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Mr. 72.
Sonnabend, den 24. März 1888.
5. Jahrg.
Berliner Volksblatt.
Organ für die Interessen der Arbeiter.
Das Berliner Volksblatt"
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erfcheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Mart. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags- Nummer mit dem Sonntags- Blatt" 10 Pf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1888 unter Nr. 849.)
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Koloniebummler.
Diesen Ausdruck hört man oft fallen in den Versamm lungen jener hochwohlweisen und frommen Herren, welche fich zu Patronen der sogenannten Arbeiterkolonien aufgeworfen haben und mit dieser Institution glauben ein Wer sind die Stud fozialer Faage lösen zu können. Roloniebummler? Offenbar arbeitslose Leute, welche auf irgend eine Art die Arbeiterkolonien zu sehr in Anspruch nehmen. Wir können uns das zwar nicht genau vorstellen, benn die Haus- und Arbeitsordnungen der Arbeiterkolonien find ja so streng, daß von„ Bummeln" dabei nicht viel die Nebe sein kann. Was die Koloniebummler" eigentlich find, wird man wohl erst genau erfahren, wenn ein mal bie„ Geheimnisse der Arbeiterkolonien" ge Schrieben werden. Sind es vielleicht Leute, die wirklich arbeitsscheu sind und sich bei den Arbeiterkolonien nur anmelden, um auf einige Tage aufgenommen und vers pflegt zu werden, indem man sie wegen Faulheit bald wieber entlassen muß? Aber der Herr Pastor von Bobelschwingh, der Leiter der großen Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf bei Bielefeld , hat uns ja belehrt, daß die 3ahl der eigentlich und wirklich arbeitsscheuen Leute eine verschwindend geringe ist. In seinem ersten Sahresbericht legte er dar, daß er unter 114,, Rolonisten" nur vier gefunden habe, die unwillig zur Arbeit gingen und auch von diesen vieren waren nur zwei nur wirklich arbeitsscheu. Wo kommen also die Roloniebummler" her, die mit einem Mal so zahlreich sein sollen, daß sie den Bestand bder Kolonien gefährden? Es giebt bekanntlich in Deutschland 16 sogenannte Arbeiterkolonien, welche im Monat Januar von 475 Rolonisten" frequentirt wurden. Davon waren, wie der offizielle Bericht besagt, 30 unter 20 Jahre alt, 134 waren bis 30, 145 bis 40, 119 bis 50, 40 bis 60 und 7 über 60 Jahre alt. Hinsichtlich ihres Familienverhält nisses theilten sich dieselben in 361 ledige, 46 verheirathete, 15 getrennt lebende, 38 verwittwete und 11 geschiedene Rolonisten. Ihrer Religion nach waren dieselben hauptfachlich evangelisch( 376), Ratholiten waren 99, Juden gar teine vertreten. Ihrem Berufe nach zählten, wie immer, die meisten( 166) zu den ländlichen Arbeitern, dann folgten Schuhmacher( 28), Maurer( 25), Raufleute( 21) und Bäder ( 19). Auch 1 Diener, 1 Schleifer, 1 Abdecker, 1 Student und 1 Seemann waren vertreten. Aus der Kolonie entlaffen wurden im letzten Monat 442, und zwar gingen daDon in Arbeit 84, 39 mußten entlassen werden wegen Ablaufs der 4 Monate, 31 wegen schlechten Betragens, 15 wegen Arbeits. unfähigkeit, 7 auf Requifition der Behörden, 247 gingen auf eigenen Wunsch, 8 fehrten in ihre Familien
Feuilleton.
Red halten.)
Der Erbe.
( Redbrud verboten.)
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zurüd, 9 entliefen und 2 starben. Im Ganzen wurden feit Eröffnung der Rolonien 24 307 Rolonisten aufgenommen und 22 250 entlassen.
