BUNTE WELT

Nr. 37

Unterhaltungsbeilage

Einer von vielen

Von Peter Sloth

1936

Martin Christian war ein Hochverräter geber Familien auseinanderriß und zahllose| men werden, um einer Nervenzerrüttung zu und deshalb wurde er im Jahre 1933, mitten Menschen unglücklich machte. Er erinnerte sich entgehen. aus der nationalen Erhebung heraus verhaftet der unflätigen Ausdrüde, mit denen sie seine Endlose Nächte, in denen er am Gitter und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Frau beschimpften. des Fensters hing, um einige Atemzüge friſche Und dann kamen die Vernehmungen. Tag- Luft zu schöpfen. Wie oft hatte er Fluchtpläne aus, tagein dieselben Fragen nach den Verbin- entworfen und bis zu Ende durchgedacht, aben= dungsleuten, von deren Eristenz er keine teuerliche Unternehmungen, die nie gelingen Ahnung hatte. In der einen Woche brachten sie fonnten, aber es war so schön, in die Nacht ihn jede Nacht in den Keller. Dort folgte Schlag| hinauszuträumen und im Geiſt unüberwindliche auf Schlag. Schließlich fing er zu fiebern an Mauern zu überklettern. Wenn er endlich ein­und machte dann eines Tages die gewünschten geschlafen war, fiel ein Heer von Wanzen über Aussagen. Als er dann ins Lazarett gebracht ihn her. Es gab in der Anstalt keine Vertil­wurde, konnte er vierzehn Tage lang nur auf gungsmittel. Ungeziefer sind ein Teil der dem Bauche liegen. Mit Schaudern dachte er an Strafe des Verurteilten. jene Beit.

Drei Jahre, das sind eintausendundfünf­undneunzig Tage und Nächte, mußte er hinter verschlossenen Türen in einem kleinen Raum leben, fünf Meter lang und etwa zwveiundein­halb Meter breit. Es war ihm die erste Beit un­fagbar schwer gefallen, als er sich an all das Fremde und Neue gewöhnen mußte, mit dem er sich in den nächsten Monaten abzufinden hatte. Aber die Zeit verrann, erit träge und schlei­chend, dann, als ein Jahr herum war, immer schneller. Und heute, er wagte den Gedanken gar nicht zu Ende zu denken, war nun der letzte In Untersuchungshaft war es dann etwas Tag angebrochen, den er in der Gefangenschaft besser, bis dann eines Tages der Prozeß statt­verbringen mußte. Morgen, nach dem Aufstehen, fand. Neben ihm saßen drei Mitangeklagte, die würde er noch einmal seine Zelle in Ordnung er belastet haben sollte. Er kannte sie nicht. Auf bringen und dann, ja dann würde er die Fragen des Richters schüttelt er mit dem frei sein für immer, und zu Frau und Kind Kopf, da las man ihm seine Aussagen vor. Dann zurückkehren. Oh, er freute sich so an diesem erfolgte die Urteilsverkündung und seine Ueber­Tage, der so regenschiver über dem Zuchthaus- führung ins Zuchthaus. Er kam in Einzelhaft, hof Tag. Bum letztenmal war er heute in der da er Dissident war. Der Anstaltsgeistliche hatte Freistunde gewesen und hatte mit den Kame- ihn am ersten Tage aufgesucht, um ihn zu be­raden, die ihm in der langen Zeit lieb und ver- fehren, aber er hatte höflich gedankt. Als Ant­traut geworden waren, den letzten Blick gewech- wort bekam er jede Woche sein Buch aus der felt. Jede Blume auf dem spärlichen Rasen Kirchenbibliothek. Dann wunderte er sich, daß fannte er, er wußte genau, daß es dreiundzwan- man ihm keine Arbeit gab und las die Anstalts­zig Stüd waren, feine mehr und keine weniger. ordnung durch. Er meldete sich beim Arbeits­Seine Blicke liebkosten den großen Kastanien- inspektor. baum und er streichelte im Geiste seine harte, wetterfeste Rinde.

Die Kameraden blickten heute auf ihn, manche neidisch, die meisten gleichgültig. Ein Teil aber von ihnen sah ihn mit Wehmut an, aber sie nichten ihm lächelnd zu. Das waren die Genossen. Nach der Freistunde tam der Sta­tionswachtmeister in seine Zelle.

,, Sie werden morgen entlassen, Christian?" ,, Jaivohl, Herr Oberiachimeister!" ,, Na, da freuen Sie sich wohl, was?" ,, Oh ja,-"

Er wollte weiter sprechen, aber er konnte nicht. Es war das erstemal in den letzten drei Jahren, daß ein Mensch freundliche Worte mit ihm sprach. Darum würgte es ihm im Halse und Tränen traten ihm in die Augen. Der Beamte winkte ab.

