Nr. 291.

Sountag, de « 12. Dezember 1886.

S. Jahrg.

SMcrVilksdlM Krgsn für dir Inlerrssen der Ardritrr.

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Das Uniernehmerthnm bei Staats arbeiten. Ein an und für sich nicht gerade besonderer Vorfall erregt unser Interesse doch aus allgemeinen Gründen, so daß wir denselben hier mittheilen und eine kurze Besprechung daran knüpfen werden. Nach der herrlichen Wartburg wird von Eisenach aus eine Wasierleitung und zwar auf Staatskosten angelegt. An einem der letzten Löhnungstage hatten sich zwei Strecken- Unternehmer heimlich entfernt, ohne den Arbeitern den Lohn auszuzahlen. Die Arbeiter in ihrer Noth rückten gegen das groß- herzogliche Rechnungsamt in Eisenach vor, um von dieser Behörde die Lohnauszahlung zu verlangen,zu welcher dieselbe," wie uns Bourgeoisblätter belehren, nicht verpflichtet war." Das großherzogliche Rechnungs- amt aber war verständiger, es telegraphirte nach Weimar , und erhielt die Ermächtigung von dort zur Auszahlung der rückständigen Löhne. Ob es nun der großherzoglichen Kasie gelingt, den Betrag von den beiden Unternehmern wieder einzutreiben, das wissen wir nicht; aber der Staat überhaupt hat seine Konsequenzen aus solchem Vorfalle zu ziehen, mag die Sache in diesem speziellen Falle auslaufen wie sie will. Der Staat ist gesetzlich allerdings nicht verpflichtet, bei solchen Vorfällen die Arbeiter auszulöhnen; jedoch die mo­ralische Pflicht muß ihm zuerkannt werden, und nach dieser Moralischen Pflicht haben das großherzogliche Rechnungs- Mt zu Eisenach und die Regierung zu Weimar auch ge- Vmdelt. Wenn der Staat bei seinen Arbeiten spezielle Unter- Rehmer engagirt, so hat er sich davon zu überzeugen, daß dieselben auch leistungsfähig sind, eventuell hat er von den- Men Kautionen zu verlangen. Diese Vorsicht wird durch den oben erzählten Vorfall noch dringender. Auch bei dem bevorstehenden Bau des Nordostsee­kanals werden die einzelnen Baustrecken verdingt. Wenn sich dabei lüderliche oder zahlungsunfähige Unternehmer vor- mnden, welche ihre Arbeiter nicht auszahlen wollten oder könnten, wie dann? Für das Reich wird der Kanal gebaut- das Reich ge- kangt in den Besitz desselben, es ist Eigenthümer. Als so- Mannten Generalunternehmer hat es den Staat Preußen �gagirt. Dieser nun engagirt seinerseits allerlei größere j�d kleinere Unternehmer, von denen dann speziell die Ar- deiter und ihr ganzes Wohl und Wehe abhängen. Wenn diese Unter-Unternehmer nun nicht ihre Schuldig- keit thun wollen oder können, so ist der Staat Preußen �chtlich ganz gewiß nicht und auch kaum moralisch ver-

aertotn.]

IleuiU'eton.

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Die DerfÄhrerin. Novelle von D. C o l o n i u s. _ Als Tonda den Richter bemerkte, machte er sich von jkkofarka los, ging ihm einen Schritt entgegen, umarmte ihn vkstig und hing lange an seinem Halse. Die Mitglieder beider Familien blieben noch mehrere stunden beisammen, während welcher Zeit Tonda von seinen Weisen und Erlebnissen erzählen mußte und als sie sich Rennten, begleitete Tonda den Richter und seme Achter bis zu ihrer nahe gelegenen Wohnung. °rt sagte ihm Rosarka so leise, daß der Richter nicht hören konnte:Morgen wirst Du mir Alles erzählen." Dann mit einem lautenGute Nacht!" sieben sie Tonda stehen, der schwermüthig und traurig in Kämmerchen zurückkehrte. v«Warum hast Du Tonda nicht mit hereinkommen lassen, vamst wir ihn in unserm Hause hätten willkommen heißen wnnen?" fragte der Richter seine Tochter, nachdem sie in '»re durchwärmte Wohnstube eingetreten waren. .»Weil ich in diesem Falle noch heute hätte mit ihm Mchen müssen und das wollte ich nicht. Ruhe ist ihm "ö mir nothwendig.".., _, Rosarka gab diese Antwort in einem Tone, der jede eitere Erörterung abschnitt.,., .»Hast Du ihn verändert gefunden?" fragte der Vater . eder nach einer langen Pause, während welcher Rosarka r Frostblumen am Fenster aufmerksam betrachtete. ....»Er ist eben so gut und lieb, wie er war; aber un- S ucklich ist er, glaub ich, gewesen." Hierauf küßte sie ihrem r ehrfurchtsvoll die Hand und ging in ihr Schlaf- mmerchen. Sie schloß in dieser Nacht kein Auge.--- f.!»Hast Du Rosarka verändert gefunden?" ftagte Pepik nen Bruder, als er zurückkam. »Sie ist eben so gut und lieb, wie sie war; aber ich

