Nr. 237.
Donnerstag, den 13. Oktober 1888.
6. Jahrg.
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Krgan für die Interessen der Arbeiter.
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Zu den Skudtuorordnekeu- jVuhleu. Im November finden die regelmäßigen Ergänzungs- Wahlen für die Berliner Stadtverordneten-Versammlung statt, und die Parteigenossen sind damit vor die Aufgabe gestellt, die Interessen der Sozialdemokratie auch bei diesen Wahlen kräftigst zu vertreten. Die während der letzten Wochen in Versammlungen mehrfach zum Ausdruck gelangte Ansicht, es sei richtig und geboten, daß die sozialdemokratische Partei sich an den Äommunalwahlen nicht bctheilige, halten wir weder vom prinzipiellen noch vom taktischen Standpunkt aus für zu- trcsscnd; wir sind im Gegentheil überzeugt, daß eine, wie wir zuversichtlich hoffen, zahlreiche Betheiligung der Partei nach allen Seiten hin nur zum Vortheil gereichen kann. WaS zunächst die prinzipielle Seite der Frage anlangt, so hat die sozialdemokratische Partei in ihrem Programm und auf all ihren Parteitagen neben den Reichstagswahlen auch stets die Landtags- und Genieindewahlen als ein mit Anspannung aller Kräfte zu benutzendes Kampfmittel empfohlen, und die Betheiligung an all diesen Wahlen nnr an die eine, nach unserer Auffassung selbstverständliche Be- dingung geknüpft, daß nur Kandidaten aufgestellt werden, welche der Sozialdemokratie angehören und deren Programm und Ziele unerschrocken und nachdrücklich zu vertreten bereit sind. Ebenso ist mit Fug und Recht stets betont und ge- fordert worden, daß Kompromisse mit anderen Parteien, welchen Namen diese auch führen mögen, nicht geschloffen weiden sollen. Gemäß dieser prinzipiellen Stellung, welche von Kongreß zu Kongreß mit immer mehr Nachdruck als den Aufgaben und Interessen der Partei entsprechend betont wurde, betheiligen sich die Genossen in Deutschland da, wo zre Aussicht auf Erfolg haben, an den Wahlen zu den Land- ragen und zu den Gemeindevertretungen. Der Parteitag der deutschen Sozialdemokratie in St. Gallen im Jahre 1887, sowie der diesjährige internationale Ärbeiterkongreß in Paris haben die Nothwendigkeit der Be- «Heiligung der Arbeiterklaffe an den Wahlen ausdrücklich ancitannt und gefordert, weil diese Körperschaften ebenfalls prinzipiell dafür eintreten, daß die Arbeiterklasse sich politi- sche Macht erkämpfen muß, um ihr Ziel, die Befreiung der Arbeit von der Ausbeutung des Kapitalismus, zu er- reichen. Hierbei kann kein Unterschied zwischen den Ver- tretungen, für welche gewählt wird, gemacht werden. Die Sozialdemokratie, als die politische Vertretung der Arbeiter- klaffe, hat auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens die Aufgabe, durch rücksichtslose, schneidige, nur die Klassen- intaessen des Proletariats im Auge habende Kritik die Un-
'ftaAtnuf verboten.)
Feuilleton.
