BUNTE WELT

Dir. 25

Unterhaltungsbeilage

1934

Legende aus unserer Zeit

Es war einmal ein kleiner lichter Mondstrahl. durch den sah Abend für Abend, in den Stunden, da alles weich verhüllt ist, was übel auf unserer Erde aussieht, ein En­gel auf unsere Welt hernieder, die um diese Beit so sanft und still unterm Sternenhimmel

ruht.

Wie zauberhaft, wie geheimnisreich, wie wundervoll erschien ihm dieses dunkelver­hüllte, ferne Etivas, auf dem es Leben gab und Wesen, die so verschieden von den Himm­lischen sein sollten... Sehnsucht bemächtigte fich des Engels und Sehnsucht ist eine gar selts same Macht. Sie vermag blicklos für das Nahe zu machen und das Ferne mit allem Reiz zu umkleiden, alle Wonnen ihm zu ver­leihen, die das eigene Gemüt birgt und erfin= nen mag. Wieviel Herrliches, Wonnevolles, Gütiges aver virgt ein Engelsgemüt! Wie wunderbar also mußte ihm dieses Ungetannte, Ungewisse, Neue, mußte ihm die Erde erschei­

nen!

Von Lotte Sassower

und jene Wiege ſtand in Rußland , just zu der Zeit, da ein Pogrom wütete. Es galt zu flüchten, der Mordgier zu entfliehen, ein No­madenleben begann, denn es galt neue Heimat zu suchen. Fern, fern in einem andern Lande wo Kultur schon vorgeschrittener war und we­nigstens das Leben der Menschen noch heilig und unantastbar galt, ward sie gefunden Dort wuchs der Knabe heran. Mit ſeiner En gelsjeele erfaßte er gar bald viel Unrecht, das andere ſtumps, ſchweigend und ſelbſtver­ständlich hinnahmen. Er sah unverdiente Zu­rückseßung, Neid, Mißgunst, Uebelwollen immer nur gegen die Wehrlosen gerichtet, meist nur gegen die eine Gruppe, gegen die, in deren Witte er geboren worden war.

wertet, nach Leistungen, Kenntnissen wurde gefragt und nicht nach dem Zufall der Her funft.

So hätte sich beinahe ein paradiesischer Zustand auf Erden entwickelt, ein weit groß­artigeres Paradies schien sich da aufzubauen als jenes erste wildgewachsene gewesen war Ein Paradies der Schaffensfreude auf jegli chem Gebiete, ein Paradies der Kultur..,

auch solche, die die Rolle der Schlange jenes Doch es gibt unter den Menschen immer Urparadieses innehaben, die herrschen wollen, wiewohl ihr Platz am Boden, in der Niedrigs feit ist. Ihr Machtmittel ist der Ungeist, ihre Heerschar die große, die fompakte Majorität der wenig und ganz Unbelehrbaren, an die fie sich erfolgreich wenden, wenn sie ihre niedern Instinkte: Habgier, Raub- und Mordlust ans

rufen. Sie sind die unerbittlichen Feinde des Guten, die Widersacher der Helfer der Mensch heit, deren Aufbau- Arbeit sie begeifern, ber giften, zerstören.

Doch eine Engelsjeele erkennt und emp­findet nicht nur das Unrecht, sondern sie ents schuldigt es auch gleich wieder. Für jede widerfahrene Roheit erwuchs in ihr mildes Berstehen, gütiges Verzeihen und nicht die fen Menschen machte er für ihr häßliches Tun Bald war es nicht nur an den Abenden, verantwortlich, sondern ihre Unwissenheit, ihr Sie dezimierten den Anhang des Mans bajz der Engel verträumt und sehnsuchtserfüllt eigenes Unberatensein. Eine heiße Welle von zur Erde ſtarrte, auch im Kreise der Himm- Erbarmen für seine Peiniger stieg in ihm aufnes mit der Engelsſeele, er, der Himmlischt, liſchen blieb er ſtill und traurig und die wun- und er beschloß durch Weisheit ein Helfer im Guten unbeirrbar Beständige, lernte die Begrenztheit alles Jrdischen, die Unverläße berbaren Augen befamen solch schwermütigen| dieſer armen irr handelnden Menschen zu Ausdruck, wie man ihn in diesem Reiche ewis werden. Dieses Ziel berauschte ihn mit der al- lichkeit, den Verrat die menschliche Ge ger Freude sonst garnicht fannte. Gott sah es ten, wunderbaren Sehnsucht, die ihn den Him, meinheit furchtbar, weil auch bei denen, die und winkte den Engel an seinen Thron.- mel einst verlassen hieß und zur Erde getries auf sein Wort bereits gehört hatten, fennen. Denn wer nicht geflohen, wer nicht zertreten, tig sprach er zu ihm, der sein Sehnen be- ben hatte. Aus seinen Augen brach wieder je fante, wies auf all das Schwerelose. Be­iver nicht gestorben war, der half bald mit bel glückende, Jauchzende und Strahlende des Zerstörung, Verfolgung Unschuldiger, um an Himmelsseins und zeichnete das Los der Erd­dem Raub ihrer Habe den Beuteanteil zu has geborenen, ihre Plage, ihren Jammer, ihre ben. Ihr beſſeres Wiſſen, das er sie gelehrt, Friedlojigkeit mit eben göttlichen Worien. betäubten sie mit tönenden Phrasen und mach Doch Sehnsucht ist nicht nur blidlos für das ten aus der Untugend eine Not... Nahe, sie ist auch taub dafür und für all das besonders, was ihr Ziel entzaubern soll. Da sah der Herr betrübt ein, daß nichts seinen Engel, den er gar besonders liebte, von seiner Sehnsucht abbringen fonnte und so beschloß er seinem Wunsche zu willfahren. Du bist nicht der Erſte, den es aus himmlischen Sphäs ren in den Staub der Erde lockte- auch nach Dir werden noch Engel diesen wenig dankbaren Weg nehmen. Du weißt. Du mußt ihn arm und klein und nadt, als ein hilfloses Menschenkind beginnen und nichts von Dei­nem Engelssein nimmst Du mit als Deine Seele... Glück, Freude, Erfolg für Dein Bemühen all das wird Dir auf Erden nicht anders zuteil wie den übrigen Menſchen... Und nun geh! Und Gott lächelte Gewährung.

