Nr. 16L

Mittwoch, btn 14. goli 1886.

III. Sicht».

SttlmnVMW Lrgan für die Interessen der Arbeiter.

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DasBerliner Volksblatt" «rschrint täglich Morgen» auker nach Sonn und Festtagen. Abonnementsprei» für Berlin frei in» Hau » vierteljährlich 4 Marl , monatlich 1,35 Mars wöchentlich 35 Pf. Postadonnement ».Marl. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags- Nummer mit der tllustrirten Beilage 10 Pf. (Eingetragen in der Poitzeitungipreiilifte für 1886 unter Nr. 769.)

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Zum AillKmnm Ulld zum Abslhied" Wir lesen jetzt wieber recht häufig U kouservativen und nationalliberalen Blättern die Empfehlung der Prügelstrafe für die sogenannten Vagabunden und Verbrecher der verschiedensten Kategorien. .Zu« Willkommen und zum Abschied 25 Stockhiebe da» würde den Strolchen da« Wiederkomme» schon ver- leide» I* »l« wen» dieStrolche" überhaupt schon wiederkämen? Man frage dieselbe« nur und man wird höre», daß fie große Scheu habe» vor de« Arbeit»häuser» und Zucht- Häusern, auch wen» dort die obligatorische Prügelstrafe nicht eingeführt ist. Lohnende Arbeit ist, einige wenige ganz ver» kommen« Leute ausgenommen, ihr heißer Wunsch; dies be» weise» die meist überfüllte« Arbesterkoloaie», wo e« wohl Arbeit, aber keine lohnend« giebt. Viele der Aermste» gehen au« diese« Kolonie», in denen fie«» nicht besonder» gut hatten, in denen eisern« Strenge regiert, nach der abge» laufen e» Zeit mit schwerem Herze«, lediglich weil fie gehen inüssen. Die Arbeit scheue» die Meiste« nicht, nur da» ver- gebltche Suchen«ach Arbeit. Und dafür, daß die verworrenen wirthschaftliche« Zu- stände, die Hast und Tier der Konkurrenten tausende und aber tausende von Mensche» brodlo««acht, fie zur Arbeit». lofigkeit verurtheilt, de» halb solle« diese Verurtheilte» «och Prügel erhalten. Heilige Tnechtigkest! Wie man in der heutige« Zeit mit Dir umspringt, wie man Dich besudelt! Welche Wirkungen aber die so vielfach angepriesene Prügelstrafe hat, da» wollen wir an einzelnen Aussprüche« erfahrener Juristen, Mediziner und Strafanstaltsdirektore« hier unser» Leser» vorführe«. Zunächst fällt ua« eine Notiz in die Hand, au« welcher hervorgeht, daß bi« zum November 1882 im städtische» Armenhaus zu Gera die Jnsasie««ach dem Reglement einer körperliche« Züchtigung unterlagen. Der Temeinderath hob aber diese Bestimmung im Reglement auf, weil fie nicht mehr zeitgemäß sei. Dan» aber geht au» dem Bericht hervor, daß die Prügelstrafe seit achtzehn Jahre» in der Anstalt nicht verhängt worden sei. Der Vorsteher dieser Anstalt, der da« Recht hatte, seineZöglinge* prügeln zu laffe«, nahm davon Abstand, weil ihm diese Strafe un­menschlich. bestialisch vorkam. Erste Lektion für die Snhänger der Prügel» strafe 1 In feinem Lehrbuch de» deutsche« Strafrecht« sagt Profefior B e r n e r:.Die Prügelstrafe vernichtet da« Ehr» gefllhl und damit die Grundbedingung der Besserung. Ja, e entspricht nicht einmal dem Zweck« der Abschreckung, den» AeuiLLeton.

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Eine Mutter.

