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Donnerstag, den 28. Oktober 1886. Tayy
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Berliner Volksblatt.
Organ für die Interessen der Arbeiter.
Das„ Berliner Boltsblatt"
beint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin fret in's baus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Bf. Bostabonnement 4 Mart. Einzelne Nummer 5 Bf. Sonntags- Nummer mit der illustrirten Bellage 10 Bf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1886 unter Nr. 769.)
Zur Militärfrage.
Insertionsgebühr
beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 BE größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 Uhr Nachittag in der Expedition, Berlin SW., Bimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen- Bureaur, one Erhöhung des Preises, angenommen.
Redaktion: Benthstraße 2. Expedition:
Man ist es gewohnt, daß die halb- und ganzoffiziöfen Breßorgane einen großen Lärm machen, wenn es sich um Mehrforderungen für das Militär handelt. Sie tuten bann mit mächtigem Geräusch in die Riegstrompete und weisen auf die Gefahr im Westen" hin, wenn sie auch erst bret Wochen vorher verkündigt haben, daß der allgemeine Friebe von Neuem gesichert set. Dem Reichstage, bei dem bie Eatscheidung über die Mehrforderungen liegt, brohen biefe Blätter einfach mit Auflösung, falls er nicht in bie Mehrforderungen willigen follte.
Das Alles hat sich schon oft ganz schablonenmäßig ab. gespielt und man fiabet diese Behandlung der Sache immer von Neuem wieber probat. En französischer Geschicht Ein französischer Geschichte Schreiber fagt, in der Politik lasse sich nichts so leicht forts fehen, als was fich einmal erprobt habe. Dieser Anschauung heinen auch unsere fiziösen zu sein und so haben wir schon seit Wochen es gelassen aussprechen hören, wenn ber Reichstag die militärischen Forderungen der Regierung nicht bewillige, so werbe man ihn auflösen.
Diese schredliche Drohung hat ganz besonderen Enbrud gemacht bei jenen Parteien, die fich vor einer Auflösung bes Reidstages zu fürchten haben, bei den Freifinnigen und Nation alliberalen. Diefe Parteien find dem Angriff von rechts und von links ausgesetzt und sie müssen die Roften tragen für die Verschärfung der Parteigegenfäße; fie geben bei Neuwahlen eine Anzahl von Mandaten nach rechts und nach links ab.
Man weiß zwar heute noch nicht genau, wie weit sich bie Mehrforderungen erftreden werden. Daß man ein sogenanntes etern at verlangen wolle, ist bekanntlich be ritten worden, womit nicht gefagt ist, daß bas Aeternat nicht boch kommen lann. Die Nationalliberalen hatten dem Meternat gegenüber soon die gewohnte Stellung eingenom men; die Rölnische Beitung" rief mit Heulen und 3ähne flappern, es fei etwas viel, was man da verlange, allein man lönne fich verständigen. Und was bas heißt, das weiß man; bie Nationalliberalen hätten mit ben Ronservativen bem eternat unbedingt zugestimmt.
Aber bas Sentrum! Hier liegt die Schwierigkeit, der bie Thränen ber Oifigiöfen gelten. Herr Windthorst Herr Windthorft it i ja ein sehr vorsichtiger Mann. Er führt ben Uebergang von einer firchenpolitischen Oppositionspartei zu einer regierungsfreundlich Tas holischekonfervativen Partei mit großer Beſchidlichkeit burg . Die Maffe der Wähler soll biese Berwandlung nicht bemerken, baher die große Rouliffen Schieberei. Der Ultramonianismus hat nach Kräften dafür gesorgt, die von ihm geleiteten Massen mit Blindheit zu flagen. Borläufig feben sie die Verwandlung noch night
Radbrud verboten.]
Feuilleton.
Im Hause des Verderbens.
Kriminalroman.
Bon Reinhold Ortmann.
IX.
Expedition: Zimmerstraße 44.
nach ihrer Bedeutung an. Aber auf die Dauer fann fie ihnen denn doch nicht verborgen bleiben und bann wird die Schaufelpolitik bes Herrn Windthorst Früchte tragen, Schaufelpoliti! des Herrn Windthorst Früchte tragen, welche der kleinen Exzellenz" am meisten unangenehm find.
