BUNTE WELT

Nr. 31

Jon Klug:

Unterhaltungsbeilage

Entzauberte Manege

Der großen Freude über diesen Erfolg sollte jedoch nur allzubald eine ebenso große Ernüchterung folgen. Wie ganz anders nahm sich die Manege bei Tage im schleimigen Dämmer­licht aus; wie gähnten die leeren Sigreihen und welch' Ton herrschte hier bei den abends so um­jubelten, farbenprächtigen Artisten.

Mit Hopfendem Herzen, gerötetem Gesicht, nahezu fiebernd vor Aufregung, so saß ich auf meinem billigen Galeriejiz im Zirkus. Ich war damals gerade sechzehn Jahre alt und kannte nur einen Wunsch, ein Ziel: auch so auf dahin­stürmendem Roß vor den Augen eines tausend­köpfigen Publikums reiten zu dürfen, auch an­gezogen sein mit flittergoldbesetztem, farben­prächtigem Kostüm. Oder im Raubtierfäfig in schmuder Uniform, Peitsche und Stahlgabel in der Hand, den imposanten Löwen und den prächtigen Tigern gegenüberstehen zu können. Kein Wunder war es daher, daß ich in Latein | Ich lief beslissen um das Gewünschte. zurüdblieb, daß ich eines Tages einen ausge-| Brachte die Zigaretten meinem Auftraggeber, wachsenen Pintsch" nach Hause brachte. Besser dem in der Manege so drolligen Dummen gesagt: bringen sollte. Ich ging nämlich gar August. Außerhalb der Sandbahn war aber die­

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Jonny! Lauf mal in die Kantine und bringe dem Fräulein Meta eine Schachtel Meine kleine Manoli"!- Was? Du Dussel­topp weißt nicht, was das ist?- Bigaretten sinds und mach' schon!"

1936

fürlich summte ich die Stefanie- Gavotte War es doch bei dieser Melodie, als ich sie in meiner Heimat die Hohe Schule" reiten sah. Jest sollte ich diesem Märchentvesen leibhaftig gegenüberstehen. Schüchtern klopfte ich an ihre Umkleidekabinetür. Wer ist's?"

Ich bin es, gnädiges Fräulein Meta, ich bringe die Schachtel ,, Kleine Manoli!"

,, Na, komm nur rein, bist wohl' n Neuer?" Ich muß nicht sehr geistreich ausgesehen haben, als ich dem Clou des Abends gegenübers stand. Meta war in einen schlampigen Bades mantel eingehüllt, hatte gerötete Augen und blasse, sehr blasse Wangen. Das Haar war unordentlich und der breite Mund berriet hems mungslose Genußsucht. Wieder war ich um ärmer.

gelag in hr nach pauſe, ſondern furzerhand auf ſer Urtomiſche alles andere eher wie komisch. Ein eine Am Abend, vor der Vorstellung, wurde ich

die ,, Walz ". Von der Romantik der Landstraße war ich bald geheilt. Doch was macht man nicht alles, einer Idee zuliebe? Ich beitelte mich durch und gelangte mit Ach und Krach von der einen Millionenstadt, meiner Vaterstadt, in eine andere Großstadt. Einer Weltstadt, die damals in der Saison gleichzeitig zwei Birtusse egiſtie­ren lassen konnte. Beide dieser Unternehmungen genossen Weltruf, doch, ich weiß selbst nicht warum, es zog mich gerade zu einem dieser bei­den besonders hin. Zwei Tage stand ich schon vor dem Riesengebäude und ließ mich nicht ab­schrecken, trotzdem mir der behäbige Portier schon einigemal nahegelegt hat, endlich zu verduften.

..Wie lange wirst du da noch stehn, Lause­bengel, und Maulaffen feilhalten, was?"

alter, vergrämter und recht mürrischer Geselle.

Du saudummes Affengesicht!" schnauzte er mich an, was soll ich mit diese Weibers glimmstengel? Ich laue meine Prim, das muß man doch wissen. Die Zigaretten sollst du der Meta in die Garberobe bringen!"

Ich lief zu Meta.

in eine schmucke Livree gesteckt. Als dann die Scheinwerfer aufblizten und die Musikkapelle mit einem flotten Galopp einsette, begann ich mich wieder ein wenig zu begeistern. Trob einiger Püffe, die ich von berufener und un­berufener Seite erdulden mußte, freute ich mich schon, die große Pantomine: Die eiserne Maste" sehen aus nächster Nähe fehen

Meta, der Stern der Manege, Meta, der Traum der jungen und alten Damenfreunde, Meta, die jugendschöne, rassige Meta. Unwill- zu können.