Roman von Ksr i e d r t ch Serstitcke?. (Fortsetzung.) Er wandte fich jetzt an diese« und wiederbolte seine Frage, bekam aber auch keine Antwort, den» der Man« unterhi,lt fich jetzt erst eine ganze Weile mit der Frau in einem Kauderwälsch, von dem Jeremia » natürlich keine SierbenSfilb« verstand. Endlich drehte er wieder den Kopf »ach ihm hemm. Wen suche« Sie?" sagt« er allerding« auf D misch, aber so gebrochen, daß Jeremia » genau aufpafie« mußte, wen« er die Worte versteht« wollte. Eine Dame," sagte Jeremia »,.die vor etwa zwei oder drei Monaten in diese» Dorf gekommen und allein hier gebliebe» ist." .Eine Dame?' wiederholte der Man» erstaunt und mit dem«spfe schüttelnd.Wa« sollte die hier mache«?' Ein junge« Frauenzimmer." lenkte Jeremia » ei«, der daran dachte, daß der Bursche unter Dame vielleicht etwa» «an» Andere« verstand. Ja so I" rief der Fuhrknecht, und jetzt begann wieder «in lange, Tespräch mit dem Werb hinter dem Ofen, da« beschäftigt«ar, ei« paar Suppennäpfe auszuwischen. Jeremia « wartete auch geduldig seine Zeit ab, um die Beiden »»cht z« störe». .Sie kam mit einem Manne?" ftagte endlich der Fuhrknecht wieder, und Jeremia « nickte nur. Und der Man« ging nachher fort und kam nicht wieder?' Dieselbe. Ist fi«»och hier im Hause?" Der Fuhrknecht schüttelte mit dem Kopf..Rein, die ist lange fort.' »Fort? Uber wohin?' rief der kleine Man« in Ver-

fie ruft in dem Gestraften Haß, Entrüstung und Widerstand auf; wie alle beschimpfende» Strafen wirkt die Prügelstrafe im umgekehrten Verhältnisse der Schuld und der inner» Verderbtheit, sie wirkt moralisch vernichtend auf de« Ehrliebend«», während diese tiefgreifende Wirkung bei de« Ehrlose« wegfällt." Der berühmte StraftechtSlehrer Wittermeyer aber äußert fich folgen» dermaßen:In Bezug auf Strafen entscheidet der Grund- satz, daß als Strafen keine angewendet werde» dürfe», welche durch nutzlose Quälerei oder durch die Ungleichheit, mit der fie auf verschiedene Personen wirke«, häufig viele Gefangene erbitter« und durch Unterdrückung de» Ehrge» fühl««achtheilig wirke«, z. B. körperliche Züchtigung" Zweite Lektion für die Anhänger der Prügel» straf« I Der bekannte und vielbelobte Sanitätlrath, Dr. B a e r, der seiner Zeit in Plötzensee Tefängnißarzt war, kann nur mit dem.gerechteste» Widerwillen" die Prügelstrafe au«- üben sehen. Er will sie, da sie einmal bestehe», bei Dt»« zipliaaroergehea in den Anstalten nur in den allerseltenste« Fällen angewandt wissen. Er bemerkt in seinem berühmte« Buch über da« Tefängnißwesen übe, derartige Strafmittel im Allgemeine«:Ist e< nicht eine alte Erfahrung, daß dort, wo die schwerste» Strafen mit unbeugsamer Strenge bei jedem Vergehen verhängt werde», daß in diesen Anstal» ten am meiste» geprügelt und am meiste« gestraft wird? So wenig die schwerste« Kerkerstrafe» mit alle» den Höllen» Werkzeugen der strafenden Gerechtigkeit, so wenig Galeere« und Tretmühle« genützt habe», um abschreckend oder bessernd zu wirken, gerade ebensowenig vermöge» die schwere« Latten» arreste, Prügelstrafe», Hungerkost, Eise«, Zwangsjacken und Zwangsstuhl autzurichte«, um die große» Zahle» der rück- fällige« Verbrecher in unsere» Tage» zu ver» minder«.' Dritte Lektion für die»nhänger der Prügel» jiCßsC I Der berühmte Strafrechtslehrer vonHoltzendorff äußert sich folgendermaßen über den Gegenstand:.Bei de» rückfällige« Verbrecher» läßt fich der bestimmteste Bewei« führe«, daß dieUnwirksamkeit derFreihett»- strafe« in demselben Maße steigt, al» man fich zu ihrer Durchführung!»hysischer Zwang«» mittel oder körperlicher disziplinarer Strafmittel bedienen muß und die Person zur Un- selbstständigkeit herabsetzt." Vierte Lektion für die Anhänger der Prügel« strafe! Aber viel schärfer«och trifft der Strafanstalttdirektor Müller in einer kleine» Broschüre de» Kern der Sache, indem er ausruft:Der Gefangene, welcher e» bi» zur

