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Donnerstag, den 15. November 1888.

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Berliner Volksblatt.

Organ

für die

Das Berliner Bolksblatt"

Interessen der Arbeiter.

e Gewiffcheint täglich Morgens aufer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin fret h's Haus vierteljahritch 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Bf. Bostabonnement Dart. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags- Nummer mit dem Sonntags- Blatt" 10 Bf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1888 unter Nr. 849.)

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Insertionsgebühr

beträgt für die 4 gespaltete Betitzeile oder deren Raum 25 Pf. Arbeitsmarkt 10 Bf. Bel größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 Nhe Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Simmerstraße 44, fowie von allen Annoncen- Buteaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen.

Redaktion: Benthstraße 2. Beuthstraße 2. Expedition: Zimmerstraße 44.

es wirklich in der Weise getrieben werden?

Beit ein neuer Geist in die vielbenannte Reichskommission, Es läßt sich gar nicht in Abrede stellen, daß seit einiger der die endgiltige Entscheidung in Sachen sozialistengeset vorstehend her Berbote übertragen ist, gefahren zu sein scheint. Während in früheren Jahren die Aufhebung eines Verbots gend einer Druckschrift geradezu zu den Ausnahmen zählte nd bei der Bestätigung derselben thatsächlich meist mehr auf den Herausgeber und Verleger der Druckschrift als auf Inhalt berselben gesehen wurbe, hat in der letteren Seit in dieſer Beziehung eine wesentlich andere Praxis ten Play Begriffen. Der durch ein Verbot Betroffene tann jezt mit viel mehr Sicherheit als früher darauf rechnen, daß, im

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suht. So wurden beim Erlaß des Ausnahmegefeßes die

feierlichsten Versicherungen von allen Seiten gegeben, daß durch dasselbe das Koalitionsrecht der Arbeiter nicht be­troffen werden sollte. In welcher Art diese Versicherungen aber gehalten wurden, darüber brauchen wir uns unseren Lesern gegenüber nicht weiter auszulaffen. Es genügt, an den zahllosen Auflösungen der fachgewerklichen Organisationen und an den famosen Streikerlaß des Herrn v. Puttkamer

zu erinnern.

werth, daß jetzt eine Aeußerung der Reichskommission vor­Diesen Vorgängen gegenüber ist es nun nicht ohne liegt, welche flipp und klar ausspricht, daß das Ausnahme­sefe für Fälle, welche unter bas Roalitionsrecht fallen,

nicht gegeben ist.

heibung nicht mehr darnach fällt, wer der Beschwerde fibrer fei, sondern daß beim Entscheid nur auf den Inhalt ftellung des Tischlerstreits vom Standpunkt der Streifen­ber vom Verbot betroffenen Druckschrift gesehen wird.

ihr vorsteht, fich bereits durch eine Reihe der

Dieser veränderten Praxis verbanken wir eine Reihe Don Entscheidungen, welche für die Arbeiter von höchster Bichtigteit sind. Die ursprüngliche Handhabung des Sozias gemacht hat, verbot diefes Flugblatt, weil darin bes fich die dengefeges ging ja bekanntlich dahin, alles, was von

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gefes vom 21. Oftober 1878 ist dagegen für

solche Fälle nicht gegeben."

Dieser Entscheid ist für die Arbeiter von großem Inters effe und sie thun sehr gut, sich ihn ins Gedächtniß einzus prägen, um ihn übereifrigen Polizeibehörden gelegentlich vorhalten zu können. Daß derselbe gegenüber der Ham burger Polizeibehörde gefällt wurde, erfüllt uns aber mit doppelter Genugthuung, denn gerade diese republikanische Behörde hat im Verlaufe der dortigen Lohnbewegung im legten Sommer eine Reihe von Maßnahmen gegen die streitenden Arbeiter ergriffen, für die wir nach einer gefeßlichen Unterlage vergeblich fuchten.

