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Nr. 5.

Dienstag, den 7. Januar 1890.

7. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Wolfsblatt"

erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Pf. Einzelne Nummer Pf. Sonntags- Nummer mit dem Sonntags- Blatt" 10 Pf. Bei Abholung aus unserer Expedition Zimmerstraße 44 1 Mart pro Monat. Poftabonnemeni 4 Mart pro Quartal. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1890 unter Nr. 892) Für das Ausland: Täglich unter Kreuzband durch unsere Expedition 3 Mart pro Monat. Redaktion: Beuthstraße 2.

Der

europäische Friede.

Anläßlich des Jahreswechsels ist die gesammte Tages­preffe übereifrig gewesen, den europäischen Frieden als augenblidlich gesichert darzustellen, natürlich immer mit dem Vorbehalt, daß gegen plögliche kriegerische Berwickelungen aus neu auftauchenden Ursachen heute so wenig ein Kräutlein gewachsen sei, als sonst.

Diese rosige Ausmalerei der gegenwärtigen Situation fönnte bei der Verlogenheit und Doppelzüngigkeit einer ge­wissen Presse schier verdächtig erscheinen, wenn nicht die europäische Situation einer solchen Auffassung in der That entspräche.

3war mag es so ziemlich in jedem europäischen Reiche gewiffe Kreise geben, die geben, die nach kriegerischen Abenteuern und dem daraus entsprossenden Ruhme dürften. Sie werden aber niedergehalten von dem 3wang der über­legenen Einsicht, daß diesmal eine kriegerische Aktion zwischen mächtigen Staaten fich kaum lokalisiren lassen dürfte, da in Europa fich große Bündnisse gegenüberstehen. Eine solche Aktion müßte zu einem allgemeinen Rampfe werden, da die Gestalt Europas in Bezug auf die Abgrenzung feiner Staaten völlig verändern müßte. Niemand kann sagen, welche Staaten in einem solchen Rampfe, der Europa lange 3eit hinaus verwüsten müßte, ihren Bestand behaupten könnten.

Dazu kommt, daß die meisten Staaten mit Umbildung, Ver befferungen und Ausdehnungen ihres Wehrsystems beschäftigtsind. Sogar das heilige" Rußland läßt zur Beit seine Streitfräfte mit einem neuen Magazingewehr versehen, das ihm von Frankreich geliefert wird.

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Wir befinden uns also in dem trostlosen Bustande, daß die ungeheuren Rüstungen der Gegenwart die Möglich feit eines Busammenstoßes um etwas hinausschieben, wobei fie noch gesteigert werden, so daß der große Kampf der Bukunft, wenn er diesem unglücklichen Welttheil wirklich beschieden sein sollte, noch umfangreicher und verheerender sein wird.

Diese Situation, die mitten im Frieden kolossale Opfer fordert, ist keine so rosige, wie man sie jetzt darzustellen be­

strebt ist. Aber die friedlichen Versicherungen der

unter

tonangebenden Blätter, nach denen für die nächst e Beit eine blutige Katastrophe nicht wahrschein­lich ist, haben eine dem Volke gewiffe Beruhigung verbreitet, und man giebt sich der Hoffnung hin, die Zukunft werde auch Mittel und Wege zeigen, um bem unfäglichen Unglück eines europäischen Krieges vorzu­beugen.

Wie wohlthätig diese Beruhigung wirkt, davon mögen fich diejenigen Blätter überzeugen, welche sich sonst, wenn

Feuilleton.

Machbruck verboten.]

Germinal.

171

Sozialer Roman von Emile Sela Einzig autorifirte Ueberlegung von Era Siegler. Die Luft wiederhallte von den Klagen der Weiber. Bringt sie doch zur Ruhe!" wiederholte der Ingenieur. Und zurück! Hundert Meter zurück!" Die Beamten mußten das Volk mit Gewalt forttreiben, mußten mit Fausthieben unter die armen Leute schlagen. Sie wollten nicht weichen, meinend, man beabsichtige, ihnen noch ein größeres Unglück, gefundene Leichen vielleicht, zu ver­bergen. Erst nachdem ihnen erklärt worden, daß ein Ein­turs des Schachthauses zu befürchten sei, ließen sie sich fchrittweise zurüdbrängen. Aber die Reihe der Wachen mußte verdoppelt werden, um sie zu verhindern, von Neuem in bie Gebäude zu stürmen; wie von einer unsichtbaren Ge­walt getrieben, strebten sie immer wieder in die Nähe des Schachtes.

