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Nr. 166.

Dienstag, den 20. Juli 1886.

III. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Volksblatt"

erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Fefttagen. Abonnementspreis für Berlin fret in's Haus viertelfährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Wtart, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement art. Einzelne Nummer 5 Bf. Sonntags- Nummer mit der illuftrirten Bellage 10 f. ( Eingetragen in der Boftzeitungspreisliste für 1886 unter Nr. 769.)

Redaktion: Benthstraße 2.

Zur Wohnungsfrage.

In diesen Tagen ist wieder viel die Rede gewesen von der Wohnungsnoth in großen und kleinen Städten und von den Mitteln, ihr abzuhelfen. Mancherlei ist vor­geschlagen worden; doch kann man nicht sagen, daß jemand ben Arbeitern einen wirklich guten Rath hätte geben fönnen, wie billige Wohnungen, in denen man einigermaßen mensch lichen Anforderungen entsprechend leben tann, zu be schaffen sind.

Es ist in der That schwer, unter den gegenwärtigen Verhältnissen einen Ausweg zu finden. Eine völlige Lösung der Wohnungsfrage würde nur bei einer völligen Renderung unferer gesammten wirthschaftlichen Bustände möglich sein und ist es fonach gegenüber den momentanen praktischen Be. dürfnissen kaum nothwendig, darüber zu biskutiren.

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Insertionsgebühr

beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Haum 40 Bf. Arbeitsmarkt 10 Bfennige. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 thr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Bimmerftraße 44, sowie von allen Annoncens Bureaur, ohne Erhöhung des Preises, angenommen.

Expedition: Zimmerstraße 44.

Lösung der Wohnungsfrage barin erblicken, daß er sich ein eigenes fleines Haus verschafft. Da ist wieder viel von Arbeitergenossenschaften die Rede, die kleine und billige Wohnungen bauen sollen, welche von den Arbeitern durch Tilgung jährlicher Raten nach und nach als Eigenthum er worben werden lönnen. Das wäre recht angenehm, eben nicht die Hauptbedingung fehlte

wenn

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bie Stetigkeit der Beschäftigung. Ein Arbeiter, der in dem Magazin eines Raufhauses dauernd angestellt ift, mag ein Interesse haben, sich ein eigenes Häuschen zu erwerben. Aber auch er fann in unbehagliche Situationen mit seinem Heim" gerathen. Wenn die Firma fallirt, bie ihn beschäftigt, was fängs er dann mit dem Häuschen an, wenn er in der Stadt feine Beschäftigung mehr bekommt? Ganz anders aber ist es mit den Arbeitern, die den großen Bewegungen der Industrie folgen müssen, bei den Tabat arbeitern, Maurern, Schneidern, Tischlern Schuhmachern 2c. Für diese hat ein eigenes Haus nur wenig Werth; es fönnte ihnen unter Umständen sehr zur Last werden.

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Mit den billigen" Arbeiterwohnungen hat in den großen Städten seine vielfachen Schwierigkeiten. Wenn sie abgesondert außerhalb der Stadt stehen, mögen fie billig fein; wäch aber die Stadt an ihnen heran, so daß fie an den Verkehrslinien liegen, so steigen fie ganz von felbst im Preise. Und liegen fie allzu weit von der Stadt felbft im Preise. Und liegen fie allzu weit von der Stadt entfernt, so hat das für den Arbeiter gewiß keine Vor­theile.

Politische Uebersicht.

Der Regierungsbaumeister Reßler ist auch aus Stadt und Land Braunschweig ausgewiesen worden. Die dem felben zugegangene Verfügung hat folgenden Wortlaut: Da Jhnen in Folge verübter Vergehen, welche Sie als der öffent Itchen Sicherheit gefährlich erscheinen lassen, durch Verfügung des Königl. Preußischen Regierungs- Präsidenten zu Botebam vom 19. v. M. auf Grund des§ 2 des Königl. Preußischen Geseges über die Aufnahme neu anziehender Personen vom 31. Dezember 1842 der Aufenthalt in der Stadt Branden burg a. H. untersagt ist und Sie demnach im Königreich