pflichtet, für die Unternehmer, welche die Lohnzahlung nicht leisten, einzutreten, und soweit wir die preußischen Behörden kennen, werden sie sicherlich nach dieser Richtung über ihre Pflicht nicht hinausgehen. Umsomehr müßte das Deutsche Reich auf der Hut sein und seine Arbeiter schützen, indem es seinen Generalunter- nehmer, der ja unter allen Umständen zahlungsfähig ist, ver- pflichtete, nur solche SpezialUnternehmer anzustellen, von denen er überzeugt ist, daß sie ihren Verpflichtungen nach- kommen, und für die er, der Generalunternehmer Preußen, eventuell sich verbürgt. Das Reich kann unmöglich jetzt mehr, da es leider nicht selbst die Oberaufsicht über den Bau führt, die Pflicht übernehmen, sich für die von Preußen angestellten Unter- nehmer zu verbürgen. Man sieht, es kann dort am Bau des Nordostseekanals eine merkwürdige Wirthschaft geben und eigenthümliche Rechtsverhältnisse, welche keineswegs für die Arbeiter gesunde zu nennen sind, werden dort herrschen. Es ist überhaupt ein verkehrtes Beginnen, daß der Staat seine Arbeiten nicht direkt ausführen läßt, ebenso wie er dies bei der Post und Telegraphie thut. Wie hier das Deutsche Reich selbst die direkte Aussicht führt, so hätte es dieselbe auch bei dem Kanalbau nicht aus den Händen geben sollen. Aber es steckte in unseren Reichs- und VolkSver- tretern noch so viel Manchesterthum, daß sie Alles der Pri- vatthätigkeit überlassen, trotzdem dadurch ein Konkurrenzkampf entsteht, welcher die Löhne herabdrückt und die Arbeiter durchweg schädigt. Und dabei redet man von Sozialreform und Staat* sozialiSmuS!-- Zu dem oben erzählten Vorfalle ist noch mitzu- theilen, daß die beiden auSgekniffenen Unternehmer mit allerlei fremden, zusammengetrommelten Arbeitern in Eisenach angelangt waren, wo sie dann durch billigere Angebote die einheimischen Unternehmer und Arbeiter ver- drängten. Und wie wir erfahren, sollen auch fremde Unternehmer und fremde Arbeiter in großen Schaaren nach Holstein kommen, um an dem Kanalbau Theil zu nehmen. Wie sich somit die Sache dort gestalten wird, können wir heute noch nicht sagen, das Eine aber steht fest, daß solche verletzende und gefährliche Vorfälle nicht eintreten könnten, wenn der Staat für seine Angelegen- heiten auch neben seinen Rechten seine eigene volle Pflicht einsetzte. Und solche Vorkommnisse müssen besonders auch in den betreffenden Parlamenten zur Sprache gebracht werden, da sie viel mehr als die schönsten theoretischen Reden die wirthschaftlichen Verhältnisse und das Loos zahlreicher deutscher Arbeiter kennzeichnen.