An tausend Personen schaarten sich jetzt um die Grube; aus allen Kolonien waren sie gekommen, selbst aus Montsou strömte das Volk herbei. Auf der Halde aber saß der blonde Mann mit dem milden Mädchengesicht und blickte unver­wandt auf den Voreur.

Es war Mittag. Niemand hatte gegessen, doch Nie­mand wollte sich entfernen. Ueber das nebelschwere Firma­ment zogen roftrothe Wolken. Bei Rasseneur's Wirths­haus bellte unaufhörlich ein großer Hund, erschreckt durch

all das Volk.

Auf den Feldern hatte sich die Menge in einem großen Kreise versammelt, und in der Mitte dieses lebenden Stinges Stand der Boreux. Keine Seele war mehr in den Gebäuden; die offenen Fenster und Thüren zeugten von der verlassenen

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Insertionsgebühr

beträgt für die 4 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Bf., für Vereins- und Versammlungs­Anzeigen 20 Pf. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen- Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 3-7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Fefttagen bis 10 Uhr Vormittags geöffnet. Fernsprecher: Amt VI. Nr. 4106.

Expedition: Bimmerffraße 44.

es ihnen die Umstände erforderlich erscheinen lassen, auf die handwerksmäßige Kriegsstreiterei" verlegen. Sie fönnen dann ermessen, wie unheilvoll jene frivolen Alarm­artikel und jene übertriebenen Alarmnachrichten wirken, mit denen man die Kriegsgefahr als eine unmittelbare darzu­stellen und jeden zufälligen Umstand zu einem casus belli aufzubauschen sucht.

Es giebt in dieser Beziehung zwei Nichtungen in der Presse; die eine ist mehr, die andere weniger harmlos.

Die erstere lebt von der Sensation und hat nur das Bestreben, das Publikum mit interessanten Neuigkeiten zu unterhalten. Ob dabei Handel und Wandel, Arbeit und Erwerb geschädigt werden, darauf kommt es dieser Presse nicht an, wenn sie nur die 3ahl ihrer Leser vermehrt.

Dieses gemeingefährliche Treiben kann ganz ungestört vor sich gehen, gleich wie das Treiben einer anderen Art von Presse, das noch weit mehr gemeinfährlich ist.

Wir meinen das Treiben jener Presse, welche die

Kriegstreiberei zu Börsen spekulationen einerseits und zu politischen 3weden andererseits benutzt. Es giebt nichts Frivoleres und Unheilvolleres, als dieses Treiben. Ganze Völker werden in einen Kriegsschrecken und in eine alle Geschäfte niederdrückende und lähmende Bangig­keit gejagt, nur damit einzelne Spekulanten an der Börse gewisse Papiere steigen oder fallen lassen können. Dann wird die Kriegsfurcht zu Wahlzwecken und was damit zusammenhängt, ausgenutzt. Wir sahen das großartigste Manöver dieser Art im Februar 1887, als sogar angebliche Baracken und Hammelankäufe der Franzosen dazu herhalten mußten, die Kriegsbefürchtungen auf den Gipfelpunkt zu steigern und die Wähler im Sinne der Kartellparteien zu beeinfluffen.

Dies Treiben ist um so verwerflicher, als die Kriegs­trompeter wohl wissen, welche Gefühle in der Brust des Bürgers, des Arbeiters, der Bauern sie damit erregen, die entweder selbst in's Feld ziehen und ihre Familie verlassen oder ihre Söhne siegen lassen müssen, wenn es wirklich zum Kriege kommt.

Der Schaden, den die einzelnen Länder durch die Kriegstreiberei in wirthschaftlicher Beziehung schon erlitten haben, ist unermeßlich und die so oft äußerlich aufgebauschte Kriegsfurcht ist zu einem großen Theil mit daran schuld, daß das Geschäftsleben zu keiner rechten Blüthe mehr ge­langen kann.

Wir betonen dies heute ausdrücklich, weil dieselben Blätter, die heute so sänftiglich die Friedensschalmei blasen, es sind, die früher so laut in die Kriegstrompete getutet haben zu 3eiten, da die Situation genau so war, wie heute.

Möge das Volk bei den kommenden Wahlen von dieser Presse sich nicht abermals in's Bockshorn jagen lassen!

