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Sonntag, den 8. September 1889.

6. Jahrg.

Berliner Volksblatt

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Volksblatt"

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ete zwei großheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei ung find it's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Pf. Einzelne Nummer he befindliche Bf. Sonntags- Nummer mit dem Sonntags- Blatt" 10 Pf. Bei Abholung aus unserer Stelle. Dit pedition Zimmerstraße 44 1 Mart pro Monat. Poftabonnemen 4 Mart pro Quartal. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1889 unter Nr. 866.) ücks begeben. Für das Ausland: Täglich unter Kreuzband durch unsere Expedition 3 Mart pro Monat.

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Redaktion: Beuthstraße 2.

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Insertionsgebühr

beträgt für die 4 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf., für Vereins- und Versammlungs­Anzeigen 20 Pf. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen- Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 3-7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Festtagen bis 10 Uhr Vormittags geöffnet. Fernsprecher: Amt VI. Nr. 4106.

Expedition: Bimmerfrake 44.

Der heutigen Nummer liegt für unsere Abonnenten Stand abhalten, unsere Behörde befürchtete, er würde nicht die Welt, aber Ludwigshafen aus den Angeln heben und verbot ihn. So erging es auch Slomte aus Hamburg . Von Geck nicht zu reden. Der

Eine Tozialiffengelet­

liche Idylle.

uns der Vermuthung nicht erwehren, daß in der Gesetzes­sammlung unserer Polizei ein Blatt herausgerissen ist.*) Und nun etwas von der Liebenswürdigkeit gegen ver­haftete Sozialdemokraten. Vor 2 Jahren konnte sich Ehr­

einzige, der Gnade vor dem gefſtrengen Polizeiauge fand, hart einem fettengeſchloſſenen Bundestransport durch Ludwigs­

war Gördi aus Berlin .

Als Herr Schneider aus Mannheim , freireligiöser Pre­diger daselbst, im hiesigen Orte einen Vortrag abhielt, wur­den die Frauen und Minderjährigen, welche die Vorträge als Mitglieder der freireligiösen Gemeinde, sowie den sog. Religionsunterricht besuchten, vor Beginn zu Paaren ge­des

Gine humorvolle Schilderung all der kleinen Polizei­heerereien die unter dem Sozialistengeset in einer fleinen Stadt in verhältnißmäßig kurzem Zeitraume vorkamen, ent­ält das Südm. Voltsbl." aus Ludwigshafen a. Rh. Da ingerung des Gesetzes Propaganda zu machen, ist es ihr Vereins- und Versammlungsrechts. In demselben steht zwar, hrscheinlich nicht unangenehm zu lesen, mit welcher Wir daß nur zwei Polizisten einer Versammlung als überwachende ang dasselbe angewandt wird. Wir bringen also die er­Behörde beiwohnen dürfen, wahrscheinlich ist aber in der feren Kartellbrüdern wie Myrrhen und Weihrauch in die nte Rorrespondenz hiermit zum Abbrud, hoffend, daß sie polizeilichen Gesetzes sammlung dieses Blatt herausgerissen, denn wir sehen in den Versammlungen, die in Gnaden er­Rafe buftet. laubt werden, immer unsere Polizei schaarenweise erscheinen. Auch ist in dem Gefeße nichts davon enthalten, daß ein Referent angegeben werde, allein unsere immerfort prakti­schen Beamten schulen sich in die Handhabung des Gesetzes so hinein, daß sie die Lücken ergänzen. So haben sie Herrn Huber von hier eine Versammlung verboten, nachdem er breiviertel Stunde gesprochen; sie verboten, weil sie ent­

Die Korrespondenz lautet: Ludwigshafen a. Rh., 13. August. Wie ich in Kürze gemeldet, wurde die Versammlung 4. d. M., in welcher Genosse Ehrhardt über den Pariser Kongreß sprechen wollte, verboten. Aber wir sind von Baufe aus urgemüthliche Kerle und lassen uns durch der- deckten, daß Huber nicht Ehrhart sei. ige Verbote nicht im entferntesten aus der Fassung bringen.

nicht

Stiefmütterlich behandelt werden, das will ich durch

Ehrhart wurde letztes Jahr erlaubt, hier und in der

hafen, wo er sein Geschäft betreibt, nur dadurch entziehen, daß er sich einen Wagen für 15 M. stellte. Aehnlich er­ging es vor kurzem dem Arbeiter K. von hier, der, 18 Jahre als treuer und braver Arbeiter im Dienste einer Fabrik er­graut, wegen Verdacht der Verbreitung verbotener Druck­schriften mit einer Prostituirten und einem! Diebe zusammen­gefesselt durch die Stadt transportirt wurde. Es ist immer noch ein Glück, daß in Frankenthal Richter sind, die keine Polizisten sind; denn ich fürchte, wir wären schon längst mit Haut und Haaren verspeist.

