Mr. 289.

Freitag, den 10. Dezember 1886.

3. Jahrg.

Berliner Volksblatt

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Volksblatt"

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erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Mart. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags- Nummer mit der illustrirten Beilage 10 Pf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1886 unter Nr. 769.)

Redaktion: Beuthstraße 2.

Die Erweiterung der Haftpflicht in der Schweiz .

Wenn auch gerade nicht im beschleunigten Tempo, so wird doch Schritt für Schritt und ununterbrochen an dem weiteren Ausbau der sozialpolitischen Gesetze, der Gesetze zum Schuße von Leben und Gesundheit des Arbeiters, in der Schweiz gearbeitet. Die jetzt in Bern tagende Bundes­versammlung hat in dieser Nichtung, trotzdem sie erst wenige Tage beisammen ist, abermals einen wichtigen Schritt vorwärts gemacht, sie hat die Erweiterung der Haftpflicht beschlossen. Man kann diesen Be­fchluß in seiner Tragweite wohl richtig würdigen, wenn man weiß, daß durch ihn die Haftpflicht auf 2000-2200 Gewerbebetriebe mit 34 000-38 000 Arbeitern ausgedehnt wird. Diese haftpflichtig gemachten Gewerbe sind folche, in benen explodirbare Stoffe gewerbsmäßig erzeugt oder verwendet werden, in denen elementare Kräfte benutzt oder in der Regel mehr als fünf Ar= better beschäftigt werden. Die erweiterte Haftpflicht er­ftreckt sich also auf Eisenbahn -, Tunnel-, Straßen-, Brücken­und Wasserbauten, das Aufstellen und Abbrechen von Maschinen und Instellationen, das Bauhandwerk, in­begriffen die Werkstätten und Pläge, welche mit demselben im Busammenhang stehen, Steinbrüche, Gruben und Berg­werke, Fuhrhaltereien, Schiffsverkehr und Flößerei. Nach Artikel 1 ist der Unternehmer des betreffenden Gewerbe­betriebs auch dann, wenn er die Arbeit einem dritten zur Ausführung übertragen hat, haftbar.

Einen großen Fortschritt bedeutet die Bestimmung in Artikel 2 des Gefeßes, welcher lautet: Die Kantone sollen den bedürftigen Angestellten und Arbeitern, welche nach Maßgabe des gegenwärtigen Gesetzes aber der Haftpflichtgesetze vom 1. Juli 1875 und 25. Juni 1881 Klage erheben, auf ihr Verlangen, nach einer vorläufigen Prüfung des Falles, die Wohlthat des unent= geltlichen Rechtsbeistandes gewähren Raution, Expertentoften, Gerichtsgebühren und Stempeltaren erlassen. In diesen Fällen hat auch das Bundesgericht den klagenden Personen Recht zu sprechen. Streitigkeiten dieser Art sollen als dringliche betrachtet und durch einen möglichst raschen Prozeßgang erledigt werden.

und

Nach Artikel 3 find. die Betriebsunternehmer verpflichtet, in Verzeichniß der bei ihrem Geschäftsbetrieb vorgekommenen Unfälle und der durch denselben entstandenen Berufskrankheiten zu führen. Sie sind verpflichtet, den Tag des Unfalls oder der Erkrankung und deren Ausgang genau einzutragen und babei ausdrücklich anzugeben 1. wann und welcher Behörde fte die vorgeschriebene Anzeige der erwähnten Unfälle und

( Nadbrud verboten.]

Feuilleton.

Die Verführerin.

Novelle von D. Colonius.

Bei allebem ist es im Ganzen sehr reinlich; der Fuß boden frisch gedielt und gescheuert, die Wände gekalkt, die Luft gesund und nur mäßig erwärmt. Man sieht es dem Rämmerchen an, daß es für den Empfang eines Gastes her gerichtet worden sei und daß die schlichten Landleute alle hnen zu Gebote stehenden Mittel erschöpft haben, es mög­licht wohnlich und behaglich zu machen.

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Insertionsgebühr

beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Pf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., 3immerstraße 44, sowie von allen Annoncen- Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen.

