Bolt von vornherein dafür bedanken.
Man spricht dabei von den vielen legislatorischen Schwierigkeiten, die ein solcher Entwurf bereite und daß beshalb die Arbeiten sich verzögerten. Das ist aber nur ein Borwand. Der Grund der Verzögerung und wahrscheinlich auch der Vertagung auf ,, unbestimmte Beit" ist einfach die schwer zu beantwortende Frage: Wo soll das Gelb zu der Versicherung hergenommen werden?" Die Arbeiter bezahlen jetzt schon über und über ge= nug fie leisten ungemein ben Krankenkassen, sie zu hohe indirekte Beiträge zu der Unfallversicherung, fte werden die immer mehr wachsenden indirekten Steuern auf nothwendige Bedürfnisse die Arbeiter können also zur Altersversorgung keine Beiträge zahlen, wenn nicht die ganze früher noch dem Siechthum und der Arbeitsunfähigkeit, der " Sozial- Reform" vollständig illusorisch für sie werden soll.
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13079 Gew. i. Gesammtw. 90 000 M. Jeder Loonbestellung sind für Frankirung der Loossendung und Gewinnliste 20 PL.( L.Einschreibende. 40 P.) beizufügen. Coupons u. Briefmark. w.i. Zahl. gen. Prinz Reuss.
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haben immer den Grundsatz aufgestellt: die Bei
Dann würde der Branntwein noch schlechter, noch verfälschter und verfufelter werden, so daß die an Brannt wein gewöhnten Arbeiter aus denjenigen Genderben, wo ein Glas Schnaps zur Nothwendigkeit geworden ist, Invaliditat anheimfielen als jetzt. Was wäre dann ge wonnen? Sar nichts! Die Arbeiterklasse würde dann nur
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träge zu den Krankenkassen sollen ganz allein die Arbeiter durch die Krone der Sozial- Reform" Schaden erleiden. bezahlen, die Beiträge zu der Unfallversicherung haben allein
Berboten.]
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Feuilleton.
Die Hand der Nemesis.
Roman
.
( Fortsetzung.)
Ich sagte Ihnen schon, daß der Mann früher in unferen Diensten gestanden hat, und daß ich an seine Schuld nicht glauben kann," erwiderte Rabe ruhig. Auf der anbon Stuckmann fich die größte Mühe geben wird, die Schuld bes Verhafteten festzustellen, einestheils, um jenes alte Vers brechen zu fühnen, anderntheils, um seinen Scharfblick zu
beweisen."
Der Justizrath nickte zustimmend.
"
Wenn man aber nun einmal glaubt, am Militärwesen
"
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Reinen?"
Nein."
Büchse als Eigenthum des Angeklagten rekognoszirt?" Halm hat sie als sein Eigenthum anerkannt." Schlimm, aber"
"
" Ich glaube, die Kugel würde auch in manche andere Büchse passen," sagte Rabe ruhig. Aber Sie werden ja Aber Sie werden ja die ganze Unhaltbarkeit der Anklage schon erkennen, wenn Sie die Akten durchgesehen haben."
Hm, werden sehen."
Ich hätte gerne mit dem Verhafteten darüber gesprochen, ich kenne ihn besser wie jeder Andere; aber Assessor von Stuckmann wollte mir die Erlaubniß nicht geben.
,, Darf er auch nicht."
" Ich wollte es im Interesse der Untersuchung thun." " Flausen! Untersuchung nicht Ihre Sache!"
" Sie werden es begreiflich finden, daß ich mich dennoch An Ihnen aber findet der Assessor einen Gegner, dafür intereffire, wenn es auch im Grunde genommen mir der ihm gewachsen ist," fuhr Rabe, dem alten Herrn gleichgiltig sein kann, ob der Verhaftete schuldig ist oder schmeichelnd, fort, und deshalb auch ist auf Sie meine nicht. Ich würde mit ihm gesprochen, ihn an frühere Ers
Wahl gefallen."
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Hm, will sehen-"
Sie müssen es mir versprechen!"
Nun ja, aber zuvor Aften aber zuvor Aften durchsehen," sagte
eignisse erinnert und dabei jedenfalls einen flaren Blick ges wonnen haben. Dadurch wäre dem Assessor ein wesent licher Dienst geleistet worden."
der Justizrath zögernd, übernehme nicht gerne faule ablassen, undankbares Geschäft."
Sachen."
Sie werden in den Akten nichts finden, was man einen
Unsinn!" brummte dar Justizrath. Finger davon Der Gutsbefizer strich mit der Hand über die Stirne und ein seltsamer 3ug umzuckte dabei seine
Auf Dant habe ich nie gerechnet," sagte er, und in Fällen, wie der vorliegende, bin ich stets meinen Eingebungen gefolgt. Was ich mir einmal vorgenommen habe, bas führe ich auch aus, und stoße ich dabei auf Hinderniffe, fo wird durch fie mein Vorsatz nur befestigt. Sie kennen wohl keinen Weg, auf dem man mit einem Gefangenen in
unwiderlegbaren Beweis nennen könnte," erwiderte der Guts Lippen. befizer, an den Enden seines Schnurrbarts drehend. ,, Bald nach nicht vor. Nur ein 3euge, ein früherer Diener meiner Schwester, hat ausgesagt, Halm habe eine Drohung gegen ben eines Diebstahls entlassen werden müſſen; auf sein 3eugniß bann in der Hütte des Ausgewanderten eine Büchse gefunden, ft also gar kein Gewicht zu legen. und weil die Kugel, bie den Doktor tödtete, in den Lauf dieser Büchse paßt, behauptet man Halm müsse der Mörder gewesen sein. Ginen weiteren Anhaltspunkt hat die Untersuchung nicht."
Verbindung treten kann?"
