Nr. 153
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Sonntag, den 4. Juli 1886.
III.
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Das„ Berliner Volksblatt"
erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frel in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Bf. Poftabonnement 4.Mart. Einzelne Nummer 5 Bf. Sonntags- Nummer mit der illuftrirten Beilage 10 Bf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreislifte für 1886 unter Nr. 769.)
Redaktion: Beuthstraße 2.
Ein national- liberales Naturrecht".
Auf dem von uns schon erwähnten national- liberalen Parteitag für Sachsen wurde der Abg. Meyer( Jena ) noch weit übertroffen durch den Generalsekretär bes 3entral tomitees der national- liberalen Partei, Herrn Jerusalem aus Berlin .
Der Herr gestand übrigens zu, daß im ganzen Auslande ein Haß gegen das Deutsche Reich und gegen die Deutschen überhaupt vorhanden sei, wie früher nicht. Dies Tomme durch die Macht des Deutschen Reiches , aber auch burch die schlechten wirthschaftlichen Verhältnisse, an denen gegenwärtig alle Nationen frankten.
Dies aber auch" ist in der That bezeichnend. In allen Ländern sucht man nach der Ursache der wirthschaftlichen Ralamität, und da man sie in den allgemeinen sozialen 3u ständen nicht finden will, so vermuthet man fie außer Landes. So find die Russen äußerst erbost auf das Deutsche Reich und dessen 3ollpolitik und suchen ihre wirth. fchaftliche Lage durch Rampfzölle zu verbessern. Die Sym pathien der Amerikaner für Deutschland sind sehr am Schwinden feit der Beit des Schweineeinfuhrverbos und bes hohen Petroleumszolles. Auch die deutschen Getreide zölle haben jenseits bes Ozeans verschnupft. Und wenn man auch nicht burch Rampfzölle antwortet, so lodert man doch die Handelsverbindungen, macht Waarenbestellungen in anderen Ländern und sucht die deutsche Produktion nachzu ahmen, wodurch der deutsche Export nach Amerika bedeutend Letbet.
Man sieht, daß weniger die nationale Macht Deutsch Lands die anderen Völker zum Haß treibt, sondern weit mehr bie Bollpolitik Deutschlands , welche die Rampfzölle und und Gegenmaßregeln der anderen Länder hervorgerufen hat. Da es nun aber vorzugsweise die Raufleute sind, welche am meisten unter den Nationen mit einander in Verbindung treten und diese wieber durch die Rampfzölle am meisten leiben, so ist die Ursache des" Hasses" gegen Deutschland leicht gefunden, ohne die ewige nationalliberale Phrase von der Macht des Deutschen Reiches .
Herr Jerusalem will nach berühmten Mustern" ( Dr. Miquel u. a. m.) ben harten Gegensatz zwischen Ueberfluß und Entbehrung mildern. Das sei eine Hauptaufgabe des Staates. Aber dieser Gegensatz sei niemals ganz zu beseitigen, wie es die Sozialdemokratie wolle, weil das Recht des Stärkeren burch die Natur begründet sei.
So! Wenn das wahr ist, was faselt man dann noch von der Aufgabe des Staates? Dann hat ja die Lehre des Manchesterthums recht! Dann haben auch zum Beispeil die Rufsen völlig recht, wenn sie dermaleinst Deutschland
Redbrud vrboten.]
Feuilleton.
Eine Mutter.
Roman von Friedrich Gerstäder. ( Fortsehung.)
Aber nun sagen Sie mir um Gottes willen, Jeremias," rief Rottad, als sie wieder zusammen auf der Straße
was hat Sie denn zu einem solchen Gewaltstreich bringen können? Wir sind doch hier nicht mehr in Brafilten."
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Mein lieber Herr Graf," sagte der Kleine Mann und schämte sich jetzt ein wenig ber Rolle, die er gespielt, Sie haben recht ich hätt's nicht thun sollen, aber die Galle lief mir über. Der Mensch war ein Rezensent, und ba hab' ich noch einmal den Hausknecht herausgelehrt; aber ich verspreche es Ihnen, es foll zum letzten Mal ge schehen sein, denn ich darf Ihnen doch keine Schande machen!"
