Nr. 294.

Doimerftas, de » 16. Dezember 1886.

StllimVÄMI Brgan für die Interessen der Arbeiter.

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Erhöhung des Preises, angenommen.

Redaktion: Kenthstraße A. Expedition: Zimmerstraße 44.

Uom stolzen Albion. Die Männer, welche gegenwäriig in London das Steuer des großen britischen Reiches in der Hand halten, scheinen nichts gelernt und nichts vergessen zu haben. Sie müßten sonst einsehen, daß eS in England denn doch auch an der Zeit ist, den neuen Zeitströmungen nachzugeben und nicht hartnäckig an den alten und ererbten Vorurtheilen fest- zuhalten. Aber das letztere ist es ja eigentlich, was man konservativ nennt, und England hat eine konservative Re- gierung. Zn den Arbeitcrmassen der Hauptstadt herrscht eine dumpfe Gährung und bei öffentlichen Aufzügen wird das Elend sichtbar, das sich an dem Sammelplatze von vier Millionen Menschen angehäuft hat. Die Negierung macht sich keine Sorgen darum, wie etwa gegen dieses Elend an- zukämpfen sei; sie läßt ihre Polizei in Schlachtordnung aus- rücken. Zn Zrland ist noch dieselbe Bewegung wie bisher und die Regierung bleibt so gleichgiltig wie früher gegen das Elend der Jrländer sie hat nur den einzigen Wunsch, den Widerstand der Zrländer zu brechen. So steht die englische Regierung feindlichen Gewalten gegenüber in einem Moment, da die Situation des ganzen Reiches immerhin eine relativ unsichere ist. Denn in Asien dereitet sich der große Kampf zwischen Russen und Eng- ländern vor, der nur eine Frage der Zeit ist und der schon aus Anlaß der Balkanwirren ausbrechen kann. Von diesem Krieg ist ein großer Aufstand in Ostindien unzertrennlich. Man wird gestehen müssen, daß eine Regierung, die vor der Möglichkeit solcher Katastrophen steht, nicht weise handelt, wenn sie die Zahl ihrer inneren Feinde ver- mehrt. Noch zittern im politischen Leben Englands die Wellen- schlüge jener großen Bewegung nach, welche der alte Glad- stone durch seine Anträge bezüglich der Lösung der irischen Frage hervorgerufen hatte. Er wollte damit seinem Lande einen Dienst leisten und die Heilung jener brennenden und offenen Wunde, irische Frage gc- nannt, vorbereiten. Was freisinnig und verständig war, jauchzte diesem Versuche zu, allein der Einfluß der Groß- grundbesitzer, der Reaktionäre und der versteinerten Konser- vativen überwog; man verschob die Lösung der irischen Frage abermals auf eine ungewisse Zukunft. Lord S a l i s b u r p, der englische Ministerpräsident/ hat unlängst in einer Klubrede sein irisches Programm ent- wickelt. Er hat nichts neues gesagt. Dieser starre Junker will auch nicht um einen Fußbreit nachgeben; mit der ganzen Brutalität jener Lords, welche einst sich nicht scheuten, die Jrländer zu Tausenden von HauS und Hof zu vertrei- ben, wirft er allen den Fehdehandschuh hin, welche sich ein selbftständiges Irland unter freien Verwaltungssystemen

»»chdruck verboten.)

IeuiU'eton.

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Die Verführerin.

