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Nr. 246.
Donnerstag, den 21. Oktober 1886.
III. Jahrg.
Berliner Volksblatt.
Drgan für die Interessen der Arbeiter.
erfcheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin fret in's baus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Bf. Bostabonnement 4 Mart. Einzelne Nummer 5 f. Sonntags- Nummer mit der illuftrirten Beilage 10 Pf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1886 unter Nr. 769.)
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So kann man endlich einmal mit einiger Befriedigung ausrufen, nachdem man die neuesten Entschlüsse unserer Staatsbahsverwaltung vernommen. Diefelbe bat fich nämlich mit den jüngst in auffallenb rasher uf einanderfolge vorgekommenen Eisenbahnunfällen beschäftigt uzb beren Ursachen nachgeforscht. Sie hat dann endlich ein Prinzip aufgestellt, das wir schon mit allem Nachdruck vertreten haben: Es sollen an feinen im äußern Dienst be schäftigten Beamten Anforderungen gestellt werben, bie er nicht ordnungsgemäß erfüllen kann und die Sparfam fettsrüdsigten sollen hiergegen zurüdtreten. Es ist an die Eisenbahnbehörden die Anweisung ergangen, Diesen Grundsatz auch im Einzelnen ftrifte burchzuführen.
Bir find feft überzeugt, daß bies das einzige Mittel ist, die Betriebsfierbeit zu dem Grabe erheben zu können, ber ben heutigen Anforderungen entspricht. Das gewöhnliche Philisterthum, bas in solchen Dingen immer höft oberflächlich aburtheilt, ist auch heute noch bei Efenbahnunfällen geneigt, biefelben ausschließlich dem Beichtfiun" ober der Trägheit irgend eines Angestellten zuzuschieben. Das mag in einzelnen, ja nach den Umstänben auch in vielen Fällen zutreffen, im Allgemeinen aber ficherlich nicht.
Man weiß, daß die Bezahlung der wiederen Beamten, der Bahnwärter, Weichensteller u. f. w., auf denen eine fchwere Berantwortlichkeit lastet, auch bei den Staatsbahnen bieber leine genügende gewesen ist. Wenn solch ein Be Diensteter mit feinem Einkommen seine Familie nicht er nähren fonnte, so war er genöthigt, sich einen Nebenerwerb zu schaffen, und konnte auf biese Weise leicht in die Lage tommen, feinem Dienste nicht immer bie erforderliche Aufmerksamkeit zuwenden zu können. Ober man be Bahlte einen
folchen Bedinsteten leiblich, übertrug ihm aber dann zu viele Arbeiten, als baß er dieselben orbnungsgemäß hätte bewältigen tönnen. Es mag auch vielfach vorgekommen sein, daß folche Bediensteten unge nügend bezahlt unb bennoch mit Arbeit fiberhäuft wurder. Man fah vielfach Weiber und halbe Kinder, welche es nun aushilfsweise oder definitio bie Stelle von Bahnwärtern verfaben und man fieht sie heute noch. Die Verwaltung der Reichsbahnen in Elsaß botirt, wenn wir recht wiffen, biefe Frauen mit täglich 40 Pfennigen; danach läßt fich annehmen, daß die preußischen Staatsbahnen sie abslich bezahlen.
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Es ist eine alte Erfahrung, daß mit den Löhnen auch bie Leiftungsfähigkeit und Arbeisluft ftult; ber Eisenbahnbetrieb ist davon sicherlich nicht ausgenommen. Und
Nachbruck verboten.]
Feuilleton.
Im Hause des Verderbens.
Kriminalroman.
Von Reinhold Ortmann.
