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Nr. 4.

Mittwoch, den 6. Januar 1886.

III. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Volksblatt"

erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Mart. Einzelne Nummer 5 Bfg. Sonntags- Nummer mit illustrirter Beilage 10 Pfg. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1886 unter Nr. 769.)

Redaktion: Beuthstraße 2.

Entfuselung des Branntweins .

Es ist den heutigen Beitverhältnissen durchaus anges messen und geboten, daß wir die verständigen Vorschläge, welche fich gegen das Umfichgreifen der Branntweinpeft wenden, auch dann gern unterstüßen, selbst wenn wir über zeugt sind, daß an eine radikale Besserung nicht zu benten sei.

Aber mit demselben Eifer haben wir uns auch gegen Brügelstrafe, Befferungshäuser, fromme Verse und Gebete gewandt, weil wir von solchen rohen oder orthodoxen Vorschlägen nur eine Verschlimmerung des Uebels er­

warten.

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Insertionsgebühr

beträgt für die 4 gespaltete Betitzeile oder deren Raum 40 Pfg. Arbeitsmarkt 10 Pfennige. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen­Bureaur, ohne Erhöhung des Preises, angenommen.

Expedition: Zimmerstraße 44.

dieser Unterschied dadurch veranlaßt, daß neben dem Nethyl­alfohol den einzelnen dieser Getränke auch noch andere Alto. hole und deren Abkömmlinge beigemengt find. Namentlich find es die unter dem Namen der Fuselstoffe zufam mengefaßten Beimengungen, die vorzugsweise die nachhaltigen Säuferkrankheiten veranlassen. Während im unverfälschten Wein, im reinen Bier nur Methylalkohol vor. tommt, ist die Menge der fufelhaltigen Verunreinigungen beim Getreidebranntwein ansehnlich groß und am größten in dem aus Rüben und Kartoffeln gewonnenen Branntwein. Es hat sich jedoch ge zeigt, daß, wenn der aus Rüben und Kartoffeln hergefteйte Alkohol bis zu dem Grade gereinigt ist, daß er nur Methyl­alkohol enthält, seine Schädlichkeit eine minimale Grenze erreicht, welche der des Weinbranntweins gleichkommt. Hier aus erklärt sich, warum die Folgen der Trunksucht so mans nigfaltig und verderblich sind, wo sehr viele kleine sogen. Hausbrennereien die Spiritusproduktion betreiben und der Branntwein von den giftigen Nebenprodukten am wenigften gereinigt, konsumirt wird. Die bedenkliche Zunahme der Trunksucht in einzelneu Kantonen der Schweiz wird mit Recht zum großen Theil der übergroßen Anzahl der Brenne Recht zum großen Theil der übergroßen Anzahl der Brennes reien zugeschrieben, welche mit ihrem schlechten Fabrikate die Bevölkerung vergiften. Ist aber erwiesen, daß diese Beimen­gungen die Schäden des Alkoholmißbrauches in hohem Grade vermehren, so barf auch der Verkauf von Dieser hat einen Aufsatz geschrieben: Die Ver- Trinkbranntwein, welcher diese fuselar unreinigungen des Trinkbranntweins instigen Verunreinigungen enthält, nicht ges besondere in hygienischer Beziehung". Ausstattet sein. In Deutschland ist bekanntlich in jüngster demselben wollen wir hier unseren Lesern den bezeichnend­sten Abschnitt vorführen:

Unser Radikalmittel ist ja bekannt: wirthschaftliche Hebung des Arbeiterstandes! Ein träftiges, billiges Glas Bier und ein Pfund gutes Ochsenfleisch vertreiben den Schnapsteufel viel leichter, vor allem gründlicher, als der Haselstock und das frömmelnde Augenverdrehen.

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Doch nun zu dem verständigen Palliativmittel. Das felbe lautet: Entfufelung des Branntweins . Wir treten ganz entschieden für dieselben ein und wundern uns nur, daß die deuische Reichsregierung nach dieser Seite hin noch keine besonderen Schritte gethan hat. Doch unter richten wir uns über die Sache selbst etwas näher und geben wir das Wort dem Gefängnißarzt, Sanitätsrath Dr. Bär.