Novelle von D. C o l o n i u S. Nimmst mich auch mit, Rosarka?" fragte scherzhaft der alte Marrschalek, der daS Treiben der jungen Leute mit ansah. Ihr könntet Euch erkälten, Pantato(Herr Vater); Und dann müßt Ihr ja auch bei der Jagdverpachtung zu- gegen sein." Zehn Minuten nachher flog ein leichter, von zwei kräf- ligen Pferden gezogener Schlitten die Bechliner Anhöhe auf dem Wege gen Raubnitz dahin. Dir ist kalt, Tonda," sagte das Mädchen, dessen Wangen von Glück und Freude hochgeröthet waren,der Frost hat Dir Thränen aus den Augen gepreßt." Dabei zog sie ihre mit einem weißen Tuche bewaffnete Hand aus dem warmen Pelze hervor und wischte die kalten Tropfen von den Wangen Tonda'S weg. Thränen, die der Frost erpreßt," sagte Tonda mit einem dankenden Blick auf seine Nachbarin,gleichen den"falschen Diamanten, sie glänzen und sehen auch gerade so auS wie die echten- aber sie kommen nicht aus der Tiefe der Seele, wes- halb sie auch gar nicht Thränen genannt zu werden ver- dienen." Du nimmst da die echten Thränen so in Schutz, als wenn es ein Genuß wäre zu weinen." Für jeden nicht; aber für mich sind Thränen wirklich vin Zeichen eines nie empfundenen Glückes." Oder nie empfundenen tiefen Schmerzes," fügte Ro- larka seufzend hinzu. Ich kann nie vor Schmerz weinen," meinte Tonda, aber wenn ich vor Freude weine, so machen mir diese thränen doch immer einen gewissen Schmerz." Nenne mir einen Fall, Tonda. wo Du Freudenthränea vergossen hast."

denken. Durcheine strenge Handhabung des Gesetzes" will er Irlands Bevölkerung von der Täuschung befreien, in der sich seiner Meinung nach dieselbe befindet. Wenn er sich nur nicht selbst täuscht!Strenge Handhabung des Gesetzes" heißt soviel, daß der Polizei- und Militärapparat, der bisher in Irland gewüthet hat, dort weiter wüthen wird. Mit welchem Erfolg, das läßt sich heute schon sagen, nämlich mit gar keinem. Man kann Vieles nicht billigen, was von Seiten der Jrländer geschieht, aber man kann begreifen, was sie thun. Aus ihrem einst so schönen und blühenden Lande ist ein Land des Elends unter der Herrschaft des Branntweins ge- macht worden; die Bevölkerung nimmt ab und wandert zu Tausenden aus; die Aussichten in die Zunkunft sind die denkbar trübsten. Woher kommt dies Alles? Nun, weil man diesem Lande die Pflicht auferlegt hat, die Speisekammer für eine Anzahl englischer Lords zu sein. Denn seit Jahrhunderten war man bestrebt, die irischen Güter den Lords in die Hände zu spielen; Man belohnte damit ihre Anhänglichkeit an die regierenden Dynastien. Die Jrländer wurden aus Grundeigenthümern Pächter oder Tagelöhner. Der Ertrag der Güter, der stets mit unerbittlicher Strenge eingetrieben worden ist, floß nach England in die Hände der Lords. Die irische Grundrente brachte ihnen ihre kolossalen Einnahmen, und während sie dieselben vergeudeten, traten nationalökonomische Schriftsteller auf und versuchten den Beweis, daß es über Haupt keine Grundrente gäbe! Das System, welches Irland rumirt, ist dasselbe, welches das alte Italien ruinirt hat; es muß zum Unheil führen, weil es einem Lande seinen natürlichen Reichthum vorenthält. Wie einst die römischen Provinzen von der Stadt Rom ausgesogen wurden, so Irland durch die LordS in London . Die Lords wollen dies für sie so bequeme Verhältniß nicht aufgeben und willigen auch nicht in die geringste Veränderung zu Gunsten der Jrländer. Die letzteren haben denn auch begriffen, daß sie von England, solange die Konservativen dort dominiren, gar nichts zu erwarten haben. Deshalb stehen sie den Engländern unversöhnlich gegenüber und verlangen heute mit doppelter Heftigkeit, was schon O'Connel verlangte: die Selbstständigkeit ihres Vaterlandes. Äan hofft, wenn Irland ein eigenes Parlament und eine selbstständige Verwaltung hat. Zustände zu schaffen, unter denen es den Jrländern möglich wird, als Menschen zu bestehen, was jetzt unmöglich scheint. Da aber die Eng- länder sich dagegen mit aller Macht wehren, so wird einst- weilen Alles in einem hartnäckigen Kampfe aufgehen, der von beiden Seiten viele Ausschreitungen mit sich bringt.