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<£ i u 05 o l Öm c u f rh. Ronra» von Maurus Iökai. Timea war stark und ein Mörder kämpft immer nur mit halber Kraft. Stumm rangen sie so miteinander in der Finsterniß, die Teppiche de» Fußbodens kämpften den Schall ihrer Tritte. Jetzt erschallt ein gespenstiger Auf- schrei im Nebenzimmer.„Mörder l" brüllt in Verzweiflung eine gespenstige Stimme. ES ist Frau Sophiens Stimme. Bei diesem Rufe fühlte Athalie ihre Glieder ge- lähmt. Das warme Blut des Opfers strömte auf ,hr Gesicht herab. Im Nebenzimmer hört man das Klirren von Fenster- scheiden; durch das eingeschlagene Fenster läßt Frau SophienS gellende Stimme den Ruf durch die ruhige Gasse ertönen:„Mörder! Mörder!" Athalie läßt erschrocken den Säbel loS und verwendet Mde Hände dazu, um ihre Haare von Timea's Fingern zu ; jetzt ist schon sie die Angegriffene, jetzt ist schon Ire vre Geängstete. So wie sie ihr Haar freigemacht, stößt sie Trmea von sich läuft zur Oeffnung des Verstecks und zieht leise den Rochmen des Heiligenbildes hinter sich nach. Timea schwankt noch einige Schritte vorwärts mit dem in ihrer Hand zurückgebliebenen Säbel und stürzt ohnmächtig auf den Fußteppich. Auf den Allarmruf Frau Sophien? erschallen Sturm- schritte auf der Gasse. Die Pattouille nähert sich. Der Major ist der Erste, der da» Haus erreicht. Frau Sophie «rkennt ihn und ruft ihm zu:„Eilen Sie, eilen Sie! Man ermordet Timea" der Major reißt an der Thorklingel, pocht
gerechtigkeit und UnHaltbarkeit der heutigen politischen und wirthschaftlichen Zustände nachzuweisen, die sogenannte Ar- beiterfrcundlichkcit der herrschenden Klassen in ihrem wahren Licht zu zeigen, und durch, dem sozialdemokratischen Pro- qramm entsprechende Anträge die Rechte der Besitzlosen, die Forderungen der Arbeiter wahrzunehmen. Dies gilt für den Reichstag sowohl als für die Land- tage und die Gemeindevertretungen; überall findet sich für diese Thätigkeit überreicher Stoff; in allen diesen Körper- schaften haben die herrschenden Klassen Einrichtungen zum Nachtheile der Arbeiterklasse getroffen; ihnen diese Macht ungestört überlassen, heißt die Äusbeutung und Unterdrückung der Schwachen durch die Starken verewigen. Deshalb muß die Sozialdemokratie sich prinzipiell für die Betheiligung an all denjenigen Wahlen erklären, bei denen es möglich ist, die Stellung der Partei rein und un- verfälscht zum Ausdruck zu bringen, bei denen es gelingt, gestützt auf die eigene Kraft, der Bourgeoisie auf den Leib zu rücken, ihre festgefügte Herrschaft zu zerbröckeln, den Interessen der alten überlebten bürgerlichen Gesellschaft die Interessen der mächtig ausstrebenden, das Wohl Aller ver- tretenden Arbeiterklasse entgegenzustellen. Diese Grundsätze, auf die Kommunalwahlen in Berlin angewandt, müssen wir vom prinzipiellen Standpunkt aus die Frage, ob die Genossen sich an denselben zu betheiligen haben, unbedingt bejahen, weil nach den Bestimmungen der für diese Wahlen maßgebenden Städteordnung cS möglich ist, in der dritten Abtheilung Kandidaten mit Aussicht auf Erfolg aufzustellen, und weil bei diesen Wahlen, wenn auch durch einen ZensuS und durch die Klasseneintheilung in höchst ungerechter Weise stark behindert, die sozialdemokratischen Ueberzeugungen zum Siege und demnächst in der Stadt- verordneten-Versammlung zur Vertretung gelangen können. Nun zu den taktischen Gesichtspunkten. So wenig wir den Werth des Parlamentarismus— und ein nicht gar zu kleines Parlament ist ja schließlich die Berliner Stadtver- ordneten-Versammlung— überschätzen, und so genau wir auch wissen, daß unsere Forderungen und Ziele von dem heutigen Parlamentarismus, der ja nur der