Nr. 145.

Donnerstag, den 26. Juni 1890.

7. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Volksblatt"

erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 3,30 Mart, monatlich 1,10 Mart, wöchentlich 28 Pf. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags- Nummer mit dem Sonntags- Blatt" 10 Pf. Postabonnement 3,30 Mart pro Quartal. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1890 unter Nr. 892, V. Nachtrag.) Unter Krenzband, täglich durch die Expedition, für Deutschland und Desterreich- Ungarn . 2, Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat.

Redaktion: Beuthstraße 2.

Herr Miquel.

1

Insertionsgebühr

beträgt für die 5 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf., für Vereins- und Versammlungs­Anzeigen 20 Pf. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Beuthstraße 3, fowie von allen Annoncen- Bureaur, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 3-7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Festtagen bis 9 Uhr Vormittags geöffnet. Fernspredjer: Amt VI. Nr. 4106.

Expedition: Beuthffrakke 3.

Miquel diesem Auflehen sein Portefeuille. Aber die Fliegen mit einer Klappe und die Staatsbürger haben Ideen" des Herrn Miquel werden eben auch nur ein einfach mehr zu zahlen, als bisher.

Dem neuen Finanzminister fehlt es wahrlich nicht an weiterer Anspruch an den Geldbeutel des Steuerzahlers Herr Miquel wird indessen, wenn er wirklich diesen Weihrauch; auf allen Seiten werden die Rauchfässer ge- sein, und das thut nicht wohl, mag nun der Urheber Weg einschlagen sollte, die Bourgeoisie vorsichtig anfassen. schwenkt. Wir stehen dieser Erscheinung sehr fühl gegen- Miquel oder anderswie heißen. In dieser Beziehung hat er jedenfalls einen feinen Instinkt über, denn die Finanzlage des Reiches ist nicht erbaulich; Herr Miquel huldigte, wie bekannt, früher einmal und weiß sehr wohl, daß man die Leute mit den großen feine Schuldenlast wird durch die Kosten des bewaffneten sozialdemokratischen tommu Einkommen, die Börsenbarone, die Rentiers, die Groß­Friedens in raschem Tempo gesteigert und Herr Miquel nistischen Anschauungen, und zwar zu einer Zeit, da industriellen, die Hausbesitzer und andere soziale Schichten, wird so wenig als ein Anderer finanzielle Wunder thun ihm der Kampf um's Dasein nicht so leicht war, wie leicht in Harnisch bringen kann, wenn man ihr Einkommen fönnen, wenn er auch an sich bedeutender und befähigter heute. Er spricht nicht gerne davon.- Man muß sich schmälert. Herr Miquel wird diese Säulen der freilich sehr ändern, wenn man aus einem Sozialisten zum Ordnung" mit Schonung behandeln, dessen sind wir

ist, als sein Vorgänger.

er Trost in den Dichterworten:

Aus meinen Thränen sprießen

Viel blühende Blumen hervor

Und meine Seufzer werden Ein Nachtigallenchor"-

oder gar

=

"