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Und was, beim Himmel, haben Sie mit den Rezen Senten zu thun?" lachte Graf Roitad.
Das ist weitläufig, das erzähle ich Ihnen ein andermal. Und wie geht es der Frau Gräfin ?"
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Insertionsgebühr
beträgt für die 4 gespaltete Beittzeile oder deren Haum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Bfennige Bet größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 br Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Bimmerftraße 44, sowie von allen Annoncen Bureaux , ohne Erhöhung des Preises, angenommen.
Expedition: Zimmerstraße 44.
unterjochen und zu einer russischen Provinz machen, das heißt, wenn sie bie Stärkeren" find.
Das Naturrecht" bes Stärkeren ist demnach un antastbar, man nennt es ja ein heiliges Recht. Wenn somit irgend ein kräftiger Arbeiter den Herrn Jerufalem wegen seiner obigen Neußerung, die auch bem stärkeren Kapital das Recht der Ausbeutung über die schwächere Arbeitskraft zuschreibt, gehörig durchbläuen würde, so müßte der geehrte Herr ohne Murren nach seinem eigenen Ausspruch dieses Naturrecht" des Stärkeren er eigenen Ausspruch dieses Naturrecht" des Stärkeren er tragen.
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Herr Jerusalem wird einsehen, daß unter Bestien und wilben Böllerschaften die Natur dem Stärkeren das Recht giebt, den Schwächern aufzufressen, daß sich die menschliche Gesellschaft aber verwahrt, ein solches Recht" auch für sich unbedingt gelten zu lassen.
Leiber geschieht dies noch lange nicht in genügendem Maße. Noch giebt es keine Geseze, feine Schiedsgerichte, welche verhindern, daß ein mächtiges Reich ein anderes we niger mächtiges mit Krieg überzieht, obwohl bem Natur recht des Stärkeren" auch hier schon durch Neutralitätser flärung verschiedener schwächeren Staaten ein Damm entgegengesetzt wird.
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Noch giebt es teine soziale Ordnung, welche den gegen fettigen Rämpfen in wirthschaftlicher Beziehung ein Ende macht, wo der Schwächere dem Stärkeren unterliegt, und die so unendlich viel Elend über die Menschheit bringen.
Aber da nun dieser Zustand herrscht, deshalb soll er bleiben, weil er auf einem Naturrecht" begründet sei! Menschenfagungen find es und fein Naturrecht! Und Men schenfazungen fönnen geändert werden.
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Wo ist das Naturrecht" des Stärkeren geblieben, feine Mitmenschen als Sklaven behandeln zu dürfen? Dies Naturrecht" ist von der menschlichen Gesellschaft längst verurtheilt worden und der Stärkere hat zu vers zichten auf fein vermeintliches, angemaßtes Recht", wenn bie Gemeinsamkeit dieses Recht als ein ihr verderbliches an erfennt und es abschafft.
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So steht es in der Gesellschaft mit dem Rechte des Stärkeren überhaupt; wird irgend ein derartiges Recht ihr gefährlich, so schafft sie es ab der Stärkere fann auf sein Naturrecht pochen so laut wie er will. Und so wird dies die Gesellschaft auch vollbringen in Bezug auf eine gerechtere Vertheilung der Güter", wie fich Dr. Miquel ausdrückt, der Stärkere, das ist der Unternehmer, mag fich fräuben, so viel er will.
Die jeweilige Gesellschaft erkennt nur Einzelrechte an, wenn diefelben ihr paffen, wenn sie ihren Anschauungen entsprechen. Die Gesellschaft aber ändert sich von Jahr zu
Das soll ein Wort sein, Jermias," sagte Graf Rottad ihm die Hand reichend. Glauben Sie mir, wir haben die alten Freunde noch nicht vergessen und viel zu wenig neue gefunden, um fie entbehren zu können."
Jahr, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Was heute noch als ein Recht erscheint, dessen Ausübung ist morgen schon ein Verbrechen. Man sieht daraus, wie es mit einem Rechte steht, welches durch die Natur be gründet ist".
