Nr. 336, Mittwoch, de« 9. Oktober 1889. 6. Iotirg. MiiurNbblall Arg«« für dir Interrffen der Arbeiter. 4 Das..Berliner Volks blatt" erscheint täglich Morgens auher nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's HauS vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Mark, wöchentlich 35 Pf. Einzelne Nummer 5 Vf. Sonntags-Nummer mit dem»Sonntags-Blatt" 10 Pf. Bei Abholung aus unserer Expedition Zimmerftraße 44 1 Mark pro Monat. Postabonnemenr 4 Mark pro Quartal. (Eingetragen in der Postzeilnngspreisliste für 188V unter Nr. 866.) fät da» Ausland: Täglich uuter Kreuzbanv durch unsere Expedition 3 Mark pro Monat. J«sertionsgebühr deträgt für die 4 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 4V Pf., für Vereins- und VerfammlungS« Anzeigen 20 Pf. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin 8WV Zimmerstraße 44, sowie von allen Annonccn-Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 3 7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Festtagen bis- 10 Uhr Vormittags geöffnet. -« Fernsprecher: Amt vi. Ur. 4106.»-- VevttKkion: S. Expedition: Simmevptratze 44. ! n* ung1* ich«-'« lof1'' i ih� jjoa» bloß' r Le'' unb� Die Skeiserung der Uevenstnitkel�VeeiTe. IL Die Behauptung, daß die gesteigerten Lebensmittelpreise für die Arbeiter durch die mittlerweile gestiegenen Löhne auSgralichen werden, ist also durch die offizielle Statistik widerlegt. Während für die gesteigerten Brotpreise allein sich eine Mehrausgabe von 1215 pCt. des Einkommens für den Arbeiter ergiebt, ist zu gleicher Zeit sein Einkommen um mehr als 3 pCt. gefallen! Wenn daher ein offiziöser Waschzettel, dieNeue Reichskorrespondenz", eine Parallele zieht zwischen jetzt und den Jahren 187073, so ist daran nur soviel wahr, daß heute wie damals die Lebensmittel- preise stiegen, daß wir heute wie damals in einer aufstei- senden Gründerpenode leben, daß heute wie damals Millio- ,:en mühelosen Erwerbes in die Taschen faullcnzender Spekulanten stießen, daß heute wie damals im Schattendes Gifibaumeö" wie Minister Mapbach die Börse charak- trrifirte, ein Haupt-Börsianer nannte sie mit gleichem Rechte denHerzmuskel des Weltverkehrs" eine verheerende Krisis heranwächst, deren Zerstörungswerk in den Reihen der obe- rcn Klassen sich einfach in einer rapiden Uebertragung der vorhandenen Reichthümer auf andere Personen dokumentirt, während sie in die Reihen der Arbeiterklasse durch Sinken der Löhne und Arbeitslosigkeit wie eine industrielle Guillotine niedersaust; eine tendenziöse und schamlose Fälschung der Thatsachen aber ist e«, wenn das Reptil behauptet, auch heute habe die Arbeiterklasie an den Früchten dieser vorübergehenden Prosperität genau so partizipitt, wie in den 7ver Gründerjahren. Sozialisten- gesetz und Beschränkung des Koalitionsrechtes seitens der Polizei haben den Versuch der Arbeiter, sich jene Position zurückzuerobern, von vornherein gebrochen zum großen Zubel und Vortheil der mit den Brotvertheucrcrn einig gehenden Fabrikanten und Börsenwölfe. Aber auch die hohen Getreide- und Viehzölle sollen an dem Steigen der Lebensmittelpreise keine, gar keine Schuld tragen.Das Steigen oder Fallen der Getreidepreise," schreibt der offiziöse Waschzettel weiter,hängt regelmäßig von dem Ausfalle der Ernte des In- und Auslandes ab. So stiegen Ende 1887 und Anfang 1888 die Getreidepreise trotz der Zollerhöhung nicht, weil die Getreideernte von 1887«ine ungewöhnlich reiche war, während die seit dem Sommer vorigen Jahres steigende Tendenz der Getreide- preise die Rückwirkung der ungleich weniger reichen von 1888 und 1889 ist. Die Fleischpreise stehen ersahrungS- gemäß im Zusammenhange mit den Getreidepreisen und folgen den Bewegungen der Letzteren." Man könnte zwar hier