Wenn wir aber, unserem Grundsatz, der Wahrheit überall die Ehre zu geben, getreu gerne, konstatiren, daß sich bei Die Entscheidung der Reichskommission, in welcher der Behörde, beren spezielle Aufgabe es ist, Beschwerden dieser Grundsah ausgesprochen ist, bezieht sich auf ein Flug- über das Sozialistengesetz zu prüfen, in legter 3eit eine in entschiedene Wendung zum besseren eingestellt hat, so möch ten wir, angesichts anderer Vorgänge, die sich in letterer ben aus gegeben wurde. Die Hamburger Polizeibe 3eit überraschender Weise mehren, uns doch die Frage er hörde, welche, seitdem ein nationalliberaler Polizeiherr lauben: Muß es wirklich in der Weise getrieben werden? Wir meinen hier jene fleinlich gehässigen Nörgeleien überraschendsten Maßnahmen gegen gegenüber den als Sozialdemokraten bekannten Arbeitern, die man an verschiedenen Orten meist unter Anwendung der alter und längst überlebter Polizeiverordnungen zur An­wendung bringt. Wir verweisen hier nur auf die Thats fache, daß man in Bremen und Frankfurt den Versuch ge macht hat, das Sammeln von Unterstüßung für Streifende als Bettelei zu bestrafen. Die Gerichte haben zwar an beiben Orten diese polizeilichen Interpretationss fünfte für nichtig erklärt und die Angeklagten freigesprochen; fie sehen, daß in einer 3eit, wo es bald feine nationale aber welche Gefühle müssen die Arbeiter beschleichen, wenn im Lande herumgegangen ist, es ihnen als Bettelei auszus Größe" mehr giebt, für welche nicht schon der Klingelbeutel legen versucht wird, wenn sie ihre im Lohnkampf befind­lichen Arbeitsbrüder mit ihren sauer erworbenen Groschen zu unterstützen bestrebt sind?

beitern ausging, bie nicht in Jünglings- oder Krieger- schimpfende Angriffe gegen das deutschfreifinnige Hamburger geschraubtesten Auslegungen des gewöhnlichen Rechts oder

Fremdenblatt" und die nationalliberalen Hamburger Nachrichten" entha ten gewesen sein sollen, und weil dasselbe die Hamburger Tischlerinnung des Kontraktbruchs bezichtigte. Lettere Haudlung wurde als besonders schlimm angesehen, weil die Innungen ein öffentlich- rechtliches, mit der Ver­tretung gewerblicher Interessen staatsseitig betrautes In­ftitut" feien.

Vereinen organisirt waren, zu unterbrücken. Die Moti ungen dieser Berbote beschränkten sich gewöhnlich darauf, allären: ber Herausgeber und Redakteur find notorische figt, daß die verbotene Druckschrift auf den Umsturz 2c. ialdemokraten, beshalb ist die Annahme gerecht richtete Bestrebungen verfolgt." Oder wenn es sich um nd welblic en Berein handelte, so genügte es für das Verbot, wenn e es glüde Mitglieder amtsbekannte" Sozialdemokraten waren. Dieses Verbot des Flugblattes hat nun die Reichs­m dauern diesem Genre wurde besonders unter dem loyalen" kommiffion aufgehoben und in den Entscheidungs­Bulenburg gearbeitet und das richterliche Element", um gründen ausgeführt, daß die Polemik, welche das Flug beffentwillen sich der verstorbene Laster so riesige Mühe

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d über achte, damit er es in die Neichskommission hinein brachte, Interessen vertretenden Preßorgane führt, nicht unter bas iren werd atteinen Pfifferling genügt. Es war von der ersten Verbot des Gesetzes vom 21. Oktober 1878 fällt. Die

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Stunde an das polizeiliche Ermessen, das in der Bertheidigung des Hamburger Tischlerstreiks kann den Reichstommiffion ausschließlich den Ton angab, und es ist streifenden Tischlern geseglich ebensowenig ver Vies wohl auch heute noch so. Aber auch in dem polizei When Ermessen ist es ein Unterschied, von wem es aus­Und da wollen wir denn gerne zugeben, daß der

der heute die Reichskommission beherrscht, sehr vors felbe Rommission ihre Entscheide in früheren Jahren ges

troffen bat.

gegen die Art und Weise, wie diese

Wenn aber in Frankfurt und Bremen die Gerichte zu Gunsten der des Bettelns Angeklagten entschieden, so hat sich in Gera ein Amtsgericht gefunden, welches in einer gleichen Anklagefache fogar auf fünf Tage Gefäng niß erkannte. Wir find nun zwar feinen Augenblid im 3weifel, daß am Landgericht wo sich glücklicherweise der Einfluß jenes juristischen jungen Deutsch lands, das seit der Zeit unserer nationalen Wiedergeburt" herangewachsen ist, weniger bemerkbar macht ebenfalls eine Freisprechung erfolgen wird, aber, fragen wir, warum Das Ausnahmenüßlichsten und zahlreichsten Klasse der Staatsbürger auf

-

wehrt werden, wie ihre in dem Flugblatte als bes rechtigt vertheidigte Vereinigung zum Behufe der Erlangung günstiger Lohn- und Ar­beitsbedingungen mittelft Einstellung der Arbeit. Hat der Verfasser des Flugblattes oder haben dessen Auftraggeber fich hierbei Beleidigungen oder Es werden jetzt von der Reichskommission Grundsätze Verleumdungen öffentlicher Behörden oder einzelner Beltung gebracht, die gewiß ganz und gar in den liegen fie dem allgemeinen Strafgeseße, welches den Personen Schulben zu Schulden kommen lassen, so unter Rahmen einer loyalen Handhabung des Sozialistengesetzes Verletzten in den§§ 185 bis 187 des Reichs Strafgesetz- denn erst solche Anklagen erheben, die die Gefühle der horen, bie man aber in früheren Entscheiden vergebens buches genügenden Schutz bietet.

igral serbaton.]

Feuilleton.

Raskolnikow .

Roman von F. M. Dostojewski.

Aus dem Russischen überseht von Wilh. Hendel. Plöglich schaute er auf und blieb stehen.

um es

.

die Form einer furchtbaren, wilden und phantastischen Frage angenommen, die sein Herz und seinen Verstand zermarterte, eine unabweisbare Lösung heifchend. Und jest traf ihn der [ 10 Brief der Mutter plöglich wie ein Donnerschlag. Es war flar, baß jest teine Beit zum Stöhnen und zu paffivem Dulden sei, zu Reflexionen über die Unlösbarkeit dieser Fragen, sondern es mußte unbedingt gehandelt sein und zwar schleunigst, sofort. Um jeden Preis mußte ein Ent­schluß gefaßt werden, irgend einer, oder...

Es darf nicht sein? Was wirst du denn aber thun, Es verbieten? Und was hast du

zu

verhindern?

Oder gänzliches Verzichtleisten auf alles, was Leben heißt!" rief er plößlich verzweifelt aus; ober gebuldig sein

fr ein Recht dazu? Was kannst du ihnen dagegen bieten, für alle mal alles in sich ersticken,-

beine

-

ganze Bukunft ihnen widmen, wenn du deine

Schidfal auf sich nehmen, es fomme, wie es fomme; ein dem Rechte, zu wirken,

-

zu leben und zu lieben, gänzlich entsagen." Begreifen Sie, begreifen Sie, Herr, was es heißt,

aber anfangs nicht, ebensowenig wie er andere Gegenstände, die bisher flüchtig an ihm vorübergezogen waren, beachtet hatte. Es war schon häufig vorgekommen, daß er z. B. nach Hause ging, ohne sich im geringsten des Weges erinnern zu fönnen, ben er gekommen war; es war ihm zur Gewohnheit geworden, so in Gedanken versunken zu gehen. Aber an dem vor ihm gehenden Frauenzimmer war etwas so Sonderbares und auf den ersten Blick in die Augen Fallendes, daß nach und nach seine Aufmerksamkeit auf ihr haften blieb, fangs mit Unlust und Aerger, später immer aufdringlicher. Er wollte endlich klar wissen, was denn eigentlich an dem

an

Frauenzimmer so auffällig sei. Erstens schien es ein noch sehr junges Mädchen zu sein, sie ging bei dieser Hize bar­haupt, ohne Sonnenschirm und ohne Handschuhe und schlenkerte eigenthümlich mit den Händen. Sie trug ein leichtes seidenes

Stubien beendet und eine Stellung erlangt feinen Ausweg mehr zu haben?" fiel ihm plöglich die gestrige Kleid, nachläffig angezogen, kaum zugehalt; hinten, unterm aben wirft? Das lennen wir, das sind Wechsel auf Frage Marmeladows ein; jeder muß doch die Möglichkeit Leibchen, war der Rock zerrissen und ein Fehen hing herunter.

ofort etwas

He Bulunft, aber jest, gleich? Es muß ja gleich, muß irgend eines Auswegs haben"...

buft bu jetzt?

elb tommt ja

geschehen, begreifst du das? Und was Du beraubst fie ja felbft. 3hr ben Swidrigailows und auf

Don

Plötzlich fuhr er zusammen; ein Gebanke, auch ein geftriger, ging ihm durch den Kopf. Doch nicht dies war Der Grund seines Busammenfahrens; er wußte es ja, er ahnte es, daß dieser Gebante tommen müsse, er erwartete ihn und dieser Gebante war ja auch nicht erst von gestern. Der Unterschied bestand nur barin, daß vor einem Monat, ja sogar gestern noch, dieser Gedanke nur ein Hirngespinst war... baß er jeßt aber, jett, plöglich, nicht mehr als völlig ungewohnten Lichte erschien. Es war wie ein - es wurde ihm schwarz vor den

Interpfand ber Bettelpenfion. Und wie wirst du sie vor Biken, bu zukünftiger Millionär, du 3eus, der ihr Schicksal Swibrigailows, vor Waffilij Iwanowitsch Wachrufchin rausbestimmt! Nach zehn Jahren vielleicht? Ja, in Jahren tann die Mutter leicht vom Sticken und Striden äntel, Bindet fein, vielleicht auch von den Thränen und Hirngespinst, sondern in einem neuen, furchtbaren und ihm Hlas, Spaften Baldemar wefter? Nun, überlege mal, was mit der Schwester Schlag vor den Kopf sehn Jahren geschehen sein kann, und was während Augen. ehn Jahre geschehen könnte?

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12 lich belannte Fragen. Schon seit langem marterten

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Er schaute sich hastig um, als ob er etwas fuche. Er fühlte das Bedürfniß, sich hinzusehen und suchte nach einer Bank; er war auf dem R. Boulevard. Etwa hundert

quälte und peinigte er sich mit diesen Fragen, fogar neuen, teine erst jetzt aufgetauchten, sondern alte, schnell er konnte hin; unterwegs aber begegnete ihm ein fleines Abenteuer, das auf einige Minuten seine ganze Als er nach der Bank ausschaute, bemerkte er etwa

ihn und hatten ihm schon oft das Herz zerfleischt. Schon Aufmerksamkeit feffelte.

langer, langer Beit war diese Dual in ihm entstanden,

Ein kleines Tuch war um den bloßen Hals geworfen, saß aber ganz schief. Das Mädchen ging unsicher, stolperte, wantte fogar hin und her. Diese Erscheinung fesselte endlich Raskolnikow's ganze Aufmerksamkeit. Er erreichte das Mäd chen dicht vor der Bank; als sie bei der Bank angelangt war, fiel sie schwerfällig darauf nieber, ließ den Kopf hinten überfinken und schloß die Augen, wahrscheinlich vor Er schöpfung. Als er sie genau betrachtete, sah er, daß fie total betrunken war. Eine sonderbare, fremdartige Er scheinung, er traute feinen Augen faum! Vor ihm befand fich ein sehr junges Gefichtchen, etwa sechszehn Jahre alt, vielleicht auch nur fünfzehnflein, blond, hübsch, aber ganz erhigt, gleichsam aufgebunsen. Das Mädchen war kaum noch bei Bewußtsein; sie hatte ein Bein übers andere geschlagen und es badurch mehr als schicklich entblößt, allem Anschein nach wußte sie kaum, daß sie auf der Straße sei.

Raskolnikom setzte sich nicht und wollte sich auch nicht entfernen; er stand unentschlossen vor ihr. Dieser Boule vard pflegt überhaupt ziemlich öde zu sein, jeßt aber, in der zweiten Stunde und bei dieser Hipe, war er faft

gewachsen, hatte sich angesammelt, war gereift und hatte zwanzig Schritt vor fich ein Frauenzimmer, beachtete ste menschenleer. Nur seitwärts, etwa fünfzehn Schritt weit