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3eit, wie bei den anderen Nahrungs- und Genußmitteln seitens der Gesetzgebung der Reinheit des Bieres und des In allen alkoholischen Getränken, im Wein, im Bier, Weines eine immer größere Ueberwachung zugewendet wor wie im Branntwein ist das stimulirende Prinzip ein und den. Bei der Bereitung des Bieres wird der Zusatz von dasselbe und doch zeigt sich in den Folgen des Miß- Kartoffelstärkemehl als Surrogat für das Getreidemalz ge brauchs dieser Getränke der größte Unterschied. Es ist un feßlich deshalb beanstandet, weil die Erfahrung bei der bestritten, daß die Erscheinungen des Alkoholismus, ins- Branntweinfabrikation zeigt, daß der Kartoffelzucker bei besondere die schweren Säuferkrankheiten nur in den sog. seiner Gährung Fusel öle bildet. Von diesen wirkt Schnapsländern, d. h. dort, wo der Branntwein in ber Amylalkohol entschieden sehr nachtheilig auf den mensch großer Menge tonfumirt wird, vorkommen und daß sie weitlichen Organismus. Er ist es hauptsächlich, der die länger feltener und namentlich bedeutend leichter find in Form und Verlauf in Gegenden, wo Wein oder Bier das Volksge tränk bilden. Bu einem Theil hat das seinen Grund in der verschiedenen Konzentration des in den berauschenden Getränken vorhandenen Methylalkohols. Dieser ist im Wein und Bier in einer verhältnißmäßig schwachen, im Branntwein hingegen in einer unvergleichlich stärkeren Lösung vorhanden. Je konzentrirter aber der Alkohol in den Kreislauf des Blutes gelangt, defto gesundheitswidriger und zerstörender wirkt er auf die einzelnen Gewebe und Organe, zu denen er gelangt. Im Wesentlichen wird jedoch

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Feuilleton.

Die Hand der Nemesis.

Romaa

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Ewald August König.

( Fortfehung.)

" Ich gehe freiwillig mit!" rief der Rammerdiener. Man soll mich nicht schließen, wie einen gemeinen Vers brecher, ich werde so dumm nicht sein, einen Fluchtversuch zu machen, dadurch würde ich mich schuldig bekennen."

Troß dieser Versicherung und trotz seines Sträubens wurden ihm die Hände gefesselt; mit einem Raubmörder macht die Polizei furzen Prozeß.

Herr von Barnekow trant sein Glas aus und zog feine Uhr zu Rath. Es war noch nicht Behn; wenn er den be absichtigten 3wed erreichen wollte, mußte er seinen Vorsak noch heute Abend ausführen.

Die Gelegenheit, an Rabe Rache zu nehmen, war ihm jest geboten, er fonnte ihn vernichten, und er wäre ein Thor gewesen, hätte er diese Gelegenheit unbenutzt ge­Laffen.

War der Untersuchungsrichter bereits zu Bett gegangen, so mußte er geweckt werden, man durfte nicht warten bis morgen, der Kammerdiener mußte im ersten Berhör über rumpelt werden.

Siegfried wachte noch, er fubirte in seiner Wohnung die Akten einer verwidelten Untersuchungsfache, als Herr von Barnekow ihm durch die Hausmago angemeldet

wollte

wurde. Befrembet blidte er den Eintretenden an Barnekow bie Herausforderung Rabe's wiederholen? Nun, er tam ihm gerade recht, diesem Manne gegen aber konnte er seine Vermuthungen über den versuchten Meuchelmord offen aussprechen, das war ein neuer und schwerwiegender Grund, die geforderte Genugihuung zu ver­weigern.

andauernden Gefühle von Schwere und Eingenommenheit des Kopfes, das Betäubtsein beim Genuß mancher gegohre ner Getränke vecanlaßt. Und auf dieser Anschauung hat das Reichsgericht wiederholt die Verwendung des aus Kar­toffelmehl hergestellten Buders zur Bierbereitung als ftraf bar befunden. In gleicher Weise wird der Zusah von Stärkezucker beim Gallifiren und Petiotifiren des Weines als unzulässig erachtet. Wenn in diesen Getränken alle jene gesundheitsschädlichen Surrogate und Beimengungen ferne gehalten weiden, weshalb soll nicht ein Gleiches beim Branntwein stattfinden? Früher hat

Er bot ihm keinen Stuhl an, Herr von Barnekow schien das auch nicht erwartet zu haben.

Ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich noch so spät komme," fagte er, und dies um so mehr, als unsere erfte Begegnung jedenfalls einen Eindrud bei Ihnen hinterlassen hat, der mir nichts weniger als günstig sein fann."

Es ist mir lieb, daß Sie das selbst fühlen," erwiderte Siegfried spöttisch, nach dieser Erklärung aber muß Ihr Besuch mich um so mehr überraschen. Einem Manne, der

aus

bem Hinterhalt seinen Gegner niederzuschießen versucht, der also mit dem gemeinen Meuchelmörder auf der felben Stufe steht, in ehrlichem 3weikampf entgegenzutreten, wäre gleichbebeutend mit Selbstentehrung. Unterbrechen Sie mich nicht- vielleicht haben Sie feine Kenntniß von der neuesten Heldenthat Ihres Freundes; betrachten Sie dort meinen Hut, er wird Ihnen den Beweis liefern, daß die Rugel des Meuchelmörders mir zugedacht

war.

Herr von Barnekow fonnte feine Ueberraschung nicht verbergen, diese neue Anklage hatte er nicht erwartet, fie tam ihm außerordentlich gelegen.

Davon hatte ich allerdings keine Renntniß," sagte er, während er den Hut besichtigte. Wann ist dieser Versuch

gemacht worden?"

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Heute Abend, als ich mich auf dem Heimwege be fand." Herr Rabe scheint bie Stelle, auf der seiner Zeit der Doktor Wieland ermordet wurde, sehr genau zu

fennen."

Auf derselben Stelle ist der Schuß gefallen?" Jawohl."

feuert bat 8"

" Und Sie wissen mit Sicherheit, daß Nabe ihn abge­Mit Sicherheit?" erwiderte Siegfried achselzuckend. Ich glaube in diesem Fall auf einen pofitiven Beweis vers zichten zu dürfen. So lange Nabe mir nicht den Beweis liefern kann, daß er in jenem Augenblick fich an einem an­bern Orte befand, werde ich ihn dieses Mordversuchs an­flagen."

Und wissen Sie, was ich glaube? Daß der Schuß

man Anforderungen dieser Art nicht zu stellen vermocht, weil das Verfahren, die erforderliche Reinheit des Trink branntweins herzustellen, ein sehr mangelhaftes gewesen. Heutzutage hat aber die Technit diese Schwierigkeit über­wunden. Eine Schwierigkeit ist, daß zu einer erfolgreichen Beaufsichtigung ein Verfahren vorhanden sein muß, das in der Praxis schnell und leicht den quantitativen und qua litativen Nachweis der vorhandenen Unreinigkeiten zu liefern im Stande ist und das gleichzeitig jedem Beamten in die Hand gegeben werden kann. Das von Stenberg in Stock­ holm und von Savalle in Paris angegebene Verfahren tann ungemein leicht gehandhabt werden und löst die für die Praxis wichtigste und nothwendigste Aufgabe vollkommen. In Schweden , wo nach dem Schankgesetz von 1869 Brannts wein, welcher mit für die Gesundheit schäblichen Stoffen gefälscht oder nicht gereinigt ist, nicht verkauft oder ausge schäntt werden darf, ist dieses Verfahren bei der Unter­suchung von Seiten der Behörden seit Jahren in Anwen bung und hat sich mit gutem Erfolg bewährt. Die gün stige Wirkung berartiger Maßnahmen läßt fich an Schweden exemplifiziren, woselbst die durch Trunksucht bebingten Fälle von Irrfinn, Selbstmord, Delirium tremens, kurz die schwersten Folgezustände des chronischen Alkoholiss mus, seitdem nur gereinigter Branntwein in den Konsum gebracht wird, eine entschiedene Abnahme erfahren haben. Im Deutschen Reich wird an­nähernd in wenigstens 300 000 Stellen Branntwein im Kleinhandel zum Ausschank und zum Ronfum feilgeboten und verabreicht, ohne daß man weiß, was in dem Branntwein ist, wie er bereitet wird. Es ist an der Beit, daß die staatliche Fürsorge ein ernstes Augenmerk auf diesen Theil der öffentlichen Gesundheits­pflege lente!"

