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Nr. 246.

Mittwoch, den 22. Oktober 1890.

7. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Volksblatt"

erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 3,30 Wharf, monatlich 1,10 Mart, wöchentlich 28 Pf. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags- Nummer mit dem Sonntags- Blatt" 10 Pf. Vostabonnement 3,30 Mart pro Quartal. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1890 unter Nr. 892, V. Nachtrag.) Unter Kreuzband, täglich durch die Expedition, für Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat.

Redaktion: Beuthstraße 2.

Die Novelle zum Krankenversicherungs- Gesetz.

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Insertionsgebühr

beträgt für die 5 gespaltene Petitzeile oder deren Naum 40 Pf., für Vereins- und Versammlungs­Anzeigen 20 Pf. Injerate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Beuthstraße 3, sowie von allen Annoncen- Bureaur, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 1hr Mittags und von 3-7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Festtagen bis 9 1hr Vormittags geöffnet. -Fernsprecher: Amt VI. Nr. 4106.

Expedition: Beuthftraje 3.

vember 1886 schreiben konnten: Während nach Einfüh- wenn gegen die Einrichtung einer gemeinsamen Ortskaffe rung des Kranken- und Unfallversicherungs Gesetzes die Widerspruch erhoben wird. Nach§ 17 kann sie die Ge­Sozialdemokraten sich den Anschein gaben, als ob diese meinde verpflichten, Ortskassen zu errichten, nach§ 18 Einrichtungen ohne Belang für die Intereffen der Arbeiter fann sie die Errichtung einer Ortskasse gestatten und nach wären und von diesen mit großer Gleichgiltigkeit auf-§ 24 bedarf das Kassenstatut ihrer Genehmigung. Nach Wer sich in Deutschland mit allen Erscheinungen genommen würden, stellt es sich nunmehr, nachdem die§ 30 hat die höhere Verwaltungsbehörde vor der Geneh­berumzanken wollte, der würde sich schon im ersten Viertel- Gesetze längere Zeit in Kraft sind, als unzweifelhaft her- migung des Statuts eine sachverständige Prüfung herbei­jahre zu Tode ärgern. Nein, so dumm war ich nie; ich aus, daß die Arbeiter die Vortheile dieser für sie ge- zuführen, wenn Zweifel über die richtige Bemessung der habe beſſere Diät gehalten. Ich sah nur immer auf den schaffenen Institutionen wohl zu schätzen wiſſen. Wer Beiträge entstehen; nach§ 33 hat sie die Beschlußfaſſung Grund der Erscheinungen, auf den breiten Grund, der Gelegenheit hat, mit Arbeitern zu verkehren und Veran- anzuordnen oder selbst die erforderliche Abänderung des hundert Gattungen und tausend Arten und Spielarten laffung nimmt, ihre Ansichten über diese Wohlfahrts- Statuts zu vollziehen, wenn die Vertretung der Kasse den verschiedener Früchte trägt. Wäre nun auch eine Erschei- einrichtungen zu hören, der wird in den allermeisten in diesem Paragraphen getroffenen Bestimmungen nicht Grund geblieben? Die Früchte, die ein Baum im der ung vorübergegangen, was änderte das, so lange der Fällen sich überzeugen, daß von ihnen der Werth nachkommt. Nach§ 35 ist zur Legitimation des Vor­vorigen Jahre getragen, trägt er freilich in diesem Jahre Also, Versicherungs- Gesetze völlig gewürdigt wird." standes eine Bescheinigung der Aufsichtsbehörde erforder­von der betretenen Bahn ab- lich; nach§ 34 und§ 37 wird die erstmalige Wahl, sowie nicht; Hat auch noch nicht jeder Arbeiter sein spätere Wahlen, bei denen ein Vorstand nicht vorhanden mid der alte Stamm, und alte Klagen brauchen darum Huhn im Topfe", so weiß er doch den Werth der Ver- ist, von einem Vertreter der Aufsichtsbehörde geleitet; nach nicht zurückgenommen zu werden." sicherungs- Gesetze völlig zu würdigen und wird sich gewiß§ 39 ernennt lettere den Vorstand oder die Vertreter zur An diese Worte Börne's wurden wir bei Durch- freuen, wenn der bureaukratische Zopf, der diesen Gesetzen Generalversammlung , wenn die Wahlen von den Mit­ficht der Novelle zum Krankenversicherungs- Gesetz recht anhängt, noch ein Stück länger wird. lebhaft erinnert. Wenn auch der eiserne Kanzler" gliedern verweigert werden, Nach§ 40 sind Werthpapiere Betrachten wir das zur Zeit giltige Kranken- bei der Aufsichtsbehörde oder nach deren Anweisung ver­

