BUNTE WELT

Nr. 42

William Edward Hayes:

Unterhaltungsbeilage

Gut gebremst

Lokomotivführer Dickerson saß knapp am Rande des Stuhls den Herren hinter dem gro­Ben Tisch gegenüber. Er beugte sich gespannt bor. Auf seiner verwaschenen Bluse, in den Wimpern und auf dem hageren, bronzefar­benen Gesicht lagen noch Spuren von Ruß. Seine unruhigen Augen wanderten von einem zum anderen der gefürchteten Richter. Bolling. der Oberaufseher, und Pandergast, der Ober­maschinist, waren ihm bekannt, der dritte, In­genieur Sutter, ein junger Mann mit einem scharfen Gesicht und fühngeschwungener Nase und dünnen Lippen, war hier erst kürzlich zu­geteilt.

Achtzehn Jahre," sagte der Ingenieur, ,, die sollten wohl genügen, erlernt zu haben, wie man einen Zug richtig behandelt." Er Tegte die Blätter auf dem Tisch zurecht, das waren die zusammengefaßten Verweise, die Dickerson im Verlaufe dieser langen Zeit er­halten hatte. Es ist nicht das erste Mal, daß dieser Mann wegen unrichtiger Führung ge­

tadelt wird.

Oberaufseher Bolling räusperte sich ver­Tegen. Nein, aber da waren besondere Um­stände..."

Dickerson nickte. Bolling verstand das und er war auch ein guter Junge, wenn auch hart wie ein Nagel. Aber er war gerecht und war selbst einmal Lokomotivführer gewesen. Der hatte es auch erlebt, was manchmal eine Strecke bedeutet und was für unvorhergesehene Umstände eintreten können, der wußte es besser als dieser junge, unerfahrene Ingenieur, der nie einen Zug geführt hatte.

,, Umstände... immer sind es Umstände", fuhr Ingenieur Suiter scharf und ironisch da­zwischen.

Achizehn Jahre," unterbrach ihn Dicker­fon. Ich bin als der pünktlichste und vorsich­tigste Fahrer bekannt. Ich hatte diesmal vier­zehn Waggons und eine ganz nasse Schiene, und die Maschine war nur für zehn Waggons, da mußte etwas passieren."

Das ist eine ganz armselige Entschul­digung", antwortete Sutter. Da gibt es noch ganz andere Ueberbelastungen, ich kenne mich genügend aus. Ich bin bei Ihrer letzten Fahri hinter Ihnen gestanden und habe alles genau beobachtet. Sie haben geschleudert, gestoßen und gerüttelt, vor allem fönnen Sie feine Bremse richtig bedienen. Sie müßten wissen, daß die Gesellschaft sich die größte Mühe gibt, den Personenverkehr zu steigern.. aber Männer wie Sie denken leider über gar nichts nach. Sie verstehen also, obgleich Sie, wie der Rapport berichtet, seit über fünf Jahren für den Passagierdienst qualifiziert sind, die not­wendigsten Dinge nicht. Das beweisen ja auch Ihre mehrfachen Verweise...

Aber wenn man für die Ladung nicht die richtige Maschine hat," schrie jetzt fast Dickerson, was da auf dem Papier steht und was auf den Schienen steht, das ist sehr ver­schieden..." Er blickte auf Bolling und Pandergast hinüber. Warum redeten die nicht? Die hatten als Lokomotivführer doch auch sicher

1936

ihre Aufregungen und Gefahren durchzumachen junger Heizer rief ihn an. He; Dickerson, ich gehabt und hatten dafür auch ihre Verweise und suche Sie schon lange, Sie werden im Büro Aehnliches bekommen. berlangt."

Also, Dickerson," sagte Sutter weiter, ich habe mich überzeugt, daß Sie den Fahr­gästen die Augen aus den Köpfen schütteln und die Leute beim Stehenbleiben fast zur Türe hinauswerfen, und daß Sie auf der Fahrt von einer Station zur anderen eine Maschine zu grunde richten können, und ich fühle mich ver­anlaßt, unserer Gesellschaft zu empfehlen, Ste wegen nicht genügender Qualifikation beim Personenverkehr zum Frachtendienst zurückzu­stellen."

Dickerson standen dicke Schweißperlen auf der Stirn. Das können Sie doch nicht tun, ich habe viele Jahre hart gearbeitet, um endlich diese bessere Stellung und bessere Entlohnung zu erreichen. Ich habe wahrhaft durch meine Unfähigkeit der Gesellschaft noch keinen Dollar Schaden verursacht. Von Zeit zu Zeit muß bei unserem schweren Dienst etwas passieren, das weiß jeder von uns...