Expedition: Zimmerstraße 44.

| h Maßgabe von Art. 6 des Gesetzes vom 25. Juni 1881

Erkrankungen gemacht haben; 2. welche Entschädigungen bezahlt worden seien; 3. ob die bezahlten Entschädigungen schaft, von einer Krankenkasse oder aus irgend einer anderen Quelle bestritten worden seien; 4. ob der Unfall oder die Erkrankung als eine haftpflichtige betrachtet worden seien oder nicht. Diese Angaben sind spätestens drei Monate vor Ablauf der Versicherungsfrist der kontonalen Behörde ein­zusenden und von dieser auch dem Fabrikinspektor des be= treffenden Kreises mitzutheilen. Verspätung der Mittheilung ist mit einer Buße von 20 Fr. bis 500 Fr. zu belegen.

von der Geschäftskasse, von einer Unfallversicherungsgesell

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Man wird zugeben müssen, daß dieses neue Gesetz für den Schutz des Arbeiters von eminenter Bedeutung ist. Es steigert Die Werthschäßung des Lebens eines Arbeiters der am Ende doch auch ein Mensch ist zwingt den Fabrikanten, den Schußvorrichtungen erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Aber doch ist dieses Gesetz nur eine Abschlagszahlung, es ist nur die Brücke, die zu der obligatorischen staatlichen Unfall­versicherung führt.

Der Nationalrath nahm das Gefeß mit 53 gegen 12 Stimmen an. Die katholische Partei enthielt sich der Abstimmung! Da haben wir's. Diese Menschen bleiben sich doch überall gleich, immer Barmherzige feit und christliche Nächstenliebe im Munde und doch Gegner einer humanen Gesetzgebung. Freilich der arme Teufel, der ein Bein in der Fabrik einbüßt, soll sich damit trösten, daß er im Jenseits gar keines braucht und auch mit einem Beine selig werden kann. Beine selig werden kann. Die Familie, die ihren Er­nährer infolge Unfalls verliert und im größten Elende schmachtet, soll dies nur als eine Prüfung Gottes be­trachten, worüber nicht gemurrt werden darf. geheuchelt wird nicht.

Aber

Ein Antrag die Haftpflicht auf das Kleinhandwerk aus­zudehnen, wurde abgelehnt, dagegen in einer Hesolution der Bundesrath eingeladen, beförderliche Anträge auf Einfüh­rung der staatlichen obligatorischen Unfall­versicherung vorzulegen. Ferner wurde noch betreffs Berufskrankheiten folgendes wichtige Alinea in das Gesetz aufgenommen: ,, Es bleibt den Gerichten vorbehalten, den Opfern von gefährlichen Krankheiten, welche durch den Betrieb von Industrien erzeugt worden sind, Entschädigungen zuzusprechen, selbst wenn die Industrien vom Bundesrath nicht als gesundheitsgefähr bend bezeichnet worden sind." Mit diesem neuen Gefeße ist manchem Mißbrauche seitens der Arbeitgeber mit dem Leben und der Gesundheit ihrer Arbeiter ein mächtiger

Riegel vorgeschoben und ist es daher von jedem Menschen­freunde nur freudigst zu begrüßen.

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Dabei hatte ich Gelegenheit, ihre außerordentliche Gewandt­heit und Geistesgegenwart zu bewundern. Ich nahm mir [ 5 nämlich vor, möglichst wenig zu sprechen, weil ich mich schwach fühlte, zu der Inquifition eines solchen Weibes Stand zu halten; aber eine hin­geworfene wie zufällig an mich gerichtete Frage zwang mich, um nicht durch ein forcirtes Benehmen noch auffallender zu werden, ihr zu antworten, und so entspann sich eine Unterhaltung, die sie mit bewundernswerther Leichtigkeit auf Raudniß und auf meinen aus Deinem Munde gehörten Namen Rudolph" zurückzuführen wußte. Mit genauer Noth nur entging ich ihr, aber nicht im offenen Rampfe, sondern durch die Flucht. Wäre mir nicht der Charakter dieser Frau durch Dich ganz genau bekannt, ich hätte sie anbetungswürdig finden müssen; aber ich fann nicht umhin, Dir den Vorwurf zu machen, daß Du in ihrer nicht umhin, Dir den Vorwurf zu machen, daß Du in ihrer Beurtheilung den Maßstab Deines eigenen Wesens ge­nommen haben und deshalb etwas zu hart gewesen sein möchtest. Ein Weib mit so hohen Geistesgaben kann un­möglich doch wozu hier eine Erörterung, die zu teinem Resultate führen kann! Meine Freundschaft für Dich macht es mir zur Pflicht, in Deinem Sinne zu handeln und jede individuelle Meinung außer Acht zu lassen, und ich glaube auch recht gethan zu haben, daß ich schon von Dresden aus in einen andern Wagen ging und es vermied, mit ihr beisammen zu sein. Ich glaube, sie hat mich aus den Augen verloren; in feinem Falle aber fann fie eine Ahnung davon haben, daß ich jetzt hier und ihr Auf­feher bin. Ich erwarte weitere Berhaltungsbefehle von Dir. Dein Rudolph."