"
Nein!"
" Dann ist es auch nußlos, daß wir weiter darüber reden, und der Affeffor muß selbst zusehen, wie er mit dem Manne fertig wird. Die Sache wird wohl mit einem
nichts sparen zu können, obwohl es das Beste wäre, wenn genügende Ersparnisse am Militärbudget zur Altersversorgung der Arbeiter verwendet würden, dann muß man sich entschließen, das Steuersystem zu ändern und für das Deutsche Reich eine progressive, nach oben scharf angezogene Einkommensteuer einführen.
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-
Eins von den beiden Mitteln, das erstere wäre das bessere, das zweite würde zur Noth auch genügen muß gewählt werden, alle anderen Pläne und Vorschläge in dieser Frage aber sind vom Uebel.
Politische Uebersicht.
Soll das Sozialistengesek unverändert beibehalten, ein geschränkt oder gänzlich abgeschafft werden? Diese Frage ist durch die bekannten Aeußerungen des Profeffors Gneist gegen die unveränderte Erneuerung des Ausnahmegefeßes wieder auf die Tagesordnung gesezt. Auch die Köln . 8tg." beschäf tigt sich mit dieser Frage und läßt sich darüber folgendermaßen aus:
,, Ohne Zweifel arbeitet man der allmäligen Aufhebung des Sozialistengeseges am wirksamsten vor, wenn man prattische verständige Vorschläge macht, wie nach dem Erlöschen der Ausnahmevollmachten der öffentliche Rechtszustand in diesem Punkte zu gestalten sei. Es wäre Sache der Geg ner des Ausnahmegesezes, in dieser Richtung Vorschläge zu machen."
Herr, dunkel ist der Rede Sinn! so könnte man beim Lesen dieser Leistung der Kölnischen" ausrufen. Allmälig dahin verstanden werden, daß die Aufhebung stückweise erfol soll also das Gesetz aufgehoben werden! Das kann doch nur gen soll. Interessant ist die Aufforderung an die Gegner dieses Gesezes, praktische Vorschläge zu machen, zur Verschär fung der bestehenden Strafgeseßgebung; erst dann, wenn die Strafgesete gehörig ,, verbessert" worden sind, fann an die allmälige Aufhebung gedacht werden, so und nicht anders fann man sich die Worte der Köln . Btg." reimen. Da nun aber von den entschiedenen Gegnern des Ausnahmegefeßes, den Sozialdemokraten, gewiß nicht zu erwarten ist, daß sie Vorschläge zur Verschärfung der Strafgeseze machen werden, so dürfte der diesbezügliche Appell nur an die Adresse der Deutsch Freifinnigen gerichtet sein. Das scheint auch das Berl. Tagebl." anzunehmen, denn dasselbe beeilt sich, der Köln . Stg." folgendes zu erwidern:
Auch die entschieden liberalen Gegner des Ausnahme gefeßes waren und find bereit, der Regierung in der Vertheidi gung der Rechtsordnung zur Seite zu stehen und alle Mittel zur Abwehr gefezwidriger Ausschreitungen zu bewilligen. Sie find aber der Ueberzeugung, daß dies auf dem Boden des ges meinen Rechts geschehen könne und müsse. Schon beim Erlaß des ersten Sozialistengesezes hat der Abgeordnete Hänel einen Versuch in dieser Richtung gemacht. Dieser Versuch, der das mals mißlang, muß mit aller gebotenen Vorsicht und Klarheit wieder aufgenommen werden; gerade der freisinnigen Partei
Juftizmord enden, man weiß ja aus Erfahrung, wie ein junger, ehrgeiziger Untersuchungsrichter
,, Keine Sorge! Vertheidiger auch noch da," erwiderte der Justizrath, während er die Brille dicht vor die Augen rückte. Werde die Aften einsehen und Ihnen dann Anficht mittheilen. Keinen Versuch machen, mit dem Gefangenen zu sprechen, fage Ihnen noch einmal: Unsinn! Rönnten in die Geschichte verwickelt werden, wäre sehr unangenehm."
Rabe hatte sich erhoben, er zuckte geringschäßend die
Achseln. Ich werde den Assessor nicht noch einmal fragen," sagte er verächtlich, will er mir die Erlaubniß nicht geben, so werde ich ihn nicht weiter darum bitten. Mir ist ja auch, ich wiederhole es, die Sache ziemlich gleichgiltig, und ich würde mich gar nicht darum bekümmert haben, wenn nicht der Verhaftete früher in meinen Diensten gewesen wäre. Er war, so lange ich ihn fannte, ein braver, ordentlicher Mensch, ich kann nicht annehmen, daß er dieses Ver brechen begangen haben soll, zumal keine Motive vorliegen. Sie werden diefe Ueberzeugung auch gewinnen, ich zweifle nicht daran, und ich erwarte, daß Sie sich des Mannes an nehmen."
Der Justizrath nickte.
"
Wollen schon gehen?" fragte er.„ Augenblid warten, werbe mitgehen, furchtbaren Durst."
Sie wollen in die rothe Traube?" ,, Sie nicht?"
" Ich habe vorher noch einen Gang zu machen, vielleicht tomme ich spater, also auf Wiedersehen."
Willibald Rabe nidte dem alten Herrn zu und verließ rasch bas Haus, es hatte fast den Anschein, als ob er fürchte, daß der Justizrath ihm seine Begleitung aufdrängen
fönne.
Der Abend war schon ziemlich weit vorgerückt, mehr und mehr verftummte das Leben in den Straßen, es zog fich in die Schenken zurück, aus denen dem einsamen Wanberer verworrener Lärm, mitunter durch lautes Gelächter unterbrochen, entgegenschallte.
Der Gutsbefizer verfolgte seinen Weg mit auffallender