einwenden, daß Steigen und Fallen der Getreidcpreise freilich auch vom ErnteauSfall abhängen, daß aber der permanent hohe Stand die aus- sch ließliche Folge der Raubzölle sei; daß diese Zölle ein VlaHnaS Bciboten.! IleuMekon. [86 »V L'«° Ein Wnlt»nrens<h. Roman von Maurus Jökai. Timea lächelte und brachte das ernste Gesicht des Bräuti- eamS aus seinen Falten.Wohl denn, Ihnen zu Liebe will rch heute Nacht alle Thüren meines Zimmers verschließen." (Sieh nur zu, daß sie gut verschlosten sind!" flüsterte der Drache.) Jetzt folgte eine zärtliche Umarmung und noch ein langer Kuß. Pflegst Du zu beten, Geliebte?"Nein, ich bete nie."Ah, und warum nicht?"Der liebe Gott, an den ich glaube, wacht immer."(... Wie und wenn er heute schliefe..,?") Verzeihung, theure Timea, den Frauen steht die Philosophie nicht gut. Ihr Schmuck ist Frömmig- reit, die Skepsis mögen Sie den Männern überlasten. Beten heute Nacht!"Sie wisten ja,.daß ich eine Mohame- danerin war; die lehrt man nicht beten."Jetzt aber sind Sic eine Christin und die christlichen Gebete sind sehr schön. Nehmen Sie heute Ihr Gebetbuch zur Hand."Gut. Jhret- wegen will ich beten lernen." Der Major suchte dann in Timea'S Gebetbuch, welches Timar ihr einst zum Neujahr geschenkt hatte, daS Gebet für Bräute" heraus.Gut, ich werde es heute Nacht aus- wendig lernen."Za, thun Sie das, thun Sie das!" Timea las daS Gebet mit lauter Stimme. Athalie fühlte eine teuflische Wuth in ihrem Herzen. Dieser Mensch wird noch das in die Mauern versenkte Geheimniß entdecken. Er dringt noch Timea dazu, daß sie bis zum Morgen auf- Fallen der Preise bei guten Ernten wenn nicht ganz, so doch theilweise verhindern und auf alle Fälle hinaus- schieben. Und wenn Ende 1887 und Anfang 1888 trotz der Zollerhöhung die Getteidepreise nicht stiegen, so sind sie eben doch trotz der reichen Ernte nicht gefallen, weil die hohen Zölle die ausländische Zufuhr abhielten, und sie sind blos deshalb nicht wesentlich gesttegen, weil angesichts der bevorstehenden Zollerhöhungen die Spekulanten sich mit kolostalen Vorräthen versehen hatten, die den augenblicklichen Bedarf bei Weitem übersttegen. Wie sehr aber die Schutzzölle im Vergleich zum Aus- lande die Lebensmittelpreise steigerten, zeigt ein Blick auf die Grenzstädte. An der deutsch - schweizerischen Grenze, z. B. in Konstanz , haben die Bäcker eine Petition an den Reichstag um Abänderung der Zollfreiheit für Detailkauf in der Schweiz berathen; 5 Minuten über der Grenze kostet das Doppelkilo Brot 10 Pf. weniger und die Be- völkerung kauft daher ihr Brot in der Schweiz , die selbst fast gar kein Getreide baut, sondern es aus dem theuren Deutschland , Ungarn und Rußland bezieht. Das Gleiche wird von der sächsisch-österreichischcn Grenze gemeldet. Ob- gleich gegenwärtig auch in Oesterreich die Getreidepreise etwas gestiegen find(pro Kilo um 1 Pfennig) benützt dennoch die gesammte Arbeiterbevölkerung an der Grenze die Bergünsti- gung deS Zolltarifs, Brot und Mehl bis zu 3 Kilo zollfrei über die Grenze zu bringen. In Böhmen kostet das Kilo jetzt 16 Pf., in Sachsen 20 Pf. Eine Arbeiterfamilie, welche wöchentlich 45 böhmische Brote verbraucht, zahlt jenseits der Grenze 1,922,40 M., diesseits 2,403,00 M. für einen Haushalt, in dem die ganze Familie zusammengenom- men vielleicht nur 68 M. verdient, gewiß von sehr wesent- licher Bedeuwng. Auch von der schlesisch-österreichischen Grenze, z. B. dem Städtchen Seidenberg, wird das nämliche berichtet: Die dort inden Seiden- und Tuchfabriken beschäftigten ca. 2000 Arbeiter machen ihre Wurst-, Schinken-, Fleisch einkaufe und ebenso ihre Broteinkäufe fast durchweg in kleinen einfuhrsreien Mengen jenseits der Grenze, wo sie alles aanz erheblich billiger erhalten. Die Seidenberger