Nr. 271.

Freitag, den 19. November 1886.

3. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Volksblatt"

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Expedition: Zimmerstraße 44.

Redaktion: Beuthstraße 2. Expedition:

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Nationalliberale Sozialreform. nicht, daß die Auſchauungen bezüglich Berkürzung der Ar­

Sie machen den großen Wettlauf um die Gunst des Arbeiters natürlich auch mit, die Herren Nationalliberalen. Das ist jetzt in der Mode und sie wollen auch modern sein, wenn auch ihre sonstigen Praktiken sehr alt sind. Ueber­Strömenden Servilismus gab es schon bei den alten Assyriern und Babyloniern, und Leute, die ohne feste Gesinnung zu jeder Zeit bereit waren, dem Mächtigsten zu dienen, waren ficherlich schon zur Zeit der Pfahlbauten vorhanden. Jüngst aber tam Herr Oechelhäuser daher und that, als ob er den Arbeitern Gott weiß welche Konzessionen machen wolle. Wenn man sich die Sache näher besah, wie wir in diesen Blättern gethan, so fand man, daß Herr Dechelhäuser nur bemüht war, die Verwirklichung des gegenwärtig schwe­benden Projekts einer staatlichen Alters- und Invaliden­versorgung möglichst schwächlich ausfallen zu lassen. Nun kommt aber auch das Hauptorgan der National­liberalen, die von dem weisen Herrn Böttcher redigirte Nationalliberale Korrespondenz", nnd spricht sich gegen einen Normalarbeitstag aus. Der eilfftündige Normalarbeitstag erscheint diesem Blatte schon als eine zu strenge Maßregel.

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Vielleicht wäre Herr Böttcher mit einem 14stündigen Normalarbeitstag einverstanden, damit diejenigen Arbeiter, die heute nur eilf, zwölf und dreizehn Stunden Arbeitszeit haben, dieselbe wieder auf vierzehn Stunden bringen könnten. Eine solche Maßregel wäre der geistigen Höhe angemessen, auf der sich die sozialökonomischen Anschauungen des Herrn Böttcher befinden.

I

er

beitszeit vielfach zu Gunsten des Normalarbeitstages beein­flußt worden sind durch die letzten Berichte der Fabrik­flußt worden find durch die letzten Berichte der Fabrik­Inspektoren. Diese enthalten ein ziemlich reiches Material über die in Deutschland gebräuchliche Arbeitszeit und für jeden Mann mit modernen Anschauungen muß der daraus hervorgehen, daß Staat nicht länger wenn Buständen ruhig zusehen kann, diesen nicht haben will daß Kraft und Gesundheit des Volkes dauernd des Volkes dauernd geschädigt werden sollen. Man hat diese Zustände immer bestritten und was davon in die Oeffentlichkeit drang, für Uebertreibung erklärt. Nun sind sie amtlich konstatirt und man darf wohl annehmen, daß dadurch auch bei den leitenden Staatsmännern die Anschauungen bezüglich des Normalarbeitstages andere ge= worden sind.

es

Der Liberalismus wird sich freilich nicht so leicht zum Normalarbeitstag bekehren. Mag er nun so sehr zahm auftreten, wie im Gewand des Nationalliberalismus, oder mag er sich ,, deutschfreisinnig" etwas ungeberdiger zeigen in Bezug auf staatliche Maßnahmen gegen die wirthschaft­lichen Wißstände wird der Liberalismus immer gleich un­Seine Vertreter halten unsere gegen­fruchtbar bleiben. wärtige ökonomische Misere für eine zufällige, rasch vor­und meinen allen Ernstes, übergehende Erscheinung eine brauche nur Periode der Prosperität" zu kommen, um das ganze Massenelend wie mit einem Hauche hinweg zu fegen. Das ist ein Grund­irrthum, denn unsere gegenwärtigen ökonomischen Bustände sind das Produkt der ganzen industriellen Entwicklung und werden nicht eher verschwinden, bis die industrielle Ent­wicklung selbst eine andere Richtung genommen hat. Es muß ein Mittel gefunden werden gegen die mit so rapider Geschwindigkeit fortschreitende ntwerthung glück immer größer. Der Normalarbeitstag kann keine sieht, daß der Reichskanzler hier seine in der Bewirth- Wunder thun, allein er tann viel Gutes schaffen und man schaftung seiner Güter gewonnenen Anschaunngen auf die In- möge es erst einmal mit ihm versuchen, bevor man ihn dustrie im Allgemeinen überträgt. Wir halten diese Uebertragung für unzulässig, weil die Landwirthschaft ein ganz eigenarti­ger Betrieb ist, der einen Vergleich mit den eigentlichen mo­bernen Industriebetrieben gar nicht zuläßt. Da kommt nun der dienstbeslissene Böttcher und führt dem Reichskanzler neue Gründe gegen den Normalarbeitstag zu. Ob sie dem Reichskanzler zusagen werden? Wer mag's wiffen?