Ich bin für die Kälte vollkommen unempfindlich," war Tonda's halblaute Antwort. Rosarka glaubte schlecht gehört zu haben und sah ihren Jugendfreund zweifelhaft an; als sie aber wieder ein paar helle Tropfen auf seinen Wangen bemerkte, fing sie an zu verstehen, was Tonda mit seiner Uncmpfindlichteit gegen die Kälte gemeint habe. Sie schmiegte sich inniger an ihn an und fand es unbegreiflich, daß Tonda nicht den Pferden die Zügel über den Hals warf und sie fest in seine Arme schloß. Diese Gedanken aber sprach sie nicht aus, und sagte nur nach einer Weile:Warum eilst Du so, lieber Tonda? Wir kommen noch früh genug zurück und die frische Luft thut mir wohl. Du mußt die Pferde ein wenig einhalten; wenn Du ihnen ihren freien Willen lassest, gehen sie am Ende mit uns durch. UeberdieS fällt mir eben ein, daß, da ich Dich in Raudnitz doch unmöglich allein beim Schlitten zurücklassen kann, während ich meine Einkäufe mache, dies eben so gut durch den Knecht besorgt werden kann. Wenn Du also nicht gerade Lust hättest, nach Raudnitz zu fahren, so könnten wir eben so gut hinüber nach Krabschütz, und dann auf der Straße über Lipkowitz zurückkehren. Was meinst Du?" Tonda war plötzlich ernst geworden. Auf Rosarka's Frage nickte er nur zustimmend mit dem Kopf und lenkte die Pferde einen gen Krabschitz führenden, ziemlich steilen Weg hinan. Rosarka war unwillkürlich auf Tonda's Stimmung ein- gegangen; auch sie blieb eine Zeit lang ernst und schweig- sam, und es hätte einem unbefangenen Beobachter nicht entgehen können, daß beide, von gleichen Gefühlen bewegt, nur auf einen Anfang warteten, um sich dieselben gegen- seitig mitzutheilen. Rosarka unterbrach endlich daS lange, für beide gleich drückende Schweigen mit der Frage:Ist das Mädchen, welches Du in der Fremde liebtest, schön und gut?" Schön?- Ja; aber nicht einnehmend, sondern furchtbar schön, schön wie die Nacht mit ihrem Gefolge von Räthseln und Nebelgestalten; schön wie die Frost- blumen am Fenster, die hinschmelzen, wenn der erste warme LebenShauch sie berührt. Gut? Vielleicht auch; aber