Bäcker und Fleischer, welche infolge der Zölle nicht mit ihren Kollegen konkurrrren können, sind infolge desten in ihrer Existenz ernstlich bedroht. Auch der Bericht der Oppelner Handelskammer hebt dieschädliche Einwirkung auf den lokalen Verkehr" hervor. Schädlich nämlich für die armen kartellbrüderlichen Herren Bäcker- und Schlächtermeister! Neben diesen schlagenden Beispielen lesen wir in allen Blättern, wie in Schlesien der HäringSkonsum, in Berlin der Pferdefleischverbrauch, in Westfalen die Kartoffelnahrung in geradezu erschrecklichem Maße zugenommen hat, während der Fleischkonsum in unglaublichem Grade zurückgegangen ist weil neben dem Steigen der Lebensmittelpreise"die Kaufkraft der Maffen in fortwährendem Sinken begriffen ist. Und nun stelle man diesen Thatsachen folgende Er- güffe des erwähnten Reptils gegenüber:Die erhöhten bleibt beim Gebete! Fluch, Fluch auch über das Gebet- buch! Als der Major aus dem Vorzimmer herauskam, war auch schon Athalie dort. Timea rief aus ihrem Schlaf? zimmer den Befehl hinaus, dem Herrn Major über den Flur zu leuchten. Sie hatte geglaubt, es werde dort Je- wand von der Dienerschaft sein, die sonst immer auf ihrem Posten ist. Heute aber, wie wir wiffen, sind sie anderweitig beschäftigt und anttzipiren soeben die Genüsse der morgigen Hochzeitstafel. Athalie nahm den im Vorzimmer auf den Tisch stehenden Leuchter, und leuchtete damit dem Major durch den finsteren Gang voran. Der glückliche Bräutigam hatte diesmal keine Augen für ein anderes Frauengesicht; er sah nur Timea, und dachte, es sei daS Stubenmädchen, welches ihm die Thür öffnete und voranleuchtete. Er wollte generös sein, und drückte Athalie einen blanken Silberthaler in die Hand. Erst dann fuhr er erschrocken auf, als er die flüsternde Stimme erkannte. Küff' die Hand, gnädiger Herr." Ah, um Gotteswillen! Sie sind es, Fräulein? Bitte tausend Mal um Entschuldigung. Ich hatte Sie im Halb- dunkel nicht erkannt." Macht nichts, Herr Major." Verzeihen Sie mir meine Blindheit und geben Sie mir das beleidigende Geschenk zurück, ich bitte Sie." Athalie zog sich mit einer spöttischen Verbeugung zurück, die Hand mit dem erhaltenen Thaler hinter dem Rücken ver« bergend.Ich werde ihn morgen zurückgeben, Herr Major; bis dahin laffen Sie ihn mir; ich Hab' ihn mir ja ver- dient." Herr Katschuka verwünschte seine Ungeschicklichkeit, ihm war, als hätte der unerklärliche Alpdruck, den er auf seiner Brust empfand, mit diesem Thaler an Gewicht sich verdoppelt. Auf die Gaffe gelangt, war eS ihm nicht mög­lich, jetzt schon in seine Wohnung zu gehen; er schwenkte nach der Hauptwache ab und sagte dort zum dienstthuendcn Kohlenpreise, welche im Winter sich ohne Zweifel empfindlich bemerkbar machen werden, hängen endlich mit den bei den Ausständen des Frühjahrs erzielten Befferungen der Ar- beitsbedingungen der Bergleute zusammen. Die Lohnerhöhung wie die Verkürzung der ArbettSzeit wirken in gleicher Weise preissteigernd, nicht minder die Unterbrechung der Produktion durch die Ausstände. Die Lohnerhöhungen, welche nicht bloS bei den- Kohlenbergleuten und seit den Ausständen deS Frühjahrs, sondern schon seit längerer Zeit und für weitere Kreise der deutschen Arbeiterschaft eingetreten sind, bieten für die Mehrkosten des Haushalts einen Aus- gleich. Während diese letzteren mehr oder minder vorüber- gehender Natur sind, pflegen die Arbeitslöhne nach den Er- fahrungen deS letzten Menschenalters von der einmal er- reichten Höhe nicht leicht und jedenfalls in ungleich gerin- gerem Maße wieder herabzusinken, als die Preise, der Ver- kehr und Absatz zurückgehen. Zur Unzufriedenheit haben gerade diese Arbeiter daher jedenfalls keinen Anlaß."