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fammt seinem schneidigen Sozialistengeset" vor nicht versicherungs- Geset näher, so finden wir, daß dasselbe, wahrlich niederzulegen. Nach§ 41 ist die Kasse ver­langer Zeit zum alten Eisen" gelegt wurden der eingetheilt in 88 Paragraphen, in 41 derselben eine Ein- pflichtet, in den vorgeschriebenen Fristen und nach den Grund ist geblieben, es ist die alte Wurzel und der alte wirkung der Behörden zuläßt. Stamm, auf welchem die neuesten Früchte zur Verbesse rung der sozialreformatorischen Gesetzgebung" gewachsen über die weitere Ausdehnung des Versicherungszwanges fichtsbehörde einzureichen, auch ist die höhere Verwaltungs­d. Es hervorleuchtet, der schon früher den lammfrommen§ 8 setzt lettere den ortsüblichen Tagelohn fest; nach§ 9 führung Vorschriften zu erlassen. Nach§ 42 können Professor Lujo Brentano zu dem Ausspruch Ver- muß ihr ein Rechnungsabschluß über die Gemeinde- Berwaltungsbeamte, welche verfügbare Gelder der Kaſſe anlaffung gab, daß die Verquickung der Sozialgese- Krankenversicherung eingereicht werden; nach§ 10 können in ihrem Nutzen verwenden, unbeschadet der strafrecht­mit dem Bureaukratismus keine nur mit ihrer Genehmigung die Beiträge bis zu 2 pCt. lichen Verfolgung, durch die Aufsichsbehörde angehalten Andere Wirkung haben könne, als den Arbeitern einen erhöht werden und sie kann die Herabſegung der Beiträge werden, das in ihrem Nußen verwendete Geld zu ver­tiefen Widerwillen einzuflößen. verfügen, wenn den in Absatz 3 vorgeschriebenen Maß- zinsen. Nach§ 43 kann die höhere Verwaltungs­tige getroffen. Nicht allein in den Kreisen der Arbeiter, wird. Brentano hat in diesem Falle unzweifelhaft das Rich- nahmen seitens der Gemeinde nicht Rechnung getragen behörde die Errichtung gemeinsamer Orts- Krankenkassen sondern auch bei vielen Unternehmern, namentlich den so­für einzelne Theile ihres Verwaltungsbezirks anordnen, Nach§ 12 kann die höhere Verwaltungsbehörde die auch bedürfen die Beschlüsse mehrerer Gemeinden zwecks genannten kleinen" Handwerkern, ist ein tiefer Widerwille Vereinigung mehrerer Gemeinden zu gemeinsamer Ver- Einrichtung gemeinsamer Ortstassen ihrer Genehmigung. sicherung anordnen und auch die Beschlüsse mehrerer Ge- Nach§ 44 wird die Aufsicht über die Kassen von den bureaukratischen Einrichtungen vorhanden, wenngleich nicht meinden betreffs gemeinsamer Versicherung bedürfen ihrer Gemeindebehörden, sowie von den höheren Verwaltungs­verschwiegen werden soll, daß der Widerwille in den Unter- Genehmigung. Nach§ 13 kann sie ebenfalls unter einer behörden und von den seitens der Landesregierungen zu die Vereinigung mehrerer Ge- bestimmenden Behörden wahrgenommen. Durch§ 45 fino meinden zu gemeinsamer Versicherung anordnen, sie kann der Aufsichtsbehörde die weitgehendsten Befugnisse über Wer nun aber der Meinung sein sollte, daß diesem ferner anordnen, daß der weitere Kommunalverband in die die Kassen eingeräumt. Nach§ 46 bedarf das Statut Widerwillen in der Novelle Rechnung getragen ist, der irrt Stelle der einzelnen Gemeinden zu treten hat, sie hat eines Verbandes mehrerer Kassen der Genehmigung der gewaltig. Es sind nicht nur alle bureaukratischen ferner die erforderlichen Vorschriften über die Verwaltung höheren Verwaltungsbehörde; nach§ 47 kann sie Orts­fassen schließen oder auflösen, auch hat sie Entscheidung neuer hinzugefügt. Warum auch nicht? Ist man doch in Nach§ 14 kann die höhere Verwaltungsbehörde über die Zuwendung des verbleibenden Vermögens zu " höheren" Kreisen von der Vortrefflichkeit der sozial- die Vereinigung auflösen und in diesem Falle über die treffen. Nach§ 48 stehen ihr die gleichen Befugnisse politischen Maßnahmen" so sehr überzeugt, daß beispiels- Vertheilung weise die Berliner Politischen Nachrichten" schon im No- Bestimmung. treffen. vorhandenen Reservefonds unter anderen Voraussetzungen zu. Nach§ 49 kann die Nach§ 16 entscheidet sie, Aufsichtsbehörde eine gemeinsame Meldestelle errichten.

vorgeschriebenen Formularen Uebersichten über die Mit­Nach§ 2 bedürfen die Vorschriften einer Gemeinde glieder u. s. w., sowie einen Rechnungsabschluß der Auf­

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als bei den Arbeitern.

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Bestimmungen im Gesetze geblieben, sondern noch eine Reihe zu erlassen.