In dem Augenblick, wo wir das Rämmerchen betreten, finden wir in demselben einen jungen Mann von etwa fechsundzwanzig Jahren, mit einem Gesicht, in welchem jeder einzelne 3ug den willensstarken, ernstruhigen Charakter Derräth. Auf die rechte Hand hat er sein Haupt geſtüßt, in der linten ein hält er Schreiben, welches er allem Anscheine nach bereits durchgelesen und beffen Inhalt ihn in tiefes Nachdenken versezt haben mußte.

Der Brief war aus Hamburg datirt und lautete fol­gendermaßen:

" Sie ist hier und wird, wie ich es vermuthete, so lange verweilen, bis sie nach Wien zurückkehren kann. Die alte Marie ist ihre einzige Begleiterin, ob die einzige Vertraute, weiß ich nicht. Ich bin bisher unbemerkt in ihrer Nähe ge­blieben, habe jeben ihrer Schritte beobachtet, und werde dies fo lange thun, bis ich vollkommen Gewißheit über ihre Ab­fichten habe. Deine Unvorsichtigkeit hätte mich beinahe in Berlegenheit gesetzt. Ich habe allen Grund zu glauben, daß fie Deine Stimme erkannt hat, als Du mir im Raubnißer Bahnhofe den Namen des Dorfes zuriefst, in welchem Du jest lebst; denn ihr Blick schien sich, so oft er dem meinigen begegnete, in die Tiefe meiner Seele versenken zu wollen, um meine Gedanken zu errathen. Mich machte der Aus­druck des Argwohns in diesem Auge so befangen, daß ich alle Kraft aufbieten mußte, mich nicht selbst zu verrathen.

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Der junge Mann war so tief in seine Gedanken versunken, daß ihn weder die Anwesenheit von drei Menschen, die hinter einander in's Kämmerchen gekommen waren, noch ihre halblaut geführte von lebhaftem Geberben spiel begleitete Unterhaltung zu erwecken vermochte. Diese brei Menschen- Vater, Stiefmutter und Bruder des jungen Mannes- schienen zu berathschlagen, auf welche Weise sie ihm, ohne ihn zu erschrecken, eine Nachricht hinterbringen sollten, die ihnen jedenfalls sehr wichtig scheinen mußte, weil sie sich über den Anknüpfungspunkt nicht recht einigen konnten.

Das Wachsthum der Sozialdemokratie nach der Staftitik der Reichstagswahlen 1867 bis 1884.

Damit beschäftigt sich ein Artikel der Grenzboten." Es wird darin mit den Wahlen zum konstituirenden Norddeutschen Reichstage im Jahre 1867 begonnen und mit den vorigen Reichstagswahlen geschlossen.

Im Jahre 1867 war von einer einheitlichen Bewegung in der Arbeiterwelt noch keine Rede. Die sämmtlichen damals für sozialistische Kandidaten abgegebenen Stimmen erreichten noch nicht die 3ahl 50 000. Im Verlaufe der Legislaturperiode trat die entscheidende Schwenkung des Verbandes deutscher Arbeitervereine unter Bebels Führung zur Internationale ein; auf dem Eisenacher Kongreffe( 1869) entstand die sozialdemo fratische Arbeiterpartei. Getrennt hiervon waren die Laffallea ner und der Anhang der Gräfin Haßfeld. Die Eisenacher waren nur vertreten durch Bebel und Liebknecht, die Lassalleaner durch Schweizer und Hasenclever, die Haßfeld'schen durch den Präsidenten der legteren, Mende, und den Kupferschmied Försterling. Bei den Wahlen von 1871 brachten es die Lassalleaner auf 63 000, die Eisenacher auf 39 000 Stimmen. Aber nur einer ihrer Kandidaten wurde gewählt, nämlich Bebel in seinem alten Wahlkreise Glauchau . Bon 7 656 273 Wablberechtigten( Elsaß Lothringen ausgeschlossen) hatten 3 886 515 ihre Stimmen abgegeben und 102000 nach der Aufstellung des Statistischen Amtes, welches welches die Stimmen für die Demokraten Schraps und Jacoby mitzählt, 124 600 sozialdemokratisch gewählt. Von je 100 giltigen Stim men waren drei auf Sozialdemokraten gefallen.

