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Ur. 8.
Freitag, den 10. Januar 1890.
7. Jahrg.
Berliner Volksblatt.
Organ
für die Interessen der Arbeiter.
Das„ Berliner Boltsblatt"
erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Fefttagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Pf. Einzelne Nummer Pf. Sonntags- Nummer mit dem Sonntags- Blatt" 10 Pf. Bei Abholung aus unserer Expedition Zimmerstraße 44 1 Mart pro Monat. Poftabonnement 4 Mart pro Quartal. ( Eingetragen in der Postzeitungspreislifte für 1890 unter Nr. 892) Für das Ausland: Täglich unter Kreuzband durch unsere Expedition 3 Mart pro Monat.
Redaktion: Beuthstraße 2.
Die Wahlparole.
Die Wahlen kommen immer näher und man besinnt fich, welche Parole wohl die Regierung für die Wahlbewegung ausgeben werde.
Wenn man den Andeutungen einiger offiziösen Blätter glauben kann, so wird diese Wahlparole das Sozialistengeset sein.
Denn man glaubt vielfach nicht daran, daß das SoziaHiftengesetz in dem furzen Zeitraum, der dem Kartellreichstag für feine Mandatsdauer noch bemessen ist, zu Stande kommen werde. Wenn in der zweiten Lesung fein der Regierung genehmer Schluß zu Stande fommt, so wird die Frage des Sozialistengesetzes versumpfen", d. h. fie wird bis jum Sufammentritt des neuen Reichstages steden bleiben.
Unter diesen Umständen wird das Sozialistengesetz zur Wahlparole werden und je nach der Frage:„ Für oder gegen das Ausnahmegeset?" werden die nächsten Wahlen ausfallen.
Bezeichnend ist, daß einige liberale oder auch freis finnige Blätter diese Eventualität für ein„ Unglüd" halten. Das entspricht ganz der schwankenden Haltung, welche ein Theil der freisinnigen Strömung gegenüber bem Sozialisten gesetz einnimmt. Die freifinnigen Abgeordneten haben das Sozialisten gesetz schon einmal gerettet, als die einzige Gelegenheit, es abzuschaffen, gekommen war, und sie würden es heute wieder retten, wenn das frei finnige Spießbürgerthum sich durch die Beseitigung des Gefeßes gefährdet glauben sollte. Denn der Lärm der Freifinnigen nicht aller, aber doch einzelner gegen das gegen das Gefeß ist nur so groß, weil sie heute nicht im Stande sind, burch ihre Abstimmung das Gesetz zu Fall zu bringen, und feine Verantwortung auf sich zu laden brauchen. Denn daß Ridert und die ihm gleichgesinnten aufrichtige Gegner des Gesetzes seien, diesen Bären lassen wir uns nicht aufbinden, namentlich nicht, so lange sich Herr Ridert nach den Fleischtöpfen der" großen liberalen Partei" fehnt. Er will ,, regierungsfähig" bleiben und da möge er uns verzeihen, wenn wir es mit seinen plöglich erwachten freiheitlichen" Neigungen nicht zu ernst nehmen.
Wir halten es für kein Unglück, wenn das Sozialisten gefet zur Wahlparole gemacht wird; es soll uns sogar freuen, wenn es geschieht.
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Das rothe Gespenst", das lediglich eine Mache von Lockspiteln ist, hat seinen Schrecken für die Masse des Voltes verloren. Man hatte früher in Deutschland den Sozialismus und seine Vertreter als etwas Geheimnisvolles und deshalb Unheim liches betrachtet. Heute, da in Deutschland Hunderttausende von Sozialisten leben, hat man sich an diese Bewegung gewöhnt, und begreift ganz wohl, daß sie aus dem Drud ber Verhältnisse herausgewachsen ist. Die steigende Reaktion und der täglich mehr erschlaffende Oppositionsgeift der bürgerder täglich mehr erschlaffende Oppositionsgeist der bürgerlichen Parteien haben der demokratisch angelegten Arbeiterbewegung, zu der sich alle Ideale geflüchtet haben, eine er höhte Bedeutung gegeben.
Dazu hat Jedermann, der sehen will, das Elend unferes Volkes vor Augen. Man sieht, wie die freie Ronkurrenz" bewirkt, daß die wirthschaftlich Schwachen unter die Füße getreten werden. Die Massenarmuth wird in allen Kreisen empfunden, soweit sie erwerbsthätig sind, weil der sinkende Konsum alle Geschäfte in Mitleidenschaft zieht.