Ausdruck der bürgerlichen Klassenherrschaft ist, nicht erfüllt werden können, so sehr bedürfen wir der«nit dem Parlamentarismus und dem Wählen verbundenen Agitation; die Möglichkeit bei den Wahlen, in Versammlungen und durch Flugblätter, durch Hausagitation und durch Aufklärung an den Arbeits- stätten für die Verbreitung unserer Ideen zu wirken, dafür zu sorgen, daß unsere Forderungen immer tiefer in die Massen dringen, immer mehr Herz und Kopf der arbeiten- den Bevölkerung ergreifen, und damit unsere Armeen ver- stärken, ist es, was uns den Parlamentarismus als werth- volles Kampfmittel ansehen läßt. Und dieses Mittels sollten wir uns nicht bei jeder Gelegenheit bedienen? Namentlich jetzt nicht, wo die Legislaturperioden für den Reichstag ver- längert sind, und unsere Heerschaaren auf diesem Gebiet fünf Jahre mit Gewehr bei Fuß stehen müssen? an das Thor, aber Niemand kommt es öffnen. Die Soldaten wollen das Thor einschlagen, aber es ist zu-fest, es giebt nicht nach.„Wecken Sie die Dienstboten, damit sie das Thor öffnen," schreit der Major hinauf. Frau Sophie rennt mit jener blinden Kühnheit, welche bei einem großen Schreck einzutreten pflegt, durch die finstern Zimmer und fenster- losen Gänge, sich an Möbeln und Thürpfosten an- f;oßend/ bis sie endlich ins Dienstbotenzimmer ge- unden. Dort sah sie wieder ihren Traum von vorhin. Das Gesinde lag schlafend umher, wirr durcheinander; der Kutscher rücklings auf der Ofenbank, der Bediente auf den Tisch hingesunken, der Hausknecht auf den Dielen ausge- streckt, das Stubenmädchen auf dem Herd, über den ihr Kopf herabhing. Im Leuchter flackerte eine herabgcbrannte Kerze und warf unheimliche Schlaglichter aus die grotteSke Schläfergruppe. „Mörder sind im Haus!" schrie Frau Sophie mit vor Schreck trcmolirender Stimme unter die Schlafenden. Ihren Worten antwortete nur das Schnarchen eine? schwer Träu- inenden. Sie rüttelte einzelne Schläfer auf, schrie ihnen ihre Namen ins Ohr, sie sanken aber wieder zurück ohne zu er- wachen. Von dem Hausthor her vernahm man das Dröhnen der Kolbenschläge. Auch der Hausmeister ist nicht zu erwecken. Aber m seiner Tasche steckt der Thor- schlüssel. Frau Sophie nahm mit großer Anstrengung den Schlüssel heraus und lief damit durch den dunkeln Gang über die dunkle Treppe und den dunklen Hausflur, um das Thor zu öffnen, wobei ihr beständig der schreckliche Gedanke
es sein?" Endlich hatte sie das Thor erreicht, sie fand auch das Schlüsselloch am Schloß und öffnete. Von draußen drang ein heller Schein herein, dort waren die Militärpatrouille,
Nein, das kann nicht im Interesse der Partei liegen; nur in rüstigem unaufhörlichem Kampf kommen wir vor- wärts, und der Aufmarsch der Berliner Genossen, der, alle zwei Jahre andere Stadtbezirke umfassend, zu einer Musterung die Möglichkeit giebt, kann nur nutzbringend sein. Aus diesem Grunde schon, wobei der Sieg nicht einmal die Hauptrolle spielt, empfiehlt sich also eine rührige Betheili- n an den Stadtverordnetenwahlen; dann aber weiter auf okalen Verhältnisse eingehend,[müssen wir in erster Reihe auf die Nothwendigkeit hinweisen, die städtische Ver- waltung, die heut nach rein manchesterlichen Grundsätzen geführt wird, einer Kritik von unserem Standpunkt aus zu unterziehen. Die Ausnutzung der Straßen und Plätze durch Aktien- gesellschaften, welche im Interesse des Privatkapitals erfolgt, die Konservirung der als Kopfsteuer wirkenden, die ärmeren Klassen der Bevölkerung auf das Schreiendste drückenden MiethSsteuer, die in vielen Zweigen überaus schlechte Be- zahlung der städtischen Arbeiter, das, in seinen Folgen, der Bürgerschaft zum Nachtheil gereichende Submissionswesen, alle