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Nr. 230.

Sonntag, den 30. September 1888.

5. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Volksblatt"

erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Bf. Boftabonnement 4 Mart. Einzelne Nummer 5 Bf. Sonntags- Nummer mit dem Sonntags- Blatt" 10 Bf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1888 unter Nr. 849.)

Redaktion: Beuthstraße 2.

Insertionsgebühr

beträgt für die 4 gespaltete Betitzeile oder deren Naum 25 Pf. Arbeitsmarkt 10 Pf. Bel größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Simmerstraße 44, sowie von allen Annoncen- Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen.

Expedition: Zimmerstraße 44.

Abonnements- Einladung.

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Mit dem 1. Oktober eröffnen wir ein neues Abonnement auf das

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Berliner Volksblatt"

mit dem Sonntagsblatt als Gratisbeilage.

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Das Berliner Volksblatt" ist das einzige, täglich erscheinende arbeiterorgan der Reichshauptstadt. Als Verfechter und Vertreter einer neuen Weltanschauung auf allen Gebieter des menschlichen Lebens, ist es seine erste und vornehmste Aufgabe, überall und in jeder Beziehung für die Intereffen der unterdrückten Klaffe, der Arbeiter, einzutreten. Auf die Arbeiter gestüßt, von ihrem Vertrauen getragen, hofft das Berliner Volksblatt" durch raftlose, unermüdliche Thätigkeit auch an seinem Theile dazu beizutragen, daß unsere Prinzipien zum Durchbruch gelangen und daß der produzirende, die Menschheit erhaltende Theil unserer Bevölkerung denjenigen Platz in der Gesellschaft einnimmt, der ihm gebührt.

Was wir mit dem gebildeten Theil der Arbeiterschaft erstreben und erhoffen, ist bekannt. Daß sich unsere Ideale eines Tages verwirklichen, dazu bedarf es des unverbrüchlich- einmüthigen Handelns aller derjenigen Männer, welche die Schäden unserer Zeit erkannt haben; dazu gehört, daß unsere Lehren bis in die legten Hütten der Armuth getragen werden, damit Licht und Er­fenntniß fich verbreite; daß es auch dem legten und scheinbar unbedeutendsten Handlanger klar werde, daß auch er ein Recht an das Leben habe, daß die Schäße der Natur und der Arbeit nicht ausschließliches Eigenthum einer winzigen, bevorrechteten Kaste find.

Eines unserer hervorragendsten Kampfesmittel ist die Preffe. Niemand darf fich einen sielbewußten, überzeugungstreuen Sozialisten nennen, welcher nicht immer und überall bestrebt ist der sozialdemokratischen Arbeiterpreffe in immer weiteren Kreisen der Arbeiter Eingang zu verschaffen. Jeder Arbeiter, der aus Lauheit oder anderen Gründen hiergegen verstößt, handelt direkt gegen fein ausgesprochenes Intereffe. Darum, Arbeiter Berlins , werbet und agitirt, wo Thr auch sein möget, ob in der Werkstatt, ob im Freundeskreise, werbet und agitirt für Eure Zeitung.

Das Berliner Volksblatt" steht Euch faft ein halbes Jahrzehnt, ohne zu wanken oder zu weichen, zur Seite, tretet nun auch Ihr für daffelbe ein und zeigt durch Euer einmüthiges und entschloffenes Handeln, daß Ihr Eure Zeitung über alle Organe der ausbeutenden Bourgeoifte erheben wollt. Jedermann tennt unseren Standpunkt in politischen und wirthschaftlichen Fragen. Mit Schärfe und Sachlichkeit werden, wie bisher, alle dieses Gebiet berührenden Vorkommnisse behandelt werden, ebenso wie wir bestrebt sein werden, in allen anderen Fächern durch Schnelligkeit, Präzision und sachgemäßes Urtheil unsere Schuldigkeit zu thun. Im Feuilleton unferes Blattes veröffentlichen wir einen ausgezeichneten Roman aus dem amerikanischen Arbeiterleben, betitelt

Lebens stehen.

Die Ritter der Arbeit

übersetzt von

Natalie Liebknecht.

