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Nr. 252.

Sonntag, den 27. Oktober 1889.

6. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Boltsblatt"

men till erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Pf. Einzelne Nummer Expedition Zimmerstraße 44 1 Mart pro Monat. Postabonnement 4 Mart pro Quartal. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1889 unter Nr. 866.) Für das Ausland: Täglich unter Kreuzband durch unsere Expedition 3 Mart pro Monat.

alfo fpäte 5 f. Sonntags- Nummer mit dem Sonntags- Blatt" 10 Pf. Bei Abholung aus unserer

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Redaktion: Beuthstraße 2.

Der heutigen Nummer liegt für unsere Abonnenten Nr. 43 des Sonntags- Blatt bei.

Der kleine Belagerungszuffand in Berlin .

Der Rechenschaftsbericht über die Anordnungen, welche auf Grund des§ 28 des Sozialistengefeßes, von der preußi­gegenfe fchen, fächsischen, hessischen Regierung und dem Senat von Hamburg unter dem 26. September, 26. Juni, 28. und Fellos ni 27. September d. I. mit Genehmigung des Bundesraths getroffen worden sind, ist dem Reichstage zugegangen. Der felbe wird vermuthlich gelegentlich der Berathung über das cht fefig neue Gesetz, welches nach der Thronrede den inneren

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Frieden" gegen die staatsfeindlichen Elemente", welche die Arbeiterbevölkerung zur Unzufriedenheit und Gesetzwidrigkeit Am zu verführen trachten, schützen foll, zur Diskussion gelangen. Wir zweifeln nicht daran, daß aus diesen Verhandlungen fowohl die Kartellmajorität des Reichstages, welche durch die Erhöhung der Getreidezölle, und die dadurch herbeigeführte Bertheuerung der nothwendigsten Lebensmittel, die Unzu­Friedenheit der Arbeiterbevölkerung sehr erheblich geschürt hat, als auch die dunklen Ehrenmänner à la Ihring- Mahlow , lieben Raporra, Haupt, Schröder, Wohlgemuth u. A., welche die Arbeiterbevölkerung zu Gefeßwidrigkeiten zu verführen ge= trachtet haben, schwer belastet, überwiesen den inneren Frieden gestört zu haben," und als ftaatsfeindliche Elemente" gekennzeichnet, hervorgehen werden.

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Inzwischen wollen wir einige Gründe mittheilen, aus welchen die Verlängerung des sogenannten kleinen Belage rungszustandes über Berlin für nothwendig erachtet wurde, indem wir voraussetzen, daß jeder Leser weiß, daß diese An­nde ordnungen nur dann getroffen werden sollen, wenn nach Mülls Absatz 2 des Gesetzes sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische Bestrebungen in einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Eintracht der Bevölkerungsklassen gefährdenden Weise, zu Tage trefen und wenn durch diese Bestrebungen" so bestimmt§ 28 Bezirke oder Orts schaften mit Gefahr für die öffentliche Sicherheit bedroht

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Für Berlin hat das preußische Staatsministerium diese Gefahr als vorhanden angenommen und motivirt die von ihm getroffenen Anordnungen unter anderem in folgender Weise, nachdem es, in den allgemeinen Erwägungen, be­richtet, daß die im Ganzen maßvolle Haltung der sozial­demokratischen Bewegung gestattet hat die im§ 28 bezeich= neten Maßnahmen thatsächlich nur in sehr geringem Umfange in Anwendung zu bringen."

Zunächst ist in Berlin die sozialdemokratische Partei

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Insertionsgebühr

beträgt für die 4 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf., für Vereins- und Versammlungs Anzeigen 20 Pf. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Bimmerftraße 44, sowie von allen Annoncen- Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 3-7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Festtagen bis 10 Uhr Vormittags geöffnet. Fernsprecher: Amt VI. Nr. 4106.

Expedition: Bimmerffrahje 44.

des Volkes zugänglich zu machen; dazu dient der Vertrieb der den Parteistandpunkt vertretenden Tagespresse, nament­lich des Volksblatt" und der Volkstribüne"; dann er­folgte im Februar d. J. die Gründung eines Arbeiter­bildungsvereins"; ebenso ist die Begründung der Vereine zur Erzielung volksthümlicher Wahlen" ein Motiv für die Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes.