Während die alten Parteien wie vor dem Näthsel der Sphinx vor dem Maffenelend stehen, haben die theoretischen Erörterungen des Sozialismus und die Möglichkeit einer allmäligen und friedlichen Verbesserung der Produktionsform das Intereffe der Nation für sich gewonnen. Man sieht nicht mehr ein Gespenst, man sieht eine große Frage, deren Lösung die Aufgabe des Beitalters ist.
Die Verdrehungen der reaktionären Blätter, die schon aus einer sozialistischen Weltanschauung ein Verbrechen machen wollen, sind denn doch zu abgedroschen. Und ohnehin find die Lehren, welche der Elberfelder Prozeß ertheilt hat, sicherlich von Hunderttausenden beherzigt worden. Die reaktionäre Presse weiß wohl, warum sie so färglich über so färglich über diese Affäre berichtet hat. Offiziöse Blätter waren so schamlos zu behaupten, dieser Prozeß habe ihre gewöhnlichen Verläumdungen gegen bie Arbeiterbewegung bestätigt, obschon gerade in der Hauptfache die Anklage von dem Gerichtshof zu Elberfeld abgewiesen worden ist. Lassen wir es ihnen.
Das Sozialistengesetz, wie es ist, hat wenig Freunde mehr. Auch die Anhänger desselben müssen sich sagen, daß sie mit demselben nicht erreicht haben, was beabsichtigt war; dagegen hat die Handhabung des Gesetzes zu einer Menge von Erscheinungen geführt, die den Urhebern desselben im Die Masse des höchsten Grade unangenehm sein müßten. Seit einem Volkes aber hat andere Ansichten bekommen. Jahrzehnt und länger steht eine große Partei unter einem Ausnahmegefeß, weil man sie beschuldigt, gewaltthätige Aus
Die Kartellbrüder haben bei der letzten Angstwahl Bilder vertheilt, auf denen dargestellt war, wie den deutschen Bauern von den Franzosen die Kuh aus dem Stalle geraubt und das Haus angezündet wurde. Wenn das Sozialisten geset Wahlparole wird, fommen sie vielleicht auf den Geschreitungen zu beabsichtigen. banten, daß an Stelle der Franzosen einfach Sozialdemofraten gefeßt werden. Nur zweifeln wir, daß es dann auch gelingen wird, die Wähler in eine solche Angst zu versetzen, wie im Februar 1887.
Feuilleton.
Madbrud verboten.]
Germinal.
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Soziales Roman von Emile Sola insig autorifirte Uebersehung von Erst Siegler. Sie waren hinter den Andern zurüdgeblieben. Er ergriff fie, troß ihres Sträubens. Plöglich, wie er die Rameraben einholen wollte, brach ein mächtiger Fels von der Dede und versperrte den Weg. Die Ueberschwemmung er weichte das Gestein, und überall rollten losgelöfte Stüde herab. Sie mußten umfehren; bald wußten sie nicht mehr, nach welcher Seite sich wenden. Sie gaben die Hoffnung auf, fich nach Requillart zu retten; ihnen blieb nichts, als fich in die höheren Gallerien zu flüchten: vielleicht fommt man ihnen dort zur Hilfe, wenn das Wasser wieder fällt. Stephan erkannte die Wilhelmsader.
Gut," sagte er, ich weiß wo wir find; Mouque war auf dem rechten Wege, aber jetzt ist's vorbei. Wir wollen grabeaus gehen und dann aufklettern."
Jett bespülten die Wellen schon seine Brust; er tam fehr langsam vorwärts; doch so lang sie Licht hatten, vers weifelten fie nicht. Sie löschten die eine Lampe, um das Del zu sparen und es nachher in die andere zu gießen; fo tamen fie bis zu dem faminartigen Aufstieg, als ein plögliches Geräusch Stephans Schritt bannte. Waren es Rame raden, die ebenfalls hatten zurückkehren müssen? Es pustete und schnaubte, jetzt feuchte es wie Stoßwind aus dem Weg heran; ein Schrei entfuhr ihren Lippen; eine weiße Masse tauchte aus dem Dunkel und quälte sich ächzend zwischen ber engen Wand durch zu ihnen hin.