..Na lassen Sie man, der Tag geht auch vorüber, und sehen Sie mal," setzte er leicht scherzend hinzu,., ich bin ja lebenslänglich hier. Dann schlug die schwere Tür wieder ins Schloß.

Martin Christian ging aufgeregt in seiner Zelle hin und her. Dann blieb er vor der Wand stehen und blickte nach einer Stelle, wo die Del­farbe in Blickhöhe abgesetzt war. Dort hat er seit vier Monaten mit einer Sicherheitsnadel Striche gemacht, einen neben dem andern. Er zählte sie zum hundertsten Male durch. Wie schnell doch die Zeit vergangen war. Er dachte zurück an den Tag, da eines morgens an seine Tür geklopft wurde, stürmisch und polternd. Er wußte damals sofort Bescheid. So donnert nur die Gestapo , wenn sie für Ruhe ihrer Auftrags­

,, Was wollen Sie?"

,, Ich möchte um Arbeit bitten." ,, Wegen was sind Sie hier?" ,, Wegen Vorbereitung zum..." Mehr konnte er nicht sagen. brüllte der Inspektor. Hochverräter friegen feine Arbeit."

Raus,"

Das war die ganze Unterredung, von der er sich anfangs so viel erhofft hatte.

Martin Christian wurde aus seinen Träumen geriffen. Die Tür wurde aufgemacht und er mußte zum Direktor kommen. Abſchiedsviſite. Der Direktor sah eigentümlich kultiviert

aus.

,, Sie werden morgen entlassen?" ..Jawohl."

,, Wielange waren Sie hier?"

,, Zwei und ein halbes Jahr."

"

Bolitisch, nicht wahr?-hm- ich sehe, daß Sie sich gut geführt haben. Wie alt find Sie?"

,, Achtundzwanzig Jahre."

,, Na, dann haben Sie ja das Leben noch vor sich. Ihre Strafe darf Ihnen nirgends vor­gehalten werden. Sie haben doch keinen Ehrberlust?" ,, Nein."

-

,, Na also, ich wünsche Ihnen alles Gute und wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, dann laffen Sie in Zukunft die Finger von der Politif."

in Das wird er wiltlich beherzigen, denn das

Dann fehrte Martin Christian in seine Belle zurück. Unruhig nahm er den Gang durch die Belle wieder auf. Wie merkwürdig freund­lich sie alle heute zu ihm waren. Der Direktor Wieder jagte er die Zelle auf und ab. hatte ihn direkt wohlwollend behandelt. Was Tausend Tage Einzelhaft, keine Arbeit und jede sagte er doch zum Schluß? Lassen Sie die Hände Woche ein Buch, das ihn zum Christentum be-| in Zukunft von der Politik? tehren sollte. Bald kannte er jeden Winkel in seiner Zelle. Sehnsüchtig horchte er zum Fenster hat er sich ohnehin schon lange vorgenommen. hinaus, wenn von irgendwoher Hammerschläge Er will nur noch seiner Frau und seinem Kinde ertönten. Oh, jezt einen Hammer in der Hand leben, das jetzt wohl vier Jahre alt sein mußte haben, dachte er wohl wehmütig. Er wollte und ihn, den Vater, nicht einmal kannte. Er gerne rauchen, aber Zuchthausgefangene dürfen trat an den Spind und holte einen Brief her­nur bei guter Führung rauchen, und zivar nur aus. Es war der letzte, den er von seiner Frau von dem in der Anstalt selbst verdienten Geld. erhalten hatte. Wie tapfer sie doch in all den Selbstverdientes Geld! Jahren gewesen ist. Nie hatte sie in den Brie­fen, die er alle zivei Monate bekommen durfte, über ihr Leid geklagt. Im Gegenteil mit Fassung hat sie ihr Geschick getragen und zwi schen den Zeilen wies sie immer darauf hin, daß es vielen Frauen ja noch schlechter ginge, deren Männer für zehn und fünfzehn Jahre einge­sperrt wurden oder gar das Leben verloren. Durch solche Briefe hatte sie ihn noch aufge­richtet, wenn es ihm manchmal schien, daß er das Leben nicht mehr ertragen könne.

Er nahm fortiwährend an Gewicht ab, weniger wegen des schlechten Essens als wegen der Unruhe, die ihn erfaßt hatte. Blaß wie ein Gespenst lief er während der Freizeit im Hofe herum. Da 30g ihn eines Tages beim Baden ein Genosse beiseite und sprach auf ihn ein. Ez war ein Zehnjähriger".

Von da ab nahm er eine Einteilung des Tages vor. Jeden Vormittag trieb er Gym­nastik. Darauf marschierte er zwölf Kilometer, das heißt er lief zweitausendvierhundertmal die Zelle hin und her. Sein Gewicht nahm zwar noch mehr ab, aber das mußte in Kauf genom­

Von draußen erflang der Gong, dann hörte er das Laufen der Hilfsarbeiter, die auch Gefangene waren. Es war Abendbrotausgabe.

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