Breußen einer Aufenthaltsbeforäntung

im

Sinne des§ 3 Abs. 1 des Reichsgefetes über Die Freizügigteit vom 1. Nov. 1867 unter Itegen, so wird Ihnen von der unterzeichneten Landes polizeibehörde auf Grund des§ 3 Abs. 2 des angezogenen Reichsgesetzes der Aufenthalt im Herzogthum Braunschweig verweigert und aufgegeben, binnen drei Tagen, von dem Empfange dieser Verfügung an gerechnet, das Gebiet der biefigen Stadt und des Herzogtbums zu verlaffen. Braun fchweig, den 14. Juli 1886. Herzogliche Polizei Direktion. Drth. An Herrn Regierungs- Baumeister Keßler, hierselbst." bestimmt in§ 3 Abs. 1 und 2: Insoweit be Das angeführte Reichsgeset über die Freizügigkeit ftrafte Berfonen nach den Landesgesezen Aufenthalts Beschränkungen durch durch die Bolizei Behörde unterworfen werden können, behält es dabei sein Bewenden. Solchen Personen, welche derartigen Aufenthaltsbeschrän fungen in einem Bundesstaate unterliegen, oder welche in einem Bundesstaate innerhalb der legten zwölf Monate wegen wiederholten Bettelns oder wegen wiederholter Landstreicheret bestraft worden find, lann der Aufenthalt in jedem andern

Das moderne Wirthschaftssystem, dessen Tendenz die Bildung einer Großindustrie auf allen dafür erreichbaren Gebieten ist, hat ganz andere, ja entgegengesette Eigen schaften, als die Betriebs- und Produktionsweisen früherer Epochen. Dem alten Handwerk mit feinen festen und starren Formen wohnte naturgemäß eine große Stetigkeit inne und der Ortsvechsel war bei dem Arbeiter und Handwerksge sellen oder dem Meister etwas Seltenes. Die moderne Industrie mit ihren verschiebenen Betriebsweisen aber wirft große Massen von Arbeitskräften bald dahin und bald bort hin, so daß an einem Orte, wo bisher Wohnungen genug vorhanden waren, plöglich Mangel an solchen entstehen kann, während es umgekehrt möglich ist, daß nach Vollendung großer Bauten, Erbarbeiten u. f. w. an einem Orte ganz plöglich eine Menge von Wohnungen leer stehen, weil die Arbeiter fich anderswo beschäftigen lassen müssen. Dieser Wechsel ist natürlich von großem Einfluß auf die Preise der Wohnungen. Dazu kommt das Anwachsen der großen Städte, wohin Alles vom Lande und aus ber Proving ftrömt, was baheim teine Beschäftigung finden tann. Obson unabläffig gebaut wird, so kann man doch in den meisten großen Städten von einer Wohnungsnoth für den Arbeiter sprechen. Im Verhältniß zu dem gegenwärtigen Einkommen des Artönnte. Wir halten dies nicht für eine Lösung der Wohnungsgebens zwei mäßige Geldstrafen zugezogen hat. Dieses find beiters find die Wohnungen viel zu theuer. Außer dem Anfrage; wir wissen auch, daß die Preisbewegung solche fünft brang trägt dazu auch die Art und Weise bei, wie die lichen Schranken vielfach durchbricht, allein wir find eben Häuser heute gebaut werben und es tommt noch hins doch der Meinung, daß eine gesetzliche Firirung der Mieths zu, daß die Hauseigenthümer gegenüber der überall preise immer noch besser wäre, als der gegenwärtige 3u fallenben Rapitalrente bemüht sind, einen möglichst großen ftand, wenn sie auch in vielen Fällen ihren 3wed nicht er reichen und unwirksam gemacht werden würde. Miethsertrag zu erzielen.

Aus dem immerwährenden Wechsel in unserem wirth­schaftlichen Leben, aus dem unaufhörlichen Ab- und 3u strömen von Arbeitskräften ergiebt sich ganz von selbst, daß jene Bestrebungen werthlos find, die für den Arbeiter die

Nachbruck verboten.

Feuilleton.

Spuren im Sande.

Den Arbeitern in diesem Falle Selbsthilfe vorzuschlagen erfordert einen ziemlichen Grad von Kurzfichtigkeit. Ueber­haupt will uns der Begriff Arbeiterwohnungen" gar nicht Bundesstaate von der Landespolizeibehörde verweigert werden." so recht gefallen. Sind denn die Arbeiter von der Vor­fehung dafür bestimmt, Wohnungen zu haben, die sich durch geringere Behaglichkeit von den Wohnungen anderer Leute unterscheiden?