Vorläufig ernten die Herren noch. Einstweilen wird bie große Ronzession an den Ultramontanismus bie organise Revision" der Maigesete, bie Herr Winbthorft fo eft verlangt hat, vorbereitet, und Herr Herr Winbihorft so eft verlangt hat, vorbereitet, und Herr ven Goßler hat sich dazu die 3uftimmung des leitenden Staats. mannes geholt. Es ist möglich, daß man diesmal den Ultramon tanen in Bezug auf die Maigefeßgebung noch nicht alles bewilligt, was fie für absolut nothwendig" halten. Aber bie Buge ständnisse, die man ihnen machen muß, werden sehr große ständnisse, die man ihnen machen muß, werben sehr große fein, denn man verlangt ja auch viel von ihnen. Sie sollen bie Militärfrage lösen helfen und sie werden es thun. Vielleicht werben auch sie nicht ganz so weit gehen, als man fie brängen will, allein in der Hauptsache werden fie fich erkenntlich erweisen.
Wie hat fich die Stellung der Regierung verändert! Sie schließt einen völligen Frieben mit Nom, um ihre Mehrforderungen im Parlament zu erreichen und ihren Einfluß auf die Parteien zu verflärken. Für die armen Nationalliberalen wird es unter diesen Umständen sehr schwer, ihrem sogenannten Prinzip treu zu bleiben, b. h. ber Regierung bedingungslos Alles, was fie begehrt, was fie begehrt, und noch ein wenig mehr zu bewilligen. Sie haben Sie haben Heimweh nach dem„ Rultus kampf", in dem sie sich so behaglich tummeln und als Helden" aufspielen fonnten. Sie werden fich nun einer helbenmüthigen Entsagung hingeben müssen und werden dabei oft blutige Thränen weinen, baß es ihnen nunmehr verwehrt ist, das deutsche Vaterland glücklich zu machen. Andere Leute werben babei nicht vers geffen dürfen, daß nationalliberale Thränen gewöhnliche Riofodilsihränen sind.
Unter diesen Umständen ist an eine Auflösung bes Reichstages laum zu denken; Herr Mindthorft wird seine große Fraktion Drehscheibe schon zu birigiren wiffen, bie Ronservativen werben mitthun und die Nationalliberalen werden sich anschließen, trobem fie eigentlich die Beche bet der ganzen Geschichte zu bezahlen haben.
Bel
tretung. Wir wollen diese noch im Embryo liegenben fonftitutionellen Rechte" nicht überschägen, wir wollen fie aber auch nicht unterschäßen, denn es ist immer beffer, wenn sie vorhanden sind, als wenn man fte gar nicht tennt.
Damit ist unser Standpunkt gegeben. Wir werden, nach den fi vorbereitenden Dingen zu urtheilen, mit ihm in der Minorität sein. Deshalb werden wir ihn aber nicht aufgeben.
Politische Uebersicht.
Die Hinausschiebung der Erfahwahl zum Reichs tage für Lowia Löwe wird mit Recht vielfach gerügt. Luomig Löwe ist am 11. September geftorben. Die Auflegung ber Wählerlisten findet erst am 8. November, alfo erft nabegu awei Monate( päter ftatt. Da nach dem Wahlgefet die Liften spätestens vier Wochen vor dem zur Wahl beftimmten Tage auszulegen find, so tann die Wahl nicht vor dem 7. Dezember ftattfinden. Die Wochen, welche unmittelbar den Weihnachts tagen vorhergeben, find in Berlin , gang besonders im erften Berliner Wahlkreis, die für die Wahl denibar ungünstigften. Ladenbefizer, Stommis, handwerker und Gehilfen haben voll auf mit den Weihnachtsgeschäften zu thun. Wie nun gar, wenn eine engere Wahl nothwendig werden sollte? Alsdann fällt der zweite Wabltermin noch näher vor die Weihnachts tage. Unseres Erachtens hätte die Erfaswahl zum Richstage für Löwe vier Wochen früher statifinden tönnen, als es jest möglich ist.
