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Nr. 179.

Dienstag, den 5. August 1890.

7. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Volksblatt"

erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 3,30 Mart, monatlich 1,10 Mart, wöchentlich 28 Pf. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags- Nummer mit dem Sonntags- Blatt" 10 Pf. Poftabonnement 3,30 Mart pro Quartal. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1890 unter Nr. 892, V. Nachtrag.) Unter Kreuzband, täglich durch die Expedition, für Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat.

Insertionsgebühr

beträgt für die 5 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf., für Vereins- und Versammlungs­Anzeigen 20 Pf. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Beuthstraße 3, sowie von allen Annoncen- Bureaur, ohne Erhöhung, des Preises, angenommen. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 3-7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Festtagen bis 9 Uhr Vormittags geöffnet. Fernsprecher: Amt VI. Mr. 4106.-

Redaktion: Beuthstraße 2.- Expedition: Beuthstraße 3.

Dom;, Privatmann" in vorgerufen durch die Sozialdemokratie, zu erleben haben schluß des Berliner Vertrages zu Gunsten Rußlands Friedrichsruh .

würde. gewirkt habe. Das kommt sehr gelegen zu einer Beit, da Jedermann weiß, daß die Sozialdemokratie in diesem die Nationalliberalen beschäftigt find, Pfennige und Moment von Nichts weiter entfernt ist, als von dem Ver- Groschen zu einem Denkmal für den größten

Die Sozialdemokratie rüstet sich zur Neuorganisation, such einer Schilderhebung mit bewaffneter Hand; Jeder deutschen Patrioten" zu sammeln! 50 nachdem sie eine zwölfjährige erbitterte und heftige Ver- mann weiß auch, daß ein solcher Versuch nur mit einer Wer so für Rußland schwärmt, der hat auch russische folgung fiegreich überstanden und durch eine Verdoppelung blutigen Niederlage enden würde, und traut auch der Anschauungen. Daher die steten Bestrebungen, das So­ihrer Heerschaaren beantwortet hat. Die so heftig fich Sozialdemokratie deshalb eine solche Thorheit nicht zu. zialistengesetz zu verschärfen, daher die strengen Maßregeln sträubende Welt hat sich an den sozialistischen Gedanken Nur der Einsiedler von Friedrichsruh thut es und zwar gegen die Presse, die in Rußland doch nur nach drei­gewöhnen müssen. Man sieht den Sozialismus nicht mehr wiederholt. Zwar könnten uns seine Auslaffungen gleich- maliger Verwarnung unterdrückt werden kann, während durch die polizeiliche und bureaukratische Brille als eine giltig sein; wir brauchen von ihnen nicht mehr Notiz zu bei uns keine Verwarnung erforderlich war; daher die Verschwörung von Agitatoren" gegen die Staatsgewalt an, sondern man faßt ihn ganz richtig als nehmen als etwa von den tiefsinnigen Betrachtungen des Forderung der Verbannung der sozialdemokratischen aus der Petitionskommission des Reichstages bekannten" Agitatoren"; daher die Ausbildung des Polizeiapparats den Gegenstoß auf die gesellschaftlichen Uebelstände auf. Lackfabrikanten Dieze in Leipzig . Wenn wir uns doch nach russischem Muster durch Stieber und Krüger. Es fehlte Sogar den verbissensten Spießbürgern beginnt nach und mit dem Manne beschäftigen, so thun wir es deshalb, nur noch ein Sibirien , das man vielleicht durch die sgestellt. nach eine Ahnung aufzudämmern, daß um etwas gekämpft weil es von Interesse ist, dem deutschen Volfe zu zeigen, Kolonialpolitik auch hätte beschaffen können. wird, worauf Jedermann einen gegründeten Anspruch hat, wie wenig der Mann es kennt, der es dreißig Jahre lang Zieht man dies alles in Betracht, so findet man es und daß es auf dem bisherigen Wege nicht weiter gehen mit einer für unsere Zeit unerhörten Machtvollkommenheit nur natürlich, daß der Privatmann von Friedrichsruh die tann, wenn wir nicht so tief sinken wollen, daß uns keine regiert hat. sozialistische Bewegung ganz im Sinne russischer Staats­Hoffnung mehr bleibt auf eine Zukunft unseres Volkes. Man könnte einwenden, der Privatmann von Friedrichs- männer auffaßt, welche in jedem Oppositionsmann einen Man erkennt, daß der Idealismus, den zu erhalten das ruh verfolge mit seinen Aeußerungen nur den Zweck, der Nihilisten" sehen. Er sieht in jeden Sozialisten ausgelebte Bürgerthum sich unfähig gezeigt hat, nunmehr gegenwärtigen Regierung ein unbequemer Kritiker zu sein, einen Mann, der wie ein schottischer Räuber seinen Tribut nur auf den starken Schultern der Arbeiterklasse ruht und daß indem er sich bestrebe, ihre innere Politik als verhängniß- einfordert. darin die Bürgschaft für eine fünftige gedeihliche Ent- voll darzustellen. So wird das zusammengeschmolzene Unter solchen Umständen sprechen wir es ganz offen wickelung liegt. Häuflein seiner unverbefferlichen Verehrer sich über die aus, daß wir es nicht bedauerten, wenn Fürst Bismarck Nur Wenige sind es noch, die diese Dinge verkennen sonderbaren Orakelsprüche seines Heros" zu trösten hätte seine staatsmännischen Dienste von vornherein Ruß­oder sich ihnen wider besseres Wissen verschließen. Wem suchen. land und nicht Deutschland gewidmet. Als russischer aber die Erkenntniß des Wesens der sozialistischen Be- Aber die Lösung des Näthsels ist eine sehr einfache Minister hätte er Menschen und Zustände gefunden, die egung in Deutschland heute am Meisten abgeht, das ist und der Fürst hat sie selber in seinem letzten Gespräche seinen Anschauungen am besten entsprochen hätten. Privatmann" in Friedrichsruh , der Donnerer gegeben: sie liegt in seinen russischen Sympathien. partibus infidelium. Er blitt und donnert immer zu, Wir haben es in dem Fürsten Bismarck mit einem Staats­aber sein Blitz ist von Kolofonium und sein Donner gleicht mann von russischen Anschauungen zu thun, und deshalb auf dem Theater. Sein Blizz schlägt nicht mehr ein; fann uns seine Auffassung von der sozialistischen Be­auch beben die Gebirge nicht, wenn er mit seinen Wim- wegung nicht weiter wundern.