So fann auch die Gesellschaft einmal in die Lage kom men, die Ausbeutung der Arbeitskraft durch das stärkere Rapital als nicht mehr zeitgemäß anzusehen und ein Verbot bagegen erlaffen, wodurch bas heutige Recht zu einem Verbrechen gestempelt würde.
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Man sieht, wie oberflächlich der Generalsekretär ber gesammten nationalliberalen Partei Deutschlands " seine Aufgabe erfaßt hat, indem er den Ueberfluß" als das stärkere Element hinftellt und die Entbehrung" als das schwächere und zu gleicher Zeit das Recht des Stärkeren als durch die Natur begründet. Mit folchen Phrasen kann man die heutigen gesellschaftlichen Zustände nicht vertheidigen; wäre Dr. Miquel, der von solchen Sachen doch etwas versteht, nicht Hinterfrontmarschall" der Partei, sondern noch ber eigentliche Führer, bann wäre Herr Jerusalem wohl nach solchen albernen Leistungen die längste 3eit Generalsekretär gewesen.
Auf das übrige Geschimpfe des Herrn gegen die Sozialdemokratie und auf die Bemerkung, daß die deutsch freifinnige Partei die Verbündete derselben set, wollen wir nicht eingehen. Auch sein Loblieb auf den National liberalismus kann man nicht ernst nehmen, da es aus solcher Rehle ertlungen ist.
Wenn Herr Jerusalem nicht mit an der Spitze der nationalliberalen Partei ftände, so würden wir uns überhaupt mit bemfelben nicht beschäftigt haben, so aber ist es von Interreffe, die sozialökonomischen Größen dieser aufge blafenen Partet kennen zu lernen.
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Politische Uebersicht.
Die Regierung scheint es fich zur Aufgabe gemacht zu haben, die Hirsch Dunder'schen Bewert vereine nach Kräften zu fördern. Schon der Erlaß organisationen ein mächtiges Förderungsmittel, die Versamm des Sozialistengefeßes war für diese fortschrittlichen Arbeiter lungs. Berordnung wird es noch mehr sein. Die Fachvereine dürfen theils gar nicht mehr, theils nur unter den erschwerendsten Bedingungen tagen; die Gewertvereine werden von den Be börden nicht einmal für politische Vereine erklärt. Herr Hirsch lärmendster Weise rühren und wir sollten uns nicht wundern, lägt jest in allen deutschen Beitungen die Rellametrommel in wenn er wieder eine ganze Menge Arbeiter in seine Neße, b. b. für die manchesterliche Oppofition einfängt. Der Regie rung aber gratuliren wir zu diesem Erfolge ihrer ftaatsfosta listischen" Bolitit.
ein Geist in den Räumen umber, als ob er die Ver lorenen fuche und ihren Verlust noch nicht glauben tönne, noch nicht denken möge. So aufmerksam er aber dabei ben Grafen felber bediente, so scheu hielt er fich von ber bis dahin geliebten Herrin zurück, denn an dem Auf Wiedersehen, Jeremias!" Und Graf Rottack schritt, Abend, an dem sie den Brief feiner lieben Kleinen tief auffeufzend, die Straße hinab. 13
Lieber Herr Graf
Die Rontremine.
Der junge, hoffnungsvolle und in der Blüthe seiner Jahre dahingeraffte Graf George von Monforb war begraben worden und damit die Tragödie, die einige Tage die Stadt beschäftigt, zu Ende gespielt. Sein Gegner, der junge Graf Bolten, schien feit der Beit verschwunden; er hatte jebenfalls den Staat verlassen, und die Sekundanten wurden verhört und sahen ihrer formellen Strafe ent gegen, die ihnen aber jedenfalls leicht genug gemacht wurde.
Der junge Graf war, von einem prächtigen Leichens gepränge begleitet, in die Familiengruft beigefekt worden, und wie die unglüdlichen Eltern in bas Schloß zurüd lehrten, schien das sonst fo gaftfreie und allen geselligen Freuden geöffnete Haus in ein düsteres Kloster verwandelt zu sein.
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Draußen das blizende Thürschloß des Gartenthors " Sie ist unwohl, seufzte Felix;„ manches Leid ver bedte, der englischen Sitte nach, ein Trauerflor der wandter Freunde hat fie tief betroffen und angegriffen. größte Theil der Dienerschaft war entlassen worden; der Aber von Ihnen felber weiß ich gar nichts weiter, feit wir alte Graf wollte die vielen Menschen nicht mehr um sich uns bet jenem Fräulein wie hieß fie doch gleich" sehen, die Fenster wurden verhängt und nur so weit ge sehen, die Fenster wurden verhängt und nur so weit ge Bassini." öffnet, um das nöthigfte Tageslicht herein zu lassen, und Ja, ganz recht - bei jenem Fräulein gesehen. Haben die Gräfin selber lag gebrochen auf ihrem Bett. Sie Frieben mit Ihrer Familie gefchloffen Sie hätten uns wohl einmal, als alten Freunden, Nachricht geben fönnen."
" Ich gestehe, daß ich wie ein schlechter Rer! gehandelt babe," rief Jeremias; aber erstens wußte ich nicht, ob ich Ihnen recht fam, und dann hab' ich die Beit über so viel zu thun gehabt. Aber Gott sei Dant, es geht alles recht gut, und wenn Sie es mir erlauben, so tomme ich einmal in diesen Tagen und statte ausführlichen Bericht ab."
Der Verlust Paula's hatte sie erschüttert, aber weit mehr ihren 3orn als ihren Schmerz erweckt; der Berlust bes Sohnes, an dem ihr Herz mit aller Liebe hing, deren es nur fähig war, brach bie Kraft, die sie bis dahin auf recht gehalten, und sie gab sich jetzt so wild und rücksichtsrecht gehalten, und sie gab sich jetzt so wild und rücksichts voll ihrem Grame hin, als sie ihn vorher hart unb talt in ihrer Bruft zurückgehalten.
Das war ein trauriges Leben jetzt in dem sonst so fröhlichen Hause, und der alte Haushofmeister schlich wie
Romteffe falt und erbarmungslos in die verzehrende Flamme warf, hatte fich fein Herz ihr entfremdet und wieber und wieder zuckte ihm der Gedanke durch den alten Ropf, daß Gottes Strafgericht dafür das jetzt dem Unter gang geweihte Haus betroffen habe.
Der Graf felber freilich brauchte fast keine Bedienung. Er verließ sein Zimmer nur dann und wann, um eine halbe Stunde auf der Terraffe auf und ab zu gehen und frische Luft zu schöpfen, fühlte fich aber so schwach, daß ihn ein Diener babei unterflügen mußte. Er sprach wohl immer vom Reisen und befahl dem Haushofmeister brei, viermal im Tage, bie Roffer zu paden und Alles herzurichten, aber ber Ober- Medizinalrath, der Morgens und Abends tam, schüttelte bazu mit dem Kopf.
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Der Graf war unmittelbar nach den gehabten Auf regungen viel zu schwach, um jetzt an eine Reife denken zu fönnen. Er mußte fich jedenfalls erst wieder, cine furge Seit wenigstens, erholen. In vier oder sechs Wochen ließ fich eher darüber reden. Jetzt brauchte er vor allen Dingen sorgsame Pflege und Ruhe.
Rube, Du großer Gott, Ruhe herrschte allerdings in dem Hause, aber die Ruhe des Grabes, und wie schon Jeber die Stätte der Trauer von selber mieb, wurden felbst bie wenigen Personen, die theilnehmend Trost spenden woll ten, abgewiesen.
Auch Graf Rottack war hinaufgefahren, um den Uns glücklichen sein inniges Beileib auszusprechen und vielleicht zugleich etwas Näheres über Paula's jezigen Aufenthalt au erfahren, um die fich Helene sorgte und abängftigte; aber weber Graf noch Gräfin nahmen einen Besuch an. ließen der Nachfrage banken, fühlten sich aber jetzt zu leidend, um Frembe zu empfangen.
Sie
Rotad wandte fich sogar an ben Haushofmeister, um von diesem etwas über den gegenwärtigen Aufenthalt der