fürchte, es steht ihr noch großes Unglück bevor," antwortete Tonda, ließ den über diese Worte verwunderten Pepik an der Thür stehen, schloß sich in sein Kämmerchen ein und warf sich aus sein Lager. Auch er schloß in dieser Nacht kein Auge. VIT. Wenn Du, mein Leser, in Hamburg zum Steinthore hinausgehst und links in die zur Alster hin führende Allee einbiegst, so wirst Du dem Kirchhofe gegenüber in der Nähe des sogenanntenTrichters" ein überaus nettes einstöckiges Häuschen bemerken, welches falls Du Dich überhaupt ein wenig umzusehen geneigt bist vor allen andern Deine Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen wird. Dieses Häuschen hat nur vier Frontfenster, ist kleiner als alle seine Nachbarn rechts und links, und dennoch würdest Du, wenn Du mit Deiner Geliebten(Ihr dürft aber Beide nicht sehr reich nnd nicht sehr groß gewachsen sein) am Anne vorbeiziehst und Dir das Häuschen ansiehst, den Gedanken nicht unterdrücken können, daß Du in diesem Häuschen mit Deinem Weibchen recht glücklich sein könntest. Vor Kurzem noch wohnte in diesem Hänichen eine glückliche Familie, oder vielmehr die Familie, die in diesem Häuschen wohnte, war noch vor Kurzem glücklich. Der Vater er war Geschäftsführer in einem der ersten Häuser lief mit einer leichtsinnigen Dirne davon, schiffte sich nach England ein und ließ sein armes Weib nnd seine unschul- digen Kinder im tiefsten Elende zurück. Gute Menschen, deren man unter der Bevölkerung Hamburgs sehr viele findet, nahmen sich der armen Würmer an; die Mutter aber war gezwungen, einstweilen die Wohnung sammt der Ein- richtung zu vermiethen. Sie richtete sich in einem entlegenen Häuschen St. Georgs ein Zimmerchen ein und mußte fortan von ihrer Hände Arbeit leben. Erkundigst Du Dich bei den Nachbarn, wer jetzt die Wohnung bezogen habe, so werden sie Dir keine genaue Auskunft geben können. Die Köchinnen nur wollen vom Milchmanne", demSchlachterjungen" oder derVierlän- derin", welche mit ihren Nahrungsvorräthen auch die Be- wohner jenes Häuschens versehen, erfahren haben, daß da-

Volttische Uebrrstcht. Ueber den Werth des allgemeinen Stimmrechtes und der parlamentarischen Vertretung für die Arbeiter urtheilt Dr. Adler(Die Arbeiterkammern und die Arbeiter. Wien 1886) sehr zutreffend:Es ist den Arbeitern in erster Linie nickt darum zu thun, eine Anzahl von Arbeitern im Parlamente zu sehen nicht das Gcwähltwerden ist ihnen Hauptsache, sondern das Wählen. Die Zeiten, in welchen sanguinische Hoffnungen daran geknüpft wurden, daß die Majorität irgend eines Parlaments den Sozialdemokraten zufallen würde, sind längst vorbei. Heute weiß die Arbeiter- parte! aller Länder ganz genau, daß ihr Sieg von ganz ande- ren Bedingungen abhängt als von der Erlangung einer solchen Majorität. Sie weiß, daß er abhängt von der ökonomischen Entwickelung einerseits und dem Fortschreiten des Klassenbe- wußtseins des Proletariates andererseits. Sie weiß aber auch, daß die Resultate des Wahlrechtes nicht nach seinen Erfolgen abzuschätzen sind und daß das allgemeine gleiche, direkte Wahlrecht, wie eS Frankreich und Deutschland heute haben, bei dem ökonomischen Druck, unter welchem die Wähler stehen, durchaus kein freies Wahlrecht bedeutet. Es fällt ihnen darum auch nicht ein, in der Zahl der für sie