Die Nationalliberalen wollen sich dem Herrn Reichs­lanzler wieder gefällig erweisen. Er ist bekanntlich ein Er ist bekanntlich ein Heftiger Gegner des Normalarbeitstages und behauptet, eine undurchführbar, weil in den verschiedenen Gegenden Deutsch­

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unter den Tisch wirft.

der

Der manchesterliche Charakter des Liberalismus ergiebt sich aus der gesellschaftlichen Stellung seiner Häupter. Diese Bankiers, Kaufleute, Industriellen und Bureaukraten ver­

langen von dem Arbeiter, er solle sich durch Fleiß und

Tüchtigkeit" emporarbeiten; fann er dies nicht, so mag er drunten bleiben. Hätten sie, die Herren, nicht von ihren Eltern die nöthigen Mittel bekommen, was wären sie Alle troh Fleiß und Tüchtigkeit?" Denn können sich damit

nur

Durchschlagend sind die Gründe" des Herrn Böttcher freilich kaum, denn er beschränkt sich darauf, zu sagen, daß fast bar" fei. Damit ist, genau genommen, gar nichts gesagt, denn Herr Böttcher ist keine Autorität.

[ Rahbruck verboten.]

Feuilleton.

die

allein

Die liberale Gesellschaftsanschauung nähert sich sehr jenen antiken Philosophen, welche die Sklaverei für noth­wendig hielten, denn die Sklaven sollten die gemeinen Ar­beiten leisten, während eine Anzahl bevorzugter Bürger, wie im alten Athen , sich allen geistigen und materiellen Lebens­genüssen hingeben konnte.

Der moderne Liberalismus braucht eine dürftige Masse, auf deren Schultern seine rasch wechselnden Größen emporsteigen. Diese Anschauung verträgt sich nicht mehr mit der 3eitströmung und deshalb ist die historische Rolle des Liberalismus vorüber.

Herr Böttcher braucht also sein Gehirn nicht weiter anzustrengen, um eine nationalliberale ,, Sozialreform" zu finden; es glaubt doch Niemand daran.

Bum Altonaer Sozialistenprozeß.

