BUNTE WELT

Nr. 44

Unterhaltungsbeilage

Liebe auf Distanz

Das Messingschild, auf dem der Name ,, Ružena Kminová" in altmodisch und zierlich gezirkelten Buchstaben zu lesen war, mußte Anužka unter persönlicher Aufsicht des gnädi­gen Fräulein jeden Morgen mit dem Lappen fräftig abpuzen. Es kündete schon von außen die bli blanke Sauberkeit der kleinen Zweizim­merwohnung an, die Fräulein Kminová seit nahezu dreißig Jahren am Riegerpart be­wohnte. Der Vater des alten Fräulein war ein höherer Staatsbeamter gewesen, der. dank einer glücklichen Heirat seiner Tochter das damals recht stattliche Vermögen der früh verstorbenen Mutter hinterlassen konnte. Von der Mutter hatte die Tochter allerdings auch die negativen Ausgleichsposten der stattlichen Mitgift, ein langes spikes Näschen und einen, mit zuneh­mendem Alter sich immer unmutiger wölbenden Rücken, geerbt. Einige Freier, die sich in ihren jungen Jahren eingefunden hatten, hatte Ru­žena Kminová verschmäht, nachdem sie ver­sehentlich die unbezahlten Rechnungen des einen schon vor der förmlichen Verlobung ins Haus geschickt erhalten hatte und den anderen an dem Tage, an dem sie ihm ihr Jawort zu geben sich entschlossen hatte, in den Morgenstunden am Arme einer unzweideutigen Dame von seiner ausgedehnten Junggesellenabschiedsfeier hatte heimtorfeln sehen. Fräulein Kmínová blieb also auf ihrer Erbschaft, zu der die hübsche kleine Wohnung im Riegerpark gehörte, ſizen. Mit der Zeit schmolzen das Geld und die etiva irgendwo versteckten Reize Ruženas dahin und was blieb, war ein kleines häßliches, aber un­endlich gutmütiges Geschöpfchen mit beschränk­

ten Einnahmen und einem ebenso beschränkten

Horizont.

Ružena hatte eigentlich nur zwei Vergnü­gen. Das eine bestand darin, die Hausange stellte Anužka ihre Macht fühlen zu lassen und das andere darin, die Nachmittag. im nahe­gelegenen Café in der Gesellschaft guter Freun­dinnen bei einem von lebhaften Klatsch gewürz­ten kleinen, Schwarzen" gelegentlichen Karten­spiel und staunender Einsichtnahme in die welt­bewegenden Neuigkeiten des Wiener Salon­blattes" zu verbringen.

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Mit zunehmenden Alter verbot sich ihr an feuchten und fühlen Tagen infolge eines start schmerzenden Zipperleins im rechten Knie auch diese Extravaganz und Fräulein Kminová be­gnügte sich alsdann damit, auch in den Nach­mittagsstunden den bereits während des Vor­mittags besetzten Beobachtungsposten am Fen­ster einzunehmen. Sie hatte sich der Bequem­lichkeit halber ein rotes mit Persermustern be­sticktes Kissen über das Fenstersims gelegt und bedauerte nur, daß die sogenannten Späher", jene kleinen Spiegel, mit denen man einst die Straße so angenehm zu überschauen vermochte, so außer Mode gekommen waren, daß sie auch den ihren entfernen mußte. Obendrein hatte sich im Laufe der Jahre eine starke Kurzsichtig­keit der wassenblauen Aeugelchen herausgestellt

Bon Otto Friedrich

1935

und eine Brille zu tragen, verbot Fräulein ab, ob das wohl mir gilt?" Anužka schaute Kminová die Eitelkeit. Sie war nämlich, so interessiert aus dem Fenster. Tatsächlich wan­komisch das bei einem kleinen sechzigjährigen derte auf der anderen Straßenseite auf dem Persönchen anmuten mag, ungeheuer eitel. Am schmalen Gehsteig, der sich an die von Büschen Morgen, in Häubchen und Schlafrock, dispu- bestandenen Hügel des Riegerpartes eng an­tierte sie mit Anužka, die breit grinsend und schmiegt, ein stattlicher, frischer, junger Mann vor derber schwvergezähmter Lebenslust strobend, rubelos auf und ab. Jetzt blieb er gar stehen, in der Türe stand, ob sie heute das schwarze, schaute nach dem Fenster hinauf und winkte. das graue, das getupfte oder das gestreifte Kleid anziehen solle. Oder ob sie gar, da der Namenstag ihrer seligen Mutter wäre, sich in das gute Georgettekleid Hüllen dürfe. leber

Die Arbeiter

Bon Heinrich Lämmlin Wir wollen nicht nur als Rad uns drehn gehetzt von der flüchtigen Stund; wir wollen über dem Tage stehn, wir wollen eine Zukunft sehn, sonst gehen wir im Alltag zugrund.

