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Nr. 169
Freitag, den 23. Juli 1886.
III. Jahrs.
Berliner Volksblatt.
Organ für die Interessen der Arbeiter.
Das„ Berliner Volksblatt"
erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin fret in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 tart, wöchentlich 35 Bf. Boftabonnement 4 Mart. Einzelne Nummer 5 Bf. Sonntags Nummer mit der illuftririen Beilage 10 Bf. ( Eingetragen in der Boftzeitungspreislifte für 1886 unter Nr. 769.)
Redaktion: Beuthstraße 2.
Ein Manchestermann.
II.
Herr Alexander Meyer versucht troh ber thatsächlich frivolen Anschauungen, die wir im vorigen Artikel beleuchtet haben, fich doch ben Eugenbrod anzuziehen, ober er giebt vielmehr vor, der Rod von St. Manchester fei ber eigent liche Eugenbrod. Deshalb schlägt er zu seinem Heiligen den frommelnben Blid heuchlerisch empor und rebet im An fchluß an die oft geäußerte Meinung, daß es boch eigentlich eine miserable Weltordnung sei, wenn ein ernsthafter Ge lehrter barben müsse und ein gewandter Matler Hundert taufende verdiene, ruhig weiter:
Ich würde dieses Gefühl theilen, wenn ich der Anficht wäre, bas teichthum das höchste Gut ist. Dieser Ansicht bin ich aber nicht, und stelle barum an die fittliche Weltordnung nicht das Poftulat, daß ste jeden nach Maßgabe des fittlichen Werthes feiner Begabung mit materiellen Gütern lohnt. Ich leugne nicht, daß auch mich Rontralt manche Einzelheiten in der obwaltenden VermögensvertheiEb benfellung unangenehm berühren. Daß eine flete Poffe ihrem Verfasser viele Taufende abwirft, während ein ernsthaftes Buchbra ma nichts einbringt, ist ja anstößig; allein ich stelle den Unmuth über diese Einzel heiten zurück gegen die Einsicht in die Noth. ndes betwendigkeit der herrschenden Wirthschufis. fte Leben ordnung."
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Man sieht, daß der Herr Abgeordnete ber eigentlichen Frage in Bezug auf die herrschende Wirthschaftsordnung" fortwährend aus dem Wege geht. In seiner Biermeyer. manter stellt er den Gegensatz zwischen einer schlechten Poffe und einem ernsthaften Buchdrama( ernsthaft ist übrigens gar fein Gegensatz von schlecht; und wenn Herr Meyer ein ernsthaftes Buchdrama" schreiben würde, so fiele basselbe gewiß nicht gut aus) bei ber herrschenden Wirthschaftsort nung" in den Vordergrund, während er ganz zu ver
geffen scheint, daß mit dieser Wirthschaftsordnung in erster, in zweiter und in britter Linie die Arbeiter und Unternehmer zu thun haben, daß es sich nicht um Rozebue und Schiller dabei handelt, sondern um Rapital
und Arbeit.
Und so aufgefaßt, erklärt Herr Meyer die heutige Wirthschaftsordnung für eine Nothwendigkeit. Der liberal fortschrittliche Herr Meyer erklärt es ferner für nothwendig, daß Millionen von fleißigen Arbeitern thatsächlich hungern, er erflärt es für nothwendig, baß einzelne wenige Krupps, Bleichröders und Rothschilbs
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Deshalb ftellt Herr Meyer feinen Unmuth zurüd, eben weil diese Bustände nothwendig seien. Einige Beilen später
Radbrud verboten.
Feuilleton. Spuren im Sande.
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Roman von Ewald August König. Meister Lutter ging bald in seine Werkstätte zurück, er wollte, wie er sich ausbrüdte, mit einigen Hammers fchlägen eine eilige Arbeit vollenden, bie am nächsten Tage abgeliefert werden mußte, und schon nach wenigen Minuten war brüben im Hinterhause die Arbeit wieder in vollem Bange.
Dora mußte auch aufbrechen, der Vater wartete auf bie Antwort des Schloffermeisters, und da der Abend in awischen angebrochen war, nahm Paul seinen Hut, um sie zu begleiten.
Sie lehnte die Begleitung freilich mit einigen bankenden Worten ab, aber Baul achtete nicht darauf, und seine Mutter bestärkte ihn in seinem Borsat.
So schritten die Beiden hinaus und es währte eine geraume Weile, ehe sie den Anknüpfungspunkt zu einem Gespräch fanden.
Dora richtete die Frage an ihn, ob er jegt in der Hei math bleiben werbe, und aus ben weiteren Bemerkungen, bie fte baran knüpfte, erkannte er, baß fie über das Schicksal ereinleif feines Bruders unterrichtet war.
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Insertionsgebühr
beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Haum 40 Bf. Arbeitsmarkt 10 Bfennige. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 übe Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Bimmerftraße 44, sowie von allen Annoncen Bureaux , ohne Erhöhung des Preises, angenommen.
Expedition: Zimmerstraße 44.
aber erklärt Herr Meyer, den Arbeiter parobirend, baß er fich mit Mitteln der Ernährung, der Bekleidung, der Be leuchtung und der Krankenpflege versehen könne, bie ihm früher unerreichbar oder unbekannt gewefen feien und er, Meyer, sei persönlich dankbar für die Wohlthaten, welche ihm die herrschende Wirth fchaftsordnung geschafft habe. Wenn wir ben fingirten Arbeiter Meyer, der von der herrschenden Wirthschaftsordnung im wesentlichen nur Noth und Plage hat, von dem Herrn Landtagsabgeordneten für Breslau und Reichstagsabgeorb neten für Halle a. b. Saale , bem Herrn Dr. Alexander Meyer trennen und legteren nur ins Auge faffen von vorne und von hinten bann geftehen wir gern, daß in der Berherrlichung unserer herrschenden Wirthschaftsordnung ein tüchtiges Stüd Wahrheit liegt. Dagegen fönnen wir in der That nicht streiten. Aber das Wohlergehen des Herrn Dr. Alexander Meyer, so angenehm es für ihn selbst sein mag, ift boch für die Gerechtigkeit und vor allen Dingen für bie allgemeine Nüglichkeit unserer herrschenden Wirth fchaftsordnung ebensowenig von Belang, als ob ber ehren werthe Gelehrte, der Verfasser eines Buchbramas oder der gewandte Matler, der Poffendichter an den Gütern dieser Welt ben hervorragendßten Antheil erhält.
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Es giebt Leute, welche die Thätigkeit eines tüchtigen Lohnarbeiters auf dieselbe Stufe mit der Thätigkeit bes Dr. Meyer stellen und banach auch den Lohn bemeſſen würden, den die Gesellschaft eigentlich für diese Thätigkeit zahlen müßte. Die heute herrschende Gesellschaft aber ftellt burch ihre hohe Belohnung die Thätigkeit des geehrten Herrn mit der Thätigkeit eines gewandeten Mallers ober eines Poffendichters auf gleiche Stufe.
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" Für die ganze bürgerliche Gesellschaft", so bemerkt Herr Meyer außerdem, ist es von dem höchsten Interesse, daß möglichst viele Rapitalepartikel in diejenigen Hände tommen, bie den besten Gebrauch davon machen Lönnen. Dieses Biel zu erreichen ist bisher kein befferer Regulator gefunden worden als bie frankenlofe wirthschaftliche Freiheit, und anzunehmen, daß wirthschaftliche Freiheit, und anzunehmen, daß man jemals einen befferen Regulatur finden werde, über schreitet wenigstens zur 3eit mein Vorstellungsvermögen. Diese wirthschaftliche Freiheit seht die große Belohnung her vorragenden Reichthumes auf eine zwedmäßige Rapitalsverwendung und sezibie schwere Strafe des Bantrotts auf einen Mißgriff. Damit bient fie dem 3wecke der Rapitalserhaltung und Ra pitalsvermehrung."
Was Herr Meyer hier sagt, haben wir im Grunde ge nommen im vorigen Artikel schon abgethan. Wer macht von dem Rapital den besten Gebrauch? Der feinen Mißgriff" in der Spekulation thut. Unfinn, Herr Meyer! Das
ihn vorgestellt hatte, reichte er ihm mit leuchtenden Augen beide Hände.
" Ich habe so viel Gutes von Ihnen gehört, und Ihre Eltern find so vortreffliche Menschen, daß ich wohl glaube, Ihnen mein volles Vertrauen entgegenbringen zu dürfen, sagte er, und damit war dauernde Freundschaft zwischen ihnen geschlossen.
Er war ein kleiner, hagerer Mann, Herzensgüte und Mißtrauen, feltsam gepaart, sprachen aus seinem blaffen, faltenreichen Geficht. Sein hintender Gang, ber verkrüppelte Fuß und der starte Auswuchs auf seinem Rüden forderten bas Mitleid heraus, er felbft aber schien davon nichts zu empfinden, eine ftille, gebulbige Resignation leuchtete aus ben hellen blauen Augen, die ab und zu sich mit prüfendem Blick auf Paul hefteten.
Paul hatte in der freundlich eingerichteten Wohnftube fich niederlassen müssen, der Mechaniker wünschte eben falls nähere Mittheilungen über das Schicksal Ronrads zu
erhalten.
,, Es ist nur gut, daß ich damals nicht bei Ihnen in Ralifornien war," sagte er mit herbem Lächeln, bas völlig table Haupt schüttelnd, bas Unglüd, einen Klumpfuß zu besigen, würde auch mich diesen rohen Richtern überliefert haben. Schon einmal habe ich erfahren, in welche Unannehmlichkeiten und Gefahren man burch solches besonderes Rennzeichen gebracht werben fann; hätte ich damals nicht meine Schulblosigkeit vollgiltig beweisen können, wer weiß, Sie sprach darüber mit aufrichtiger und herzlicher ob ich nicht damals ohne Gnade und Barmherzigkeit zu Theilnahme, fie berührte babei vorübergehend auch den Verlebenslänglicher Buchthausstrafe verurtheilt worden wäre. bacht, der vor langen Jahren ihren Vater ins Gefängniß Und glauben Sie mir, es giebt hier heute noch Leute genug, gebracht hatte. bie mich heimlich jenes Verbrechens beschuldigen," fuhr er fort, ohne das ablehnende, mißbilligende Ropfschütteln seines Rindes zu beachten. Das Rechtsgefühl des Volkes will ben Thäter bestraft wissen, und in bem vorliegenden Falle ist der Schuldige noch nicht entdeckt worden. Etwa ein Jahr nach jenem Ereigniß machte ich eine fleine Erbschaft, fie sette mich in den Stand, ein eigenes Geschäft zu grün ben; an diese Erbschaft wollte man anfangs auch nicht glauben, die Behörde hat sich sehr scharf danach er fundigt."
Er mußte ihr bas Borgefallene noch einmal mit fur en Worten berichten, und so sehr ihn selbst auch jebe Er innerung an jenes Ereigniß erschütterte, tam er boch ohne Bögern ihrem Wunsche nach.
Er konnte so offen und vertraulich mit ihr reben wie mit einer Schwester, und als sie nun vor der Wohnung des Mechaniters anlangten, trat er mit ihr hinein.
Heinemann empfing den Begleiter seiner Tochter mit einem unverkennbar mißtrauischen Blid, aber als Dora
Sprichwort ist allzubekannt, daß bie bidsten Kartoffeln auf bem Ader des bummsten Bauern wachsen. Daß der Glücks pilz mehr erringt, als der wirthschaftlich Kluge, ist gleich falls wahr.
Wer verwendet denn sein Kapital am zweckmäßigften? Wenn Sie, Herr Meyer, angeben könnten, wie der Befizer fein Rapital am awedmäßigsten verwenden könne, aber vorher, Herr Meyer bann wären Sie in furzer Zeit Millionär. Wenn Sie aber in schrankenloser wirthschaft licher Freiheit" auch ben besten Gebrauch von Ihren Rapitalspartiteln machen und wenn Sie, was man Ihnen nach Ihren ökonomischen Studien in der That zutrauen fann, Herr Meyer, auch die zweckmäßigfte Rapitals verwendung" in Szene setten, so fönnten Sie sehr rasch trog ihrer Klugheit ein Bankerotteur sein. Man sieht also, daß selbst die zwedmäßigfte Verwendung" des Kapitals in subjektiver Betrachtung zum Ruin führen kann und ben wirthschaftlich Tüchtigen nicht schützt. Die wedmäßigfte Verwendung" des Rapitals in objetiiver Betrachtung tann und man leider erst nach der Verwendung feststellen bies ist für die Raz.
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Als wir so weit mit unseren Betrachtungen gekommen waren, fiel uns ein konservatives Blatt, die Hallische 3tg.", in die Hand, welche fich auch über den Artikel des Herrn Meyer und über die zweckmäßiafte Verwendung" bes Rapi tals äußert, allerdings in einer Weise, die nur fonfervativen Blättern geftattet ist. Das Blatt spricht von„ Ausrauben der Mitmenschen", von Betrügen der wirthschaftlich Schwachen". von einer ganzen Stala von Brutalitäten 2c.
Wir machen uns die Sache nicht so leicht und werden unsere objektiven Betrachtungen in einem dritten Artikel zum Abschluß bringen.
Politische Uebersicht.
fein. 23ie es beigt, lagen bei den Berechnungen, die fürzlich Ein neuer Branntweinfteuerentwurf soll bereits fertig awischen den Finanzministern Württembergs und Badens fo wie einem Vertreter des bayrischen Finanzministers in Pfors heim stattgefunden haben, bereits die Grundzüge deffelben vor. Ueber den Inhalt deffelben wird natürlich die ftrengste Ver schwiegenheit beobachtet. Man nimmt an, daß sich der Bun besrath schon in der ersten Hälfte des Ottober mit diesem Entwurfe au befaffen haben und daß der Reichstag deffelben wird. 50 melbet bie Nat- Btg." Uns thut nur der arme Entwurfs wegen diesmal früher als sonst einberufen werden Finanzminister leid, der schon so viel für den Papierkorb ge than hat und doch nie Nuhe finden kann.
fürzlich beschlossen, mit allen Schriftgießereien, welche mit einer Die Junung der Dresdener Buchdruckereibefizer hat im Verhältniß zum Anlaufswerthe au fleinen Anzahlung Drudereien einrichten oder die natürlichen Kunden der Buch
Aber wenn Sie das alles wußten, dann begreife ich nicht, daß Sie in dieser Stadt geblieben find!" erwiderte Paul.
Staube machte, bann zweifelte niemand mehr an meiner Schuld, man mußte barin das Schuldbewußtsein eines bösen Gewissens erbliden, ba wars beffer, dem Verdacht muthig die Stirne zu bieten. Und dann hält man ja immer fest an der Hoff nnng, daß Alles an die Sonne fommen werde." Glauben Sie heute noch baran?" " Felsenfest!" nickte Heinemann, und ein entschlossener 3ug umzuckte dabei seine Mundwintel. So lange es auch noch währen mag, meine Ueberzeugung, daß die Bergelung kommen muß, wird nie erschüttert werden."
Weshalb follte ich nicht? Wenn ich mich aus dem
Paul fonnte diese Ueberzeugung nicht theilen, feine eigenen Erfahrungen sprachen dagegen, und daran, daß ein Bufall das Dunkel lüften und die Wahrheit an den Tag bringen werde, glaubte er nicht.
Er wäre gerne noch länger geblieben, aber er mußte, baß bie Eltern mit dem Abendbrot auf ihn warteten und fich danach sehnten, mit ihm zu plaubern, so mußte er benn für heute scheiben.
Heinemann sprach die Hoffnung aus, daß gemeinsame Arbeitsintereffen zu häufiger Begegnung führen würben: bamit war Paul einverstanden, und auch in den Augen Dora's glaubte er 3uftimmung zu lesen.
In gehobener Stimmung verließ er das Haus, er hatte fich wohl gefühlt bei diesen einfachen, gemüthvollen Men fchen; mit dem ersten Empfang, den er in der Heimath ge funden hatte, konnte er zufrieden sein; nur ein häßlicher Schatten, die Erinnerung an den Baron v. Bergau, glitt flüchtig über das schöne Bild hinweg.
Die Heimtehr bes verlorenen Sohnes.
Der Baron v. Bergau hatte die Wohnung seines Vaters bald gefunden. Sie bestand freilich nur aus einigen ziemlich dürftig möblirten Simmern, aber fie lag in einem der vor nehmsten Stadtviertel, und das Haus selbst machte einen höchst eleganten, aristokratischen Eindruck.
Ein Diener in Livree empfing den Heimkehrenden, ber