__ Wählervers amm- lungcn dre einzige Gelegenheit, wo Angehörige verschiedener Parteien miteinander in Berührung kommen und ihre Ansichten direkt diskutiren können. Es ist ja ganz begreiflich, daß es die Bourgeoisie viel bequemer findet, bei ihren Versammlungen unter sich zu bleiben und daß die Arbeiterpartei keine Gelegen- heit findet, ihre Meinung dem Gegner ins Gesicht zu sagen. Anders stellt sich die Sache während der Wahlbcwegung. Hier muß der Kandidat sprechen, muß der Wähler hören. Aber der VorthcU, den das Wahlreckt bietet, geht noch viel weiter. Wenn auch, wie schon vorher berührt, wir sehr gut wissen, daß die Zahl der für die Partei Stiinmcnden sich mit der Zahl ihrer Anhänger durchaus nicht deckt, so ist es trotzdem von ungeheurem Werth, das Wachsen der Stimmenzahl beobachten zu können. Jede Partei wird erst durch die Wahlen sich ihrer eigenen Stärke bewußt und aus diesem Grunde haben die 550000 sozialdemokratischen Stimmen, die bei den letzten Wahlen in Deutschland abgegeben wurden, die Parteigenossen aller Länder mit Selbstbewußtsein und Stolz erfüllt. Nicht die 25 Abgeordneten, welche die Partei in den Reichstag entsendet hat, bilden den wesentlichen Erfolg der letzten Wahlen, und wenn es bei der nächsten Wahl 50 Abgeordnete werden, so wird dieses äußerliche Resultat nicht den Werth haben, als die Million Stimmen, welche die Partei hoffentlich erreichen wird. Wenn durch irgend einen Machtspruch der Regierung etwa heute 50 Abgeordnete in das Parlamer t berufen würden, emannt wie die Herrcnhausmitglieder es werden, so würden diese 50 Abgeordneten für die Arbeiterschaft nicht den Werth haben, wie ein einziger, welcher von ihr gewählt wird, und zwar gewählt im Kampfe mit den herrschenden Parteien." Man kann diese sehr richtigen Ausführungen noch knapper dahin zusammenfassen: 25 Arbeiter­selbst etwa seit acht Tagen zwei Frauen leben, die nicht plattdeutsch sprechen und es auch nicht verstehen, die Miethe für drei Monate vorausbezahlt haben und die Haus- thür immer verschlossen hallen. Wir aber wollen von unserm Autorrechte, welches die Macht aller Schlösser und Riegel bricht, Gebrauch machen und uns angemeldet in das Innere des Häuschens be- geben. Eine fast pedantische Sauberkeit und Ordnung, wie man sie in vielen Städten Norddeutschlands antrifft, be- kündet auch hier den Charakter der früheren Bewohner, denn daß die jetzigen denselben Sinn für Reinlichkeit nicht mitgebracht haben, wird schon durch mancherlei auf der Hausflur zurückgebliebene Spuren von gemachten Einkäufen hinlänglich bewiesen. Die beiden, mit einem ziemlich großen Garten in Verbindung stehenden Zimmer des unteren Stock- werkes sind leer; die Schlüssel stecken in den Thürschlössern, und man sieht es an der Anlage der Parterrewohnung, daß sie den Zweck hatte, den Sommer über an eine kleine Fa- milie, oder auch an zwei ledige Herren vermiethet zu werden, um ihnen einen schwachen Begriff von den Annehmlich- leiten des Landlebens beizubringen. Im obern Stockwerk befinden sich vier geräumige Zimmer und im größten der- selben, welches, sein gar zupraktisches" Mobilar abgerechnet, so ziemlich dem Zwecke eines Salons ent- spricht, finden wie eine Frau im Alter von 28 bis 30 Jahren. Sie ist nicht mehr schön zu nennen und doch liegt ein eigen- thümlicher Zauber in ihrem Gesichte und in ihrem ganzen Wesen. Trotzdem sie sich bereits in jener Periode befindet wo aller künstlichen Mittel ungeachtet der Teint seine Glätte und Reinheit nicht mehr beibehalten will, trotzdem in allen Theilen des Gesichtes die Spuren einer schnell durchlebten, von ewig ungestillter Leidenschaft fortwährend aufgeregten Vergangenheit sichtbar sind trotz alledem kann diese Frau noch anmuthig liebenswürdig verführerisch sein, wenn sie es sein will. Um ihre Mundwinkel liegt ein Zug von Ironie, welchen hochbegabte, aber sinnliche Frauen gewöhn- lich anzunehmen pflegen, nachdem sie eine gewisse Anzahl von Triumphen über schwer zu besiegende Männerherzen