Fürwahr, das Sozialistengesetz könnte nicht besser illustrirt werden als durch die Vorgänge bei uns hier in Ludwigshafen , und dabei ist die Seele der Polizeibehörde, Herr Bezirksamtmann Reeger, ein intelligenter Gesetzgeber, dem eine Reihe von Gesetzeskommentare ihr Dasein ver­danken. Von größtem Interesse wäre für uns ein Kom­mentar des Sozialistengesetzes von ihm zu erhalten. Während in anderen Orten verbietende Beamte dem Einberufer einer Versammlung die Gründe des Verbots mittheilen, ist's bei uns ganz anders. Man behauptet, daß die Polizei keine Gründe anzugeben nöthig habe und so lesen wir denn die gestellt werden, der hiesigen und auswärtigen gegnerischen Presse-!! Das Verbot der letzten Ver= sammlung ist um so charakteristischer, als wir die Versammlung schon fünf Tage zuvor polizeilich angemeldet hatten, um bei

Daß wir seitens unserer wohllöblichen Polizeibehörde Umgebung Versammlungen über den Arbeiterschutz zu halten, Verbote unserer Versammlungen längst, bevor sie uns zu

diesen Artikel darthun. Sie werden deshalb gestatten, daß sind doch unsere hiesigen Ver

in Frankenthal , das auch zu unserm Wahlkreise gehört, wurde es ihm verboten. Wir haben sonst in allen Fällen Beschwerde eingelegt, aber nach Jahr und Tag in allen Fällen abschlägigen Bescheid erhalten. Daß wir jetzt auf das verfassungsmäßig gewährleistete Beschwerderecht verzichten und halt mit den Gnadenbrocken, die vom wohllöblichen be­zirksamtlichen Tische fallen, vorlieb nehmen, möge nicht

i etwas zurückgreife, baltniffe bis jetzt noch in keinem Organe zum Ausdruck gelangt, was zur Folge haben könnte, daß unser hiesiger Beint in den Geruch einer freiheitlich verwalteten Polizei­folonie tame. Sechs Jahre lang, nach der Geburt des Sozialistengesetzes, erhielten wir absolut keine Versammlung wurde es Ehrhart ab und zu gestattet, in einer Ver- friedigt. laubt. Erst nach der großen Demonstration von 1884 Sammlung zu fprechen. Im Jahre 1887 follte Liebknecht Sprechen, es wurde hier verboten; seinen Vortrag durfte er zwar denselben, den er hier abhalten wollte, besonderer Erlaubniß des Stadtdirektors( jetzt

and

120

zu

dem falschen Schlusse verleiten, als hätte diese variirende Beugung der Gesetze unser Rechtsgefühl be­

Auch in Punkto Haussuchungen herrscht bei uns eine echt bayerische Gemüthlichkeit. Unser Herr Kommissarius er­flärte einmal einem durch Haussuchungen oft Beglückten: Ich, der Kommissar von Ludwigshafen , lasse bei Ihnen

na es wie

Sanbest ommiffär) Siegel in Mannheim abhalten. Wir haussuchen, wann und so oft es mir gefällt, und wenn es hoben Beschwerde, die nach sechs Monaten zu unseren Ihnen nicht recht ist, so beschweren Sie sich." Jener hat Ungunsten entschieden wurde. Dr. Schönlank durfte in sich beschwert und Raiserslautern und der ganzen Nachbarschaft sprechen, bei Bart durfte in Mannheim ungehindert sprechen, hier wurde swurde es ihm strengstens verboten. Stern aus Stutt ihm verboten. Das gleiche Verbot traf v. Vollmar. 3widau war der hiesigen Polizei zu blut­