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Nachbruck verboten.]

Feuilleton. Victoria.

Roman von Minna Kautsky .

Wünschen Sie noch etwas?".

recht unmelodisch flang.

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Die Franzel war erschreckt zurückgesprungen, sie retirirte rasch noch weiter, als gälte es sich selbst in Sicherheit zu bringen. Er bemerkte es und brach in ein herzliches Lachen aus. Fürchten Sie sich nicht ich-" er zuckte thue Ihnen nichts gewiß nicht Sie müssen freilich denken, das muß ein Wütherisch sein, der über einen Mückenstich so aufgebracht werden kann nun, ich habe gelegentlich auch sanfte Augenblicke."

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3u tragen?" fragte sie leise mit einer heiseren Stimme, die nommen. " Soll ich nicht warten, um die Sachen wieder hinunter hatte er sich wieder gesetzt und den Pinsel in die Hand ge-|

Sobald wieder fortzu"

" Sie sind sehr gütig, aber es wird Sie ermüden und langweilen."

Sie schüttelte lebhaft den Kopf.

O nein, es ist so still hier und so schön." " So, empfinden Sie das?"

Es thut mir wohl," sagte sie einfach. Sie pflückte mit Auswahl noch einige dieser silberhaarigen wehenden Büschel, band sie zusammen und sich seitwärts von ihm ins Gras

Es tam ungemein liebenswürdig heraus, und schon segend, begann sie ihr Geschäft. Es ist ganz recht so," nickte er zufrieden, hüten Sie sich nur, meiner Staffelei allzunahe zu kommen, mein Aber die kleinen Blutsauger hatten Geschmack an ihm er brachte das Fräulein nicht heraus, wie heißen Sie

warten, ich fange soeben erst an und denke nicht daran, ihn immer dichter. Er lachte: Nein, mein Kind, da müßten fie lange gefunden und wollten ihn nicht aufgeben. Sie umschwärmten denn?"

eines Zeus.

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Er unterbrach sich, um eine

Sehen Sie, mein Kind, ein Maler ist hilflos, hilflos In komischer Verzweiflung saß er da, in einer Hand die rechte Mischung hatte.

Mücke, die ihn in die Hand gestochen und sein Blut sog, wie ein Kind, diesen Vampyren gegenüber!" fortzublasen; in dem Augenblick setzte sich eine andere ihm

auf die Stirn, Er schüttelte sein Haupt mit dem Ungestüm die Palette, in der anderen den Pinsel, in dem er gerade trat?"

ließen, auch der Rauch vertreibt sie nicht"

" Wenn diese verdammten Fliegen mich nur in Ruhe

Und wann soll ich wiederkommen?"

er fühlte einen Stich im Halse.

Hand.

seine Nase.

Gar nicht, mein Kind- ich danke", sagte er nervös; Fuße, es beirrte sie durchaus nicht.

" Bitte, dann haben Sie mir zuviel gegeben-"

In dem Augenblick setzte sich eine Mücke kecklich auf Er schüttelte mit dem Kopfe, er stampfte mit dem Aber schon hatte die Franzel ein langstieliges Gras, ein Büschel des wehenden Frauenhaares aus dem Boden

Er antwortete nicht. Mit einem Miale sprang er auf. gerissen und es über seinem Kopfe schwingend verscheuchte| Mit einer heftigen Geberde hatte er den Pinsel hin-| Himmel und Hölle, das wird mich rasend machen!" sie das Thierchen. weggeschleudert und rieb sich nun den Hals, die Stirne, die

mich herfallen, und da soll ich malen!" Wie diese blutdürftigen Bestien da. meuchlerisch über

Es war ein dankbarer Blick, den er ihr schenkte. Das lasse ich mir gefallen, ein solcher Fächer wäre höchst zweckmäßig."

Wenn Sie erlauben, so will ich mich dahersehen und ihn führen, Sie werden dann Ruhe haben."

Franzel."

" Richtig; wir haben uns ja gestern schon gesehen, nicht wahr und wollten eben miteinander tanzen, als wer war denn dieser Bursche, der so störend dazwischen Der Andreas."

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So so, der Andreas. Er scheint höllisch eifersüchtig zu sein?" Er schielte von der Seite nach ihr hin. Sie däuchte ihm ein Kind und er wollte doch sehen, wie sie sich dazu verhielt. Aber das junge Gesicht behielt seinen schlaffen, nichtssagenden Ausdruck. Aber wo ist er denn hente, dieser Andreas?" ,, Er arbeitet in der Fabrik, wie ich, der wird sich wundern, daß ich heute nicht hingekommen bin, aber ich war so müde, ach so sehr! ich konnte Morgens mich nicht erheben, und bin wieder eingeschlafen. So habe ich die Fabrikstunde versäumt, und darum war ich frei und konnte heraufkommen- ich war noch nie hier oben." Sie sprach die letzten Worte fast verschämt, es war wie ein Bekenntniß