Der Antrag Hammerstein ift, mit einem Worte( das einem hoho.thooogen Blatte eniftammt) caratteri firt, bie ,, Entstaatlichung der protestantischen Kirche", aber verbunden mit er böbien staatlichen Galoleistungen für eben diese Kirche. In dieser Berbindung liegt ichon ein wesentlicher Unterschied Don jener lichenpolitischen Auffaffung, welche den religiösen Rulius ganz und gar der freien, privaten Thätigteit, freten, privaten Verbindungen überlassen will. Der Antrag Hammers flein will den Staat als feinen Kaffenmeister benußen, von ibm jährlich 64 Millionen Mart an die protestantische und 29 Millionen Mait an die latholische Stirche entrichtet wiffen, aber im Uebrigen soll sein bisheriger Einfluß auf die Kirche, ben die Ratholiten befanntlich abgeschüttelt baben, auch für die protestantische Kirche anullirt werden. Der Einfluß, den bisher Der Staat auf die religiöse Erziehung der Kinder, auf die Anftellung der Religionsbiener batte, foll auf ote Rirche über achen, und der Machteinfluß des Staates soll den firchlichen Dberen sufallen. Die evangelischen Generalsuperintendenten sollen Bischöfe nad fatholischem Vo: bild mit per önlicher, so gut wie unbeschränkter Gewalt über die Gelftlichkeit werden.
Für ben, welcher die Sache objektiv anfiebt, liegen die Bahältnisse ganz anders. Wenn der große Rampf um bie Berlängerung des Septennats oder gar um die Einführung als Meternats entbrennen wirb, fo wird man be baupten, diejenigen wollten bie Wehrhaftigkeit Deutschlands schwächen, bie eine alljährliche Feßstellung der Prä. Der Baflor Herr der Gemeinde, der Bischof Hess ber Bafloren fengstätte wollen. Dies ist eine gewöhnliche Berleumbung, benn beim Aeternat und Septennat handelt es sich gar nicht um die Wehrhaftigkeit des Reichs, sondern um bie fonitutionellen Regte der Boltsver.
burfte sicher sein, stets der Demuth und Ehrerbietigkeit zu begegnen, bie er um seiner Geburt willen ein gegründetes [ 11 Recht zu haben glaubte, verlangen zu können, und nirgends verlegte ihn, wie er fagte, die Unverschämtheit und Aufbringlichkeit sogenannter Fähigkeiten und Talente", bie er vielleicht doch gern und willig anerkannt hätte, wenn ihre Träger schlicht bürgerlich gewesen wären.
Der Oberförster von Nuggenhagen hatte fich in recht verbrießlicher Stimmung auf den Heimweg gemacht. Seit langer Beit war feiner feiner regelmäßigen Abendbesuche auf Befriedigung ausgefallen als ber heutige; denn weber die leichten Gesprächsformen des schwarzhaarigen Doktors, benen er bei noch bas B: nehmen bes jungen Herrn von Brandenstein waren banach angethan gewesen, feinen Beifall zu finden. Er war in dieser Hinsicht überhaupt nicht leicht zufrieben au ftellen. Eine etwas gopfige Erziehung inmitten der aus geprägteften abeligen Standesvorurtheile und ein langes ein fames Waidmannsleben hatten einen steifen, schwer zu gänglichen Sonderling aus ihm gemacht, in beffen Innern gewiffe Anschauungen sich nach und nach gleichsam zu Stein verhärtet hatten. Er war ein burchans ehrenhafter und iros allen polteraben Wesens im Grunde auch gutmüthiger Mensch, ber Niemandem ohne zwingende Veranlassung zu nabe irat; aber er bl die doch auf die gesammte bürgerliche Gesellschaft mit einer Geringschäßung herab, die schon zu oft zum Ausbrud gekommen, als daß fie ihm nicht viel Feindschaft und Merger hätte bereiten sollen. So war es benn gekommen, daß er nach seiner Penfionirung bie große Stabt, bie er wegen ber Ausbildung feines spät geborenen Löchterchens zunächst bezogen, gar bald wieder verlassen und sich vollständig in die Einsamkeit des Landlebens be
geben hatte.
Auf dem flachen Lande waren ja die alten geheiligten Ueberlieferungen von dem höheren Werthe und den un antafibaren Vorrechten abeligen Blutes noch um Vieles lebendiger als in der Großstadt. Herr von Nuggenhagen
So erwarb er eine kleine Befigung, die an das Bran benfleiner Gebiet grenzte und von der aus man das Herren haus des großen Rittergutes in einer starken halben Stunde bequem erreichte. Hier wollte der alte Herr ganz seinen Liebhabereien und feinem einzigen Rinde leben. Den letteren
Vorsatz faßte er natürlich in seiner besonderen Weise auf
und führte ihn auch burch; ob die Lebensweise in einem leinen Hauswefen ben Neigungen und Bedürfnissen eines fiebenzehnjährigen Mädchens entsprach, war eine mindestens sehr zweifelhafte Sache.
