BUNTE WELT
tr. 38
Enterhaltungsbeilage
Betrieb um Mary
Skizze von Grete Livius
1934
sie so. Minutenlang. Versunken in die Betrachtung eines taubeneigroßen ungeschliffenen gelben Diamanten. In diesem Augenlid wagte sie ihr bevorzugter Privatsekretär zu stören. Auf der Kohlengrube„ Mary II " in Minnesota sei Streit ausgebrochen. Die Bergarbeiter forderten Erhöhung der Löhne, Herabfezung der Arbeitszeit. Selbstverständlich habe man diese Forde rungen abgeschlagen und die Regierung bereits um Schutz für die Arbeitswilligen ersucht. Immerhin der Streit dehne sich aus und finde seine legale Unterstüßung durch die Gewerkschaf ten. Sie brauche sich selbstverständlich keine Minute den Kopf zu zerbrechen. Doch er halte es für seine Pflicht, sie zu informieren.
-
Mary Goulds Urgroßeltern hatten ihr| Flüche, ausgestoßen von Namenlosen, sie auch eines großen Kindes beherbergten. Einmal saß fanveres Einwandererleben im Westen Ameritas erreichen? Ein Stab devoter Sefretäre nahm als Holzfäller begonnen. Aus dem Schwarzwald der Dreiundzwanzigjährigen alle jene Verwalkamen sie, und in ihrem Testament, das eine tungsarbeiten ab, von denen sie doch nichts verReihe stattlicher Vermächtnisse aufwies, fand stand. Ab und zu empfing jie huldvollst den Besich auch der Say:„ Zehntausend Dollars, be- such eines Mannes, den man ihr als Generalstimmt für den Bau einer Schule in Uerdingen ". direktor oder sonstigen hohen VerwaltungsbeamIhre Kinder waren bereits weniger sentimental ten aus Bergwert, Waldbejizz und Farm vorund Heimattreu. Mary aber, die„ lepte ihres stellte. Dieser sagte ihr viele artige Worte und Stammes", einzige zufünftige Erbin von un- versicherte seine Ergebenheit. So schnell wie gezählten Millionen Dollars, die in riesigen möglich brachte man dann das Thema auf Waldungen, Farmen und Bergiverken stedten, etwas, was Marh Gould brennender interwußte faum noch etwas von der proletarischen essierte als der Ausbau ihres Vermögens, das Herkunft ihrer Ahnen. Und wenn so erinnerte ja sowieso, dies wußte sie schon, ohne eigenes sie sich nicht gern daran. Es genügte ihr, daß Butun unaufhörlich anwuchs. Zum Beispiel auf sie zu den Ersten der oberen Zehntausend von Sport und Segeljachten, auf die Season in New Vorts Fifth Avenue gehörie, und keine London und auf die neuesten Errungenschaften Die Besizerin von Marh II" hob das Veranlassung lag vor, über die Herkunft des der Pariser Juweliere in der Rue de la Paix. reizende amerikaniſche Köpfchen, erst univillig, riesigen Vermögens nachzudenken, das täglich, Besonders dieses dritte Thema liebte Math. dann nachdenklich. Schließlich fragte fie: Bas nein stündlich durch die Leiden und Entbehrun- Geradezu krankhaft war ihre Vorliebe für Ju- sind denn das für Leute, die arbeiten, wenn ble gen von vielen tausend Männern und Frauen welen. Sie jammelte koſtbare Steine, Schmuck- anderen nicht wollen?" Der Sekretär sagte nach vermehrt wurde. Diese arbeiteten in den dich- ſtücke in seltenen antiken und modernen Fai- turzem Zögern:„ Wir nennen sie Arbeitstolla testen Uriväldern er Adiron- Dods, in den jungen, wie andere Leute Briefmarken oder lige, andere nennen sie Streitbrecher." Bergwerken von Minneſota und auf den Step- Reklamebilder. Ihr Privatsekretär hatte einen Und warum tun sie das?" forschte Mach pen des Westens. Nur für Mary. Für ein jun- Stab von Fachleuten engagiert, die immer auf ausnahmsweise intereſſiert- weiter. Der ges zweiundzwanzigjähriges Mädchen, das rei- der Suche waren nach koſtbaren und beſonderen Mann vor ihr geriet in Verlegenheit. Schließa zend und verwöhnt war, über soviel Bildung ver- Juvelen. Als Mary Gould in dieſem Frühjahr lich meinte er:„ Weil sie mit den Arbeitsbedin fügte, wie eine Millionenerbin fie unumgänglich beschloß, zur Erholung ihrer vom Trauerfall an- gungen zufrieden sind"." Gut," sagte Mary benötigte also nicht eben übertrieben und griffenen Nerven nach Europa zu fahren, be- und warf den Kopf zurück, so sollen es bie bie außer ihrem amerikaniſchen Slang noch trug allein der Vermögenswert ihrer Juwelen anderen auch sein“. Damit war das Gespräch Londoner Englisch und Pariser Französisch befür sie beendet. Die junge Königin gab ihrem herrichte. Im übrigen war Mary ein sehr hübUnterian das Zeichen zur Entfernung. Dann sches Mädchen: schlank und wohltrainiert, mit nahm sie wieder den gelben Diamanten in die den engen festen Knöcheln ihrer Schwarzwälder Hand, begann ihn von neuem zu betrachten, anAhnen. Das Haar blond, die Augen blau, der dächtig und mit der Ernsthaftigkeit eines Tieres. Mund frisch und dies alles in jenes strahlend konservierte Lächeln gelegt, das man dort drüben„ keep smiling" nennt. So glich sie ganz der Vorstellung, die man sich im alten Europa von