Leere. Eine rothe Raße sprang von der Einsamkeit geängstigt, eine Treppe herab und verschwand. Die Herde der Dampf­tessel mochten langsam verlöschen, denn der hohe Schornstein blies nur noch eine dünne Rauchwolke in den finstern Himmel. Die Wetterfahne des Thurmes freischte mit hellem Ton: die einzige Stimme, welche aus den Gebäuden herüber­brang.

Bis 2 Uhr ereignete sich nichts. Herr Hennebeau, Négrel und andere Ingenieure bildeten eine Gruppe schwarzer Hüte und Ueberzieher, dicht vor der Masse des Volkes. Auch sie wollten sich nicht entfernen; ob ihnen auch die Knie vor Müdigkeit brachen, sie standen fiebererregt die Katastrophe erwartend; sie sprachen wenig und leise, wie an einem Sterbebett. Die obere Verzimmerung des Schachtes mochte einstürzen: man vernahm ein mächtiges Poltern, ein Brechen und Stürzen, von einem tiefen Schweigen gefolgt. Aus dem Erdinnern emporwachsend, schwoll die Wunde und nahte der Oberfläche. Eine nervöse Ungeduld erfaßte Négrel; er wollte fehen und näherte sich allein dem unheimlichen 3entrum; doch die Andern holten ihn zurück: wozu sein Leben wagen, da er nichts verhindern konnte? Aber ein Grubenarbeiter, ein alter Mann, schlüpfte durch die Kette der Wächter und rannte in die Wärmstube; dann kam er ruhig zurück. Er hatte seine Holzschuhe geholt.

Es schlug drei Uhr. Noch nichts! Ein Regenguß durchnäßte die harrenden Männer und Weiber; aber nicht Einer wich einen Schritt breit zurück. Der Hund Rasseneur's bellte von Neuem. Noch zwanzig Minuten da durch­bebte eine Erschütterung den Boden. Der Voreur erzitterte, doch er wankte nicht. Eine zweite Erschütterung gellender Schrei entfuhr all den geöffneten Lippen; das gellender Schrei entfuhr all den geöffneten Lippen; das Sortirhaus erbebte zweimal, dann stürzte es mit schrecklichem Getöse zusammen. Funkensprühend zersplitterten die Balken. Staub wirbelte auf.

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Von diesem Augenblicke an folgten die Stöße einander, wie das Grollen eines Vulkanes. Der Hund bellte nicht mehr, er heulte. Die Frauen und Kinder, das ganze Volt Die Frauen und Kinder, das ganze Volt

Wie reich die Amerikaner find.

Eines der großen New- Yorker Blätter hat den Zensus im nächsten Jahre nicht abwarten können, sondern auf eigene Faust eine Aufnahme des Nationalreichthums" veranstaltet, wozu die Steuerlisten der verschiedenen Staaten behilflich waren.

Das Ergebnis ist eine Zunahme der vorhandenen Werthe seit dem Jahre 1880 um etwa 18 Milliarden Dollars. Der Gesammtreichthum des Landes beträgt 61 559 000 000 Dollars ausschließlich bes Regierungs- Eigenthums und von Geld im Betrage von 5 093 000 000 Dollars, welches im Auslande an­gelegt ist.

Diese Schäßung mag ziemlich das richtige treffen. Der Vermögensstand im Jahre 1880 mar rund 43 Milliarden bei einer Bevölkerung von 48 Millionen Köpfen. Die lettere wird jegt beiläufig etwas über 60 Millionen Menschen start sein. Es täme mithin trop der sehr bedeutenden Werthverminde rung vieler Produkte innerhalb des Jahrzehntes, ein Vermögen von rund tausend Dollars auf den Kopf. Im Jahre 1880 mar es blos etwas über 800 Dollars. Der Reichihum ist also über

die Zunahme der Bevölkerung hinaus gestiegen.

Aber in derselben Nummer, in welcher die World" freudeftrahlend erzählt, wie reich die Amerikaner sind, bringt fie einen Artikel, in welchem die furchtbare Noth unter der

Rohlengräber. Bevölkerung in der Gegend von Shomarin ge­schildert wird. Das ist ein unfreiwilliger, aber der befte Kommentar zu dem Staatmachen mit dem Nationalreichthum.

