BUNTE WELT

Nr. 28

Unterhaltungsbeilage

Zwischen zwei Fenstern

Heute ist Sonntag; da wird sie wieder das blaßblaue Kleid aus dem Schrank holen, das breite Band aufbügeln, das sie wie einen Gür­tel um die Hüften trägt, und sich in ihrem gro­Ben Strohhut eine halbe Stunde vor den Spiegel stellen. Dann wird sie sorgsam unter ihren Ta­fchentücher wählen er sieht durch das geöff­nete Fenster bis in ihren Wäscheschrant; nimmt sie das mit dem rostfarbenen Rand? Nein, das grüne. Nun kommen ein paar Tropfen Kölnischwasser auf das Taschentuch, und dann geht sie spazieren. Er sieht sie aus dem Hause kommen er blidt ihr nach, bis sie um die Ecke verschwindet. Ihre Handtasche ist schon abgegriffen und blank; man sollte ihr eine neue schenken. Er hat heute wieder den braunen An­zug an, denkt fie; und die grüne Krawatte. Er hat nur zwei Anzüge sie sieht durch das geöffnete Fenster in seinen Schrank und fünf Krawatten. Sie sind alle fadenschei­nig und glänzen. Er wird gegen zehn Uhr nachhause kommen, sich an den Tisch setzen und lesen. Jeden Abend ist es so, auch sonn­tags. Man sollte ihm eigentlich eine neue Krawatte schenken.

-

-

Die ersten Sterne blißen am Himmel. Das Buch liegt aufgeschlagen vor ihm, aber er liest nicht. Er wartet. Nun wird sie bald fommen. Dann setzt sie sich vor den Radioapparat, hört ein paar Minuten aufmerksam zu, dann schiebt sie die Musik gewissermaßen in den Hintergrund und stopft Strümpfe.

Sie blidt zu ihm hinüber. Ihre Hand streckt sich jäh nach dem Apparat aus. Vielleicht stört ihn die Musit, sie ist zu laut. Sie dämpft die Geigen, die Trompeten kommen nun von sehr weit her. Er hört drüben in seinem Zimmer fait nichts mehr. Schade, denkt er, und geht schla= fen.

Da erlischt auch in ihrem Zimmer das Licht. Aber eine Straßenlaterne wirft ihren langea Lichtschein durch das Fenster. Durch sein Zim­mer geistert der Refleg einer blauvioletten Licht reflame, bis es Mitternacht schlägt. Wenn es still wäre, könnten sie über den Abgrund der Straße Hinveg ihre Atemzüge hören.

Um sieben Uhr tritt sie ans Fenſter, in

ihrem sonnenverblaßten seidenen Schlafrock. Da steht auch er auf, als wäre dies für ihn ein Zeichen, daß der Tag beginnt. Wasser plätschert in die beiden großen Becken auf den alten hölzer­nen Waschtischen. Nun steht er vor dem Spiegel und bürstet sein Haar. In ihr Zimmer tritt die Quartierfrau, eine dicke Frau mit roten Wangen und derben Händen. Er geht um zehn Minuten früher aus dem Haus, denn er früh­stückt im Kaffeehaus. Auf dem Weg ins Büro sieht sie ihn hinter dem Fenster fizzen, jeden Tag auf demselben Platz. Dann nimmt der Tag sie gefangen. Er heißt, gestern, heute morgen: Wagner& Co., Landwirtschaftliche Maschinen, gegründet 1884.

Er geht durch zwei Zimmer, in denen Schreibmaschinen klappern, an seinen Tisch. So sibt auch sie, denkt er, und schreibt Briefe. Die Franen an den Schreibmaschinen scheinen alle

Von Fritz Rosenfeld

1936

ihre Kleider im gleichen Geschäft zu kaufen. Im[ verlaufenes, verlorenes Geschöpf wie er, ein Sommer tragen sie helle Blusen, weiß, rosa, heimatloser Hund, der einmal irgendwvo, in lichtblau, im Winter gewirkte Jumper, dunkel- einem Winkel verhungern wird. [ rot, dunkelblau, dunkelbraun. Dann schlägt er das schwere Buch auf und beugt sich über die Bahlenkolonnen: Schlieber& Storb, Ledereg­und Import, Häute und Felle, en gros und en detail.

-

Er ist heute früher nachhause gekommen, denkt sie, als die Fremde fortgeht. Hatte er Merger im Büre? Er arbeitet doch gewiß in einem Büro? Es ist gut, daß er da ist. Es wäre fchredlich, wenn er übersiedelte, und das Die Kalenderzahlen an der Wand laufen Bimmer gegenüber ins Dunkel stürzte, in dem vorüber wie Telegraphenstangen vor einem ja- nur fremde Gesichter sind. Er hat keinen genden Eisenbahnwagen. Der braune Anzug hat Freund. Nie betritt jemand sein Zimmer, außer seinen Rang als Sonntagskleid längst verloren, dem Mädchen, das am Morgen aufräumt. Sie er trägt ihn bereits im Büro; für die Feiertage hat das Mädchen hente beobachtet. Sie macht bat er einen neuen, grauen. Das hellblaue Kleid alles so schnell und so lieblos. Man müßte mit ist zerrissen, sie hat nun ein resedagrünes, sie sanften Händen über die Dinge fahren, die ihm trägt eine Filztappe dazu, die ihr nicht paßt; gehören, dann wäre man ihm ein wenig näher. aber solche Kappen sind jetzt modern, was will man machen, so sind die Frauen. Er hat eine neue Krawatte; aber er hätte sich feine Kra­watte mit Tupfen kaufen sollen, denkt fie, Tups fen gefallen mir nicht; wenn er mein Mann wäre.