Es war„ Bataille." Seit er aus der Halle entflohen mar, rannte er in wilder Flucht durch die Gänge. Er wußte Bescheid in diesem unterirdischen Labyrinth, welches er seit
In diesen zehn Jahren find vielfache Provokationen vorgekommen und der Druck des Ausnahmegesetzes mochte manchem schier unerträglich werden. Dennoch hat man in diesen zehn Jahren sich nicht aus dem Tatt bringen laffen, und wenn das kein Beweis für die fried
zwölf Jahren bewohnte, sein Auge sah in der ewigen Nacht. Er stürmte dahin, bückte sich, schob sich durch die engen Stellen, galoppirte weiter, über die Kreuzungen, durch die Stollen, weiter, weiter... Wohin? Dorthin vielleicht, nach der Vision seiner Jugend, nach der Mühle, wo er geboren am Ufer der Scarpe, der dunklen Erinnerung der Sonne entgegen, die wie eine große Lampe in der Luft geglüht. Er wollte leben! Sein Gedächtniß erwachte plöglich; die Sehnsucht, noch einmal die Luft der Felder zu athmen, trieb ihn vorwärts dem Ausgang zu, der zum warmen Himmel führt und zum hellen Licht. Seine alte Ergebenheit brach; es empörte fich mächtig in ihm: er wollte sich nicht von der Grube umbringen laffen. Es schwoll hinter ihm, schon peitschte es seine Schenkel, schon rieselte es über sein Kreuz. Weiter! Weiter! Das Dach fank herab, die Mauern krochen aufammen. Er zwängte sich ungestüm durch; die Stüßen rissen ihm das Fleisch herab. Jest engte sich's von allen Seiten, die ganze Mine brückte sich auf ihn, wie um ihn zu erwürgen.
So fahen ihn Stephan und Käthchen plöglich, wie er zwischen den Pfosten stecken blieb. Er war gestolpert und hatte sich beide Vorderfüße gebrochen. Mit legter Kraft schleppte er sich noch einige Meter. Es ging nicht weiter: er Sein blutendes war eingeklemmt zwischen den Felsen. Haupt reckte sich, fein großes trübes Auge suchte einen AusEr wicherte laut schreiend, denweg. Das Waffer stieg. felben furchtbaren Schrei, mit dem die andern Pferde getorben. Es war ein entsetzlicher Kampf. Der alte Schimmel, torben. Es war ein entsetzlicher Kampf. Der alte Schimmel, mit gebrochenen Gliedern unbeweglich gefangen zwischen den eichenen Bohlen, zerrte, riß, wand fich, schrie. Die Fluth eichenen Bohlen, zerrte, riß, wand sich, schrie. Die Fluth befpülte seine Mähne. Er brüllte mit heiser schmetterndem Ton, den Hals hoch gestreckt, das Maul geöffnet. Noch einen röchelnden Schrei; dann gab's ein Geräusch, wie wenn ein
Faß sich füllt. Alles war still.
mein Gott, tomm fort!" schluchzte Ratharina. Ich fürchte mich, ich will nicht sterben, tomm fort von
hier!"
liche Gesinnung der Partei ist, was soll dann noch ein Beweis sein?
Wir wissen wohl, daß es das Bestreben der vers einigten Reaktionäre ist, der Arbeiterbewegung auch den Rampf mit gefeßlichen Waffen unmöglich zu machen.
Aber befrage man nur das deutsche Volt, ob es mit dem Sozialistengesetz einverstanden ist. Die Antwort wird für die Herren Kartellbrüder nicht sonderlich erfreulich sein, für die Junker so wenig, wie für die maufegrauen ,, Liberalen ".
Im Uebrigen kann bei den Neuwahlen nicht viel pafsiren, denn schlimmer als vor drei Jahren können fie wohl kaum ausfallen. Aber sie werden besser ausfallen, deffen sind wir gewiß.
Korrespondenzen.
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Hamburg , den 7. Januar. Es wurde in der Presse vielseitig über eine Versammlung, welche zwed's Aufstellung von Kartellfandidaten hier am Plaze stattgefunden hat, be richtet. Vielleicht macht man sich anderswo eine Vorstellung, als ob es sich hierbei um eine zahlreich besuchte Wahlversammlung handele. Im Grunde genommen aber waren ba nur die Hamburger Konservativen a la Wörmann und Konforten en peti comité versammelt, da die Herren vertraulich bei einigen Gläsern Pschorr im Pavillon des hiesigen Dammthorbahnhofes fich vereinigt hatten, um die Herren Wörmann und Lutteroth als Kartellfandidaten auf ihr Schild zu er heben. Es find gewiß faum 150 Personen anwesend gewesen, benn mehr fann ber fleine Raum gar nicht faffen. Natürlich wurde am nächsten Tage die Welt mit einem großen Verfammlungsbericht überrascht, und die Sache machte fich dann, wie man zu sagen pflegt, von weitem fehr entfernt." Herr Lutteroth wußte zu seiner eigenen Empfehlung seinen anwesenden Freunden, andere waren doch nicht hinzugezogen worden, weiter nichts vorzubringen, als daß er seinerzeit dafür gefprochen hätte, daß Hamburg ein möglichst großes Freihafengebiet behalte. Herr Wörmann beschönigte das Halten von Runegern auf seinen Dampfschiffen mit seiner„ betannten" Humanität und Menschenfreundlichkeit! Das waren die bemerkenswertheften Punkte in den den Reden der beiden Kartellfandidaten, wenn vielleicht nicht auch der zu den Bunft noch bemerkenswerthen gehört, daß Herr Wörmann die Erfolge des Kartells bei der legten Reichstagswahl in Sachsen gegenüber der Arbeiterpartet hervorhob. Daraufhin war denn auch die Elite- Versammlung sehr gern geneigt, mit dem hier in Hamburg vorhandenen Freifinn ein Kartell einzugehen in der Weise, daß die beiden oben genannten Randidaten von der hiesigen freifinniaen Wählerschaft unterftüßt würden. Dafür wollten bann Wörmann- Lutteroth und Anbang dem Freifinn großmüthig den 2. Wahlkreis überlassen. Herr Wörmann soll nach Ansicht seiner Anhänger mit Hilfe der ländlichen Stimmen wieder im 3. Rreise durchgebrüdt werden und fein Kollege mit Muth und Kraft sein Glück im
Sie hatte den Tod gesehen. Nicht das Zusammenbrechen des Schachtes, nicht die Ueberschwemmung der Grube, nichts hatte so ihr Tiefinneres von faltem Todesschauer durchriefelt, wie die Sterbeklage, Bataille's. Sie hörte ihn immer noch, diesen entsetzlichen Ton, fie drängte: Romm fort, fort!"
Stephan trug sie hinweg. Es war die höchste Beit; als sie den Aufstieg erreichten, stand er bis an den Schul tern in dem wachsenden Strom. Er mußte fie unterstüßen, denn ihr fehlte die Kraft, sich an dem Holz emporzuziehen. Ein paar Mal fürchtete er, daß fie ihm zwischen den Händen durchgleiten und in das unter ihnen grollende Meer hinabstürzen werde. Der erste Quergang war noch trocken; dort fchöpften fie Athem. Aber die Wogen stiegen ihnen nach; fie mußten höher hinauf. So ging es stundenlang; das Waffer verjagte sie von Etage zu Etage. In der sechsten Gallerie bemerkten fie einen Stillstand; schon schöpften sie Hoffnung, da schwoll es von Neuem jäher und mächtiger an; fie flüchteten in die siebente, von dort in die achte; nur eine blieb noch übrig. Als sie dort waren, verfolgten fie ängstlich jeden Bentimeter Steigung: wenn es nicht aufhört, müssen sie ers trinken, wie der alte Schimmel.
Jeden Augenblick erschütterten Felsabrutschungen und Einbrüche die Mine. Die endlosen Darmgewinde bes Voreux schienen zu eng für die immense Wasserfluth, die sein Inneres plößlich verschlang. An den Enden der Galerien brängte die Luft sich zusammen und entwich dann mit mächtigen Explosionen durch die zersprengten Felsen und das aufgeriffene Erdreich. Es war ein ewiges Toben; es schien eine Wiedrholung des alten Kampfes der Elemente, als die Sündfluth die Erde umwälzte, Hügel und Thäler versette.
Ratharina, betäubt von diesem Lärmen, von diesem Brechen und Rollen um sie herum, faltete die Hände und stotterte ohne Unterlaß dieselben Worte:
Ich will nicht sterben, ich will nicht sterben." Um fie zu beruhigen, schwor Stephan, der Strom trete