So ward nach langer, langer Zeit wie­der ein Knabe mit einer Engelsseele gebo­ren... Lieblich lag er in seiner Wiege. zart und hell, mit Locken wie aus gesponnener feinster Seide und Augen von seltsamen leuchtendem Glanz. Das Erdenleid aber, von dem Gott dem Engel so warnend erzählte, es griff schon an die Wiege mit rauhem, hartem Griff das Kind war als Jude geboren

-

nes Leuchten, jener wunderbare Glanz, doch nicht traurig war er jetzt, eine überirdische Freudigkeit strahlte aus den seelenvollen Augen, je mehr sie sich in das Wissen vertieften und je mehr mit diesem das Erbarmen wuchs. Es lockte gar viele an- Seele, reine gütige Seele hat immer Gefolgschaft. Denn das Gute, erdgebunden, es schlummert ja in jedem und wartet auf Befreiung, Erlösung. Nur das Wissen kann die Fesseln lösen, mit denen das Gute in uns Menschen gebunden ist.

Eine schöne Zeit fam. Es schien faſt, als hätte die Sehnsucht des Engels doch recht be­halten. Denn himmlischer als die Freuden des Simmels, der die ausgeglichene Erfüllung ist, sind die schöpferischen, befreienden, aufbauen­den... Allmählich wandelte sich unter des Jünglings seelenvollem Einfluß die Robeit in Humanität, Vorurteile versanten, edler Wett, eifer begann, wo früher Neid den Auf­schwung der Tüchtigkeit gehemmt, ja meist unterbunden hatte. Ach, um ihn wurde eine Welt, wahrlich der Sehnsucht der Himmlischen fast würdig... Freiheit, Gleichheit, Brü­derlichkeit"- leuchtend stand es auf den Bannern der Jugend, die sich um ihren seelen vollen Führer scharte. Vergessen schien das Hämische, das den Namen Jude" angehaftet hatte, allmählich versant dieses Vorurteil und mit ihm so manches andere, das so verheerend auf dieser Erde sich ausgewirkt hatte. Jeder gab sein Bestez und wurde nach Verdienst ge­

-

Leid, Leid, blutiges Leid größer als es je gewesen, war wieder in der armen, un glücklichen Welt. Es war ins Gigantische ge wachsen.

Unjägliches Mitleid war in der Engels seele- Mitleid mit den ewig Gehezten, den grauſam Verfolgten, den ständig Gepeinig ten, den Heimat- und Ruhelosen. Aber auch Mitleid mit jenen, die aus verhängs nisvollem Unverstand, aus berhezter Dummheit, aus Dumpfheit und Mangel an Güte der Schlange dienſtvillig waren, jich mißbrauchen ließen unbes dantt- die das zerstörten, was sie selber bes freien, ihr Daſein menſchenwürdiger, ihr Los erträglicher geſtalten ſollte. Er sah kommen, welch Lohn ihrer harrte, sah voraus, daß ihre Ernüchterung nach dem Blutrausch in vers schärfter Verelendung, in drückender Knecht schaft, in Rechtlosigkeit, auch dieſen Dumpfen und Stumpfen furchtbar fühlbar werden würde, er sah sie einander zerfleischen, auf eins ander gehebt, in fürchterlichster Bestialität, der Schlange, dem Ungeist auf ewig berfallen.. Ach, und er hatte gerade diese Aermiten to erbarmungsvoll geliebt, er wollte vordringen