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10.

44.

Nr. 289.

Donnerstag, den 10 Dezember 1885.

II. Jahrg

Berliner Volksblatt.

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Bolksblatt00

eint täglich Morgens außer nach Sonn- und Fefttagen.

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Expedition: Bimmerstraße 44.

Rampf wider den Branntwein in der Weise wieder auf bestillirten( nicht wider die gegohrenen Getränke) in's Leben rufen.

Eine recht bemerkenswerthe Erscheinung zunehmen, daß wir Enthalifamkeitsvereine wiber bie tes, daß von gewiffer Seite aus alle Bestrebungen auf ben Gebieten der Wohlthätigkeit, der Heilung sozialer Schäben, der Hebung des Handwerker- und Arbeiter­Randes u. f. m. mit dem Christenthum verquickt werden. Nur auf dem Boden des Christenthums kann das Ber! gelingen" und tausend pastorale 3ungen sehen fich in Bewegung, um die Richtigkeit dieses Ausrufes zu

beweisen."

-

Christlich soziale Vereine, Missionsvereine tauchen über­all auf, halten Versammlungen ab, besprechen Thesen, fassen Beschlüsse, die immer in dem Gebanken gipfeln, nur im Christenthum liegt das Heil der Welt. Wir lassen es uns noch gefallen, wenn berartige Beschüsse gefaßt werden in Bezug auf die himmlische Glückseligkeit", aber wenngleich wir an dieselbe nicht glauben wenn man das Christenthum oder auch irgend eine anbere Religion mit den sozialen, irbischen Fragen verknüpft, so hegen wir dagegen die allerernstesten Bedenken.

.

Wir haben diefelben in einem Punkte der spezifisch Ver hriftlichen Wohlthätigkeit schon in einem Artikel: hämte Arme", ausgesprochen und können nur betonen, daß biese Bedenken auch auf allen Gebieten ber speziellen christ­lichen Hilfeleistungen zu suchen find. Erwähnung thua, Evangelische Verein für innere Miffion in der Grafschaft" Mark" vor einigen Tagen in Hagen ( West falen) abgehalten hat.

welche der

Ein Pastor Hirsch aus Lintorf hielt dort einen Vortrag, nachdem vorher großer Festgottesdienst stattgefunden hatte, berben Rampf gegen die Eruntfucht, seine bisherigen Er folge und seine ferneren Aufgaben". Es hätte füglicher ftatt Erfolge Mißerfolge" heißen können. Der Rebner brachte nichts Neues vor und schlug zum Schlusse sieben Thefen vor.

Faffen wir dieselben kurz zusammen. Besonders vom hristlichen Standpunkte sei der Rampf gegen den Branntwein, den größten Verderber des Bolkswohls, nothwendig. Der Kampf sei schwierig, weil er fich gegen Produzenten, Distribuenten und Konsumenten ugleich wende. Strengere Gesetzgebung, möglichste Rein­beit des Alkohols, höhere Besteuerung, Beschränkung der Birthschaften und der Verkaufsstellen, die Trunkenheit soll bestraft werden, Entmündigung der Gewohnheitstrinker,

Trinferasyle, Herbergen zur Heimath, Raffeehäuser u. s. w.

Die Hauptshefe", Nr. 7, wollen wir wörtlich hier wiebergeben: Endlich gebe ich anheim, ob nicht die mancherlei bes Rehenden chriftlichen Vereine eine gute Handhabe bieten, ben

501

good serdaten.]

Feuilleton.

Die Hand der Nemesis.

Roman

Don

Ewald Auguft König.

( Fortsetzung.)

Sie fagen, Herr Rabe habe Ihnen tausend Thaler geschenkt, er habe damit Ihr Schweigen erkauft, und Sie würden das Geheimniß nicht enthüllen"

Weil ich es nicht darf!"