Daß der Streit wegen der Stadtverordneten- Wahlen anscheinend endgiltig beigelegt ist, macht die Maßregeln des § 28 nothwendig; dann weiß die Regierung zwar, daß trotz der geflissentlich zur Schau getragenen Burückhaltung und Mäßigung ein großer Theil der Parteianhänger von einem die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdenden Geiste beseelt ist und keineswegs vor öffentlichen Gewalt­thaten zurückschredt, fügt jedoch als Beweis hierfür nur die Mittheilung bei, daß am 21. Oktober v. J. und am 14. Juli

d. J. einige rothe Fahnen aufgehißt wurden.

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Auch die in öffentlichen Volksversammlungen gehaltenen ,, aufrührerischen Reden" sowie die zur Vertheilung gelangten thätigkeiten auffordernden Inhalt" gaben Grund, wieder Flugblätter mit stellenweis umstürzlerischem, zu Gewalt­dan 28 in Anwendung zu bringen; aber auch hier

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verschmäht es die Regierung, obgleich es gelungen ist, mehrere Personen bei der Vertheilung solcher Flugblätter zu treffen, und denselben mehrere Hunderte von Exemplaren abzunehmen", dem Reichstage eine Probe der umstürzleri­schen, zu Gewaltthätigkeit auffordernden" Berliner Agita­lentesten Szenen" und die thätlichen Angriffe auf die Poli­tion vorzulegen. Worin die gröbsten Exzesse" die ,, turbu­zeimannschaften" bestanden, welche gelegentlich einer Ver­fammlung, und deren Auflösung am 30. November v. J. stattgefunden haben sollen, wird ebenfalls nicht angegeben.

Sehr interessant ist das Geständniß, daß man die durch § 28 des Gesetzes ertheilten Befugnisse nicht entbehren kann, weil diefelben ein wirksames Mittel bilden, um die sozial­demokratische Propaganda thunlichst zu beschränken und ins besondere das Hervordrängen derselben in die Oeffentlichkeit besondere das Hervordrängen derselben in die Oeffentlichkeit zu verhindern."

3um Schluß aber wird der Rechenschaftsbericht durch den Satz gekrönt, wonach es namentlich von Wichtigkeit war, durch Erneuerung der Bestimmungen die Polizeibehörden auch weiterhin in den Stand zu setzen, alle Druckschriften sozialdemokratischen Inhalts, welche sich zu einem Verbote auf Grund des Sozialistengesetzes und zur demnächstigen Beschlagnahme nicht eignen und mangels spezieller Rechts­verlegungen auch sonst nicht verfolgt werden können, wenig stens von der öffentlichen Verbreitung auszuschließen."

In dieser Weise sind Anordnungen für Berlin begründet, nach welchen das Versammlungsrecht von der Genehmigung der Polizei abhängig ist, nach welchen die öffentliche Ver­breitung von Druckschriften ohne besondere polizeiliche Ge­

Zenstrablässig bemüht, ihre Lehren immer breiteren Schichten nehmigung verboten ist und nach denen Bürger ihrem Be

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Germinal.

Sozialer Roman von Emile 3ola. Einzig autorifirte Uebersetzung von Ernst 3iegler. 3weites Rapitel.

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Durch die Jalufien im Schlafzimmer der Familie Maheu brachen die ersten blassen Streifen grauen Taglichts. Die Luft war noch dider geworden; Leonore und Heinrich Schliefen Eines in den Armen des Andern auch Alzire chlummerte, den Kopf auf ihre schiefe Schulter gelehnt, und bur Bette Bacharias' und Jeanlin's. Aus dem Korridor brang Bein Laut herein. Die Maheude war beim Säugen ihres Rindes eingeschlafen und das Kleine, nachdem es gesättigt, war quer über den Leib der Mutter gerutscht.

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schleppen, und dann würde sie sich auch erkälten bei dem Wetter."

Die Frau wusch sich, zog ein altes blaues Kleid an, das reinste, welches sie besaß, und eine grauwollene Jacke, in die sie gestern zwei neue Flecke gesetzt hatte. und feine Suppe!" flüsterte sie.