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Korrespondenzen.

Paris , den 30. Juli. Wie ein in den Teich gethaner Stein­pern zuckt, wie bei olympischen Zeus . Mit Staunen Wer den Frieden liebt, kann heute nicht einmal als wurf das daseinslustige Gequat der Frösche für einen Augenblick fieht heute Deutschland , daß der Mann, dem man zwölf Christ wünschen, daß die Türkei ohne Weiteres vernichtet verstummen und die Oberfläche des Wassers in zitternden Ringen hin und herwogen läßt, so hat die furchtbare Tragödie der Jahre alle erdenklichen Mittel und Vollmachten zur Be- und Konstantinopel den Russen überliefert würde. Nicht Rue Avron- der Selbstmord der Familie Hayem, von deren tämpfung der sozialistischen Bewegung in die Hände ge- einmal das Oberhaupt der katholischen Christenheit, der acht Gliedern nur die Mutter durch einen grausamen Zufall dem geben hat und der durch solch lange Zeit den ganzen Papst, würde heute so weit gehen. Die Eroberung Kon- Tode entronnen einen kurzen Moment lang die verdauungs­Tätht Staatsapparat gegen diese Partei spielen ließ, über den stantinopels durch die Russen würde heute für Europa selige Stimmung der Lebe- und Genußwelt des tout Paris und Inhalt und den Charakter der Bewegung gar nicht unter dieselbe Gefahr bedeuten, wie anno 1453, als die Stadt unt an der Oberfläche des öffentlichen Lebens Blasen und Ringe richtet ist, und eine ganz falsche Vorstellung von derselben von den Muhamedanern erobert wurde. Die Russen zu werfen. Ueber die Familie Hayem, welche monatelang durch hat. Sonst würde er nicht immer von Kanonen" gefahr ist heute, was damals die Türken gefahr, das Bandämonium der Arbeitslosigkeit, der bittersten, verschämten sprechen, die man gegen den Sozialismus auffahren müsse, wenn die erstere nicht schlimmer ist als die letztere, und die Armuth gewandert, hatte kein Hahn gekräht. Hunderttausende mobei man übrigens nicht verkennen kann, daß der liebe Türken von heute haben die Rolle der Griechen über- von Augen hatten keinen Blick für das Elend gehabt, daß in Gestalt Better, Herr v. Buttkamer, nur die Brocken auf- nommen, welche Konstantinopel gegen den Angriff der ihnen vorübergestrichen. Von Hunderttausenden von Händen hatte gelesen hat, die von des berühmteren Vetters Tische ge- Janitscharen Mahmuds II. vertheidigten. Fürst Bismarck fich keine einzige ausgestreckt, um dem Ertrinkenden das reitende fallen, als auch er von Kanonen" sprach; sonst würde aber bekennt heute, daß er im Jahre 1878 mit Sehnsucht Seil zuzuwerfen, an dem er sich, sein Weib und die hungernde Kont- Kinderschaar aus dem Strudel des Pariser Glends, des Glends Der Privatmann" auch nicht davon reden, daß in nächster darauf gewartet habe, die Russen würden Ron- ter modernen Großstadt, ziehen konnte. Die Familie Hayem, Beit Deutschland eine blutige Katastrophe, her- stantinopel besezen, und daß er auch beim Ab- welche in Verzweiflungsstoizismus ein Ende mit Schrecken dem

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Feuilleton.

Nachdruck verboten.)

Von Alphonse Daudet .

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die genügsame Stumpfsinnigkeit des Spießbürgerthums erschüttert,

des nach Arbeit das Straßenpflaster ablaufenden Mannes scheu an

Fromont junior und Risler senior. Bochentage in schwaigent grad und weißer Kravatte dem wahrhaft Vornehmen trennt. Man könnte dies alles

Aus dem Französischen von Ludwig Knorr .

