□tr. 36

ffnieröoltusigö&citage

1935

Bei Fra« Kinderessen Autorisierte llebersetzung auS dem T'chechlichen von Ida Steinschneider<Schl«tz)

lln» war so sonderbar traurig zumute. Wenn der Herrgott den Himmel so ein­gerichtet hat, wie ei bei Fabrikanten? war, so will ich nicht hinein und mag mir der heilige Peter Gott weis; wa» versprechen. Die Jungens wollten heim, in ihre Hüt­ten, zu den Müttern, Großmüttern, Kindern. Erst baten sie darum beim Rapport, Dann wandten sie sich an Frau Kinderessen. Zuerst wunderte sie sich, dann regte sie sich auf... Einmal ging ich in die Küche. Da- war euch Jungen?! ein Theater. Wurde da geschmort und gebraten! Eine Menge Weiber trieben sich dort herum. Da? Kommando führte «in Koch ; er tat sehr vornehm, denn er war «in Franzose , vom Wiener Rothschild herge­liehen. Er hatte, so hieß es, einen Großgrund­besitz und drei Häuser in Wien . Chauffeure brachten alles für die Küche herbei. Ihre ganze Beschäftigung bestand darin, herumzusahren und das Schönste und Beste heränzuschaffen. Frau Kinderessen assistierte und beratschlagte, welche Ueberraschungen für den nächsten Tag vorbereitet werden sollten. Der Kanonier Matoui-ek ging eine Wette ein, er werde fünfzig Marillenknödel ausessen Sollte er zufällig mehr essen, so hätten ihm die Kameraden für jeden Knödel einen Sechser zu zahlen. Man erzählte eS der Frau Kinder­essen. Die freute fich riesig. Alle Insassen der Krankenzimmer, die Offiziere inbegriffen, Frau Kinderessen und die andern Gnädigen schauten dem MatouZek zu. 107 Knödel mit Teebutter übergossen und mit gerösteter Semmel bestreut, ast er auf. Sie waren auf Pariser Art zubereitet, klein, ungefähr von der Größe eines Wachteleis. In der Küche wurden schleunigst neue zum Kochen gegeben..." An diesem Tage war Frau Kinderessen ganz vorzüglicher Laune. Am Nachmittag zeigte sie uns ihren Kindern. Der juuge Herr war wie ein Teufel. Er duzte uns gleich, öffnete unsere Rucksäcke, durchstöberte alles. Dem Nohejl stie- bitzte er sein Schnappmesser, und als Nohejl es ihm wegnahm, schrie er und drohte:Du du, ich sag eS dem Papa!" Dem mal mit dem Riemen ein paar überziehen! Das wär was für meinen Großvater gewesen. Nach der Jause spielte ein Herr lustige Stücke auf der Geige, und die Frau Fabrikan­tin begleitete auf dem Klavier. Alles war wunderschön. Aber nach vierzehn Tagen entsandten wir eine besondere Deputation in die Küche und baten höflichst, es möchte einen Tag nicht ge­kocht werden, wir wollten hungern, wir wollten na halt wir wollten uns nicht den Nabel abrcißen lassen. Frau Kinderefsen erschrak. Sie griff sich ans Herz und wäre hingefallen wie ein Klotz, wenn der Franzose sie nicht aufgefangen hätte. Der wie? der Deputation gebieterisch die Tür

