Nr. 155.
Mittwoch, den 7. Juli 1886.
III. Jahrg.
Berliner Volksblatt.
Organ für die Intereffen der Arbeiter.
Das„ Berliner Volksblatt"
erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4.Mart. Einzelne Nummer 5 Bf. Sonntags- Nummer mit der illuftritten Beilage 10 f. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1886 unter Nr. 769.)
Redaktion: Benthstraße 2.
Saison morte.
Die Parlamente find geschlossen, die Reichsboten ruhen fich auf ihren Lorbeeren aus, die Minister gehen in die Ferien, besgleichen die Geheimräthe und alle biejenigen, welche besonders dazu berufen sind, die Staats- oder Reichs maschine in Gang zu halten. In der todten Zeit" kann man diese Funktion untergeordneten Personen übertragen, bie denn auch bes Defteren zeigen, daß sie diese Ar beit mindestes ebenso gut verrichten wie ihre Herren und Meifter.
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Die Steuergrofchen laufen ja regelmäßig ein; im Reiche ohne Exekutor, ba basselbe fast nur indirekte Steuern verbraucht, in den Staaten und den Ge meinden vielfach mit dem Exekutor. So ist ja Del genug ba, um einen etwas trivialen Ausdrud zu gebrauchen, die Reichs- und Staatsmaschine zu schmieren, fo baß die Leiter dieser Maschine, wenn fie einigermaßen ordentlich wirthschaften, niemals in Verlegenheit fommen und sich ber saison morte in aller Ruhe und Bufriedenheit hingeben können.
Anders aber liegt es mit den Del. Spendern felb ft. Niemals ist für sie eine Ferienzeit vorhanden, in der fie fich erholen tönnen. Eritt dieselbe aber gezwungen durch Arbeitslosigkeit ein, so bringt fie feine Erholung, sondern Noth und Elend.
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Die tobte Beit", wie sie den höher gestellten Klassen, ja selbst zahlreichen subalternen oder mittleren Beamten willkommen in, wie sie überhaupt jeber thätige Mensch ab und an braucht, um sich recht frisch zu erhalten, tennt das Boll in seiner Maffe nicht.
Bei den beffer gestellten Klassen tritt in der saison morte die Genußsucht, die 3erstreuungslust in hervor ragender Weise zu Tage, der dann in raftlosen Reisen in romantischen Gegenden oder in den Luxusbädern gefröhnt wird, weil diese Art der 3erstreuung in lezter Beit besonders modern geworden ist.
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Lieft man nun die Rurlisten, blidt man sich im Allge. meinen um, mer und welche Klassen sich auf Lurusreifen befinden, betrachtet man die Preise, welche für solche Erholungen" gezahlt werden, so flingen die Klagen der Be amten über niedrige Gehälter, die Klagen ber Landwirthe über Ertraglosigkeit der Landwirthschaft, die Klagen der Rapitalisten über geringe Dividenden und die Eins wendungen der Fabrikanten gegen hohe" Löhne geradezu als ein Hohn.
In der That aber ist das arbeitende Bolt erholungsbedürftiger, als die sogenannte Gesellschaft, in welcher der weibliche Theil das ganze Jahr hindurch gar nicht,
Ragbrud v rboten.]
Feuilleton.
Eine Mutter.
Roman von Friedrich Gerstäder. ( Fortseßung.)
Das Orchester beendete eben sein Vorspiel, und Jere mias hatte gerabe noch 3eit, einen Blid im Theater selber umber zu werfen, wo Kopf an Ropf gedrängt faß, als der Vorhang aufging.
Fräulein Rottenhöfer als Leonore trat auf; aber fie spielte heute Abend befangen, und kein Wunder, denn überall im Theater hatte sich schon das Gerücht eines beabsichtigten Tumults fund gegeben, und die Schauspieler selber fonnten unmöglich unter diesem Einbrud ihre Ruhe
bewahren.
Pfeffer, heute übrigens nicht beschäftigt, ging in Tobes angst hinter der Szene auf und ab und allen Menschen scheu aus dem Wege, unb der Direktor selber hatte sich in seine fleine, völlig verftedte Loge geflüchtet, von wo er Alles über sehen und doch selber nicht gesehen werden konnte.
Jetzt lam die vierte Szene mit Julia und Fiesco , und im Parterre lachte Jemand laut; aber Alles sah ihn an, es war zu früh und wurde Ruhe geboten.
Rebe übertraf fich selber; mit voller Ruhe und eblem Anstand und zuletzt mit glühender, hinreißender Leidenschaft spielte er die Szene burch. Seine ganze Persönlichkeit paßte babei vortrefflich zu dem Grafen Lavagna; ein reiches, ge fchmacoolles Raftüm hob sie noch mehr hervor, und bie Damen waren entzüdt von ihm.
3m Parterre wurde jetzt hier und da leise mit einander geflüstert, aber da bei seinem Abgang fein 3eichen des Beifalls gegeben wurde, unterblieb auch jebe Gegen bemonstration.
Jeremias hatte indessen immer vom Parket aus nach bem ihm bekannten Platz im ersten Rang hinaufgesehen, ob Graf Rottad noch nicht erschienen wäre.
Jest trat Fiesco wieber auf, und in der nächsten Szene mit ben brei schwarzen Masken erschien auch Graf Rottad
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beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Haum 40 Bf. Arbeitsmarkt 10 Pfennige. Bet größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 lbs Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Bimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen Bureaux , ohne Erhöhung des Preises, angenommen.
Expedition: Zimmerstraße 44.
der männliche Theil vielfach nur zum 3eitvertreib und
zur Erholung von den Strapazen bes materiellen Genuſſes Dir amerikanische Volkswirthschaft und ber Wohlhabenden. Mancher von ihnen muß es sich ja auch die amerikanischen Arbeiterorganisationen.
ein wenig arbeitet. Natürlich trifft dies nur einen Theil
sauer werden lassen, denn auch an diese Häuser klopft mehr und mehr die Sorge an.
Da nun bas arbeitenbe und erwerbsthätige Volt in wirthschaftlicher Beziehung feine tobte Beit" im Sinne ber saison morte fennt, so soll sich dasselbe auch in politischer Beziehung derselben nicht überlassen. Es soll in den Sommermonaten, soviel in seinen Rräften steht, weiter arbeiten an seiner Befreiung vom wirthschaft lichen und sozialen Drude. Das arbeitende Volt soll bes halb vorzugsweise seine politische Erziehung ins Auge faffen, damit es den herrschenden Parteien in jeder Hinsicht mehr und mehr gewachsen werde.
Grabe die Zeit der politischen todten Saison ist hierfür am geeignetften. Die fürmischen Debatten find vorüber; es ist Windstille eingetreten, in welcher Seit der Seemann die Bücher selber Wissenschaft, in welcher er die Zeichen des Firmaments studiren lann.
So sollen auch die Arbeiter, bie Pioniere und Sees Leute einer neuen sozialpolitischen Welt, fich weiter ausraftvolle Unterfügung aller derjenigen 3 ei bilden durch eifriges Lesen guter Bücher, durch traftvolle Unterfügung aller derjenigen 3ei muthigung und Erkenntniß schöpfen können. tungen und 3eitsgriften, aus denen sie Er
Sie sollen sich wieder sammeln zu neuen, weiteren Be ftrebungen in ihrem eigenen Interesse und zum Wohle der Gesammtheit.
Raftlos eilt die Beit vorwärts und im Nu ist wieder die tobte politische Saison gewichen dem lebendigen Treiben und Ringen, wie die Windstille auf dem Meere durch er frischende Brifen und Wellen abgelöst wird, die oftmals geradezu in wildem Sturm endigen.
So steht auch den Arbeitern noch mancher Sturm be
vor; fie follen nicht verzagen, sondern Ruhe und Kraft bazu fammeln durch Befestigung manneswürdiger Anschauungen und Ideen, durch eigenes Lernen und durch Belehrung un selbstständiger Kameraden, wohl angebracht gerade jest in der todten Zeit", wo weniger als sonst Tagesereignisse von der Betrachtung der Hauptfragen ablenken, damit die polis tisch lebendige Seit sie wieder voll und thatkräftig auf dem Plaze findet.
In diesem Sinne begrüßen wir auch für den Arbeiter ftand mit Freuden die saison morte.
und nahm seinen Platz ein. Auch diese Szene ging vors über und die mit Bourgognino, und jetzt kam die Haupts Szene mit dem Mohren, ben Hösten ganz vortrefflich gab. Aber auch hier regie fich noch nichts. Es war ordentlich, als ob alle, die Rebe's Spiel befriedigte, gefürchtet hätten, burch irgend ein Beifallszeichen den angebrohten Tumult her vorzurufen, und die Gegenpartei schien strenge Ordre zu haben, nicht zu beginnen, weil sie sich dadurch leicht in Nachtheil segen fonnte.
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Der Vorhang fiel, Tobtenstille herrschte im Hause, bis sich dieselbe in ein lautes Flüstern auflöfte. Jeremias war aufgeftanden und hatte sich umgedreht. Sein Blid fiel auf ein rothes, bides Geficht mit blonden Haaren, das ihm lächelnd zunidte, bas war richtig Herr Walther. Er stand nicht weit von der Thür, und wie er weiter fuchte, erkannte er auch mitten im Parket, aber auf einer ber legten Bänke desselben, den Dottor Strohwisch, der ihn hämisch und wie triumphirend belorgnettirte. Jeremias lief bie Galle über. War der Bursche seines Sieges fo gewiß?
die für Alle unerträglich werdende Aufregung nicht länger Aber der Vorhang ging wieder auf, und jetzt ließ sich bie für Alle unerträglich werdende Aufregung nicht länger zurückhalten.
Schon in Fiesco's erftem Auftreten mit dem Mohren sprach Nebe die Worte: Bon einem Schurken das anzu» hören!" so ganz vortrefflich, daß im ersten Range Einige applaudirten, unter ihnen Rottad; im Parterre wurde bar auf an zwei, brei Orten gezischt, aber das fonnte auch Ruhe bedeuten. Damit aber hatte der Rampf begonnen, benn bie vorhin ihren Beifall gezeigt, ärgerten sich jetzt, daß sie Jemand baran verhindern wollte.
Das Flüftern steigerte sich während der folgenden Szenen, bie Nebe ganz vortrefflich gab, wozu Direktor Krüger hinter seinem Gitter fortwährend beifällig mit dem Ropfe nidte; und als er sich vom Mohren den Arm rigen ließ und mit dem Ausruf: Mörber! Mörber! Besetzt bie Wege,- riegelt die Pforten zu!" abstürzte, kam es zum Ausbruch.
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Jetzt wurde nicht allein vom Parterre aus, sondern auch vom ersten und zweiten Range lebhaft applaudirt,
III.
( Bergl. Nr. 150 und 151.)
§ Die Gewerkschaften der Arbeiter haben vor allem den Bwed, günftigere Arbeitsbedingungen( höheren Lohn, lürzere Arbeitszeit) zu erzielen. Es leuchtet nun ohne weiteres ein, daß die Gewerkschaften, welche bei uns fast immer nur einen Berufszweig umfaffen- man denke an unsere Tischler, in ihrem Klavierarbeiter, Maurer , SchloffervereineKampie gegen die Uebermacht des Kapitals ganz verschieden gestellt sind, ie nachdem die Arbeit vorwiegend eine gelernte oder unges lernte ift.
Denten wir uns in einer Stadt die Fleischerei in der alten bandwerksmäßigen Weise ausgeübt. Jeder Meister hat vielleicht neben einem Lehrling einen Gesellen. Dieser muß natürlich Er alles, was aur Fleischerei gehört, gründlich fennen. schlachtet also Kälber und Schöpfe fogut wie Schweine, vielleicht auch Rinder, wie dies in fleinen Städten beute noch jeder Schlächter thut. Er bereitet Dann das Fleisch zu, er macht alle einzelnen Wurftsorten, er pölelt und räuchert. Das alles ist nicht leicht erlernt, aber der Geselle muß es lennen, denn wenn ihm irgend eine der
Fertigkeiten febit, so vermag der Meister, der feinen zweiten
Arbeiter hat, sein Geschäft nicht zu betreiben. Nehmen wir nun an, die Gesellen der Stabt seien mit ihrer Löhnung unaufrieden und stellten einmüthig die Arbeit ein, da die Meister im guten nicht nachgeben wollen. Die Verlegenheit der lezteren ist in diesem Falle teine geringe. Arbeiter brauchen ste, Denn allein werden fie in ihrem Geschäfte nicht fertig. Brot lose Männer, die gern arbeiten möchten, find zwar in der Stadt vielleicht vorhanden, aber dieselben find leine gelernten Fleischer. Und che ein beliebiger Arbeiter von der Straße das alles lernt, was von einem Schlächter der geschilderten Art verlangt werden muß, dazu gehört ein Beitraum von vielen Monaten, vielleicht von mehr als einem Jahre. So lange Tann der Meister aber nimmermehr warten, er ist also zum
Entgegenkommen gezwungen, die Gesellen werden ihre Forden
rungen durchseßen.
Ganz anders, wenn die kleinen Fleischer verschwunden find, wenn an Stelle der vielen kleinen Schlächtereten sich, wie in Amerita, wenige große Etablissements erheben, in denen eine weitgehende Arbeitstheilung und Anwendung von Ma schinen berricht. Auch hier find die Arbeiter möglicherweise alle durch eine Gewerkschaft verbunden, auch hier stellen fie vielleicht, wenn der Druck von oben zu start wird, gemeinsam die Arbeit ein. Aber hier ist die Lage der Unternehmer eine ganz andere. Wir sehen davon ganz ab, daß fich wahrschein lich mit der Einführung von Maschinen und neuen Bro duktionsmethoden eine Reservearmee brodloser Fleischer gebildet bat, die gern und um jeden Preis die Stellen ihrer streitenden
während an den verschiedensten Stellen das 3ischen die Bravos zu übertäuben fuchte.
Leonore und Rosa traten rasch auf, tonnten aber nicht zu Worte tommen und zogen sich bestürzt zurüd. Darüber wurde gelacht, und jetzt ertönte der erste Pfiff, mit dem Herr Walther selber das Beichen gab und der an verschie benen Seiten ein Echo fand.
Da haben wir's," stöhnte Krüger und sank in seinen Stuhl zurüd; o, dieser Strohwisch!"
Aber die Oppostiton war stärker, als die Pfeifer ver muthet hatten. Im Parterre wurde eine Bewegung bemerk bar, und nach verschiebenen Richtungen hin brängten sich Menschen, während Parket und erster Rang plöglich fest ent schlossen schienen, ihren mit Recht gespendeten Beifall nicht ubertäuben zu lassen.
Rebe heraus!" tönte es auf einmal an verschiebenen Stellen, und ein gellenbes Pfeifen antwortete, das war Strohwisch selber.
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" Hinaus mit dem Lump!" rief Jeremias, der sich nicht mehr mäßigen, aber auch nicht von seinem Plaz konnte, wo er eingeteilt faß. Wieber pfiff es rechts und links. Aber bravo!" tobte es jetzt von allen Seiten, und Herr Walther, " Hinaus, hinaus mit den Rerlen! Rebe heraus! Bravo , der in voller Gemüthsruhe unter einer Parketloge lehnte und laut vor sich hin pfiff, als ob er fich ganz allein in einer einsamen Segend befände, fab sich plöglich von zu ihm andrängenden Leuten gefaßt und fortgeschoben.
Na, holla," rief er, was ist das? Ich habe meinen Plak bezahlt!" Aber er leistete babei nur geringen Wiber stand, und Strohwisch, der aufgesprungen war, beobachtete in ziemlicher Spannung die Entfernung seiner Hauptstüze. Nebe heraus!" fchrie es jetzt wieber von verschiedenen Seiten, und ein schallender Applaus folgte.
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Wieder 3ischen und Pfeifen, aber schon bedeutend in ber Minorität und nur vereinzelt. Rebe heraus!" schrie bas Publikum, und links und rechts wurden indessen einige räthielhafte Individuen aus dem Parterre hinausgeworfen.
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Sebe heraus! Rebe Heraus!"
Krüger war auf die Bühne gesprungen. Rebe weigerte sich, hinaus zu gehen, aber auf des Direktors Bitten und Beschwören gab er endlich nach und trat hinaus.