diese Einrichtungen müssen zu Gunsten der gesammten Bevölkerung geändert werden; die Verschwendung, welche mit der Errichtung von Denkmälern, Ausschmückung der Straßen bei Besuchen fremder Fürsten getrieben, die Auf- Wendungen, welche[aus politischen und höfischen Rücksichten für Dinge gemacht werden, die der kommunalen Verwaltung ganz fern liegen, müssen aufhören; die Gehaltserhöhungen der hochbesoldeten Stadträthe müssen EinkommenSaufbesse- rungen der unauskömmlich bezahlten städtischen Arbeiter und kleinen Beamten folgen, innerhalb der städtischen Armenpflege müssen wahrhaft humane Grundsätze Platz greifen, die Pensionirung und Altersversorgung aller städtischen Ange- stellten muß nicht wie jetzt, nach oben hin, sondern ,m Gegentheil, nach unten hin ausgedehnt werden; kurz, eS muß auf allen Gebieten des städtischen Gemeinwesens die sozialdemokratische Forderung:„Gleiches Recht für Alle", gestellt und vertreten werden. So wenig Positives die sozialdemokratischen Stadtver- ordneten in der, dem Klasseninteresse der Bourgeoisie ent- sprechend zusammengesetzten Versammlung leisten können— die letzten sechs Jahre haben dies gezeigt, wobei übrigens äußere Verhältnisse, die zeitweise Unmöglichkeit, selbstständige Anträge zu stellen, eine Rolle gespielt haben— so nützlich konnten dieselben sich jedoch in der Kritik der VerwaltungS- grundsätze, und namentlich auch in der Verhütung von dem heutigen gesellschaftlichen Prinzip dienenden Einrichtungen machen. Mehr noch, wie geschehen, wäre die Klassenherrschaft zum Ausdruck gekommen, noch weniger Rücksicht wäre auf die große Majorität der arbeitenden Bevölkerung genommen worden, wenn die Herren ganz unter sich geblieben, wenn nicht durch die Sozialdemokraten im„Rothen Hause" den Be- gierden ein Zügel angelegt worden wäre. Die bloße Anwesenheit unserer Genossen, die Möglich- »WWW städtische Trabanten mit Laternen. Auch der Stadthauptmann kam herbeigeeilt und der am nächsten wohnende Militärarzt alle nur halbangekleidet mit den Kleidern, die sie in der Hast erwischt hatten, einen Fokosch oder einen blanken Säbel in der Faust. Herr Katschuka rannte die Treppe hinauf zur Thüre, welche direkt aus dem Vorzimmer in Timea's Schlaf- gemach führte. Sie war von innen verschlossen. Er drückte seine Schulter an die Thür und sprengte so das Schloß auf. Timea lag vor ihm auf dem Fußboden, mit Blut be- deckt, besinnungslos. Der Major hob sie auf und trug sie in seinen Armen auf ihr Bett. Der Feldarzt untersuchte die Wunden und erklärte, keine derselben sei lebensgefähr- lich; die Frau sei nur ohnmächtig. Nun, nachdem die Besorgniß um die Geliebte beschwichtigt war, erwachte im Major der Rachedurst. Wo aber ist der Mörder? „Sonderbar," sagte der Stadthauptmann,„hier waren alle Thüren von innen versperrt, wie konnte Jemand herein- kommen,[und wie konnte er von Kier heraus?" Nirgend» eine verrätherische Spur. Selbst vaS Äiordinstrument, der zerbrochene Säbel, ein von Timea selbst aufbewahrtes" Kleinod, das sonst in einem sammtnen Futteral sich befand, lag dort blutbefleckt auf dem Boden. Nun traf auch der StadtphusikuS ein.„Sehen wir nach dem Gesinde!" Die liegen alle in bleiernem Schlaf, aus dem sie nicht auf- zurütteln. Die Aerzie untersuchen sie. Kein Einziger stellt sich schlafend; sie'alle sind von einein Opiumtrank betäubt. Wer ist noch in dem Hause? Wer ist der Thäter? «Wo ist Athalie?" fragte der Major Frau Sophie. Ihre Mutter starrt ihn stumm an und kann nicht ant- worten. Sie weiß es ja nicht. Der Stadthauptmann öffmt die in AthalienS Schlafzimmer führende Thüre und sie treten ein. Frau Sophie folgt ihnen halb ohnmächtig. Sie weiß ja, daß AthalienS Bett leer.