Schon der Name der Uebersetzerin bürgt dafür, daß unseren Lesern hier eine ebenso spannende wie gediegene Lektüre geboten wird. Neu hinzutretende Abonnenten erhalten den bisher erschienenen Theil des Romans gratis und franto nachgeliefert.

Unser Sonntagsblatt macht es sich nach wie vor zur Aufgabe, nur die besten und vollendetsten Arbeiten derjenigen Schriftsteller zu bringen, die auf dem Boden des wirklichen Der heutigen Auflage liegt ein Bestellzettel bei. Wir bitten unsere bisherigen Abonnenten, von demselben möglichst ergiebigen Gebrauch zu machen. Jeder alte Freund unseres Blattes soll einen neuen dazubringen, damit das Berliner Volksblatt" auch durch die Bahl seiner Leser würdig die Größe der Sozialdemokratie der Reichshauptstadt darstellt.

Das Berliner Volksblatt" kostet für das ganze Vierteljahr feet ins Sans 4 Mark, für den Monat Ottober 1 Mark 35 Pf., pro Woche 35 Pf. Bei Selbstabholung F1 Mark pro Monat.

aus unserer Expedition

Für außerhalb nehmen sämmtliche Bostanstalten Abonnements für das nächste Vierteljahr zum Preise von 4 M. entgegen.

Rachbruck verboten.]

Feuilleton.

Die Ritter der Arbeit. Aus dem Amerikanischen des 30%. Uebersetzt von Natalie Liebknecht.

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An dem hinteren Ende desselben Bauplages, einer Allee Regenüber, stand ein altes aber massives Haus mit drei Räumlichkeiten, das den Blüthetagen des alten Sklaverei Regiments als Negerherberge gebient hatte. Die große Schlacht der freien Arbeit und der Sklavenarbeit war geschlagen worden. Das Eigenthumsrecht auf die Sklaven bestand nicht mehr; die freie Arbeit hatte gefiegt und war fehr dankbar, wenn sie genug verbiente, um ihr Dasein in Herbergen ihres ehemaligen großen Dieses Haus war von Ema­Die Familie war

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Die Redaktion und Expedition des Berliner Volksblatt".

die Wände des vorderen Bimmers, ganz hübsche Beich nungen, die der Tochter des Hauses Ehre machten. Drei oder vier hängende Bücherbretter waren mit wohl gehaltenen und gut ausgewählten Büchern gefüllt, unter welchen die Bibel und Shakespeare augenscheinliche Beweise von langem und sorgfamem Studien verriethen. In der einen Ede stand ein Bett mit zurückgezogenen Vorhängen, offenbar Miß Maud's Lagerstätte. Dieses Borderzimmer war Wohn-, Besuch- und Schlafftube zu gleicher Beit.

Samuel Simpson blickte auf eine altmodische Uhr und der Arbeit sei, als die Thür aufging und das junge Mäd­fragte sich, ob es noch nicht 3eit für Maud's Rückkehr von hen eintrat; fie umarmte und füßte den Vater zärtlich.

Nun, Vater, ich fab Dich auf die Uhr blicken, Du fürchtetest wohl, ich würde wieder zu spät nach Hause tom­

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men? Ich dachte es selbst, weil ich von meiner Arbeit ab. gerufen wurde, um dem Buchhalter gegen 4 Uhr zu helfen, aber glücklicher Weise beendeten wir unsere Arbeit kurz nach 6 Uhr. Herr Barnum, ich meine Hauptmann Barnum, freundlich nach Mutters Gesundheit. Er scheint überhaupt Doch ich muß zu Mutter hineingehen und dann das Abend. brot besorgen."

war, verliehen dem Mädchen eine eigenartige Schöns heit, wie man sie nur selten findet. Ihre Bils dung verdankte Maud Simpson den Volksschulen und Bildungsanstalten von Chicago , und so war sie zu einer wohlerzogenen und hochgebildeten jungen Dame heran­gewachsen, während sie, nach der Ansicht einiger modernen Philofophen über die Armuth, sich für das Leben eines Dienstboten in dem Hause eines reichen Emporkömmlings hätte vorbereiten müssen. Die Mutter war zu Tisch ge= führt worden, sie war vor der Zeit gealtert und schien für fein langes Leben bestimmt zn sein. Maud nahm an dem einen Ende des Tisches Play, ihr Vater an dem anderen. Ueber das Mahl wurde dann ein kurzer Segen ge= sprochen.