Die Zeit verrann

Wir waren Knaben. Und die Welt schien und mit Schönheit ausgefüllt;

Ich muß den Herrn Direktor sprechen!" wir fahen gold'ne Früchte an den Apfelbäumen ..Du bist wohl nicht bei Trost, mein hängen, Junge? Wie stellst du dir das eigentlich vor? der blane Himmel war für uns ein ungemaltes Glaubst du, daß der Herr Kommerzialrat nichts anderes zu tun hat, als deinesgleichen zu empfangen?"

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..Dann wenigstens den Herrn Stall­meister!" ließ ich nicht locker.

..Willst unbedingt mit der Peitsche des Herrn F. bekannt werden?"

Wunderbild

und alles Licht wollt sich in unsre friſchen Herzen drängen.

Wir fahen uns als schmude Indianer schwere Schlachten schlagen

und fegelten auf großen Schiffen irgendwo im Dzean umher.

dem Dschungel jagen

..Wenns sein muß, nun dann eben auch!" sagte ich voll bitterer Entschloffenheit. Diese Im Tannendidicht wollten wir die Tiere aus schien schließlich auf den biederen Mann ge­wirkt zu haben, denn er sagte dann, eitvas und vor der dunklen Felsenhöhle wachten wir weniger barsch: mit Schild und Speer.

..Bleib hier stehen, ich werde dir ein Zei­chen geben, wenn Herr F. herauskommt!"

Nach eitva einer halben Stunde kam der Stallgewaltige. Groß. schlank, Schnurrbart ., Es ist erreicht" und blickte mich, als ich ihn ansprach, durchdringend an.

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Die Zeit verrann. Und all die jungen Jahre flohen scharenweise.

In dumpfen Arbeitsräumen saßen wir vor Schmirgelscheiben

und schliffen Glas. Der Staub zog wirbelnd graue Kreise

und unfre frohen Stimmen wollten ewig schaar rend bleiben.

Durch schmuckbelegte Fensterscheiben glitten allzuoft

Von... bist du und bist hierher gewalzt, bloß um bei uns unterzukommen? Na, zufällig hast du Glück, ich habe gestern eben den Mistjungen"' rausgeschmissen, wenn du also wirklich keine Bange hast, kannst du gleich antreten; die Papiere kannst du später in der Kanzlei abgeben. Also fir!" Mit einem der ben Kopfstück- jedenfalls galt dies hier als Angeld ward ich in das Innere des Kuppel- Wir dachten an die Zeit, wo wir vom Leben baues gewiesen und mein Wunschtraum war er­Glück erhofft füllt. Wenn ich zwar auch nur der Lette, der und es nur leider allzu früh besungen und gepriesen.

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Allerlegte im Betriebe war, ich hatte meinen Willen durchgesezt, war Angestellter im Zirkus.

die scheuen Blicke über Dächer hin zu grünen Wiesen.

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Rallot.

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In die wassergefüllte Manege führte von der ersten Estrade eine Holztreppe hinab. Reiter und Reiterinnen in mittelalterlichen Kostümen sprengten die Holzbrücke hinab und ins Wasser am Manegerand und konnte jede Phase dez hinein. Ich stand knapp neben diesem Gerüst aufregenden Treibens beobachten. Plöblich bes gann eines der Pferde zu straucheln. Der Reis ter tat sein Möglichstes, um einen Sturz zu verhindern. Bergeben. Das Tier fällt und bes gräbt seinen Reiter unter sich. Ueber den beiden aber geht die wilde Jagd vorerst weiter. Die Nachfolgenden konnten nicht plötzlich abſtopen. Das Publikum hat es bemerkt und wird una ruhig. Im Nu ist der Stallmeister, drei, vier andere Bedienstete auf dem Holzsteg. Der Mann wird rasch weggetragen, daß Pferd zum Aufs stehen gebracht und seitwärts abgeführt. Eine beruhigende Geite des Stallmeisters: die Vora stellung geht weiter.

Schreckerfüllt bin ich nach rückwärts gea

laufen. Soll ich den Arzt holen?" frage ich den erstbesten der aufgeregt und hysterisch schreiena den Artisten.

Quatsch nicht, Trottel, und kümmere dich nicht um Dinge, die dich nichts angehen!" wird mir zur Antwort.

Mit zusammengebissenen Lippen stand ich wie entgeistert da und konnte es nicht begreifen, nicht fassen, daß sich alle Welt um das zitternde Tier scharte, das von dem wie aus einer Vera sentung plötzlich aufgetauchten Tierarzt unters sucht wurde. Ein älterer, sehr vornehmer Herr stürzt hinzu: Was ist mit Bubi II"?- Hai er Schaden genommen?"

., Gott sei Dank, nicht, Herr Kommerzialrat, Bubi II ist vollständig intakt!" sagte der Tier­arzt zum Direktor.

. aber der arme Mann hier..." platte ich los. Der Direktor und der Stall­

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