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Auch von England ist dieser Tage über die große Zu­nahme des Nationalreichthums berichtet worden. bekannte Statistiker Giffen schäßt ihn für das Jahr 1885 auf 50 Milliarden Dollars. Die Zunahme innerhalb eines Jahr zehnts hätte 6000 Millionen betragen. Die Amerikaner" haben also England bereits überholt, wenn auch noch nicht völlig pro Kopf der Bevölkerung; aber sie sind ihm voran in dem Maß des Zuwachs.

Aus Deutschland sind vor nicht langer Zeit ebenfalls Bahlen mitgetheilt worden, welche ein rapides Steigen bes Nationalreichthums" nachwiesen, obwohl es durch seine riesige stehende Armee der Erwerbsthätigkeit große Kräfte entzieht. Ueberall, wo die moderne Industrie plaßgegriffen hat, dieselbe Erscheinung: ungeheure Zunahme des Reichthums und- Monopol und Arbeitslosigkeit.

Als Gladstone noch mehr Staatsmann und weniger Po­litiker mar, vor 25 Jahren, gab er im britischen Parlament zu: Diese berauschende Vermehrung von Reichthum und Macht ist ganz und gar auf die herrschende Klasse beschränkt." Aber ießt, wo die Arbeiter sich ernstlich anschicken, einen größeren Theil des Nationalreichthums" in ihrer Tasche zu bekommen, fagt er zu ihnen( neulich bei der Eröffnung eines Lesezimmers in Saltney):

Es mag noch viel zu thun übrig bleiben, aber die Wand­lung, die ich selbst erlebt, ist eine große und gesegnete.. Die Löhne find jetzt bedeutend höher als sie früher waren. Sie haben sich in der richtigen Richtung bewegt, und die besten Autoritäten fagten, daß der Arbeiter heute im großen und ganzen 50 pCt. mehr Lohn erhalte als vor 60 oder 70 Jahren und daß er dafür eine geringere Anzahl von Stunden zu ar­beiten habe.

brach in laute Wehklagen aus, bei jeder Schwingung des Bodens, auf dem es stand. In weniger als zehn Minuten fiel das schiefergedeckte Dach des Thurmes ein, die Halle des Schachthauses und der Maschinenraum barsten mit jähem Riß. Dann verstummte der Lärm. Es ward sehr still. Nichts bewegte sich.

Eine Stunde lang blieb der Voreug mit seinen halb zertrümmerten Mauern, mit seinen klaffenden Breschen, als wenn ein Heer von Barbaren ihn bombardirt hätte. Das Volk schrie nicht mehr, der immer mehr erweiterte Ring der Buschauer wartete stumm. Unter dem zersplitterten Gebält des Sortirschuppens blickten zerschmetterte Wagen und ver­bogene Kohlentrichter vor. Im Schachthause lagen, halbver­graben unter dem Schutt der eingefallenen Mauern, unter Biegeln, Balken, Schiefern, geknickt und gebogen die Eisen­gerüfte der Spulräder. Eine Förderschale schwebte frei darüber, ein Grubenseil hing zerrissen; Karren, eiserne Fliesen, Lettern in unentwirrbare Trümmer zermalmt, füllten den Raum. Durch einen seltsamen Bufall war das Lampen­magazin unverlegt geblieben; die Grubenlichte in engen Reihen neben einander hängend, blinkten leuchtend herüber. Im Hintergrund der Maschinenhalle stand die Dampf­maschine feft an ihrem gemauerten Fundament. Die Kupferbeschläge blitten, die großen Stahlarme, gleich einem unzerstörbaren Muskelwert, starrten kraftvoll empor; die Treibstange, hoch oben, glich dem Knie eines in seiner Kraft schlummernden Riesen.

Herr Hennebeau hoffte, daß die Bewegung des Erd­bodens sich nicht wiederholen, daß man die Maschine und den Rest der Gebäude werde retten können. Doch er verbot, sich zu nähern; er wollte noch eine halbe Stunde ab­warten. Aber dieses Warten wurde unerträglich, die Hoffnung vermehrte die Beklemmung; alle Herzen schlugen fiebernd. Eine finstere Wolfe, welche den Horizont im Westen ums schleierte, verfrühte die Dämmerung; düster und traurig senkte sich der Tag über dem Zerstörungswerk der unterirdi­schen Gewalten. Seit sieben Stunden schon war das Volk