-
sechsunddreißig Millionen Dollars. Sie engagierte deshalb zu ihrer persönlichen Ueberwachung einen Detektiv, der sie, den Revolver in der Tasche stets gespannt, auf Schritt und Tritt begleiten und auch auf dem Schiff seine Kabine neben der ihren haben mußte. Denn Marh hatte einen besonderen Spleen. Es gibt viele Frauen auf der Welt, die fostbaren Schmud besitzen. Doch seltsame Narrheit unſeres Syſtems. Diese Frauen trugen meist nur täuschend gutSturz nach ihrem dreiundzwanzigsten Ge- gemachte Imitationen. Ihre echten Juwelen aber burtstag starben beide Eltern. Die Zeitungen liegen in den Safes und Tresors großer Banbrachten das Bild der jüngsten„ Dollarprins fen, wo sie von schlechtbezahlten Angestellten bezein" in großer Aufmachung und mit sensa- wacht werden. Dort holt man sie nur bei betionellen Ueberschriften. Etwa so:„ Schönstes sonderen Gelegenheiten hervor. Läßt sie sich unter Mädchen New Yorks wird auch das reichste". polizeilicher Bewachung bringen und wieder zuOder:„ Wer heiratet die Königin der Adiron- rücktransportieren. Man sieht, die reichen Leute Docks?" Manche Blätter, die auf das romans haben auch ihre Sorgen.
einer„ Mary" macht.
tische Gefühl ihres fleinbürgerlichen Lese- Doch wie geſagt: Mary hatte einen Spleen. publikums ſpekulierten, stellten die junge Erbin Sie trug stets nur die echten Prätiosen. Mit nicht in GalaToilette, juwelengeschmückt, dar. der Naivität eines Kindes, mit der UnbejanDeren Reporter hatten Dienerschaft und Bofen genheit sich zu freuen, die sicher aus dem Blut bestochen, damit diese ihnen Photographien von Mary verschaffte. Photographien, auf denen sie in ländlicher Tracht beim Melfen einer Kuh dargestellt war. Auch solche, die sie zeigten, ein Käychen im Arm, der Hintergrund eine Weinrebenlaube. Diese Szenen trugen dann in den Magazinen die Unterzeilen:„ Marys Glück in der Heimat",„ Die schlichte Erbin eines Riesenvermögens",„ Jeder muß sie lieb haben" etc.
Es gab viele Menschen, die sie gar nicht liebten. In den Adrion- Docks z. B., in Minne sota und auf den Farmen des Westens. Aber davon erfuhr Marh nichts. Wie sollten diese
ihrer Ahnen, der Schwarzwälder Holzfäller, stammte, hing sie an dem schimmernden und glitzernden Kram. So schnippisch und überheblich fie oft war, so launenhaft und erzentrisch mit einem Wort, so unerzogen beim Anblick eines purpurnen Rubins, eines Smaragds , von der grünen Tiefe des unendlichen Meeres, beim strahlenden Blau der Saphire und bei den schimmernden Tropfen seltener Opale geriet fie geradezu in ein Stadium der Verzüdung. Mit Händen, die vor Erregung zitierten, wühlte sie oft in den Schalen aus Gold und in den Etuis aus Elfenbein, die den unermeßlichen Reichtum
Wenige Tage später fielen Mary, als sie an Ded ſpazieren ging, die finsteren Blicke einiger Matrosen auf, die sie scharf beobachteten, wie sie hin- und herschritt, im funkelnden Glanz ihrer Juwelen. Sie wunderte sich sekundenlang. da sie nur gewöhnt war, mit Blicken des Entzücken und der Ergebenheit betrachtet zu werden. Doch dann vergaß sie es schnell wieder. An jenem Tage waren kurz vorher zehn streifende Arbeiter der Kohlengrube„ Marh II" im Kampf mit Streifbrechern von Regierungstruppen ers schossen worden. Der Funkstation des Schiffes hatte eine große Zeitungsagentur die Nachricht übermittelt. Die Matroſen erfuhren es und auch, daß die Beſizerin jenes Bergwerks, das„ reichste Mädchen der Welt", sich an Bord ihres Dampfers befand.
Während man die Leichen der Erschossenen begrub, während ihre Angehörigen vor Qual und Hunger am Verrecken waren, betrat Marh europäischen Boden. Frauen und Kinder der im Kampf um ein besseres Dasein Gefallenen trieb man aus ihren armseligen Hütten; Marh jedoch mietete am selben Tag für sich und ihren „ Stab" eine Flucht von Zimmern im PalaceHotel am Lido. Die unglücklichen Hinterblie benen wußten an diesem Abend nicht, wo sie das Brot für sich und ihre Kinder hernehmen sollten, Mary speiste zur gleichen Stunde ein auser