Der Lassalleaner Schweizer war inzwischen vom politischen Leben zurückgetreten, die Schwindelperiode und der nachfolgende große Krach mit seiner Berrüttung aller wirthschaftlichen Ver­hältnisse hatten den sozialistischen Jdeen reiche Nahrung gegeben. Die Wahlen von 1874 führten sechs Eisenacher und drei Laffalleaner in den Reichstag; beide Richtungen theilten sich zu ziemlich gleichen Theilen in die etwa 350 000 Stimmen der Sozialdemokraten. Das Anwachsen der Sozialdemokratie ver­anlaßte zwar die Behörde zu scharfem Einschreiten; aber unter dem Eindruck desselben, welches gleichmäßig gegen Laffalleaner und Eisenacher sich richtete, vollzog sich auch die Vereinigung der letteren auf dem Gothaer Kongreß von 1875. Die Reichs tagswahlen von 1876 brachten einen ganz bedeutenden Erfolg der Sozialdemokratie. Von 5 401 021 giltigen Stimmen fielen 493 288 gleich 9,1 pCt. der Sozialdemokratie zu, 3520 000 Wahlberechtigte hatten sich der Wahl enthalten. Die Partei brachte aus den ersten ordentlichen Wahlen zehn Mandate heim, von denen eines, Altona , bei der Stichwahl wieder ver­loren ging, und blieb an 20 Stichwahlen betheiligt, von

denen wenigstens drei für fie mit Erfolg ausfielen.

Wenn das Verhältniß der auf eine Partei gefallenen Stimmen zu der Gesammtzahl aller giltigen Wahlzettel für die Zahl der

Endlich näherten sie sich alle drei dem lehnlosen Sessel, auf welchem der junge Mann saß, und die besorgte Mutter fragte ihn, indem sie sanft ihre flache Hand auf seinen Kopf legte: Willst Du nicht die Suppe essen, die ich für Dich gemacht habe, lieber Tonda?"

,, Es ist eine Brotsuppe mit Eiern und Bucker," fuhr die Fragerin fort, als Tonda verneinend den Kopf schüttelte. Du hast sie ja als Kind so gern gegessen; weist Du noch, als Du sechs Jahre alt warst? Ich bin damals zu Euch gekommen."

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Ich danke Dir, Mamitschka! Ich habe jetzt keinen Hunger," erwiderte Tonda sanft, aber furz abbrechend.

Die Mutter war aus dem Felde geschlagen, sie zog sich zurüid und machte dem Vater Play.

Fehlt Dir etwas, mein Kind?" hub der Vater an, Du bist immer so traurig und niedergeschlagen." Und warst doch früher so lustig und guter Dinge," warf der Bruder ein.

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Du mußt in der großen Stadt viel Unglück gehabt, vielen Rummer erlitten haben; wüßte ich nicht, daß Dein Herz gut und unverdorben wäre, ich könnte fast fürchten, Du habest eine böse That auf Deinem Gewissen."

,, Böse That?" wiederholte der Bruder halb zum Vater gewendet ,,, was sollte Tonda Böses gethan haben? Er war immer der Beste unter uns Geschwistern; aber seitdem er in die Stadt gegangen, ist er wie umgewechselt. Er hat zu uns nicht einmal mehr Vertrauen; wir sind für ihn nicht gut genug."

Du thust mir weh, Bruder Pepik, vielleicht ohne es zu wollen; es giebt Dinge, über die man selbst zu seinem wärmsten Freunde nicht sprechen kann."

Aber Vater und Bruder müssen doch noch mehr gelten, als ein Freund," unterbrach ihn Pepit treuherzig, und haft Du wirklich keinem Deiner Bekannten das Geheimniß anver­traut, wegen deſſen Du leidest?"

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Wer erzählte Dir denn etwas von einem Geheimniß?" fragte Tonda ausweichend.

Pepit warf dem Vater einen bedeutungsvollen Blick zu, der sagen zu wollen schien: Sollen wir jetzt mit der Sprache heraus?" Der Vater winkte der etwas schwerhörigen