Wir find immer noch der Meinung, so lange uns Tein besserer Vorschlag gemacht wird, daß eine staatliche Zagation der Gebäude und eine gefegliche Fest.

ellung der Miethspreife Bieles momentan beffern

Leiber wird man sich schwerlich zu einer solchen Maß regel entschließen.

recht daran, man giebt bort keinen Groschen dafür. Sie find wohl auch mit dem Schiffe ,, Barbarossa" gestern hier an­[ 1 gekommen?"

Roman von Ewald August König. Im Eisenbahn - Roupé. Einsteigen in der Richtung nach B.!" riefen die Schaffner der mit Handgepäd beladenen Menge zu, die aus ben geöffneten Wartesälen herausströmte.

Die größere Mehrzahl stieg in die zunächst stehenben Roupes ein, andere, bie offenbar beabsichtigten, fich einen möglichst bequemen Siz für die lange Reise zu verschaffen, schritten suchend und prüfend an der langen Wagenreihe hinunter.

Unter biefen letteren befand sich ein schlanker, elegant gelleibeter Herr mit blondem Haar und Bollbart, eine aristokratische Figur, ber eine breite, gebrungene Geftalt in fchlichter, bürgerlicher Kleidung folgte.

Der Herr hatte endlich ein Roupee gefunden, er stieg ein, ordnete sein Handgepäd und machte es sich in seiner Ede bequem, ohne auf seinen Begleiter zu achten, der mit feinen Vorbereitungen rascher fertig war.

So unangenehm dem Baron diefe Unterhaltung anch sein mochte, schien er doch rasch in das Unab änderliche sich gefunden zu haben, ein fpöttisches Lächeln um zudte flüchtig feine Lippen.

Ich erinnere mich nicht, Sie auf dem Schiffe gefehen zu haben," sagte er in ironischem Tone.

Das ist begreiflich," erwiderte Lutter achfelzuckend. Ich bin als schlichter deutscher Handwerker Bortajüte ge fahren."

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Und jetzt fahren Sie zweiter Klaffe?"

Es giebt leiber bei diesem 3uge teine billigere Klasse und die Bummelet mit dem Marktzuge ist mir verhaßt." Sie haben brüben wohl nicht gefunden, was Sie fuchten?" fragte der Baron spöttisch. Es ist freilich man hem so ergangen. Warten Sie einmal chem so ergangen. Warten Sie einmal- Lutter? Ich er innere mich jest des Namens; hatten Sie nicht einen Bru­ber hm, es war turz vor meiner Abreise"

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Weshalb soll ich bestreiten, was ich ja doch nicht leugnen fann!" unterbrach Lutter ihn, beffen Wangen fich plößlich dunkler färbten, während es in seinen braunen Augen zornig aufblißte. In ihrer unseligen Verblendung haben Diggers ihn gemorbet."

Jest begegneten fich bie Blide ber beiben die blaß- bie blauen, etwas ftechenden Augen des ersteren mit dem halb. verschleierten Blid blieben einige Sekunden lang forschend auf dem gebräunten, wetterharten Antlig bes schlichten Mannes ruhen, dann wandten sie sich gleichgiltig ab.

Um Verzeihung," brach jezt der andere das Schweis gen, ich irre wohl nicht, daß wir uns brüben schon begeg net find? Mein Name ist Lutter, Paul Lutter; Sie waren auch drüben in den Minen, ich habe Sie augenblicklich wieber erkannt, Herr- lieber Bott, jetzt kann ich den Namen nicht finden, und doch schwebt er mir auf der Bunge-"

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Baron von Bergau!" erwiderte ber elegante Herr Fühl. Bergau ganz recht," fuhr Lutter fort, während er mit der breiten Hand über seinen braunen Bollbart firich, ,, brüben führten Sie den Freiherrntitel nicht und Sie thaten

Hatte er nicht selbst einen Morb begangen?" Nein, er war unschuldig! Gott möge an seinen Mör­bern bie schwere Blutschulb rächen!"

Der Baron zudte mit den Achseln, aber ehe er eine Antwort geben fonnte, wurde die furz vorher geschlossene Thüre wieder geöffnet.

Schnell, schnell," rief der Schaffner, sonst bleiben Sie zurüd!"

3wei junge Damen stiegen hastig ein, ihnen folgte ein eleganter Herr, der nur wenig älter war als fte.