Heute liegen Blumen auf ihrem Tisch, sie ist zehn Jahre bei der Firma Wagner& Co., die Kolleginnen machen freundlichere Gesichter, für ein paar Minuten, bis die Arbeit beginnt. Er hat heute früh länger vor dem Spiegel ge standen, der über seinem alten, berblaßten Baschtisch hängt. Er hat seinen Kopf dem Spiegel genähert, als wollte er etwas ganz genau sehen. Er betrachtete sein Haar. Es wird grau. Hat er das erst heute bemerkt? Sie weiß es schon lange.

Heute blickt er oft nach der Uhr. Es fällt bereits dem Prokuristen auf. Er fragt: War um so nervös- was ist denn los?". Nichts", antwortet er. Er kann dem Prokuristen doch nicht sagen: sie ist frank. Eine Frau, deren Na­men ich nicht fenne, die im Haus gegenüber wohnt, ist frank. Der Prokurist würde über sein Stelle ſißt ein anderer, der frühere Oberbuch­Der Profurist ging in Penſion. An seiner schmales, faltiges Gejicht lachen, bis die Brille halter; er ist mürrisch, er mußte lange auf wackelt. Er würde sagen: Ich habe ja immer dieses Avancement warten, nun ist er alt, das gewußt, Sie sind ein verrüdtes Huhn". Dann Leben ist fast vorüber, und mit der Macht, die müßte er zornig werden, und dem Prokuristen er endlich befam, fann er mun nicht mehr viel flar zu machen versuchen, was er nie begreifen beginnen. Den braunen Anzug hat längst der wird: Gewiß, man weiß den Namen nicht, aber wohnt seit Jahren im Haus gegenüber, man fennt einander, und man gehört ein wenig zu einander.

Er läuft schnell nachhause, der Zeitungs verkäufer an der Ede blidt ihm enttäuscht nach, denn er hat vergessen, das Abendblatt zu kau­fen, das der Junge ihm täglich bereit hält. Er eilt die Treppe empor, aber die Tür schließt er langsam auf und er tritt langſam ins Zimmer; sie soll nichts bemerken.

Die dicke Frau ist bei ihr, dann kommt wahrscheinlich eine Kollegin.

eine Fremde

-

Sie hat wohl auch keine Verwandten, ist so ein

Im Park

Die Alten siken ernsthaft auf den Bänken, vou breiten Bäumen schattig überdacht; was einst ihr Leben laut und bunt gemacht,

steht fern und still als Bild in ihrem Denken. zu ihren Füßen in der Sonne spielen die Jungen, täppisch und noch fremd der Welt, von unbegriff'nen Bildern rings umstellt, die zauberhaft in ihren Morgen fielen. Die Wirklichkeit wird jenen zur Legende, die ihren Abend friedlich mild verklärt; die Jungen reden, ahnungsvoll durchgärt, im Traum schon nach der Wirklichkeit die Hände. Mar Barth

Trödler gekauft, auch den grauen; das reseda­grüne Kleid hängt im Schrank, ganz hinten, und wird nie wieder das Licht des Tages ere blicken. Den Strohhut hat die dice Frau in den Ascheneimer geworfen.

-

will

Sie hat ein neues Kleid, neue Handschuhe, und um ihren Hals hängt eine Kette, die er noch nicht fennt. Sie tritt ans Fenster sie ihm all das neue zeigen, oder will sie mur nach dem Wetter sehen? Er sitzt über ein Buch gebeugt, er blickt hinüber. Das Kleid ist bübsch. Aber doch zu jugendlich für sie. Sie sollte sich

nicht mehr so jugendlich kleiden. Plößlich hält

er ein: Sind schon soviele Jahre vergangen?

Er hat ein offenes, ausgeschlagenes Hemd. Das paßt nur den Jungen, die Fußballspielen, den Tennischampions und allenfalls Männern mittleren Alters in einem Segelboot, denkt sie und erinnert sich an Bilder aus den illustrierten Zeitschriften, die sie ab und zu im Kaffeehaus Stopf. Er weiß es, aber er will es nicht wissen. durchblättert. Er aber hat schon einen grauen Plötzlich hält sie ein, sie will einen Schritt zum Spiegel machen, aber sie bleibt am Fenster steben. Bin ich denn schon so alt?

Und dann geht er nicht mehr ins Büro. Es war eine einfache Abschiedsfeier, er befam einen Blumenstrauß. der Chef hielt eine Rede und drückte ihm die Hand dann war alles vorüber. Am Monatsersten wird nun immer Der Postbote kommen und etwas Geld bringen der letzte Zusammenhang mit der Welt. Das

watch m

6 an

Ja som aunts 30