Weil Sie es nicht dürfen? Dem Richter müssen Ste

Antwort geben! Bezieht das Geheimniß sich auf ein Ber

Unsere Leser wissen nun, daß alle diese Vorschläge schon längst gemacht worden sind und daß sie nur auf die ärmere Klaffe der Bevölkerung Bezug haben, obwohl die These, welche die Bestrafung ber Trunkenheit verlangt, all­gemein gehalten ist. Der Vortragende wußte natürlich, daß in der Praxis lediglich Angehörige der niederen Stände eventuelle Strafen erleiden würden, da die betrunkenen An­gehörigen der höheren Stände fich leicht einer Denunziation und Anklage entziehen können. Dazu giebt es ja Privatge­lage, Kasinos, Bebiente und Karossen.

Dann aber ist die letzte These besonders bezeichnend. Der meiste Branntwein wird deftillirt, während die Weine, Der meiste Branntwein wird deftillirt, während die Weine, auch wenn sie, was bei den füblichen in den Handel ge brachten Weinen immer der Fall ist, stark mit Spiritus versetzt werden, doch zu den gegohrenen Getränken gerechnet

werden.

Also auch hier soll die, christliche Liebe" nur auf die Armen und Arbeiter, nicht auf die Wohlhabenden und Reichen Anwendung finden. Doch genug davon.

Ge

Nach der Versammlung des Missionsvereins fand ein gemeinsames Mahl statt, bei dem es an gegohrenen Be tränken" nicht fehlte. Es wäre auch schade drum gewesen; wir gönnen die Getränke den Vereinsmitgliedern von gan zem Herzen, auch wenn einer oder der andere vielleicht etwas schwankend nach Hause gegangen sein mag.

-

Wir wiederholen hier einen schon früher oft ausges sprochenen Gedanken:

Der Truntfucht und vor allem der Branntweinpeß, fo weit sie in der That unter den arbeitenden Klassen vorhan jen vorhan­ben sind, kann nur durch Umänderung unserer jebigen wirthschaftlichen und sozialen Verhältnisse ein wirksamer Damm entgegengefeßt werden, alle anderen, besonders auf veralteten Weltanschauungen aufgepflanzten Bestrebungen haben auf die Dauer feine Wirkung.

Uebrigens war die Trunkenheit unter den Völkern in denjenigen Zeiten, wo das Christenthum bedeutend mehr Macht unter dem Volke hatte, viel ausgebreiteter und schlim­mer, als jetzt, wo das Christenthum den Einfluß im Velte verloren hat. Man bente nur an das Mittelalter, an die verloren hat. Man denke nur an das Mittelalter, an die Gelage, oder beffer an das Fressen und Saufen der Nitter und Mönche, an denen leider auch das Volk Theil nahm.

Weshalb ist damals das Christenthum nicht einges schritten? Jetzt hat es die Macht verloren.

Die Humanität, die fortschreitende Bil. bung und vor allem die soziale Befferstellung des Volkes, welche wiederum Humanität und Bildung

dadurch sich die Freiheit verschaffen, während Sie im anderen Falle vielleicht lebenslänglich im Buchthause figen müffen."

Der Gefangene fuhr bei den letzten Worten erschreckt zusammen, sie hatten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Das wäre ein ungerechtes Urtheil!" erwiderte Wie kann man einen Schulblosen in's 3uchthaus schicken?"

er.

"

Beweisen Sie, daß Sie schuldlos find!"

" Man beweise mir, daß ich schuldig bin! Alle Be­weise, mit denen Sie mir brohen, Herr Affeffor, sind Schein beweise, auf die man eine so furchtbare Anklage nicht grün­ben darf."

Siegfried zuckte die Achseln, es ärgerte ihn, daß seine

brechen, so find Sie verpflichtet, dem Gericht Anzeige Hoffnung nicht erfüllt werden sollte. bavon zu machen, wenn Sie nicht der Mitschuld sich theil­büfen Sie sich fest darauf verlassen, daß der Richter beklagen, daß man Ihnen feinen Glauben schenkt," er haftig machen wollen; liegt aber kein Verbrechen vor, so von Ihren Mittheilungen keinen weiteren Gebrauch machen

wird."