Sind die Koloniebummler" bie 39, bei denen die vier Monate Aufenthaltsfrist abgelaufen waren? Nun, die 39, haben während der vier Monate jedenfalls nicht gebummelt", benn die Kolonien haben ja, wie ein sehr christlicher Mann einmal auszudrücken beliebte das Prinzip, fich schmaler Roft zu strenger daß ihre Insassen bei schmaler Roft Arbeit angehalten werden sollen. Wenn sie nicht gearbeitet hätten, so würde man sie sicherlich keine vier Monate behalten haben. Sie haben nur den statutenmäßigen Ge brauch von der Kolonie gemacht, weiter nichts. 31 Mann Das find wegen schlechten Betragens entlassen worden. schlechte Betragen" ist nicht immer Faulheit und wenn die 31 Mann entlassen sind, so kann man auch nicht sagen, daß sie die Kolonie durch etwaiges Bummeln" belästigen. 15 Mann sind wegen Arbeitsunfähigkeit entlassen worden. Sind dies die Bummler"? Wenn ja, dann sind sie es aber ohne eigene Schuld.
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Wie dem auch sei; uns ist die Sache mit den Kolonie bummlern" noch nicht genügend erhellt. Uns scheint aber, daß die Arbeiterkolonien von ihren Urhebern mit einem gewissen Unbehagen betrachtet werden; fie fangen an, ihnen lästig zu werden. Es ist freilich leichter, in Versammlungen und Beitschriften schöne Phrasen über die Pflichten christlicher Barmherzigkeit zu machen, als solche Pflichten durch die That zu erfüllen. Wenn man bedenkt, daß es in Deutsch land weit über hunderttausend Leute giebt, die arbeitslos auf der Straße liegen, so erscheinen die Leistungen der Arbeiterkolonien mit ihren 475 Infassen geradezu armselig.
Der meiningensche Landtag sollte für eine Arbeiterfolonie, welche von den gesammten thüringischen Kleinftaaten errichtet und für die ein Fonds von 150 000 m. aufgebracht werden sollte, einen Betrag von 27 000 M. aus Staatsmitteln bewilligen.
Allein die meiningenschen Staatsmänner lehnten diese Forderung mit erheblicher Stimmenmehrheit ab und zwar zunächst wegen der ominöfen ,, Roloniebummler". Sie glaubten, daß die Kolonien durch diese ,, Bummler" ge mißbraucht werden könnten. Wenn wir auch von den Ar beiterkolonien, wie sie bestehen, sehr wenig halten, so finden wir eine gewisse Sophistit in der Motivirung der Ablehnung. Denn die meininger Staatsmänner wollten offenbar für die Arbeitslosen gar nichts thun und dafür mußten ihnen die ,, Roloniebummler" einen plausibeln Vorwand abgeben.
Aber es wurde im Landtag noch ein anderer Grund für die Ablehnung des Zuschusses angegeben, der uns einer Betrachtung werth erscheint. Man fagte, ber Arbeiterkolonien werde ben„ freien" mittelst Ronkurrenz gemacht. Vielmehr war es
Arbeitern
mehr seitwärts abgeglitten waren und den Schädel nicht zersprengt hatten, und danach konnte die Heilung bald er [ 70 folgen. Dem Alten ließ es auch selber keine Ruhe, und schon am zweiten Tage drängte er, in seinem Laden nachzusehen, wie weit er an seinem Eigenthum geschädigt worden. Aber Rebeffa erlaubte es nicht. Er sollte sich noch nicht aufregen, wenn er den Verlust vielleicht größer fand, als er erwartet hatte. Am dritten Abend aber mußte sie ihm willfahren, und nach Dunkelwerden, damit ihn nicht etwa Jemand aus den Hinterfenstern der Nachbarhäuser bemerke, stieg er in Begleitung der Tochter hinunter und nahm eine genaue Re vision vor.
Roman von Friebrich Gerstäder. Der alte Baumann seufzte tief auf. Er war bis dahin Schlicht und ehrlich, immer geradeaus durch das Leben gegangen und hatte in der That gar keinen andern Weg für möglich gehalten. Jetzt fand er sich plötzlich in lauter trummen und frembartigen Gängen mit eigentlich zwei Söhnen und feinem-, verwickelt und verworren, in Lug und Trug hineingebracht, und sah dabei keinen Ausweg, wieder heraus und auf freien Boden zu kommen. Aber er mußte eben stillhalten, es ließ sich mit seinen arbeitsharten Fäusten, mit seinem schlichten Menschenverstand nichts in der Sache thun; das erforderte feine Hände und einen Spigen Kopf, und schon von dem Bewußtsein niedergedrückt, reichte er bem Staatsanwalt nur noch die Hand und kehrte nach Hause zurüd.