Er ist glücklicher gewesen als sein Rivale, Herr föniglich preußischen Minister werden will; Herr Miquel gewiß. Er ist ja der Mann, der es mit Nie­von Bennigsen, der nun trauernd auf seinem kuru- ist indeß nicht der Erste, der eine solche Umwandlung manden verderben will, und mit der Bour­lischen Sessel im Reichstage geblieben ist und zuweilen seines inneren Menschen fertig gebracht hat. Lothar geoisie will er es gewiß zuletzt verderben. sehnsüchtig nach den Sigen der Minister und der Bundes- Bucher ist einen ähnlichen Weg gewandelt, wenn er es Wenn er sich nicht entschließt, die großen Einkommen räthe emporschaut. Der arme Herr von Bennigsen! Er auch nicht bis zum Minister gebracht hat. tüchtig zu besteuern, so wird seine Steuer nichts einbringen ist noch schmiegsamer" gewesen, als sein Freund Die Vergangenheit des Herrn Miquel scheint bewirkt und wenn er die mittleren und kleineren Einkommen Miquel, was gewiß nicht wenig heißen will, und dennoch zu haben, daß man ihm zuschreibt, er werde in der Steuer- entlastet, so wird er einen Sturm des Unwillens er­Man glaubt vielfach, er regen. find seine Seufzer nicht erhört worden. Vielleicht findet frage neue Bahnen betreten. werde mit einer kräftigen Einkommensteuer vor- Man sieht, daß es heute gar nicht so angenehm ist, gehen. Finanzminister zu sein und vor der Aufgabe zu stehen, Das halten wir schon für möglich; wenn wir aber des Fiskus gähnenden Schlund mit Gold zu füllen. die allgemeinen Zustände und die Traditionen der Regie- Nun, Herr Miquel kann ja auch andere Ideen" rung in Betracht ziehen, so können wir nicht erwarten, haben. Kommt aber auch er auf die Besteuerung der wenn ein solch poetischer Stoffwechsel wirklich möglich ist. daß ein solches Vorgehen des Herrn Miquel, wenn es da- Quittungen und der Zünd hölz chen zurück, dann Die nationalliberale Partei als solche stimmt Jubel- zu kommen sollte, volkswirthschaftlich genommen der Nation wird er keinen großen Ruhm ernten. hymnen an. Ein Mitglied der Partei in der Regierung, und der Masse des Volkes zum Vortheil gereichen wird, Wir gehen der allgemeinen Verarmung entgegen und das schwellt jede Streberbrust von Neuem und der jüngste denn an eine Entlastung können wir nicht glauben; nur durch Verringerung der Militärlast kann im Augen­nationalliberale Affeffor will plazen von Hochgefühlen, dazu ist Herr Miquel eine zu gefällige Natur und er wird blick Abhilfe geschaffen werden. Wenn aber die national­denn nun kann auch er Minister werden. Die Herrchen nicht lange innere Qualen empfinden, wenn er untersuchen liberale Partei mit Freuden die Mehrforderungen bewilligt, sollen nur das warnende Beispiel des Herrn v. Bennigsen soll, wo die Interessen des Fiskus aufhören und die Inter - wo sollen da Erleichterungen dem ihr gleichgesinnten Minister nicht aus den Augen verlieren. effen des Steuerzahlers beginnen. im Sinne liegen? Wenn eine Reichs- Einkommensteuer- und wie oft Wir sollen aber mehr zahlen, gleichviel wie der Im Uebrigen kann die Freude der bei den letzten Wahlen so sehr abgetafelten Partei sich sehr leicht in ist von einer solchen schon die Rede gewesen! von Finanzminister heißt! Trauer verwandeln. Denn diese Partei ist ja nicht zum Vortheil sein soll, so muß sie die indirekte Be Fordern und Widerstehen, sondern nur zum Gehorchen steuerung ausschließen. Denn darauf beruhte ja und Unterwerfen da, und was die Partei draußen im immer die alte demokratische Forderung der progressiven Parlament thut, das wird auch ihr Parteigenosse in der Einkommensteuer, daß sie den Wegfall aller Belastung der Regierung selber thun. Nach dem Eintritt des Herrn Lebensmittel und namentlich solcher bezweckte, die Miquel bleibt die Regierung genau so konservativ wie der Masse der Bevölkerung unentbehrlich sind. Lange Finanzminister bleiben. Herr Miquel hält sich zuvor. Dazu kommt, daß dem neuen Finanzminister die Aber was wird heute geschehen? Wenn man heute zu mit Recht zu Höherem berufen. Als langjähriges Mit­schwierige Aufgabe erwächst, Deckung für die neuen Heeres- einer Einkommensteuer schreitet, so wird es nicht geschehen, glied des Kommunistenbundes ausgaben zu suchen. Wir wissen nicht, wo er sie her- um die Leute mit kleinen Einkommen zu entlasten und Weise in allen Biographien des neuesten Ministers ver­nehmen will; wenn er aber neue Belastungen bringt, so die indirekte Besteuerung zu verringern oder zu beseitigen. geffen ist hat er sich eine vollständige Kenntniß des wird das Odium derselben an ihm und somit an der Es wird sich einfach darum handeln, neue Mittel zu be- wissenschaftlichen Sozialismus angeeignet, dessen glühender schaffen, weil die aus den indirekten Steuern fließenden rung, welcher sich über das Wesen der Sozialreform( ohne Anhänger er war. Er ist der einzige Mann in der Regie­ganzen nationalliberalen Partei hängen bleiben.

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Politische

tebericht

Der neue preußische Finanzminister dürfte wohl nicht

-

und

- ein Umstand, der seltsamer

Im Uebrigen trauen wir ihm schon zu, daß er Ideen Summen nicht mehr ausreichen. So wird freilich die Gänsfüßchen) klar iſt, und wir irren uns sicher nicht, wenn hat; er wire nicht, wie Herr von Malzahn, die alte demokratische Weisheit zu nichte; der Fiskus wir annehmen, daß Herr Miquel, nachdem er sein Talent Volksvertreter anflehen, ihm bei der Aufsuchung neuer erfüllt den Wunsch nach direkter Besteuerung und behält zur Erfindung neuer Steuern bethätigt hat, sich in einer Steuerquellen behilflich zu sein. Vielleicht verdankt Herr die indirekte ruhig bei. Auf diese Weise schlägt er zwei anderen Stellung der Aufgabe widmen wird, das Programm

Feuilleton.

Nachdruck verboten.]

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Zum Glück der Damen."