zweiflung..Kann mir denn Niemand sage«, wo fie fich jetzt aushält?" Bei Blthrad." Herr Gott, wieder so ei« Name!" stöhnte Jeremia ». Aber wo liegt da«?' Wo da» liegt?' sagte der Mann erstaunt. Ich meine, ob e» weit von hier ist?" Ne," sagte der Bursche. Aber wie komm' ich hin?" .Wie Sie hinkomme»? Na, ganz leicht; grab' über die Straße hinüber, da« vierte oder fünfte Hau» links.' Hier im Ort?" rief Jeremia » und fuhr mit Blitze»« schnelle von seinem Eitz empor. MNu ja, versteht sich,' nickte der Man«;.da» Weibsen hatte kein Geld mehr, und der Wirth hier, mit nur einer ordentliche» Stube im Hause, wo fich Fremde unterbringe» ließe«, konnte die doch nicht Jemandem lasse«, der nicht einmal mehr bezahlte. E» war aber auch zu kalt, um fie auf die Straße zu setze«; fie wäre draußen erfroren, und da ist fie derweil bei Blshrad» untergebracht." Die Frau fuhr wieder dazwischen und redete auf den Fuhrknecht ei«, während dieser ihr beifällig zunickte. Wa« sagt fie?" ftagte Jeremia«. Wenn Ihr zu dem kranke» Weibsen gehörtet," meint sie,so solltet Ihr auch da» zahle«, wa« fie hier«och schuldig ist, denn die paar Lumpi», welche fie zurückbehalten hätte, wären nicht die Hälfte werth." O Du mein großer Gott," seufzte Jeremia » vor fich hin,zu welch' erschrecklichem Elend bi« ich da gekomme« I" Und wolle« Sie'« zahlen?" fragte der Man«. Ja, Alle» gewiß!" rief Jeremia « in furchtbarer Auftegung;führen Sie mich nur hinüber. Hier, guter Man», hier habe» Sie Geld, komme» Sie mit hinüber und zeige». Sie mir da« Hau »; ich möchte keinen Augenblick mehr versäume». O, da» arme, unglückliche Geschöpf!" Paula. Der Fuhrknecht betrachtete erstaunt da» Silbergeld, da» ihm Jeremia » in die Hand drückte, war aber rasch erbötig, de» reiche« Loh« mit so leichter Mühe zu verdiene«, und

körperlichen Züchtigung komme« läßt, wird auch durch diese nicht gebessert werde»; der Eindruck wird nicht weiter gehe«, al« da» Gefühl der Haut. Wa« aber«och weit mehr gegen die Anwendung der körperlichen Züchtigung al« Di»» ziplinarstrafe spricht, ist, daß damit nach und»ach der Geist der Rohheit und stumpfer Gefühlslofigkrtt s o» wohl bei de« Gefangenen, al« bei dem an» gestellte« Personal fich festsetzt; dieser Geist ist die größte Gefahr für ein« Anstalt, er wird niemals btsser», sonder« stet« nur verhärte« und da««och vorhandene Bessere im Gefangene« zerstöre».' Fünfte, derbe Lektion für die Anhänger der Prügelstrafe I Schließe« wir unsere Zitate mit einer Befürchtung des frühere« Gefängnißarite« Dr. Siebert in Bezug auf die Gefährdung der Gesundheit durch die Prügelstrafe; durch die» Zitat erhält man auch zu gleicher Zeit ei» Bild von de« momentane« Wirkungen dieser brutale» Züchtigung. Der genannte Arzt sagt: .Nach Coyland solle» Rückenmark»affek» t i o» e», selbst«och zeh« Jahr«»ach de« erhaltene« Schläge» entsteh«», respektive deutlich werde«. Lähm««» gen der untere» Extremitäten solle« al« die Folgen der Erschütterung de« Rückenmark«», und Läh» mung de« Mastdarm« und der Blase die Folge» lokaler Reizung einzelner Partten desselben bei Schläge« auf da» Kreuzbein sei». Die Blässe der Haut, da» Zttter« der Glieder, die Beklemmung und Stockung in der Athmung, die Beschleunigung de« Herzschlag«, da« Schreie» und Brülle« mit darauf folgender keuchender,