Soweit Herr Dr. Bär. Wir können diesen Aus. führungen unfere 3ustimmung nicht versagen. Eigentlich sollte unser Nahrungsmittelgesetz schon die Handhabe bieten, die völlige Entfuselung des Branntweins herbeizu führen.

Der Magiftrat zu Jever hat noch fürzlich unter Hin weis auf das Nahrungsmittelverfälschungsgesetz eine Vers ordnung erlassen, daß die Verkäufer von fufelhaltigem Kartoffelbranntwein zur Bestrafung gelangen sollen. Man tann also jetzt schon auf Grund des Gesetzes gegen den Fufel zu Felde ziehen. Doch taugt dieser Einzelkrieg wenig. Eine allgemeine Verordnung muß bestimmen, daß man überall gegen den Fusel vorgehen soll. Noch beffer aber wäre eine Revision des Nahrungsmittelverfälschungs­gesetzes.-

Nur mit einem Punkte find wir nicht vollständig mit den Ausführungen des Dr. Bär einverstanden. Er wendet

weniger dem Beleidiger, als dem Untersuchungsrichter ge­golten hat?"

Das kann sein, aber es überrascht mich, daß Sie mich darauf aufmerksam machen."

Herr von Barnekow rüdte einen Stuhl an den Schreibs tisch und ließ sich nieder, ein bedeutsames Lächeln umspielte feine Lippen.

"

Sie glauben, Rabe sei mein Freund," sagte er in vertraulichem Tone. Sie schließen das daraus, daß ich Ihnen die Herausforderung dieses Herrn überbracht habe. Nun, ich war bei der Beleidigung zugegen, und Rabe for berte diesen Dienst von mir, den ich nur widerfirebend ihm erzeigte. Wenn er aufrichtig sein wollte, so würde er die Erklärung geben müssen, daß ich von dieser Herausforde rung ernstlich abgerathen habe. Er bestand darauf, und ich fand keinen plausiblen Grund, die Erfüllung seiner Bitte zu verweigern.

"

"

Erlauben Sie, bafür, daß er Ihr Freund ist ober doch war, habe ich andere, bessere Beweise. Sie ließen fich durch ihn meiner Roufine vorstellen-"

H

Es war sein eigener Wunsch!"

"

Was hätte er damit bezwecken wollen?"

Ich will es Ihnen offenherzig sagen. Er wollte Sie verdrängen, Ihnen Schwierigkeiten bereiten-"

" Ich verstehe schon," erwiderte Siegfried mit verach tender Geringfchäßung. Aber sollte nicht noch ein anderer Grund vorgelegen haben?"

Herr von Barnekow sah ihn betroffen an. " Ich errathe ihn nicht," sagte er.

Rabe schuldete Ihnen eine namhafte Summe, es war eine Spielschuld, die getilgt werden mußte, und bie er nicht tilgen fonnte. Die Hand seiner Nichte sollte diese Schuld ausgleichen"

" Hat er Ihnen das gesagt?" " Nein, aber ich vermuthe es."

Und ich leugne nicht, daß Sie Recht haben können. Indes, diese Projekte find insgesammt zu Wasser geworden, und ich habe mit ihm gebrochen, weil meine Ehre und mein Name mir verbieten, einen Verbrecher meinen Freund zu nennen."