-- Die ganze Welt weiß, daß die Bergarbeiter nur eine minimale Lohnerhöhung verlangt und durch die bekannten Maßregeln zur Unterwerfung getrieben, um die errungenen Früchte förmlich bettogen worden sind; die ganze Welt außer den paar Kohlenbaronen ist sich einig, daß nur daS bitterste Elend die Bergarbeiter zum VerzweiflungS-AuS- stand getrieben hat, und hier steht:Zur Unzufriedenheit haben gerade diese Arbeiter keinen Anlaß!" Die ganze Welt weiß, daß die Kohlenbarone vermöge ihrer Monopol- stellung die Preise der Kohlen in geradezu gemein- schädlicher Weise in die Höhe gettieben haben, daß> selbst so enragirte Manchester -Organe wie dieVossischc Zeitung" mit dem Gedanken der Gruben- Verstaatlichung sich vertraut machen, und hier wird diese Schwindel- steigerung als Folge der so zu sagen gar nicht eingetretenen Lohnerhöhung und Arbeitsverkürzung gerechtfertigt! Der Doppelwaggon Oualitätskohle kostet heute 100110 M. die Tonne KoakS 18 20M., während sie im Vorjahre kaum die Hälfte, nämlich 5060 M. und 59 M. kosteten, so daß selbst das Organ der deutschen Aktien-Gesellschaften, Der Geldmarkt", in seiner Nr. 22 zum Schluß kommt: Im Hinblick auf diese enormen Preissteigerungen dürften die höheren Löhne leicht zu tragen sein." Auf den deutschen Arbeiter üben freilich solche Artikel wenig Einfluß aus. Die Reptile dürften ihm mit Engels- zungen vorpredigen, daß die angeblich gesteigerten Löhne die Mehrausgaben für gesttegene Lebensmittelpreise ausgleichen sein ewig leerer Beutel und die beständige Roth und Entbehrung beweisen ihm täglich das Gegenteil. In die Taschen hinein lügen läßt sich beim besten Willen nichts, und daß ihm wegen der hohen Zölle und der systematisch vermehrten und erhöhten indirekten Steuern sehr viel heraus- gel ockt wird, das erfährt der Arbeiter leider tagtäglich am eigenen Leibe. Darum wird er auch trotz aller Äeschrän- kung des Koalitionsrechts nicht ruhen, bis die Lebensmittel- zölle gefallen und die Löhne wirklich gestiegen sind. Offizier: �Kamerad, ich lade Dich zu meiner morgigen Hochzeit ein; thue mir dafür aber dm Gefallen und last' mich heute an Deiner nächtlichen Unterhaltung theil- nehmen: komm, machen wir zusammm den nächtlichm Rund- gang." In der Gesindestube gingS schon sehr lustig her. Als der Major beim Weggehm den Portier geläutet hatte, wußte man, die Gebieterin sei jetzt schon allein, und so ging da« Stubenmädchen zu ihr hinauf, um zu fragm, ob sie nichts zu befehlm habe. Timea glaubte, es sei das Stubenmäd- chen gewesen, welches dem Major durch den Gang geleuch- tet. Sie sagte ihm, es möge schlafen gehen: sie werde sich allein entkleiden. DaS Stubenmädchm kehrte dann wieder zur übrigm Dimerschaft zurück. Ja, die Pfaffen sind große Hcrrm!" rief der an- geheiterte Bediente.Wer den Papst zum Vetter hat, kann Kardinal bald werden," erwiderte der Portier, dm Thor- schlüffel wieder in die Tasche steckend.Jetzt wär's halt gut, noch einen kleinen Punsch d'rauf zu setzen," meinte der Kutscher. Wie gewünscht, ging die Thür auf und herein trat Fräulein Athalie, in der Hand ein Brett voll dampfender Punschgläser tragend, welche wie ein gespmstigeS Glocken- spiel, klirrend aneinander schlugen.Es lebe unser herz- liebstes Fräulein!" ertönt cS aus Aller Munde. Athalie setzt daS Punschbrett lächelnd auf dm Tisch. Zwischen dm Gläsern steht eine Porzellanvase angefüllt mit Zucker, der zum Ueberfluß noch an Pomeranzenschalen abgerieben ist, darum sieht er so gelb auS und necht so aromalisch. Frau Sophie trinkt so dm Thee am liebsten. Recht viel Rum und noch mehr Pomeranzmzucker.Und Du hältst nicht mit uns?" frägt sie ihre Tochter. Danke, ich habe schon mit der Herrschaft Thee ge- trunken; ich habe Kopfschmerzen und gehe mich schlafm legen." Damit wünschte sie ihrer Mutter gute Nacht, und