Der erlittene Diebstahl stellte sich aber als gar nicht so beträchtlich heraus, denn mit Ausnahme eines Packets von Kaffenscheinen, das mehrere hundert Thaler betrug, fehlten ihm nur noch einige, allerdings ziemlich werthvolle Silbersachen und eine goldene, mit Diamanten besetzte Schnupftabaksdose. Der Dieb war, wie man ja wußte, mitten in seiner Arbeit gestört worden, und hatte so eilig fliehen müssen, um selbst den Sad mit Silber. thalern, der sich noch an der Thür gefunden, im Stich zu lassen.
Am vierten Morgen nach der That faß der alte Mann oben beim Frühstück, als er draußen laute Stimmen hörte. In der Nachbarschaft herrschte nämlich nicht geringe Aufregung unter seinen Glaubensgenossen, daß die Beerdigung des lange Todtgeglaubten noch nicht stattfand und auch feiner der sonst üblichen Gebräuche befolgt wurde. Die
Witte eilte auf das Kriminalamt, und dort erwartete ihn allerdings heute eine so interessante als lohnende Beschäftigung, nämlich die Besichtigung der gestohlenen Waaren, zu der man aber auch den alten Salomon brauchte. Jett lag auch nichts mehr daran, das Gerücht seines Todes im Publikum verbreitet zu halten, da man den wirklichen Dieb schon in den Händen zu haben glaubte, könne und eins der am stärksten verbreiteten war, der Salomon ohne die geringste Gefahr für sich selber auf's Amt kommen, und sich sogar erbot ihn abzuholen, so wurde eine Droschke wäre vor seinem Tode heimlich mit der ganzen Familie zum beordert, und der mitfahrende Doktor dirigirte sie der Juden- Christenthum übergetreten und deshalb eben so heimlich in der letzten Nacht auf einem christlichen Gottesacker beerdigt worden.
gaffe zu Salomon hätte übrigens kaum mehr der Droschke bedurft, so rasch hatte er sich, wie nur die erste Betäubung von ihm gewichen, wieder erholt. Die beiden Wunden verlangten allerdings noch Pflege, aber es stellte sich auch bald heraus, daß die Schläge, obgleich mit voller Kraft und jebenfalls in der Abficht, zu tödten, geführt, doch beide
abenteuerlichsten Gerüchte durchliefen dabei das Viertel,
Indessen war aber auch ein naher Verwandter von ihm, der in Berlin wohnte und von dem Raubmord dort in ben Beitungen gelesen hatte, eingetroffen und an dem nämlichen Morgen, trotzdem er seinen Namen angab, nicht eingelassen worden. Die alte Magd hatte ihn abgewiesen, weil sie
| ben meiningenschen Voltsvertretern mit diesem zweiten Grund eben so wenig Ernst, wie mit dem ersten; fie wollten eben ablehnen. Aber der Einwand ist an sich burchaus begründet, denn es ist wahr, daß die Insassen der Arbeiterkolonien sehr häufig an industrielle und landwirthschaftliche Unternehmer zu chinesischen Löhnen abge= geben worden sind. Die ,, mildthätigen" Förderer der Ar beiterkolonien haben dann allerdings nichts anderes gethan, als den Unternehmern billige Arbeitskräfte auf Rosten der freien" Arbeiter verschafft. Wer weiß, ob nicht gewisse " Sozialreformer" ihr deal in einer Verallgemeinerung eines solchen Verhältnisses finden würden. Wenn diese Art von Kolonien" überall eingeführt und auf Staatsfoften in ber bisherigen Weise betrieben würde, so hätten die Herren Unternehmer so billige Arbeitskräfte wie nie und die Kosten dafür wären von dem gesammten Volte aufzus bringen. Dabei aber würde jedenfalls alles herunterkommen, Industrie, Aderbau und Volt. Trotzdem glauben wir, daß gewiffe Unternehmer eine solche Staatshilfe" sehr gern annehmen würden, und vielleicht diejenigen, die am meisten gegen die sozialistische Staatshilfe" eifern, am allerehesten.