Noch ist die Seele in uns nicht tot, erstickt in der Not und im Leid; noch ist sie Flamme, die fordernd loht, wir wollen mehr als das tägliche Brot; Ein Ziel über dem Tag und der Zeit.

den Rücken legte sie sich, selbst in Sommer­monaten, gerne einen Belz, den sie ihren Seal" nannte, obwohl es ein ganz gemeiner Ranin war, dem nur der Kürschner täuschend Farbe und Glanz gegeben hatte, genau so, wie Fräulein Kmínová Farbe und Glanz der Haut mit Hilfe einer Reihe unergründlicher Link­turen und Salbentäßchen nachhalf, die wohl verwahrt in der eichenen Komode neben dem Waschtisch standen. Wehe, wenn Anužka mor­gens den Katao servierte, ehe Fräulein Kmi­nová die Restaurierungsarbeiten an ihrem leicht abgebröckelten Teint zu voller Zufriedenheit ausgeführt hatte. Wehe, und dreimal wehe auch, wenn Anužka nicht mit pfiffig unschuldigem Lächeln beim Hereinbringen des Katao erklärte: ,, Aber wirklich heute sehen das gnädige Fräu­Tein wieder reizend aus!"

Man kann sich nach alledem unschiver den einförmigen und geregelten Lebensgang des Fräulein Ružena Aminová vorstellen, und es wäre darüber bis zu ihrem, möglicherweise in­zwischen erfolgten seligen Ende nichts zu be­richten gewesen, wenn nicht ein Sommertag in das stille Dasein des Jüngferleins eine späte Ueberraschung gebracht hätte.

Fräulein Kminová lehnte wie gewöhnlich mit sanft gebrannten Locken und freundlich kurzsichtigen Augen in ihrem getupften Kleid aus dem Fenster. Hinter ihr stand Anuška, die nebenan Staub zu wischen vorgab. Plötzlich stieß Fräulein Aminová einen leichten, halb unterdrückten Schrei des Erstaunens aus: ,, Da, Anužta, sehen Sie nur, er geht immer auf und

Ružena Kmínová war außer sich. Selbst die Scham, die sie hatte, ihr Seelenleben vor einer so untergeordneten Person wie Anužka zu entblößen, schwand vor dem Selbstgefühl, das ihr diese Eroberung einflößte. Dreißig Jahre hatte sie vergeblich wie ein Burgfräulein aus dem Erkerfenster geschaut und nun plötzlich ging das Glück vorbei. Stattlich, jung, kräftig und winkend wie der edelste der Kavaliere. Fräus lein Kminová wäre am liebsten auf die Straße geeilt. Aber sie wußte, was sie ihrem guten Ruf und ihrem bösen Bipperlein schuldig war. So wurde Anužka nach einem erregt hin- und her­flatternden Gespräch mit der Mission einer Parlamentärin betraut. Es dauerte auch nicht lange und Anužka fam wieder. Sie strahlte nicht nur, nein sie lachte über das ganze Gesicht. Ein unvoreingenommener Beobachter hätte vielleicht dieses Lachen sogar als ein ganz un­verschämtes Grinsen gedeutet.

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Fräulein Kminová zitterte am ganzen Leibe: Nun, was hat er gesagt?" Er läßt das gnädige Fräulein schön grüßen, er würde gern heraufkommen, aber er hält es wegen der Nachbarschaft nicht für schicklich und er hat auch wenig Zeit, denn er hat sich verspätet und muß ießt eilends in den Dienst."..In den Dienſt", also wohl ein höherer Beamter. Ja, die Herren haben heute viel zu tun. Sie haben nicht einmal mehr Zeit für die Liebe." nicht einmal zum Mittagessen", Anužka eifrig hinzu. Er erzählte mir, daß ihn als Junggesellen das ewige Restaurationseffen anefelt und daß er in der kurzen Mittagspause nicht Zeit findet, nach Hause zu gehen." Der Aermite", flagte Fräulein Kminová... Ich werde ihm helfen. Morgen, Anužta, passen wir auf und wenn er wieder vorbei kommt, dann bringen Sie ihm rasch ein kleines Paketchen."

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- ,, Und fügte

Anužka sträubte sich zum Schein ein wenig, aber sie hatte wohl eigentlich ähnliches von dem guten erzen des Fräulein Ružena erwartet und so willigte sie ein. Ein Hühnchen wurde geholt, fnusprig gebraten, sauber verpackt und in ein Kästchen gelegt, in das auch noch einiges Zuckerwerk und zwei große Pfirsiche als Be­gleitgabe verstaut wurden.

Am nächsten Tage wartete Fräulein Kmi­nová sehnsüchtig am Fenster. Sorglicher als je waren ihre Löckchen gebrannt, rosaroter als je prangten die Bäckchen und sogar das Geor­gettkleid, das doch eigentlich nur für die Na­menstage der lieben Verwandten bestimmt war, hatte aus dem Schrank gemußt. Die breite Rückenfläche war von dem Seal" künstlerisch verdeckt und da, wo legendärer Weise sich der