und schrie sie auf französisch an etwa wie: Marsch! wir sollten halt sehen, wo der Zimmermann dar Loch gelassen hatte. Dann ging, sie von einem zrun andern. DaS wäre ja eine schöne Bescherung ein Hungerstreik in ihrem Krankenhaus! Daß wir abmagern oder einer Hungers stürbe. Ver­hüte Gott , daß es sich herumspräche; die kranken Soldaten hätten einen ganzen Tag bei Kin­deressens keinen Bissen bekommen. Was würde Se. Exzellenz in Leitmeritz sagen? Ter Herr Bischof werde kommen und der Herr Erzher­zog, um sich mit eigenen Augen zu überzeugen, wie sie und ihr Mann für di« Helden und Baterlandsverteidiger sorgten... Wahrschein­lich gebe«s unter uns ein paar Sozis und die verführten die braven Soldaten. Oder schmecke es uns etwa nicht? Freilich gestern habe sie sich geärgert, weil dünner Ober» geliefert worden war, aber wir ätzen überhaupt wenig 7 ihr Mann wundere sich mich darüber... und wir seien doch furchtbar ausgehungert in den Schützengräben im Kampfe mit den Feinden. Ein jeder von uns stand habtacht neben seinem Bett. Keiner muckste. Ich hatte eine brennende Pfeife in der Manteltasche und ver­brannte mir den Schenkel. Im Grunde, Jun­gens, war e? ein erbärmliche? Schauspiel. Sie ließ französische und deutsche illustrierte Koch­bücher holen und brachte selber ein prachwoll in Leder gebundenes Buch mit geschriebenen Koch­rezepten. Sie blätterte darin und erklärte unS die verschiedenen Vorschriften. Ob wir vielleicht lieber das wollten oder jenes oder etwas Pikantes? Dem seligen Herrn Statthalter hätten gebratene Forellen geschmeckt, zubereitet nach einem Rezept au? der kaiserlichen Küche in Petersburg ... Ob wir Fische nach Wildbretart möchten, oder gebackene?... oder vielleicht Fastenspeisen?... vielleicht lieber weniger Fleisch und dafür mehr Mehlspeisen und Zuckersachen? Zur Abwechslung solle statt Kaffee Schokolade mit Ei gekocht werden. Nur hungern sollten wir nicht und ihnen, den Kindereffens, keine Schande machen wir sollten sagen, was wir gern möchten, sparen brauchte man nicht... sie hätten'S ja. Wie hätten wir eine so brave Frau belei­digen können? Ich faßte mir ein Herz und sagte ihr nachher im Korridor:Frau, haben wir nix so herrschaftliche Geschmäcker." Sie fuhr mich scharf an:Schweigen?, ja?" Wir sagten es dem Herrn Doktor. Wir beschwerten uns. Er lachte und sagte, wir soll­ten froh sein, sollten essen, was wir möchten und stehen lassen, worauf wir keinen gehörigen Appetit hätten. Aber die Frau Fabrikantin durchschaute daS; wie aus einem Zimmer etwa? zurückge­schickt wurde, gleich kam sie gelaufen und schrie.

und dabei hatte ihr der Doktor doch Aufregun­gen streng verboten. Die Junger^ erschraken. Einer drückte e? treffend so au?:Die Alte stirbt, und"du wirst dafür lebenslänglich brumNKn." Wir haben es also geduldig ertragen, wir ließen di« Riemen locker und aßen weniger und weniger. Damit es kein.Gerede gäbe, nah­men wir Fleisch und Zuckerzeug, packten«S in Zeitungspapier und steckten es am Gartenzaun den Weberkindern zu. ES wartete immer«in Häuftn zerlumpter Mädels und Buben am Zaun, fielen über die Leckerbissen her und rauf­ten sich darum, die BengelS. Deutsch « JungenS- sind genau wie di« tschechischen alle die gleiche Bande. In sechs Wochen waren wir furchtbar dick geworden. Die jungen Leute bewegten sich un­gern, lagen nur na ja wie auf der Mast. Man hatte lange Weile und Büchlein ginge« von Hand zu Hand. Nur waren die tschechi­schen rar. Der Kanonier Matousek ging in die Stadt und kaufte heimlich Magenpulver, Trop­fen und Zeltel(gegen Winde). ES gab manch« unter uns, die die Schüsseln nur ansehe« brauchten und schon hinausliefen. Am Mend, im Bett, ergingen wir uns i« Phantasien. Jungens, an einem Quargel toürd' ich mich delektieren!" WaS, Quargel! Wenn sie nur einmal Quark mit Schnittling und Zwiebeln zum Nachtmahl geben wollten!" Oder Dalken mit getrockneten Birnen!" Zum Geier. Oder eine Schüssel mit Hasenklein!" Zerstampfte Kartoffeln mit Grieben!" Meine Mutter bäckt Talken wie gemalt." Mir würde nur eine Kuoblauchsupp« helfen..." Das hatt' ich auch gerade auf der Zunge! Eine kräftige Knoblauchsuppe. Aber die müßte meine Großmutter kochen, niemantz sonst." Dieser Tölpel von Rothschildkoch! Nicht? versteht er/ der Dummkopf!" WaS nützt einem, Leutchen, die schönst« Schüssel, wenn er lauter Mist drauf tut!" Mordion so«in Kamel!" Erdäpfelsterz mit Mohn ist delikat!" ^JungenS, eS geht nichts über Toleranz!" Ich sage, Kartoffeln in der Schale." Meiner Seel, heute nacht hat mir von ihnen geträumt. Ich komm nachhause, in di« Stube meine Schwester, die ältere, unver­heiratete, kocht das Essen für uns und für di« Säue. Und richtig gibt's Kartoffeln. Hab ich mich gefreut! Ich geh geradeaus zum Herd, hol mir eine schöne mehlige Kartoffel heraus, werfe sie von einer Hand in die andere, zieh« die Schale ab, streue Salz auS dem Fäßche«