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Vater," sagte Maud, weißt Du etwas von einer neuen Arbeiterorganisation?"

Ja, warum fragst Du?"

" D, weil ich einen unserer Rommis, dessen Bruder Maler ist, fagen hörte, daß die Arbeiter den großen Plan einstimmung handeln könnten und daß sie für gute Arbeit auch guten Lohn haben wollten. Glaubst Du, daß so etwas möglich ist?"

nuel Simpson, einem Maurer, seiner Frau und seiner hielt mich einen Augenblick auf und erkundigte sich sehr hätten, alle Gewerte zu organisiren, damit sie in Uebers

Feindes zu fristen. Tochter, Mis Maud, bewohnt. dor mehreren Jahren aus Rüdsichten auf Mrs. Simpson's Gefundheit, die von einem milderen Klima Besserung er hoffte, von Chikago hierher übergefiedelt. Samuel Simpson, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, war beschäftigungslos,

Der Vater war schon vor ihr in der Küche

,, Nein, Maub, ich fürchte, die Beit für eine solche Bes wegung ist vorüber, sowohl in unserem wie in jedem an­es eignet sich alles an und ich glaube, das beste ist, sich zu unterwerfen. Der Kapitalist hat kein Interesse, den Arbeiter Hungers sterben zu lassen."

er wartete auf Frühlingsarbeit und war jetzt gerade daran, gewesen, sie fand das Theewasser bereits im Kochen. deren Land. Das Monopol beherrscht alles in Amerika ,

George zu lesen. Das Haus war sauber und gut gehalten.

Progress and Poverty "( Fortschritt und Armuth) von Henry auf dem Tisch. Das junge Mädchen waltete seines Amtes mit einer Heiterkeit, wie wohl faum eine reiche Dame, die Die Möbel und die Teppiche waren alt und sehr abgenutt, mit Hilfe zahlreicher Diener und Dienerinnen ein prunkvolles gewiß aber von befferer Qualität wie die, welche die Räume mar. Das Innere der Wohnung war mit den Ueberresten wundernett aus, als sie das bescheidene Mahl herrichtete. gefchmückt hatten, als das Haus noch von Negern bewohnt Gastmahl leitet. Maud Simpson, ungefähr zwanzig Jahre alt, fah aus den Tagen des ungleich besseren Lohnes, der früher in Sie war etwas über Mittelgröße und wohlgebaut. Ein gut

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Aber, Vater, glaubst Du nicht, daß Henry George Recht hat, wenn er sagt, daß die Armuth immer mehr zus nimmt, je reicher das Land wird?"

" Ja, Henry George hat Recht und Carylle) hatte Recht in seinem Sonst und Jeht." Es scheint, je frei

Chicago gezahlt wurde, ausgestattet. Einige Bilder zierten passendes Kleid von einfachem Stoffe, das Werk ihrer gebiger Gott gegen die Menschen ist, um so mehr Noth

1) Miß heißt Fräulein, Mr. abgekürzt für Master( Meister, bert), aber Mister ausgesprochen, heißt Hr.- Herr, als Titel

( Berrin

bor dem Namen Frau), aber Miffis ausgesprochen, heißt Frau als

und Mrs. abgekürzt für Mistreß

-

Titel vor dem Namen.

eigenen Hände, verbarg nicht vollständig die Symetrie ihrer tupellos entwickelten Gestalt. Die 3üge waren regelmäßig, der Mund und die Unterlippe zeigten einen festen, energischen Charakter. Die großen blauen Augen und die geistvolle Stirn, welche von reichem dunkelbraunen Haar überragt

müssen sie leiben, und ich verstehe nicht, wie Arbeiter­organisationen es besser machen wollen. Ich war mehr

1) Der bekannte Geschichtsschreiber und Heldanbeter, der

eine Beit lang auch für den Chartismus schwärmte.