Editein

aus

Die Haussuchungen werden bei uns sehr rationell vor­genommen. Denn das muß der Neid unserer hl. Hermandat fassen, sie ist sehr praktisch. Mit einer Bagatelle von einem Dußend geben sie sich nicht ab; wenn sie einmal an die auf einen Schlag jeweils so an hundert zu erhalten, wozu wir ja die famose Hilfspolizei haben. Auch hier können wir

in

em zuvorkommenden Verbote uns wenigstens einen Theil der Kosten, die sich mindestens auf 50 M. belaufen, zu er­sparen. Eigenthümlicherweise aber hatte der Herr Amtmann vier Tage nöthig, um sich zu dem Verbote zu entschließen. Diese für ihn so nothwendige Bedenkzeit verursachte, daß wir die Kosten zu bezahlen haben, wir sind ja Proletarier. Dabei ist zu erwähnen, daß bei uns jedwedes Sammeln für die Tageskassen strengstens verboten ist. Da war's bei der letzten Reichstagswahl anders, als der nationalliberale Stab von Haus zu Haus bettelnd nach Art der Stromer die Kosten für die Wahlen zusammenschweißte. Auch ist es etwas anderes, wenn sogenannte christlich soziale Bummler unter lügnerischem Vorgeben und Verleumdungen die Arbeiterfrauen brandschatzen, dies scheint nicht unter

*) Haussuchungen finden nach§ 102 St.-P.-D. bei dem­jenigen statt, welcher als Thäter oder Theilnehmer einer straf­

biritia, die Mannheimer gewannen ihm eine gemüthliche Arbeit gehen, dann geht's par force und sind wir gewohnt, ist. Die Anordnung derselben steht(§ 105) dem Richter zu,

Erite ab und ließen ihn sprechen. Dr. Rüdt konnte in Rannheim ungestört seinen Vortrag über den vierten

Feuilleton.

abruf verboten.]

Ein Goldmensch.

Noman von Maurus 36tai

großen, blauen Augen und blickte dem fremden Mann staunend ins Gesicht, als wollte es sagen: Will dieser [ 60 Mann etwas von mir?" Dann lachte es laut auf, als wollte es sagen: Was will er nur von mir?" und hierauf schloß es wieder die Augen und schlief weiter, immer noch lächelnd und ohne sich stören zu lassen durch die Fluth von Küssen.

Timar stürmte ins Haus hinein. Rückwärts im 3immer

"

Therese sagte lachend: Du arme Waise, nicht wahr, davon hattest Du nicht geträumt!" Und dann wandte sie Und dann wandte sie Nun, und zu mir kommt man nicht einmal?" sagte

and eine aus Weidenruthen geflochtene Wiege, daneben sich ab, um ihre Thränen zu trocknen.

Moemi schaufelte die Wiege und wartete, bis Timar zu ihr Noëmi mit holdem 3ürnen. Michael rutschte auf den Knien Singeeilt fam. In der Wiege lag ein kleines Kind, mit tothen Bausbädchen, von denen zusammengedrängt, die Schrothen Lippen ein Mäulchen aufwarfen; es schläft aber

Finb

ubert

zu ihr hin. Er sprach kein Wort, sondern preßte nur ihre Hand an seine Lippen und verbarg schweigend sein Angesicht in ihrem Schoß. Er schwieg so lange, als das Kind schlief.

nur bei Gefahr im Verzuge auch der Staatsanwaltschaft und ihren Hilfsbeamten. Ned.

auf die Erde, dort mit Engeln verkehren und hier Geld zählen, ach, das ist keine Aufgabe für menschliche Nerven. Darüber muß er den Verstand verlieren.

Nicht umsonst nennt man fleine Kinder Engel. Engel ( angelos) bedeutet ursprünglich: Bote". Kinder sind Boten aus einer anderen Welt; aus einer Welt, deren uns bekannter magnetischer Einfluß aus dem Kinderantlig, dem Kindesauge sich denjenigen fühlbar macht, denen sie vom Himmel zugesandt werden. Aus dem Auge der Kinder trifft uns manchmal ein eigenthümlich blauer Strahl, der eine Bauberkraft besitzt, der auch zu sprechen vermag; diese Farbe verliert das Auge, sobald die Lippen reden gelernt; nur in den Kinderaugen ist diese eigenthümliche blaue Iris wahr­zunehmen. D, wie bewunderte Michael oft Stunden lang diese blauen Himmelsstrahlen im Auge des Kindes, wenn

ur mit halb geschlossenen Aeuglein; die beiden Händchen Als dann das kleine Wesen erwachte, fing es in seiner dieses auf einem im Grase ausgebreiteten Lammfell lag,

zum Gesicht emporgestreckt. Michael stand wie ver­vor der Wiege. Er blickte auf Noemi, als suchte er

Bonne,

eine

himmlische Glückseligkeit zu schweben schien,

Sprache zu sprechen an; wir nennen es Weinen. Ein Glück, daß es solche giebt, die auch diese Sprache verstehen. Es war hungrig.

bie Lösung eines Räthsels auf ihrem Antlig, auf dem eine süße in der Berschämtheit und Liebe ein Versöhnungsfest feierten. Bimmer gehen, Eie lächelte und schlug die Augen nieder. Michael glaubte, die arme Weise sich ernährt. müsse auf der Stelle den Verstand verlieren. Eie jetzt noch, daß wir das verwaiste Kind der armen

lieft

Noemi sagte nun zu Michael, er möge jest aus dem denn er dürfte nicht wissen, womit Michael ging hinaus vor die Hütte. Er war in einem Therese legte ihre Hand auf seinen Arm. Nun, zürnen Taumel. Ihm war, als befände er sich auf einem neuen Stern, von dem man auf die Erde, die man verlassen, wie auf einen fremden Weltkörper herabschaut. Alles, was er dort auf dem Erdball sein Eigen nennt, hat er zurückge­laffen, und er fühlt nicht mehr den Schwindel, der ihn dahin zurückzieht. Jenen Kreis, in dem seine bisherige

Ob er zürnte? Er war auf seine Knie gesunken und mit beiden Armen die Wiege umschlungen, die er

-

und er sich neben demselben ausgestreckt hatte und seinen ersten Spielen zusah, ihm eine oder die andere Blume ab= brach, nach der es verlangte: Na, da hast Du die Blume!" und dann hatte er genug zu thun, bis er sie wieder zurück­bekam; denn das Kind hat die Gewohnheit, Alles in den Mund zu stecken, was ihm gefällt. Er studirte an ihm die ersten Lautverbindungen, welche der Mund des neuen Men­schen ausspricht, und ihre Bedeutung. Er ließ sich von ihm den Bart zerzausen, und sang ihm Wiegenlieder vor, wenn er es einschläferte.

Sein Empfinden für Noemi war jetzt ein ganz anderes, als es bei seiner Ankunft gewesen war. Sein Empfinden war kein Begehren, nur Wonne. Die Gluth der Leiden­

ing er heftig zu weinen und zu schluchzen an, wie Einer, Lebenszeit sich bewegte, hat er unter den Füßen verloren schaft hatte einer süßen, gefättigten Ruhe Play gemacht. em ein See von Schmerzen in der Brust sich aufgehäuft und ein neuer Schwerpunkt hat ihn an sich gerissen. Ein , ber nun plößlich den Damm durchbricht. Wo er nur nte, tüßte Eimar den von Gott gesandten kleinen Entömmling; feine kleinen Händchen und Füßchen, den

neues Ziel, ein neues Leben steht vor ihm; nur das Eine weiß er nicht, wie fann er es möglich machen, von der alten Welt zu verschwinden? In eine andere Welt hinüberge­

Er hatte das wohlthuende Gefühl eines vom Fieber Genesenen. Auch Noemi hatte sich ganz verändert seit der Seit, wo er sie zuletzt gesehen hatte. Auf ihrem Antlig lag der Ausdruck hingebender Bärtlichkeit und in ihrem Gemüth war eine gelassene Sanftmuth, die sich weder erkünfteln eine ruhige Würde, gepaart

Eaum feines Kleides, die rothen Wänglein. Das Kind langen, ohne noch diese lebende Erde verlassen zu haben; nitt Engelsgrimassen unter den Küssen, wollte aber nicht wach auf zwei verschiedenen Planeten auf einmal leben, von der noch

Berben; auf einmal öffnete es dann seine Augen, seine Erde zum Himmel emporfteigen, und vom Himmel zurück mit züchtiger zurückhaltung, welche das Weib mit einem