Jenes Geheimniß ist nicht mein alleiniges Eigenthum, andere Personen sind in dasselbe verwickelt, Personen, die ich schonen muß." Wenn ich Ihnen Verschwiegenheit verspreche-" " Auch dann darf ich nicht reden."

wird?"

Nein."

Wenn Sie sich hinter Geheimnisse verschanzen, deren Enthüllung Sie verweigern, so dürfen Sie sich auch nicht

widerte er; berartige Vorwände sind sehr wohlfeil, aber ber Richter läßt sich durch sie nicht beirren. Haben Sie Jemand beauftragt, Ihr Gepäck zu reklamiren?"

Der Amerikaner blickte befremdet auf.

Wie wäre mir das möglich gewesen?" erwiderte er. " Ein Unbekannter hat das Gepäck aus dem Hotel es mir enthüllen holen wollen, haben Sie eine Ahnung davon, wer dieser Unbekannte tein kann?"

Nein."

" Ich vermuthe, daß Herr Nabe es war, die Be schreibung, die der Hotelbefizer mir gab, paßt ganz auf

feine Perfon."

Und ist mein Gepäck ihm ausgeliefert worden?" fragte der Gefangene sichtbar erregt.

Schweigend an, er fand in diesen wetterharten 3ügen nur Siegfried blickte den Amerikaner eine geraume Weile eine tropige Entschlossenheit. " Ste verschlimmern selbst Ihre Sache," sagte er end. Lidh; ich hatte gehofft, in diesem Verhör den Beweis Ihrer Beweise für Ihre Schuld geliefert. Ich frage Sie noch Beschlag belegt. Haben Sie Ihren heutigen Aussagen noch Schuldlosigkeit zu entdecken, statt dessen haben Sie mir neue

Nein, es ist in meinem Befih, das Gericht hat es mit etwas hinzuzufügen?"

gen machen? Wollen Sie mir offen gestehen, weshalb Rabe Ihnen die bedeutende Summe gezahlt hat? Sie 3ögern. Lönnen es, wenn Sie wirklich schuldlos find, Sie können

,, Nein," erwiderte der Amerikaner nach kurzem Der Aftuar erhob sich, um den Beamten zu rufen, der

erzeugt, fie allein können die Trunksucht immer mehr vers mindern und der Branntweinpest Halt gebieten.

Politische Uebersicht.

Der Nußen der Kanalanlagen in den Moor- und Haidegegenden des deutschen Nordwestens, den wir mehr mals schon nachgewiesen haben, wird auch von der ,, Nat. Btg." jest scharf betont. Es eristiren nämlich an beiden Seiten der Ems große, aber fanallose Moorkolonien, in denen häufig Nothstand ausbricht, weil eben die Bewässerung fehlt. Nun mehr hat man wieder den Staat um Hilfe angegangen, da die Feldfrüchte zum Theil erftoren find. Minister Lucius hat auch 15 000 Maik hingesandt. Wäre nun der Süd- Nord­Kanal, der längft projeftirt ist, einmal fertig und die Verbin bung zwischen Marsch und Moor hergestellt, dann könnte leicht gegenden zugeführt und auch eine rationelle Bewäfferung herbei der Düngerüberflug der Marsch sowie der Seeschlick den Moor geführt werden. Das eine aber steht fest, daß derartige Moor gegenden durch rationelle Bewirthschaftung, mit Hilfe der Kanalbewäfferung u. f. w., zu ungemein fruchtbaren Gegenden umgeschaffen werden können. Und das wäre eine beffere und verständigere Kolonisation, wie die in Südafrika geplante. Doch bei solcher Kolonisation im Innern macht man die Rech nung ohne die Agrarier, ohne die Vertreter des Groß­grundbefizes, die gegenwärtig die Klinke der Gesetzgebung in Händen haben. Durch die afrikanische Kolonisation segen fie ihren Spiritus ab und hoffen, ihn auf dem Breise zu erhalten; durch eine Fruchtbarmachung des Deblandes in Deutschland aber glauben sie die Getreidepreise und besonders die Wirkung der Getreidezölle bedroht fie fürchten die Konkurrenz im eigenen Lande mehr, als die Konkurrenz des Auslandes, weil gegen die erstere feine Schutzölle errichtet werden tönnen. So stegt auch hier wieder die Intereffenpolitik über das Ge meinwohl.