Der alte Gladstone hatte eingesehen, daß man gegen den einmüthigen Willen eines Volkes nichts ausrichten kann. Deshalb wollte er nachgeben. Die Konservativen wollen e& nicht und vertrauen auf die Polizei. So wird Irland gänzlich ruinirt werden, wenn man sich nicht auf die Gladstone'schen Vorschläge einläßt. Und solch' ein Schauspiel bietet sich im 19. Jahrhundert in einem Reiche, wo man so viel von Humanität, Freiheit und Kon- stitutionalismuS spricht! VoUttsche Urbrrstcht. AuS dem Reichstag . Vor sehr leerem Hause, wie dies fast immer der Fall ist, wenn es sichnur" um Arbeiter» angelegenheiten handelt, begann heute die Berathung des Antrages K a y s e r und Genoffen, welcher bezweckt: den Schutz, rcsp. die rechtliche Sicher st ellung der Ar» b e i t e r v e r e i n e, die sich zur Erreichung besserer Arbeit-- bedingungen gebildet haben(Fach- und Genossenschaftsvereine), und die Erweiterung des§ 153 der Gewerbeordnung dahin, daß Unternehmer und deren Vereine, welche die Ardeiter durch Ehrverletzung, Kautionshintcrlegung, Androhung von Geldstrafen, schwarze Listen-c. an der Erlangung besserer Löhne u- f. w. zu hindern versuchen, bestraft werden sollen. Als erster Redner erhielt der Antrag- steller Kayser das Wort, welcher in 1'/«stündiger, vorzüglich durchdachter, schneidiger Rede die heute auf dem erwähnten Gebiete existirenden Zustände einer vernichtenden Kritik unter- zog. Nachdem Kayser darauf hingewiesen, daß die so sehr ge- pricsenesoziale Gesetzgebung" der letzten Zeit mit ihrer dürf» tigen Regelung eines Theils des Versicherungswesens dem Ar- beitcr doch nur im äußersten Nothfalle einen kleinen VortheU gewähre, auf die normalen Verhältnisse, auf den Erwerb und eine bessere Lebenshaltung des Ärbeiterftandes im Allgemeinen aber ohne jeglichen Einfluß bleibe, betonte er, daß unter diesen Umständen nur die Benützung des in Deutschland noch sehr jungen sogenannten Koalitionsrechtcs übrig bleche, um eine Besserung der Arbcitcrlage zu erringen oder auch nur das mühsam errungene Niveau zu erhalten. An diesen durch die Herrschaft desfreien Arbeitsvertrags" bc- dingten Bestrebungen würde aber der Arbeiter heutzutage durch die verschiedensten Umstände verhindert. Man bezeichne ein- fach jeden Versuch einer wirthschaftlickcn Besserstellung als politische Thätigkcit, durch die verschiedenen deutschen Vcrcinsgesetze aber ist es Vereinen, die sich mitpolitischen" (oder öffentlichen) Angelegenheiten betasten, verboten, mit einan- der in Verbindung zu treten, wodurch die ganze gewerkschaft- liche Bewegung der Arbeiter lahm gelegt werde, während aus der andern Seite den Unternehmerverbän» den: Fabrikantenvereincn, Innungen u. f. w., Mrs Sestattet wird: dieselben können Politik treiben so viel c wollen, Niemand bindert sie daran, kein Staats- anwalt findet ihre Verbindung strafbar. Gegen die Harm- losesten Arbeitervereine finde sich immer die Polizei als An- klägerin, finden sich immer Richter, welche eine Verurtheilung sicher nur aus innerem Drang, nicht aus Ueberzeugung. So ist auch die Löwin gut, die ein Lamm zerfleischt und es ihren Jungen heimbringt. Uebrigens ist es kein Mädchen, sondern eine Frau, die ich nicht einen Augenblick geliebt oder auch nur zu lieben vermeint habe." Und was könnte Dich sonst an eine Frau binden, wenn nicht" Nichts bindet mich an sie," unterbrach Antonio die Fragerin,als das Bewußtsein meiner Schuld; aber eben dieses Bewußtsein stellt sich jeder erwachenden Regung meines Herzens drohend entgegen. Nicht das Verhältniß selbst, sondern die Folgen desselben sind eS, die mich un-

Du weichst hier vom rechten Wege ab, Du mußt Dich mehr links halten, Tonda," sagte das Mädchen, sei es, um die Aufmerksamkeit ihres Geliebten auf einen anderen Gegenstand zu lenken, oder nur um ihn zu unterbrechen. Nach einer Weile fragte sie wieder:Wo lebt diese Frau jetzt?" In Hamburg ." Du stehst also noch immer mit ihr im Verkehr?" fragte das Mädchen zitternd vor Angst. 'Nein." Ich weiß aber, daß Du Briese von dorther be- kommst." Sie sind von meinem Freunde Rudolph Schwarz, den ich ihr nachschickte, um sie beobachten zu lassen." Beobachten?" Ja, weil ich Gewißheit über ihren Zustand haben wollte." Wie heißt diese Frau?" fragte Rosarka weiter, schein- bar ganz nachlässig. Baronesse von Danow." Und kannst Du Dich auf diesen Rudolph Schwarz verlassen?" Ich glaube eS, er ist gut und ist mir Dank schuldig." Ich würde niemals eine Gefälligkeit von einem Men- schen verlangen, der mir Dank schuldig ist," bemerkte Rosarka wieder abweichend,ich glaube, man schenkt mit ganzem Herzen, aber zahlt nur mit halbem."