Die Damen waren offenbar Schwestern und beide hübsche, frische Erscheinungen; sie hatten beide golbblondes Haar, beide einen recht moquanten Bug in dem sonst an muthigen Antlig, und die Aehnlichkeit in der äußeren Er scheinung wurde durch die völlige Uebereinstimmung der Toiletten noch mehr hervorgehoben. Sie scherzten und lach

Was nun die Strafen betrifft, welche Herr Reßler erlitten und die den Anlaß boten, in Brandenburg gegen ihn auf Grund des preußischen Bolizeigesetzes von 1842 die Ausweisung au verfügen, so sei hier bemerkt, daß Herr Reßler freilich vor länger als 18 Jahren wegen unbedeutenden Vergehend eine Freiheitsstrafe verbüßte, die damals so geringwerthig veran schlagt wurde, daß er noch faft 2 Jahre nachher im Staats Dienste blieb, und daß er sich in legter Belt in der gewerk

schaftlichen Bewegung wegen Beleidigung und eines Breßver die Bergehen, welche Herrn Regler als der öffentlichen Sicher heit gefährlich erscheinen laffen. Ob man im Reichstage bet Berathung des Freizügigkeitsgefeges wohl an eine solche An wendung des§ 3 gedacht hat

Vollständigen Mangel an Patriotismus warfen neu lich die offiziösen Blätter denjenigen Unternehmern vor, welche es wagen wollten, die Pariser Weltausstellung im Jahre 1889 zu beschiden. Ueber die Abgeschmacktheit dieses Vorwurfes brauchen wir uns wohl nicht erst auszulaffen. Auch unsere Unternehmer werden fich gegebenen Falles an die frankhafte Empfindlichkeit unserer Regierungstreise sehr wenig

ten mit ihrem Begleiter, der in den ersten Minuten genug zu thun hatte, die vielen Tücher, Taschen, Schachteln und Schirme unterzubringen, und erft, als dies alles geordnet und der 3ug längst im Fahren war, fanden ste Beit, einen kurzen prüfenden Blick auf die Reisegefährten zu werfen.

Sind Sie es wirklich, Lutter?" fragte der junge Here nach einer Weile, während er das goldene Lorgnon auf die Nafe klemmte und darauf die Spiken feines schwarzen Schnurrbartes emporbrehte. Sie fennen mich wohl nicht mehr? Referendar v. Gottschalt ja so, zur Beit, als Sie auswanderten, befand ich mich noch auf der Universität, aber meine Familie werden Sie kennen, Ihr Vater, der Schloffer meifter Lutter, war oft in unserem Hause."

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Gewiß, ich kenne Sie noch und auch Ihre Fräulein Schwestern," nidte Lutter, ohne bavon Notiz zu nehmen, daß die beiden Damen recht auffallend die Oberlippe fräu felten, ich hoffe, Ihr Herr Bater, der Herr Geheimrath, befindet sich noch wohl?"

" Dante, banke," erwiderte der Referendar gnädig. Sie bringen Ihren Eltern eine böse Nachricht mit!

Wiffen Sie es schon?" fragte Lutter haftig. " Unser Ronful drüben hat uns die Geschichte be richtet wer hätte das von Ihrem Bruder Ronrab erwartet!"

Wenn ich Ihnen sage, baß er schuldlos war, so wer ben Sie mir vielleicht nicht glauben," erwiderte Butter, tief und schwer aufathmend, aber Wahrheit ist es, und ich weiß nicht, was ich brum gäbe, wenn ich jetzt noch seine Unschuld beweisen könnte. Der Herr Baron v. Bergau hier, der mit mir zugleich in Ralifornien war, wird mir bezeugen, daß von Seiten meines unglüdlichen Bruders an Vertheidigung nicht zu denken war, ein törperliches Gebrechen genügte, bie Schuld zu beweisen, das Urtheil folgte der Anklage in ber­felben Minute."

Damit war der Baron seinen Reisegefährten vorgestellt, und es fonnte ihm nicht entgehen, daß die Damen eins ander einen sehr bedeutungsvollen Blick verstohlen zu warfen.

Ich bebauere, dieser Behauptung die gewünschte Be fätigung nicht geben zu können," sagte er, nachdem er sich vor den Damen leicht verneigt hatte, ich war bamala