Zu Mittwoch Nachmittag 2 Uhr war die Urtheilsvers kündigung angefeßt. Der Zuhörerraum war vom Publikum wiederum überfüllt. Der Angeklagte Stein wurde zuerst vom Vorsitzenden vorgerufen, der ihm ein Notizbuch vorlegte und ihn befragte, ob er in demselben etwas geschrieben habe und wie viel. Stein zeigte dem Vorsigenden hierauf das von ihm in dem Notizbuch Geschriebene, worauf der Gerichtshof beschloß, einen Schreibverständigen zu laden, der die Schrift in dem Notizbuche mit der Schrift der bei Stein vorgefundenen Bettel vergleichen soll. Nachdem der herbeigeholte Kanzleirath Rathgen beharrlich die Abgabe eines Sachverständigen- Urtheils verweigert hatte, weil er noch nie als Schreibverständiger fungirt hat, wird der Gerichtssekretär Weber herbei­gerufen, der flugs bei der Hand iſt, ſein Urtheil abzu­geben, so daß der Gerichtspräsident ihn auffordern muß, sich doch etwas Beit zu lassen, um die Schrift­züge anzusehen. Nach kurzer Pause erklärt Weber, die Schrift sei überall dieselbe, worauf der Staatsanwalt behauptet, es be= dürfe keines weiteren Beugnisses, um Stein als schuldig hinzu­stellen. Er bleibt bei seinen Anträgen und ersucht den Ge richtshof auch demgemäß zu beschließen. Der Vertheidiger Dr. Türkheim ergreift nochmals das Wort und führt aus, daß für ihn die Zeugnisse der Schreibverständigen nicht maßgebend sind; die Aussagen dieser Herren schließen nur auf Vermuthungen; er glaube daher mit Bestimmtheit annehmen zu dürfen, daß der Gerichtshof seine in voriger Sizung ausgeführte Ver theidigung billige. Er führt noch an, daß sich die Angeklagten bereits 4 Monate in Untersuchung befinden, und offenbar durch diese schon sehr stark gestraft sind. Hierauf werden die Ange­flagten einzeln vom Vorfißenden befragt, ob sie noch etwas zu ihrer Vertheidigung anzuführen haben, worauf der Angeklagte Hopp das Wort ergreift und anführt, daß er im Stande ist nachzuweisen, woher er das bei ihm vorgefundene Buch hat. Er habe dasselbe von einem Papierhändler auf dem Schulterblatt getauft. Einer geheimen Verbindung habe er nicht angehört. Er wiederholt nochmals, daß er die Liste von einem Bekannten indem er anführt, daß sein Name nicht einmal auf der Liste

emporarbeiten. Dem Arbeiter aber könnte man eben so gut erhalten habe. Er sucht noch ferner ſeine Unschuld darzuthun,

Er weiß auch den Rath geben, das große Loos zu gewinnen.

Im Hause des Verderbens.

Kriminalroman.

Von Reinhold Ortmann.

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Juanita sprach mit einer Entschiedenheit und Energie, bie von vornherein jeden Widerspruch nieberschlug. Sie befragte Elsbeth kurz um den Aufenthalt und die Verhält

hatten, und wandte sich dann nach kurzem Nachdenken mit ben Worten zu ihr:

ist, denn ich werde auf der Stelle zu den Nuggenhagens gehen!"

Thun Sie das, mein Kind, aber lassen Sie sich nicht zu leicht zurückweisen. Denken Sie an meine Warnung! -Und verlieren Sie den Muth nicht, wenn dieser Weg auch schließlich fruchtlos bleiben sollte. Auch ich werde unterdessen handeln, und ich glaube, selbst für den schlimm­sten Fall noch ein Mittel zu besitzen, um ften Fall noch ein Mittel zu besigen, um den wahren Schulbigen ausfindig zu machen."

Sie war Elsbeth bei der Beendigung ihrer einfachen Toilette behilflich und geleitete sie dann noch ein gutes Stück auf dem Wege, der zu der kleinen Besitzung des Ober­försters führte.

Bei der Binsenmarthe werden Sie erfahren, wo Sie mich wiedersehen können," sagte sie beim Abschied. Noch einmal: Muth, Geschicklichkeit und Ausdauer. Es hängt Alles von dem Ausfalle dieses

Nehmen Sie alle Ihre Kraft und alle Ihre Liebe für den Bruber und den Berlobten zusammen, denn es ist kein leichter Weg, den Sie jetzt um ihretwillen unternehmen Geschicklichkeit kommt für den Augenblick Alles an. Sie Ihres Besuches ab!" müffen zu jenem Fräulein von Nuggenhagen gehen, müssen

und

XXII.

3eit zu 3eit die Spigen seines grauen Schnurrbarts drehte, schien ein Beichen innerer Verlegenheit und Aufregung zu sein.

Nach einigen verzweifelten Versuchen, Vater und Tochter für irgend einen Gesprächsstoff zu interessiren, die sammt und sonders schmählich mißlangen, versant auch die Gesellschafterin in Stillschweigen, und seit Langem war kein Mittagsmahl in diesem Zimmer unter so beängstigender Spannung verzehrt worden, als heute.