Sie spricht nicht davon, wie sehr ihr die Mittwoch­Gesellschaften bei Madame Fromont von Nußen waren, die ihr ein wöchentliches Modejournal ersetzten, eine jener fleinen

it liefer guten Ton und der Erscheinung einer Frau von Welt er­

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Pfeife des Rauches wegen im Etui lassen und sich nach Quasten garnirtes Arbeitskörbchen, in einem Kristallglase Sem letzten Bissen schnell in Gala werfen, weil seine Frau blüht ein Veilchenstrauß und die Blumentische füllen herr­darauf besteht, daß er diesen Nachmittag heraufkommt, um liche grüne Blattpflanzen, das Alles ist genau so arrangirt, die Damen zu begrüßen. wie bei den Fromonts, eine Treppe tiefer, nur fehlt der Das war ein Ereigniß in der Fabrit, als Risler am Geschmack, diese unsichtbare Linie, die das Gewöhnliche von herabkam. mit der mittelmäßigen Kopie eines vorzüglichen Genres Du gehst wohl zu einer Hochzeit, ruft ihm der Kassirer bildes vergleichen. Die Hausfrau selbst trägt ein noch zu Sigismund von seinem Gitter aus zu." nenes Kleid und scheint eher selbst ein Besuch abstatten zu Und Risler erwidert nicht ohne Stolz. wollen, als solchen zu empfangen. In Risler's Augen ist Es ist der Empfangstag meiner Frau." alles herrlich und tadellos und er ist gerade im Begriff Bald weiß es alle Welt, daß heute Empfangstag ies auszusprechen, als er durch den zornigen Blick seiner ,, Sie sehen, es ist bereits vier Uhr", sagt sie mit zorniger abge- Bewegung auf die Pendule weisend. Es wird niemand tommen... Besonders auf Klara bin ich wüthend, da sie Inzivischen sitzt Risler im hellen Lichte der großen nicht heraufkommit... Sie ist zu Hause... ich weiß es Und wirklich lauscht Sidonie seit Mittag auf das ge= Deffnen und Schließen der Thüren. Risler möchte am liebsten wieder fortgehen, um der drohenden Fortsetzung des Frühstückgespräches aus dem Wege zu gehen, die in dem­selben Tone zu beginnen scheint, aber Sidonie ist damit nicht Sidonie hat sich unterdessen, als Frau des Hauses, die einverstanden. Sie kann zum mindestens verlangen, daß er empfangt, in dem schönen rothen Salon niedergelassen ihr Gesellschaft leiste, wo Alles sie im Stich läßt, und so denn die Risler's haben einen Salon mit rothen Damast bleibt denn der arme Tropf sißen wie jene Menschen, die möbeln, einem Pfeilerspiegel zwischen den Fenstern und einem sich bei einem Gewitter nicht bewegen, aus Furcht der Bliz in der Mitte stehenden schönen Tische auf einem hell möchte sie erschlagen. Sidonie wird unruhig, sie geht aus

Beitungen, aus denen man erfährt, wie man sich zu benehmen, Sidoniens ist und der alte Achill ist sehr ungehalten dar- Frau emgeschüchtert, inne hält. einzutreten, hinauszugehen und zu grüßen hat, die Blumen- über, daß man in seinem" Garten von den am Eingange und Rauchtische ordnen muß, ganz abgesehen von den desselben stehende Bildern und Sachen und all den tausend Dingen, die zum brochen hat. forderlich sind. Sie schweigt auch davon, daß sie alle die Fenster vor seinem Zeichenbrette; er hat den Frack ausge- bestimmt... ich höre es. suchen, den jene sich selbst ausgewählt haben. dringend gebeten hat, sie an ihrem Empfangstage zu be- Gedanke jedoch, daß seine Frau Besuch erwartet, beschäftigt ringste Geräusch da unten, auf das Geschrei des Kindes, das Werden sie kommen? Wird Frau Fromont junior der Frau Risler senior die Schande anthun und an ihrem ersten Freitage nicht erscheinen? Diese Ungewißheit regte sie

fieberhaft auf.

blid Stücken.

So beeilen Sie sich doch, sagt Sidonie jeden Augen mein Gott, wie fann man nur so lange früh­In der That gehörte es zu den Gewohnheiten des braven

auf

und beunruhigt ihn und von Zeit zu Zeit begiebt er sich in Gala in seine Wohnung.

" Ist niemand gekommen?" fragt er furchtsam. " Nein, Herr Risler, niemand."

-

Risler, langsam zu essen, dann seine Pfeife anzuzünden und gemusterten Teppiche- wo sie eine Anzahl Sessel um sich dem Zimmer, geht im Salon auf und ab, schiebt einen feinen Kaffee in langfamen Zügen zu schlürfen. Heute muß herumi gruppirt hat. Bücher und Zeitschriften liegen hier Sessel weg und rückt ihn dann wieder vor, befieht sich im