[ C7

Roman von Emile Zola . Autorisirte Uebersetzung von Armin Schwarz. Und sie fehrte wieder zur Thür zurück, allein, Denise trat ihr in den Weg. Sie hatte ein dumpfes Gemurmel vernommen, das sich auf der Straße näherte und errieth, daß man mit der Tragbahre komme. Sie mußte nun end­lich sprechen, obgleich sie keine Trostworte fand.

die Bahre getragen hatten, warteten nun vor dem Hause, machten, dieses verdammte Haus schien über mich einzustürzen. um sie zurückzutragen, wenn man endlich einen Arzt ge- Und dann, als der Omnibus eine Wendung machte, da dachte funden haben würde. Man wagte es nicht, Robinean zu ich an Chomme und seinen verstümmelten Arm und warf rühren, der das Bewußtsein wieder erlangt hatte und dessen mich unter die Räder. Leiden bei der geringsten Berührung fürchterliche sein mußten. Entsetzt über dieses Geständniß sant Madame Robineau A13 er seine Frau sah, rannen zwei schwere Thränen über allmälig auf den Fußboden zurück. Großer Gott! er hatte seine Wangen. Sie hatte ihn umarmt und weinte nun, sterben wollen. Sie ergriff die Hand Denisens, die sich vom indem sie ihn mit starren Blicken betrachtete. tiefsten Mitleid ergriffen über diese Jammerszene geneigt Um die Neugierigen abzuwehren, die sich in immer hatte. Der Verwundete, durch die Aufregung erschöpft, größeres Menge vor dem Laden ansammelten, und da sie hatte abermals das Bewußtsein verloren und der Arzt überdier es unschicklich fand, daß in diesem Augenblicke das wollte noch immer nicht kommen. Magazin offen bleibe, hatte Denise die Idee, die eiserne Roll­thür herabzulassen. Schiver is dumpf fiel der Vorhang mechanisch, wobei auch sie die Thränen nicht zurückdrängen

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Beunruhigen Sie sich nicht, wiederholte Denise

Madame Robineau, auf der Erde sizzend, das Gesicht die Tragbahre gelehnt, in welcher ihr Mann lag, erleichterte nun ihr Herz.

herab, wie nach dem fünften Aft eines Dramas, und als sie konnte. Beunruhigen Sie sich nicht, es ist keine unmittelbare zurückkehrte und die innere Glasthür zugemacht hatte, fand Gefahr; in, ich habe Herrn Robineau gesehen, es iſt ihm sie noch immer Madame Robineau, ihren Gatten in ihre an cin Unglück widerfahren.... Man bringt ihn schon, benn- Arme schließend, die traurige Szene von einem matten Licht beleuchtet, welches durch zwei kleine runde Löcher hereinsiel, ruhigen Sie sich nicht, ich bitte Sie. die in die Rollthür geschnitten waren.

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Die junge Frau hörte sie an, bleich und ohne zu be­greifen. Die Straße hatte sich mit Menschen gefüllt, die Fiaferkutscher, welche anhalten mußten, fluchten, die Träger Robineau. setzten die Bahre vor der Thür des Ladens ab, um die bei-| den Thürflügel zu öffnen.

D, mein theurer, mein guter Mann, stöhnte Madame Sie fand nichts, als diese Worte; er aber gestand nun renevoll seine traurige Absicht, angesichts dieser vor ihm schweren Mutterleib,

Verzeih' mir, ich war wahnsinnig

den Selbstmordversuch verheimlichen wollte. Er war auf den sie gegen die Tragbahre preßte. dem Trottoir und ist unter die Räder eines Omnibus ge

- Ach, wenn ich Ihnen nun erzählen wollte. Meinethalben wollte er sterben; er sagte mir fortwährend: ich habe Dich bestohlen, das Geld gehörte Dir. Und in der Nacht träumte er von diesen sechszigtausend Franks. Er erwachte, in Schweiß gebadet, und beschuldigte sich, ein ungeschickter, unfähiger Mensch zu sein und wenn man ein tüchtiger Kauf­

mann sei, dürfe man nicht das Geld Anderer ristiren, sagte

er sich fortwährend, Sie wissen ja, daß er immer nervös Als der und aufgeregt war. Schließlich hatte er Visionen, die mich

ſucht volatel angelegt werden sollen, tong mitte, daß morgen entsetzten; er ſah mich auf der Straße in Lumpen gehüllt, die Siegel war als ob Flammen bettelnd, mich, die er so sehr liebte, die er reich und glücklich Gin Bittern erschütterte Madame Robineau am ganzen vor meinen Augen tangten und als ob die Wände brennen zu sehen wünschte.

Leibe, fie stieß zwei, drei inartikulirte Schreie hervor, dann würden. Und dann erinnerte ich mich an gar nichts mehr, Dann wandte sie sich wieder zu ihm und als sie sah, stürzte sie wortlo3 vor der Vahre nieder, deren Hülle sie ich ging die Rue de la Michodière hinab, ich glaubte, daß daß er die Augen wieder geöffnet hatte, fuhr sie mit bebender mit zitternden Händen zurückschlug. Die Männer, welche die Leute im Glück der Damen" sich über mich lustig Stimme fort: