BUNTE WELT
Mr. 46
Unterhaltungsbeilage
Versuchung
Franz Römer wartete bereits seit zehn Minuten vor dem Ausgang der Bank. Es war ein talter und nebelfeuchter Tag, heftig blies der Wind durch die Straßen, Regenpfüßen gliberten im Schein des elektrischen Lichtes auf dem nassen Asphalt. Zum Teufel, es war gar nicht angenehm, bei solchem Wetter im verschlissenen, dünnen Frühjahrspaletot hier auf und ab zu gehen. Wenn nur Magda bald käme. Es war heute Gehaltstag. Fünfzehnhundert Menschen empfingen jetzt in diesem Haus, gebaut aus Marmorstuck und vielem falschen Gold, ihren monatlichen Lohn. Sie konnten davon eine Wohnung bezahlen, Essen, Trinken und je nach dem, wenn ihre Familie nicht allzu zahlreich war, auch noch ein wenig von des Lebens Ueberfluß erhaschen.
Schön mußte es sein, so überlegte Römer, während er mit den Füßen, schlecht beschuht, wärmesuchend aufstampfte, in diesem Augenblick an die Kasse zu treten und gegen Quittung einen bestimmten Betrag in Empfang zu neh men. Wie lange war es her, seit er das letzte= mal Gehalt bekommen hatte? Fast drei Jahre. Drei Jahre lang wußte er bereits nicht mehr, was arbeiten und verdienen heißt. Lebte von Unterstützungen, die ihm der Staat, hin und
Intane 1935
/ Bon Erna Breiß
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,, Guten Tag, Franz." Magda hängte sich| Mantel, ich brauche Schuhe ,,, ich will sie Ihnen in den Arm ihres Freundes, wie sie es gewohnt gern später bezahlen, wenn ich wieder eine war. Was Neues?" Sie wartete kaum auf| Stellung habe, sehen Sie, meine Herren, ich eine Antwort, sondern schritt sofort an seiner fannn nichts dafür, daß ich im Augenblick mite Seite aus, um die Wärme der zentralgeheizten tellos bin, ich war immer sehr fleißig, morgens Räume nicht aus Haut und Kleidern zu verlie- der erste im Büro, abends der letzte" Hohne ren. ,, Heute essen wir gut, ja?" Franz hatte lachend würden sie mich hinauswerfen, für vers nichts dagegen. Es war eine Art Tradition ge- rückt erklären, die Polizei rufen, die Rettungsworden, am letzten Tag im Monat einmal ge- stelle, die Feuerwehr, was weiß ich... meinsam gut zu essen. Natürlich spielte Magda dabei den Gastgeber. ,, Gehen wir erst ein Stück Sie waren am Ende der glänzenden Straße spazieren? Herrlich, die kühle Luft nach dem angelangt. Vor ihnen lag der Fluß, mit seinen ganzen Tag Bürofißen." Es war eine Frage, stillen, kaum erhellten Ufern. Enger schmiegte aber schon mit dem Unterton selbstverständlicher sich Magda an den Arm ihres Freundes. Bejahung. Magda hatte sich, seit sie Alleinver- Wit 1400 Kronen in der Tasche kann man dienerin war, daran gewöhnt, Dispositionen für leicht zärtlichen Herzens sein, überlegte dieser. beide zu treffen. Sie fühlte sich, ohne Absicht, und schämte sich. Aber es bohrte weiter. 1400 ohne böse Nebengedanken, allein aus ihrer Kronen. Wenn man sie hätte. Was würde er materiellen Ueberlegenheit als„ Herr im Haus". tun? Ach, er wußte es genau. Zuerst- irgend Beim Gehen zog sie Franz ab und zu vor ein etwas Ueberflüssiges. Sich ein Zimmer nehmen Schaufenster. Entzückens aus. Mitunter brach sie in Rufe des in einem guten Hotel, eine Nacht hindurch schlafen, im geheizten Zimmer, in gepflegter sauberer Umgebung. Dann essen. Irgends etwas Besonderes, Unalltägliches. Wie ruhig es hier ist. Kein Mensch an diesem nebelverbangenen Abend auf der Uferstraße. Die schwarze Decke des Flusses regungslos. Etwas fuadt. Es sind die starren kahlen Zweige des Ufergebüsches.
,.Sieh, diesen Jumper mit den metallenen Fäden. Glaubst du, daß er mir stehen würde?" Oder: Ach, die schöne englische Seife. Mein Chef hat mir mal genau dieselbe aus London mitgebracht. Riecht wunderbar. Aber hier kann
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wieder auch Verwandte zukommen ließen. man sie nicht kaufen. Ist unerschwinglich. Alle Häuser liegen längst hinter ihnen. Magda
Manchmal sogar Magda. Römer preßte die Lippen zusammen. Angenehm war das nicht. Aber Magda hatte so eine Art, dabei von ihrer Liebe zu sprechen, daß eines Tages alles wieder besser sein werde, daß er ihr dann alles zurückgeben könne, und daß man in diesen schweren
Franz hörte sich das an. Schweigend, in leicht nervöser Kereiztheit. Er glaubte, einen besonderen Ton in ihrer Stimme zu hören, wenn sie solche Worte, zugleich begeistert und resigniert, ausstieß. Als hieße das: ja, wenn ich dich nicht am Halse hätte, brauchte ich mir manchen Wunsch nicht zu versagen. Aber so... Franz drückte die Nägel so tief ins Fleisch, daß es ihm weh tat. Wie lange schon hatte Magda nicht konnte doch nicht stehlen. Wie hatte er sich be
ist so flein und zierlich. Sie hat einen dünnen, zerbrechlichen Hals. Sie hat außerdem 1400 Kronen in der Tasche. Wenn man die Hände um diesen Hals legt, zuerst ganz sanft, ganz zart, würde sie denken, es sei eine Liebkosung. Sicher rief sie lachend:„ Was machst du denn da?" und weiter käme nichts mehr. Und man hätte die 1400 Kronen. Römer stöhnt auf. Bleibt stehen. Neißt sich Tos. Legt eine Hand vor die Augen. Das ist der Wahnsinn. Natürlich, iſt ja len. Schließlich, im Grunde hatte ja Magda müht, um wenigstens ein paar Kronen für ein auch kein Wunder. Was wißt ihr denn von sol=
Zeiten sich eben gegenseitig helfen müsse.. Verdammt noch mal, da steckte man denn ge=
legentlich einen Hundert- Kronenschein in die Tasche. Wenn auch mit höchst gemischten Gefüh
recht. Er, Franz Römer, konnte nicht dafür, daß es so war, wie es war. Er hatte die Wirtschaftskrise nicht erfunden, war einer der Fleißigsten in seinem Betrieb gewesen. Die Fabrik wurde eines Tages stillgelegt, der Buchhalter Franz Römer flog auf die Straße. Bis heute hatte er noch keine neue Stellung finden können.
Magda trat aus dem Hauptportal des Bankgebäudes. Sie lächelte, wie immer, wenn sie ihn sah. Aber heute war ihre Miene besonders fröhlich. Kein Wunder, dachte Römer, iwenn man eben 1400 Kronen empfangen hat. Magda war Sekretärin und bereits acht Jahre auf ihrem Posten. Sie hatte das hübsche, aber allzu harte Gesicht eines Menschen, der mehr Büroluft atmet als ihm guttut. Sie pflegte sich, aber man ahnte durch den leichtaufgetragenen rosigen Puber die welkende Blässe ihrer Haut, und den Zug von Abgespanntheit um den Mund fonnte keine Puderschicht verdecken. Franz Römer liebte Magda seit langer Zeit. Ursprünglich hatten sie sich heiraten wollen. Seit er stellungslos war, sprach man nicht davon. Doch Magda hielt zu ihm. Nur von einer legitimen Bindung war keine Rede mehr.
mehr von ihm gesechnkt bekommen. Verflirt, er
chem Leben?
war ihm nicht gelungen. Mein Gott, er wurde 2 Geburtstagsgeschenk zusammenzufraßen. langsam verrückt darüber.
Einen raschen Blick warf er zur Seite. Magdas Profil strahlte hell und zart im Licht der Bogenlampen. Sie geht nach Haus, dachte er, legt die Miete auf den Tisch, bezahlt den Kohlenmann, das Gas und die elektrische Rech nung. Ganz selbstverständlich ist das für sie. Keine Ahnung, wie mir zumute ist. Und dabei bildet sie sich doch ein, mich zu lieben. Er wußte, er war ungerecht. Aber es macht nichts. Alles war ungerecht. Warum sollte er eine Ausnahme bilden?
Sie hat 1400 Kronen in der Tasche, schoß es durch Römers Kopf. Was muß das für ein Gefühl sein. Sie kann in jeden y- beliebigen Laden gehen und mit herablassender Miene sagen: bitte, zeigen Sie mir das oder, nein, jenes dort. Die Verkäuferinnen werden sich eifrigst um sie bemühen, sie ist ja Ihre Majestät, die Kundin. Wenn sie Lust hat, kauft sie, wenn nicht, geht sie wo anders hin. Ueberall willfommen geheißen, ein Mensch mit Geld. Aber ich? Wenn ich ihnen sagen würde, ich brauche einen
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Da steht Magda vor ihm, mit erschrockenen Augen, zärtlich- guten, geradezu mütterlichen Augen. ,, Franz, was hast du?" ,, Mir ist ,, Mein Junge, nicht wohl", sagt er gequält. mein armer Junge." Ihr zierlicher Leib preßt sich dicht an den seinen. ,, Aber du siehst ja ganz weiß aus. Deine Hand ist eisfalt. Mein Gott." Ihre Lippen streifen über seine Hand. Warm und beruhigend. Sie flüstert an seinem Ohr:
Komm nach Haus. Komm zu mir. Dort ist es warm. Leg dich hin. Ich hab eine Neberraschung für dich. Ich wollte es dir erst später sagen. Aber vielleicht tut es dir gut, wenn du dich freust. Zu Haus ist ein Mantel, ein ganz dicker warmer Mantel. Und neue Schuhe. Jawohl. Mit festen Sohlen. Alles für dich. Ich hab's auf Abzahlung gekauft. Mir gabt man ja Kredit. wird in ein paar Monaten abgestottert. Hauptsache, du frierst jetzt nicht. Liebling." Sie hat ihn mit beiden Armen umschlungen. Tief dringt ihre Wärme in ihn ein. Er steht ganz still. Hört auf den Wind und das Knacken im Gebüsch. Ich Lump, denkt er, ich Lump. Wenn sie es auch nur ahnte. Schreien würde sie, weg
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