de» Nervensystem», und zu diesen komme» SL.Ä«n Ä m, ÄÄ %% gefährlicher werde», wen« die Ueberfüllung und Reizung de» Herzen« zu Extravasate« in innere Organe, Hirn» oder Lungenschlag, oder zu einer Erweiterung de« Herzen« selbst führen." Sechste«och derbere Lektion für die An» Hänger der Prügelstrafe! Sind die Herren«unmehr mit dieser moralische» Züchtigung, die wir ihnen habe«««gedeihen lasse», zu» frieden? Oder sollen wir«och weiter fortfahren? Doch «ew, wir»olle« mit unserer Züchtigung aufhöre«, fie ist za auch grausam genug die Anhänger der Prügel- strafe müßte»»ach diese« Zitate«, wen» fie«och Scham» trank nur eben noch vorsichtig sein Gla« au«, daß ihm in» dessen niemand Fremde» darüber kam. Dann führte er de» kleinen Man« ohne Wettere« über die Straße hinüber in da« kaum hundert Schritte entfernte Hau«, wo die Krank «, der Aussage der Wirthi««ach, jetzt untergebracht sei» sollte. .Aber hier wohnt fie doch nicht?' rief Jeremia » ordent» lich erschreckt au», al, ihn der Fuhrknecht auf eine Hütte zuführte, die eher einem Stall, al« einer menschliche» Woh- nung glich,.da« ist ja doch gar nicht möglich I' Wenn e» die ist, die Sie suche» und die ihr Man» hier hat fitze« lasse«,' brummt« der Bursche, der schon Angst hatte, daß er da» Geld wieder herausgeben müssegewiß. Gehe» Sie doch nur erst einmal hinein." Jeremia », doch wahrlich mit manchem Außergewöhn« liche« auf feine« lange« Reise« und Irrfahrten vertraut, schauderte, al» er de« kalte», schmutzige«, niedere« Raum betrat; sei« Führer schien aber hier bekannt, und an ihm vorbeigleitend, öffnete er die Zimmerthür und rief einer dort �fitzende«, widerlich häßliche« Frau etwa« auf Diese nickte nur und deutete, auf eine andere Thür, und al« Jeremias, wirklich zitternd vor Furcht, die Gesuchte in diesem entsetzlichen Aufenthalt zu finde«, vorwärts trat, stieß fei» Führer eine andere niedere Thür auf, die zu einer kaum zeh» Fuß im Quadrat haltende» Kammer führte. Dort stand ein Bett wen» ei» erbärmliche» Holz- gestell mit Stroh darauf so genannt werden kann, und auf demselben, mtt einer einzige« dünne»,«och überdies zer- rissenen wollene» Decke überworfe», lag eine schwäch- tige»eibliche Gestalt. Nur ei« ungewiss«« Licht fi-l durch ein fensterartige» Loch im Dach in de« öde« Raum, der nicht einmal geheizt werde« konnte, und neben dem Lager stand ei» zerbrochener irdener Krug mtt Wasser, wahr- scheinlich al« einzige Labung. .Großer, allmächtiger Gott" rief Jeremia «,.da« hier. die Jammergestalt, ist doch nicht die Komtesse Monford?" Wie er den Namen nannte, hob die Kranke de« Kopf, und et» wachsbleiche« Geficht, mtt unnatürltch großen