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denn, wie die Staats Eisenbahn
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verwaltung sun auch zugiebs, bie meisten Unfälle im Ueber den großen Sozialistenprozek gegen
häufung mit Arbeit zurückführen. Daß die Verwaltung fich Eisenbahnbetrieb auf ungenügende Bezahlung und Ueber entschlefsen hat. in dieser Sache Abhilfe zu schaffen, is recht erfreulich. Herr Stephan, der Generalgewaltige der Post, scheint auf seinem Gebiet einen anderen Grundfak walten su laffen; er scheint zu glauben, bie Verkehrswege müßten in erster Linie recht ergiebig für den Staat gemacht werden. Vielleicht läßt sich Herr Stephan durch das Vorgehen ber Eisenbahnverwaltung auch befehren und sucht die Post Leistungsfähiger zu machen, als sie heute schon find. anstalten durch bessere Bezahlung der Unterbeamten auch
Das ist's, was wir von der Maßregel der Eisenbahn verwaltung erhoffen, daß fie nicht auf das Gebiet des Eifen werden, daß dies Prinzip in allen Staatsbetrieben anerkannt bahubetriebes beschränkt bleibt. Es muß dafür eingetreten Es muß dafür eingetreten wird; nicht nur da, wo mit bem Betrieb gewisse Gefahren verbunden sinb. Wir sind überzeugt, daß sich in den Staats betrieben ein ganz ungeahnter Aufschwung tundgeben würde; sie würden leistungsfähiger und der anfängliche Ausfall am Ertrag würde mehr als ersetzt werden. Aber bie Sache Privatbetriebe, die mit ben Staatsbetrieben in Beziehung hätte auch noch eine andere vortheilhafte Wirkung. Jene sehen, würden bis zu einem gewiffen Grabe gezwungen Privatbetriebe, die mit ben Staatsbetrieben in Beziehung sein, dem Beispiel der Staatsbetriebe zu folgen; auch fie müßten beffere Löhne zahlen. Dazu kommt noch, daß bei einem nur einigermaßen erhöhten Verdienst der vielen Staatsarbeiter auch die Ronsumtion im Allgemeinen steigen und somit zur Herbeiführung günstiger wirthschaftlicher 3ustände beitragen würde. Die Herren Geheimen Finanzräthe werden zwar ben Ropf Schütteln und um die Staatseinnahmen aus den Staatsbetrieben besorgt sein. Aber geht es bem Staat jetzt beffer, da in Folge der niedrigen Löhne Hunderttaufende ihre Steuern nicht bezahlen tönnen und selbst die Exekutionen fruchtlos bleiben!
So tönnten fich aus dem Prinzip, bas die Eisenbahnverwaltung aufgestellt hat, eine Reihe von segenbringenden verwaltung aufgestellt hat, eine Reihe von segenbringenden Maßregeln ergeben, wenn man nur entschlossen ist, die Maßregeln ergeben, wenn man nur entschlossen ist, die Sache mit der nothwendigen Energie und Umficht anzu faffen. Wir müssen vorläufig allerdings bezweifeln, daß fich unsere Wünsche erfüllen werden, wie wir fie hier aussprechen. Aber baß die Eisenbahnverwaltung das, was wir in diesem Falle längst als richtig anerkannt, im Prinzip ge in diesem Falle längst als richtig anerkannt, im Prinzip ger billigt hat, enthält für uns eine Bürgschaft, daß man dabei nicht stehen bleiben wird. Die Wirkung solcher Maß regeln treibt ganz von selbst vorwärts; beffen sind wir fier.
ber Rampe des Herrenhauses hielt, unterbrach fie jedoch schon mitten im ersten Eaße. Der Aufforderung Branden [ 5 ftein's folgend, trat fte an das Fenster und blidte hinunter.
Aber das Wetter sollte auf ihn niederfahren, wenn er im Stande wäre, fein braves Liebchen um des lumpigen Erbtheils willen im Stige zu lassen!" braufte der alte Herr auf, und es war ihm anzusehen, daß ihn wirklicher Antheil für die Sache erfüllte." Nein, eine solche Erbärmlich feit traue ich dem Holmfeld nicht zu. Wird sich im Nothfall ſchon ſelber ein Nest zu bauen verstehen, und wenn er nicht weiß, woher die Halme bazu zu nehmen find, soll er nur zu mir kommen. Wird mir ein Vergnügen sein, Euch gerabe bem alten Geizhals zum Eroz zusammen zu bringen. - Also Kopf hoch, mein Jungferchen; ich dente noch an Eurem Hochzeitstische zu fißen und momöglich, auch noch einige Male Gevatter zu stehen, gelt
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Reines Wortes mächtig, ergriff das junge Mädchen seine Hand, um sie an ihre Lippen an sieben; aber ber Gutsherr Ließ es nicht zu. Er brudte ihre schlanken Finger und Streichelte dann sanft thr weiches blondes Haar.
Wir brauchen jest wohl nicht weiter über die Sache au reben," fuhr er fort,„ bin ohnehin schon um ein gutes Stüd meiner gewöhnlichen Lektüre gekommen. Also wenn's dem kleinen Fräulein recht ist, fangen wir mit unserer Beitung an."