-

Die Freifinnige Zeitung" kann das gehäffige Vor­gehen nicht laffen. In der geftrigen Nummer befindet sich folgende Notiz: In Weißenfels hat Dr. Mar Hirsch, der Anwalt der deutschen Gewerkvereine, vor einer vom Orts verbande einberufenen Versammlung von 1000 Personen einen Vortrag über Sozialreform und Butunftsstaat gehalten. Die Sozialdemokraten versuchten nach dem Vortrag vergeblich Störungen. Die angeblichen Störungen der Sozialdemokraten find lediglich darauf zurückzuführen, daß einzelne Sozialdemo fraten fich zum Worte meldeten und als ihnen das Wort be­schränkt werden sollte, auch ohne Erlaubniß des Herrn Hirsch einige Worte an die Versammlung richteten. Der soziale Wunderdoktor glaubt eben, in irgend einem von der Kultur noch weniger beledten Winkel in Deutschland seine Weisheit unbehindert ausframen zu können, nachdem ihm das in den größten Aerger findet er bereits überall Gegner, welche die größeren Städten nirgends mehr gelingt. Aber zu seinem Hohlbeit seiner Theorien nachzuweisen im Stande find. Jeder, der fich zum Worte meldet, scheint bei dem Herrn Hirsch und Nette Gesell

Genoffen schon als Ruhestörer zu gelten. schaft das!

"

im Vorzimmer wartete und nun den Angeklagten in's Ge­fängniß zurückbringen sollte. Denken Sie über das, was ich Ihnen gesagt habe, ernst und ruhig nach," nahm Siegfried noch einmal in war nendem Tone das Wort, ein offenes Geständniß kann allein Sie retten."

Der Amerikaner schüttelte schweigend das Haupt und folgte bem Beamten, und bald darauf verließ auch Sieg­frieb das Gerichtsgebäude.

Hatte dieses Verhör auch kein Resultat für oder gegen bie Anklage ergeben, so glaubte Siegfried jetzt doch, aus den Aussagen des Angeklagten mit voller Sicherheit den Schluß ziehen zu dürfen, daß Willibald Rabe an jenem Verbrechen betheiligt gewesen war.

Die Ermordung des Doktors, die 3ahlung der bedeu tenden Summe an den armen Taglöhner, die Beraubung und die Vergiftung des alten Gärtners, das Alles hing eng mit einander zusammen, es war eben das fortzeugende Ges bähren einer bösen That.

Der Amerikaner batte behauptet, das Geheimniß beziehe sich nicht auf jenes Verbrechen. Wenn diese Behauptung der Wahrheit entsprach, dann mußte ein zweites Verbrechen vorliegen, von bem, außer den betheiligten Personen, bisher Niemand eine Ahnung gehabt hatte.

Nun war es für Siegfried freilich eine sehr unange nehme Sache, gegen den Bruder der Generalin in diefer Weise vorzugehen, aber seine Amtspflicht gestattete ihm nicht,

nach irgend einer Seite hin Rüdichten zu nehmen, fie ge bot ihm, Alles aufzubieten, um die Schuldlofigkeit des An­geklagten festzustellen, wenn derfelbe das Verbrechen wirklich nicht begangen hatte.

Und er fonnte an die Schuld dieses Mannes nicht glauben, er mußte selbst fich sagen, daß die bis jetzt vorliegenden Beweise eben nur eben nur Schein beweise waren, Scheinbeweise bie allerdings Material genug zur Abfassung eines Anklages

aftes boten, aber von einen gefchickten Vertheidiger über den

Das Räthsel wurde immer bunkler und verworrener, bem Assessor drängte fich mehr und mehr die Ueberzeugung auf, daß die Lösung allein in den Händen Rabe's lag.