Musgehend von der Ueberzeugung, daß eine junge Dame aus dem Geschlechte der Nuggenhagen eigentlich schon von Geburt wiffen müffe, was fie zu thun und zu lassen habe, batte er sich bei Lebzeiten seiner Gemahlin um die Erziehung feiner Tochter Helene gar nicht weiter gefümmert, als baß er thr von ihrem zwölften Lebensjahre an fehr eifrigen und gründlichen Reitunterricht gab und sie in allen Geheimnissen bes edlen Waidwerks unterwies. An Gelehrigkeit und Eifer hatte es bie fleine bewegliche Schülerin nicht fehlen laffen, unb je weniger Gouvernante und Lehrer Beranlassung batten, sich in Lobsprüchen über Helenens Fleiß zu ergeben, befto öfter riefen ber Muth und die kräftige Behendigkeit bes förperlich früh entwidelten Rindes ein behagliches Lächeln auf dem Auilt des Vaters hervor.
Nach dem Geschmad ber sanfien und etwas fräntlichen Mutter war diese Erziehung allerdings nicht und sie hatte es auch an Bitten und Vorstellungen darüber nicht fehlen laffen; aber ber Rummer über die Wirkungslosigkeit berselben wich endlich einer stellen Ergebung, als Helene verwunder licher Weise neben ihren knabenhaften Neigungen für Reiten und Jugen auch ein unermüdliches Intereffe für wirthschaft liche Dinge, si Rochen und Braten, Pflege der Haus hiere und tausend andere nügliche Gegenpände entwickelte, so baß
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bas ist das Jdeal, welches man als Freiheit und Selbft fländiakeit der evangelischen Kirche" bezeichnet. Gelbft Die National Beitung" tebrt fich beftig gegen dieses neueste Verlangen unserer proteftantischen Orthodoxen. Sie schrieb neulich: Es ist interessant, wie den Bweden
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es nicht unberechtigt erschien, wenn der Oberförfler auf die Rlagen seiner Frau erklärte: Ein Zierpüppchen
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Laß das Kind nur gewähren! wird fie freilich nicht, aber eine musterhafte Gutsherrin, ungefünftelt und gefund an Leib und Seele. Das bischen Striden, Klavierspielen und dergleichen können wir ihr barum gern erlaffen 1"
So war es denn auch geschehen; wie ja überhaupt im Grunde genommen die ganze Erziehung nur darin bestand, baß Fräulein Helene in fleinen und großen Dingen ihren Willen burdhjesie und mit ihrem hübschen trogigen Röpf chen mitten durch alle elterlichen Widersprüche lief. Dabei
war fie ftets ein gutes und liebevolles Rind geblieben,
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ber Abgott aller Nachbarn und Dienfiboten, und die einzige Sorge, welche sie zuweilen ihrem Vater bereitete, war bie, beß fie trotz seiner einbringlichen Mahnungen bes groben
Untersdiebes fich nicht bewußt werden wollte, ber nach bes Oberföifters Ansicht schon von Anbeginn der Welt zwischen ber abligen und der bürgerlichen Gesellschaft bestand. Du mußt Dich von gemeinem Umgang fern halten, mein" Rind!" fagte er oft, wenn er bemerkte, wie vertraut Selene mit den Rindern des Dorfpastors ober Lehrers verkehrte. Und das Töchterlein tam bald genug bahinter, boß bies ber einzige Punft sei, in welchem es mit seinem daß Widerspruch gegen den Papa nicht durchzubringen ver
mogie.
Es wurde barum etwas vorsichtiger, nicht in ber Wahl des Umganges, sondern im Bemühen, dem Bater bie Rontrole über denfelben zu entziehen. Herr von Nuggen bagen hatte mit Rüdficht darauf nach dem Tobe feiner Gemahlin Helene einem Pensionat in der Reiben anver traut und war da es ihm ein unabweisbares Bedürfniß war, in ihrer Nähe zu leben gezogen.
felbft in die Großstadt
Nicht ohne Widerstreben hatte das junge Mädchen hier zwei Jahre zugebracht, bis es schließlich am siebzehnten Geburtstage dem Papa sehr bestimmt erflärte, jetzt auch feine Stunde mehr in dem„ abscheulichen Kloster" bleiben zu wollen.