,, Du hast es ja sehr eilig, wieder aus meiner Nähe zu kommen," sagte der Oberförster, als sich Selene gleich nach der Aufhebung der trübseligen Tafel anfchickte, das Gemach zu verlassen. Ich will Dich auch nicht zwingen, mir Gesellschaft zu leisten, wenn Du fein Bedürfniß danach empfindest; aber einige Minuten wenigstens wirst Du doch hier bleiben, denn ich habe Dir etwas zu sagen."

Sein Ton verrieth, daß das, was er sagen wollte, nichts Angenehmes sein konnte, und mit gepreßtem Herzen sah ihm Helene zu, wie er einige Male hastig im 3immer auf und nieder schritt. " Ich hoffe, Du hast Dir diesen Menschen schon voll­ständig aus dem Sinn geschlagen?" sagte er plößlich barsch, Antworte mir nicht

Helene von Nuggenhagen hatte noch am Mittage Anschaulichkeit vor bie Seele führen und müssen Sie dieses Tages nicht die leiseste Ahnung von den verhängniß­bazu bewegen, ohne jede Rücksicht auf sich selbst öffentlich zu vollen Vorgängen auf Brandenstein. Es war ihr am ver­bekennen, ob er gestern Abend bei ihr gewesen sei. Wenn flossenen Abend trotz der Verspätung gelungen, nach Hause indem er dicht vor ihr stehen blieb. e ein gethan!

zu thun?"

Barons stets in der verdrießlichsten Stimmung befand, eine Ahnung von ihrer Abwesenheit hatte. Aber sie hielt fich so

viel als irgend möglich auf ihrem 3immer auf, da aller Jugendmuth und alle Zuversichtlichkeit ihrer Zukunfts­genug waren, den nagenden Hoffnungen nicht stark genug waren,

bürfen nicht eher zurückweichen, als bis Sie wirklich die feſte Ueberzeugung gewonnen haben, daß unsere Ver­muthung eine falsche gewesen sei. Getrauen Sie sich, das Ich werde es thun!" erwiderte Elsbeth mit einer bern Sie jetzt das Schwerste von mir und ich werde mich Kraft genug in sich fühlte, den Zustand ihres Inneren zu Festigkeit, welche Juanita selbst in Erstaunen sette." For Schmerz der Trennung zu übertäuben, und da sie nicht nicht einen Augenblick bedenken, es zu versuchen. Ich verbergen. glaube, ich habe Ihnen ein schweres Unrecht gethan, als

Mit ungewöhnlich blassen Wangen und mit gesenkten

Sie mir im Brandensteiner Part entgegentraten. Ich hätte Augen erschien sie an der Mittagstafel, an der sie der Ober­fehe ich nun wohl ein und ich bitte Sie deshalb um Ver­Ihren Worten damals mehr Bedeutung beilegen sollen, das

förster bereits erwartet hatte. Auch ihm schien außer seiner gewöhnlichen Verdrießlichkeit heute noch etwas Besonderes dem

mich Ihnen jetzt, wo Sie mir so großmüthig zur Seite hatte mehrmals sehr verdächtige Aehnlichkeit mit einem stehen, in Allem füge. Sie sehen, daß es mir Ernst damit Seufzer, und auch die Art und Weise, in welcher er von

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Ich be=

stimmt, sage ich Dir! Und Du wirst mir in dieser Stunde schwören, daß Du nie und unter feinen Umständen ingebe

Einem mittheilen wirst, daß Du ihn jemals gekannt, jemals Gelobe ein einziges Wort mit ihm gesprochen hast!

mir das!"

" 1

Papa!"

,, Keine Widerrede!- Ich spreche jetzt zu Dir als Dein Vater, der Mittel genug hat, ein entartetes Kind zum Ge horsam zu bringen! Weißt Du auch, daß jener- Mensch ein gemeiner Verbrecher ist?"

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Helene sah ihn starr an, und eine purpurne Röthe färbte ihre Wangen. Das ist nicht wahr!" sagte sie dann mit ruhiger Bestimmtheit, ohne vor dem Blid ihres Vaters

auch nur mit einer Wimper zu zucken.

,, Mädchen!" fuhr der Oberförster auf. Bringe mich