Man hat viel Geschrei von diesen Kolonien gemacht; jetzt scheinen sie an den Roloniebummlern" zu Grunde gehen zu sollen. Uns waren die ,, Kolonien" in dieser Form nie sympathisch, aber darum halten wir das Geschrei über Roloniebummler" doch für ein Armuthszeugniß für ihre Begründer.
Politische Uebersicht.
Heber den Deutschenhaß der Schweizer " wird uns von einem Deutschen aus der Schweiz geschrieben:
Sie wiffen, ich kenne die Schweiz und die Schweizer seit vielen Jahren und da unsere deutschen Zeitungen uns seit Monaten so schreckliche Dinge über den Deutschenhaß" der Schweizer und sogar die„ Deutschenhaz" der Schweiz erzählen, so gab ich mir bei meinem diesmaligen Aufenthalte die recht schaffendste Mühe, den Deutschenhas" und die Deutschenhat" zu entdecken. Es ist mir aber, wie ich gleich sagen will, nicht gelungen. Und jebesmal, wenn ich Schweizer nach den zwei fraglichen Artikeln fragte, wurde ich sans fagons ausgelacht. Natürlich, die Schweizer find Republikaner, und diejenigen Schweizer , welche fich deffen bewußt find, haben feine Sympathie für das politische System, welches
feit Gründung des Deutschen Reiches, namentlich seit dem Jahr 1878 in Deutschland herrscht und sich auch der Schweiz sehr unangenehm fühlbar gemacht hat. Insbesondere ist man allgemein empört über das Lockspigelthum, welches in der Schweiz einen Umfang erlangt hat, den die letzten Reichs tagsdebatten über das Sozialistengeset nur annähernd errathen ließen. Und die Art und Weise, wie ein deutscher Minister sich
natürlich nicht wagte, einem von der Polizei gegebenen Bea fehl zuwider zu handeln. Der alte Salomon wurde aber böse, als er es erfuhr.
Gott der Gerechte, der Simon Levy abgewiesen von seiner Thür, seiner einzigen Schwester einziges Kind, der die lange Reise gemacht hatte nur seinetwegen!
Aber der Herr Aftuar hatte so streng befohlen. Der Herr Aftuar soll befehlen, wo er will," sagte der alte Mann, aber nicht im eigenen Hause von Salomon uud in seiner Familie, so lange der Salomon lebt und gefund ist; und wenn er todt wäre, hätte er erst recht nichts zu befehlen, denn dann ist die Frau vom Salomon da, wo bas alles besorgt, was zu besorgen ist."
Der Simon Levy hatte sich aber ohnedies nicht so rasch
abweisen lassen, denn noch war er kaum zweihundert Schritt vom Haufe entfernt und immer mit sich selber im 3orn sprechend und vor sich hin gestikulirend fortgegangen, als er auch plöglich, auf dem Absatz herumfahrend, Kehri machte und jetzt fest entschlossen schien, das Haus von seiner Mutter Bruder nicht eher zu verlassen, bis er wenigstens seine Tante gesehen und gesprochen und von ihr die Bes ftätigung dessen gehört hatte, was die Leute in der Judens gaffe erzählten. Nachher wollte er den Staub von seinen Füßen schütteln und nach Berlin zurückfahren auf der Eisenbahn.
Wie er zum zweiten Mal in den Hof kam, begegnete er wieder der alten Magd, die gerade ausgeschickt worden, um ihn aufzusuchen. Sie hatte aber strengen Befehl bea kommen, dem Simon Levy nicht zu sagen, daß der Salomon noch lebe und gesund sei, sondern sie sollte ihn nur zu der
Frau bestellen und ihn dann in das 3immer führen, wo Salomon noch immer bei seinem Frühstück saß. Die Alte tam auch der Ordre genau nach.
" Herr Levy," sagte fie, ist mir lieb, daß ich Sie treffe; sparen Sie mir doch einen langen Weg für meine kurzen Beine."
Ist die Madame Salomon zu Hause?"
Ist sie," nickte die alte Magd ,,, und sitt oben in der Stube und wartet auf Herrn Levy. und die Fräulein Rebekka auch."