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Estelle fing wieder an zu schreien, und während die Mutter hastig in den Speisesaal hinabeilte, nahm Alzire die Kleine auf den Arm und trug fie ins Schlafzimmer. Sie war an das Weinen des Kindes gewöhnt und verstand, trotz ihrer acht Jahre, wie eine kleine Frau, es zu zerftreuen und zu beruhigen. Sorgfältig legte sie den Schreihals in ihr warmes Bett, steckte ihm einen Daumen in den Mund und lullte ihn in Schlaf. Es war 3eit, denn schon entstand ein neuer Lärm: Leonore und Heinrich lagen sich in den schlafend einander zärtlich umfangen hielten; doch kaum erwacht, schlug die sechsjährige Leonore auf ihren zwei Jahre älteren Bruder los, der sich kaum vertheidigte.

rufe und ihrer Familie entrissen und dadurch wirthschaftlich ruinirt werden können.

Als das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestre­ bungen der Sozialdemokratie " erlassen wurde, da versicherten die Väter desselben für eine loyale Handhabung" sorgen zu wollen und heut nach eilf Jahren, im Moment der Verewi gung dieses Gesetzes, rechtfertigt man den einschneidensten Theil desselben, bei dem absoluten Mangel jedes thatsäch= lichen Materials mit der damals entrüstet zurückgewiesenen Begründung, alles was zur Förderung sozialdemokratischer 3wecke und Biele führe, müsse verhindert und beseitigt werden.

Gegen gemeingefährliche, auf den Umsturz der be­stehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung, in einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Eintracht der Bevölke rungsklassen gefährdenden Weise, gerichtete Bestrebungen" erlassen, wird das Sozialistengesetz angewendet, um, wie der Rechenschaftsbericht des preußischen Ministeriums für Berlin beweist, die sozialpolitische Thätigkeit der Partei durch die Polizei verhindern und unterbrücken zu lassen, trotzdem, oder straflos ist. vielleicht weil dieselbe nach den allgemeinen Gesezen absolut

gewaltsamen Umsturz u. f. w. gerichteten Bestrebungen" die Während bisher stets von gemeingefährlichen auf den Rede war, handelt es sich jetzt nach dem Rechenschaftsbericht des Staatsministeriums einfach um sozialdemokratische Be­strebungen", welche unterdrückt werden sollen, und damit ist in der schärfften, unwiderleglichsten Weise das Gesetz als ein gegen die Arbeiterklasse gerichtetes und damit den Inter­effen der Bourgeoisie zu Hilfe kommendes Kampfmittel ge­fennzeichnet, welches, stärker als wir es im Stande wären, sich selbst verurtheilt.

Sehr bezeichnend ist es auch, daß während die ver bündeten Regierungen am 24. d. M. dem Reichstage mit­theilen, ohne sämmtliche Maßregeln des§ 28 für die öffentliche Sicherheit in Berlin nicht einstehen zu können, dieselben Behörden am 26. b. M. gelegentlich der Einbrin­gung des abgeänderten, oder um es beim richtigen Namen zu nennen, des verschärften Sozialistengesetzes erklären, der Anordnungen des§ 28, bis auf diejenige, welche der Polizei gestattet, mißliebige Personen auszuweisen, nicht mehr zu bedürfen.

Der Bundesrath verlangt von dem Reichstage in dem neuen Entwurf neben der Verewigung des Ausnahmegefeßes, die Befugniß, Personen, welche ihre Kräfte den unterbrückten Boltsmassen widmen, ausweisen zu dürfen, was ihren wirth= schaftlichen Ruin und die Vernichtung ihres Familienlebens bedeutet. Hierin bestehen die unausbleiblichen Folgen der Ausweisung, das sind die Wirkungen einer Gesetzgebung, welche die herrschenden Klassen mit dem stolzen Namen ,, Sozialreform" bezeichnen.

Wahrlich, es ist schwer, keine Satyre zu schreiben.

müssen! dachte sie. Da entdeckte sie ein Stückchen Butter, nicht größer wie eine Nuß: Katharina hatte das Kunststück fertig gebracht, es zu ersparen; und froh that es die Maheude zu den Nudeln.