Elsbeth bemühte fich, ihre Bewegung rasch zu unter brüden. Sie irat an ben großen, mitten im Simmer stehen den Tisch, um aus den theilweise noch uneröffnet auf dem felben liegenden Poftfachen die Zeitungen vom heutigen Tage auszuwählen. Das Auge des alten Herra folgte ben anmuthigen Bewegungen ber schlanken Gestalt mit sichtlichem Wohlgefallen, und behaglich fette er sich in seinem Lehnstuhl zurecht, als Elsbeth wieder ihm gegenüber Platz genommen hatte und zu lesen begann.
Das Rollen eines rasch heranfahrenden Wagens, der auf
Es find zwei junge Herren, die ich nicht fenne" sagte ft, fie tommen in der Kreuzfeider Lohnkutsche, also wahr scheinlich von der Eisenbahn!"
Fast in demselben Augenblick schon öffnete der alte Rammerbiener bie Thür und meldete mit einem Zone, der eine eigene Ueberraschung verrieth:
Herr Baron Kurt von Brandenstein!"
V.
Wenn Deltor Paul Ramfelb nicht bescheiden genug
gewesen wäre, fich während der Begrüßungsszene zwischen Dheim und Neffen im Vorzimmer zu halten, jo hätte er fisherlich an der Gelehrigkeit des zu feinem Schüler gewor benen Freundes ein aufrichtiges Vergnügen gefunden. Mit einer Miene, der nur der schärfte Beobachter ansehen konnte, baß ihre Herzlichkeit, ihre Freude, eine erzwungene und fünftlich festgehaltene war, eilte Kurt, dem meldenben Diener auf dem Fuße folgend, auf feinen Sheim zu; bes letteren wottloses und nichts weniger als ermuthigendes Erstaunen bemerkte er anscheineub gar nicht.
Das nenne ich einmal eine Ueberraschung, nicht wahr, Onkelchen?" fagte er mit einer trotz seines HerzKlopfens meisterlich dargestellten Unbefangenheit. Ungela ben und unerwartet, aber hoffentlich nicht unwillkommen, plaße ich Dir in's Haus, ber sprichwörtlichen Gastfreund schaft der Brandenfteiner vertranenb. Dein liebes freund lides Geficht sagt mir schon, daß ich damit nicht auf Sand gebaut habe."
Das war eine recht grobe Lüge, benn im Antlig des alten Herrn ließ fich weber Liebe noch Freundlichkeit ents beden. Seine Miene war so ernst und förmlich, wie seine Haltung fleif.
Von den beiden dargebotenen Händen seines Neffen berührte er nur flüchtig die Fingerspitzen der einen und fagte dann langfam:
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Es ist mir in der That eine Ueberraschung, Dich hier vor mir zu sehen, Curt; vor der Hand begreife ich auch
Auer, Bebel und Genossen
schreibt Herr Mundel sarkastisch in der Nation":
Am 7. Dltober v. J. wurde in Chemnis das die Ange
lagten Bebel und Genoffen freisprechende Urtheil verkündet; am 11. Dltober bs. Js. hat die entgegengesezte, verurtheilende Entscheidung durch Billigung des Reichsgerichts Rechtstraft er langt. Vier Erkenntnisse find erforderlich gewesen, um das, was nunmehr Rechtens ist, berzustellen. Wieviel Mühe noch vorher nöthig war und aufgewendet wurde, um überhaupt zur richterlichen Berhandlung au gelangen, steht nicht in den Alten. Aber der Kopenhagener Rongreß bat vom 29. März bis zum 2. April 1888 getagt. Nach seiner Beendigung erfolgte bie polizeiliche Verhaftung mehrerer sosialistischer Reichstagsabge ordneten in Riel, die ihrer Belt die Mißbilligung des Reichs tags erfahren hat. Diese Verhaftung also wiederum polizeiliche Initiative bat den Anstoß zur Einleitung bes Projefes gegeben. Seit jener Beit hat die ftrafrechtliche Arbeit gewährt. Sieben Semester werden auch jezt noch als ausreichend für ein erfolgreiches juristisches Studium er achtet. Und der Erfolg ist eingetreten; der Verftand der Rechts gelehrten hat nach mehr als reiflicher Erwägung bestätigt, was Die Bollzugsbehörden intuitio empfanden, ohne das Verständniß mehrbeit finden zu tönnen. ber für Gemüthßerregungen wenig augänglichen Reichstags
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Die intiage, oder vielmehr ihre anscheinend von einem andern Verfasser gearbeitete Beilage, war, nach jeder Richtung betrachtet, ein Kunstwert; aus den verschiedenen Jahr fosta
waren
gängen bes Bozialdemokrat" und fonftiger beftebende abschnitte zu einem Mosaltbilb aufammengetragen, liftischer Rundgebungen auß wenigen Bellen aus welchem der unbefangenfte Betrachter im Stande war, die Ueberzeugung schöpfen zu wollen, daß die Angeklagten und ibre Anbänger gefliffentlich das Vorhandensein einer awischen thnen bestehenden Verbindung zum 8ved ber Gebeimbal tung derselben veröffentlicht hatten, in dem töörichten Glauben, durch eine äußerliche sogenannte chronologische und fachliche Drdnung des Stoffes das Geheimniß verstecken au tönnen. Gleichwohl haben die Angellagten damit Erfolg ge babt; bas Landgericht in Chemnis bat die geheime Berbin bung(§ 128 Strafgesetzbuches) nicht entdect; und auch das Frei berger Gericht, obwohl durch das Urtheil des Reichsgerichts zu einer größeren Freiheit in der Auffaffung des Verbindungsbe griffes befähigt, bat diese gebeime Verbindung noch nicht auf finden lönnen; ein Mangel, welcher dem Herrn Dberreichsan walt bei dem Schlußalt des Dramas den Ausdrud eines flüch tigen Bebauerns entloďte. Mit Unrecht; denn etwas muß doch auch der Baukunft noch vorbehalten bleiben.
Der Gerechtigkeit entgehen ihre Dpfer ja auch so nicht: die schlimmere gefeswidrige Berbindung des§ 129 Strafgesetzbuches ift dargethan, und fast bis an die Grenzen der auläffigen Strafe ift auf Strafe erkannt. Das muß mit der allerdings nicht wegauleugnenben Thatsache versöhnen, daß die
burchaus nicht, was Dir in meiner ländlichen Einsamkeit plöglich so anziehend und verlodend erschienen ift."
Der junge Mann fühlte, daß er den Blick dieser Ilaren grauen Augen, bie scharf und prüfend auf ihm ruhten, nicht lange zu ertragen vermöge, ohne aus seiner Rolle zu fallen. Er entschloß sich darum, die Sache so kurz wie möglich zu machen.
,, Ein Bedürfniß nach Ruhe und Sammlung, theuerster Onkel," sagte er so treuherzig wie möglich, ist wohl ber erste Impuls zu meinem Entschluß gewesen, aber was ihn so schnell zur That reifen ließ, war doch schließlich nichts Anderes, als das herzige Verlangen, meinen lieben Ver wandten und Wohlthäter endlich einmal wieber zu sehen.
Bielleicht fann ich babei manch' kleines Mißverständniß be feitigen, bas fich während der langen Trennung förend swischen uns ftellte. Mit einem Wort, es war mehr eine Handlung des Herzens, als der Ueberlegung, und ich komme fast in Berlegenheit, wenn ich haarklein die Gründe bazu
angeben soll."
Sebenfalls fürchte ich, baß Du die Annehmlichkeiten eines Aufenthalts in Brandenstein bedeutend überschäßt haft. Einem alten gebrechlichen gebrechlichen und verdrießlichen Manne Gesellschaft zu leisten, ist jedenfalls nichts Amü fantes, und 3erstreuungen anderer Art kann ich Dir nicht versprechen."
ber, befter Ontel, auf Vergnügungen in diesem Sinne rechnete ich ja nicht. Rann ich nur ein Stündchen mit Dir plaubern, eine Partie Schach oder Piquet mit Dir fpielen, und während des übrigen Tages, so weit es meine Stunden erlauben, in Wald und Feld umherschweifen, fo bin ich vollkommen befriedigt. Das Stadtleben widert mich förmlich an; ich empfinde eine unbeswingliche Sehnsucht nach Ruhe und Einsamkeit."
Wenn Du nichts anderes suchst das kannst Du hier vollauf finden! Also willkommen in meinem Hause, und versuche, Dich nach Deinem Belieben einzurichten. Der alte Jakob wird Dich von unserer Hausordnung unterrichten; Störungen barin liebe ich nicht."
Tausend Dank für den freundlichen Empfang, befter Onkel! Anders habe ich es ja gar nicht erwartet! Ja,
Theodor Fricke