Nun gut," schnitt ihm Sutter das wei­tere Reden ab, wenn mir Pandergast und Bolling einmal mit Ueberzeugung sagen tön nen, daß Sie den Passagieren nicht mehr die Gedärme aus dem Leibe schütteln und daß Sie eine Bremse und ein Ventil behandeln können, werden Sie wieder zum Personendienst her­angezogen. Bis dahin..."

Dickerson lag am Bauch auf den Schienen und ölte die Räder seiner Lokomotive. Ein

Den Kameraden

Wir leben nur mit euch in diesen Wochen, und unsre Herzen hämmern wie mit Fäusten an harte Mauern, die uns von euch trennen; zerbrechen wir, hat uns nur Eins zerbrochen: daß wir nicht kämpfend konnten bei euch stehen, für die wie Flammen unsre Herzen brennen. Die Stunden werden uns zu langen Tagen, und jede ist von Hoffnungen und Sorgen bis an den Rand und überschwer beladen, und jeder Tag ist berſtend voll von Fragen und jede Nacht ein Warten auf den Morgen, und jeder Traum gilt euch, ihr Kameraden.

Denn alle wissen wir: in eurem Streite, mit eurem Blut wird unsre Schlacht geschlagen; ihr kämpft und sterbt für uns, und wir wir leben

und stehen hilflos, nicht an eurer Seite, nicht neben euch im Heer der Freiheit fechtend, und können nichts als unsre Worte geben.

Wir können nichts als unsre Worte geben und können nur für euch, ihr Brüder, sprechen und immer wieder uns zu euch bekennen und immer wieder unire Stimme heben und sagen, daß uns nichts von euch kann scheiden,

wenn uns auch Länder, Berge, Ströme trennen. Max Barth.

Im Büro saßen Bolling und Pandergast. Dickerson," sagte ihm Bolling, da wäre eine Chance für Sie, wieder zum früheren Dienit zu kommen. Ein wichtiger Zug muß plöblich eingeschoben werden und außer Marland, der Sonderzüge noch nie geführt hat, ist niemand frei. Ich habe Sie vorgeschlagen. Ingenieur Sutter besteht zwar darauf, Sie zu überwachen, aber wenn die Fahrt nach Wunsch verläuft, werden Sie wieder hinaufverſezt."

Diderson wurde ganz rot vor Freude. 3war, wenn dieser Sutter neben ihm stehen sollte... der eisige Blick dieses Menschen machte ihm abergläubische Angst. Aber jedes­mal passierte doch nicht was.

Also, Dickerson," fuhr Bolling eilig fort, der 3696 rollt in fünf Minuten ab, und hin­ter ihm in weiteren fünf Minuten folgt der Sonderzug. Sie finden schon alles bereit."

Hinter Dickerson auf dem Führerplay stand Ingenieur Sutter. Und Dickerson konnte sein Gefühl, daß ihm das Beiſammensein mit die= sem Manne Unangenehmes bringen müßte, nicht loswerden. Aber, beruhigte er sich selber. achtzehn Jahre bin ich diese Strecke ohne Un­fall gefahren...

Und dann passierte es doch, mit der un­faßbaren Geschwindigkeit aller solcher Ereig­nisse. Kohlen rollten aus dem Tender und we aus stählernem Boden gewachsen standen vier Revolvermänner auf der Lokomotive. Dicker­son, der aufgesprungen war, fiel, von einem gutgezielten Stoß in den Magen getroffen, auf seinen Platz zurück. Wir werden euch nich: s tun, wenn ihr uns nicht dazu zwingt und wenn ihr tut, was man euch anschafft, sonst... Der unerwartete Gast hielt ihm den Revolver unter die Nase. Der totbleiche Sutter und der Heizer wurden, Hände hoch, zur Seite gescho ben, zwei Männer mit vorgehaltenem Revol ver vor ihnen. Die beiden anderen Räuber postierten sich hinter Dickerson. Sie schenen sich vor einer Maschine ganz gut auszuten­nen. Sie fahren die Strecke weiter, bis nach der Brücke, dort halten wir einen Augenblic." wurde ihm anbefohlen. Jetzt war Dickerson die Sache klar. Nach der Brücke warteten die Komplicen, um ein oder zwei Waggons abzukoppeln. Was würde dann weiter ge= schehen? Würde man ihn, Sutter und den Heizer erschießen, da man sie nicht brauchte und damit der Zug nicht weiterfönne? Es gab zwar noch eine Möglichkeit, sich und den Zug zu retten, aber die war auch lebensgefährlich. Bei seinem rechien Fuß der Hebel, von dem die Gauner nichts wußten, und die Bremse und das Ventil...

Eine weiße Kirche zeigte sich im weißen Licht der Lampen, dann eine Scheune im Feld, und jetzt kam die Brücke... es mußte in einem einzigen Augenblick getan sein, das war freilich eine Meisterleistung. Dickersons Erfahrung fagte ihm, daß man nun mit 15 Meilen die Stunde fuhr, nun eiwas langsamer, es waren