Jetzt aber war das Haus wirklich leer! Nicht eine Brotrinde, nicht ein Knochen war übrig geblieben, nichts! Was sollte aus ihnen werden, falls Maigrat darauf bestand, ihr den Kredit zu kündigen, und wenn die Bürger der Piolaine ihr nicht wenigstens fünf Franks schenkten? Was sollte sie den Männern zu essen geben, sobald sie aus der Grube heimkehrten?

,, Werdet ihr endlich kommen?" rief sie zum zweitenmal. " Ich sollte schon lange unterwegs sein!"

werde der alte Bonnemort schnarchte mit offenem Munde im Haaren. Die beiden Kinder vertrugen sich nur, wenn sie selbst habe keinen Hunger, fagte fie, goß noch einmal

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Die Kutusuhr schlug Sechs. Man hörte die Straße

Silbernab Thüren auf- und zuschlagen, und Holzschuhe klapper- den Füßen paden und aus der Nähe des Bruders ziehen,

ten auf dem Pflaster; die Sortirmädchen gingen zur Grube. bittet Dann versant das Dorf wieder in Schweigen. Endlich um

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Uhr raffelten die Jalousien, es gähnte und huftete hinter ben Fenstern, eine Kaffeemühle knarrte irgendwo, man zankte und schalt sich in einem Hause, ein Kind schrie; Alzire er wachte, erkannte wie spät es sei, sprang auf und lief bar­fuß zur Mutter.

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Beide hatten diefelben großen, wie aufgeblähten Köpfe mit struppigen gelben Haaren. Alzire mußte Leonoren bei damit sie endlich Ruhe gebe; doch beim Waschen entstand wieder neues Geschrei, und bei jedem Kleidungsstück, das sie den Geschwistern anziehen wollte, mußte erst gestritten wer­den. Die Jalousien waren geschloffen geblieben, damit der Großvater nicht erwache. Der alte Mann schnarchte laut mitten in dem entfeßlichen Spektakel der Kinder.

Als Alzire und die beiden Kinder herabstiegen, vera theilte sie die Nudelsuppe auf drei kleine Schüsseln. Sie

siedendes Wasser auf den Kaffeesat, den Käthchen schon ab­gebrüht hatte. und trank zwei Gläser von diesem Gebräu, aussah. Aber es war warm und that ihr wohl. welches so hell und so dünn war, daß es wie rostiges Waffer

,, Wecke nur den Großvater nicht auf," sagte sie zu Al­ziren, und gieb gut Acht auf Eftelle! Hier hast Du ein Stüd 3uder; wenn sie zu sehr schreit, so thu es in warmes Wasser und gieb ihr von 3eit zu 3eit einen Löffel davon. Ich weiß, Du bist ein vernünftiges Mädchen und wirst nicht den Bucker selbst aufessen."

Und die Schule, Mutter?"

Die Schule? Du kannst morgen hingehen, heute brauche ich Dich!"

Ich bin fertig," rief die Mutter die Treppe hinauf: Es ist 3eit, Mama; Du willst heute einen Wegseid Ihr so weit?" machen! weh, Du wirst Estelle erbrüden!" Und sie zog Sie hatte die Fensterladen geöffnet, das Feuer wieder bas Kind hervor. angeschürt und frische Rohlen darauf gelegt; dann sah sie Himmel!" seufzte die Maheude. Man ist so abge- nach, ob der Alte vielleicht noch etwas Suppe übrig gelassen adert, daß man den ganzen Tag schlafen möchte! Bieh habe. Aber sie fand nichts und suchte die handvoll Nudeln und Heinrich schnell an. Estelle mußt Du hier hervor, welche fie seit drei Tagen für die äußerste Noth in hehalten, denn ich kann fie nicht überall mit herum Reserve hielt. Man wird sie ohne andere Buthaten kochen entwickelt, je mer fie törperlich zurückgeblieben war. Aber

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Soll ich die Suppe machen, wenn Du vielleicht spät heimkommst?" Ja die Suppe... Nein erwarte mich!" Alzire wußte sehr wohl die Suppe zu bereiten, denn der Verstand der armen Verwachsenen hatte sich um so früher