BUNTE WELT

Nr. 51

Unterhaltungsbeilage

Kitty macht Schluß

,, Auf alle Fälle," erklärte Gregor, das muß gefeiert werden."

,, Das" war Kittys Geburtstag. Sie wurde am nächsten Sonntag zwanzig. Sie hieß natür­lich nicht Mitth wer heißt denn Kittyh außer Romanfiguren? Tatsächlich stammte der Name auch aus einem Buch, in dem eine gewisse Kitty vorkam, die auch eine Stupsnase hatte.

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Sonst war Kitih die richtige, nicht die im Buche aber in Ordnung und sehr ange­nehm. Womit nicht gesagt sein soll, daß die Stupsnase unangenehm war; ganz im Gegen­teil. Kitth war schlank, gestrafft, geschmeidig und hätte mit ihrer braunen Haut, ihren dunt lei Augen und dem schwarzen Haar, mit der nicht zu hohen, aber freien, schönen Stirn und dem vollen und trotzdem energischen Mund nach bester römischer Rasse ausgesehen, wenn nicht die Stupsnase gewesen wäre. Aber vielleicht haben selbst Römerinnen manchmal Stupsnasen. Auf alle Fälle nahm Hermann an der Nase nicht Anstoß. Nur in den letzten Wochen hatte Kitty gewisse Gefürchtungen. Er vergaß nebensächliche Kleinigkeiten, verspätete sich, war manchmal geistesabwvesend und überhörte eine Frage. Und es tam ihr vor, als verstünde er sich mit Meta, die er nie sonderlich gemocht hatte, auf einmal ganz gut. Kurzum, Kitty war auf der Hut, aber ohne sonderlich beunruhigt zu sein. Sie wußte, daß sie ihn liebte, und natürlich konnte es nicht anders geworden sein, irgendetwas Wesentliches konnte sich bei ihm nicht geändert haben. Sie war aus seinem Leben ebensowenig hinauszuwerfen wie er aus ihrem. Soweit Kitty.

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Die Feier war beschlossene Sache. Wo und wie machte keine lange Diskussion nötig. Die Berge waren seit einem Monat verschneit, und als Willi vorschlug, aus dem festlichen An­Taß das Wochenende auf dem Ranken zu be­gehen in einem Tonfall, als habe er Ame­rita entdeckt wurde diese Idee mit gebüh­render Anerkennung akzeptiert. Tatsächlich hätte von der Bande jeder dasselbe vorgeschlagen; denn am Samstag mit den Brettern auf den Ranten zu steigen, war ihnen so selbstverständ­lich wie Ein- und Ausatmen.

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1936

weißen, stummen Leere um einen schimmerte spät. Sie übernachten drüben." Er sagte es auf leichtes Grau auf, wurde dunkler, bekam Um- ganz besonders nebensächliche und selbstver­risse: schon traten die Stämme der Bäume her- ständliche Weise und schaute Kitty nicht an. bor. Entschieden: es war herrlich, im Nebel zu Einen Augenblic gab es ein ungeschicktes stiern! Schweigen, dann fingen plößlich alle an lär­mend und luftig zu reden. Der Tolpatſch ſaß da und rauchte die Pfeife.

,, Nebel," sagte Hermann ,,, und wenn auch. Droben scheint vielleicht die Sonne."

Er behielt recht. Droben schien die Sonne auf ein weites, ruhig wogendes Wolfenmeer, in dem die Stadt und die ganze Welt verſenkt lag; nur die Kämme der Berge ragten wie Inseln hervor. Es war, mit einem Wort, großartig, und der Geburtstag versprach herrlich zu werden.

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Kitty machte mit. Aber eine halbe Stunde später ging fie raus. Die Nacht war kalt; der Mond schien und die Sterne gliberten scharf. Der Nebel war gewichen; man sah die Wälder schwarz über den weißen Schneeflächen stehen; im Tal lag, mit tausend Lichtern die Stadt, ringsum, an den Hängen der Berge schimmer­ten rötlich die Lampen in den Bauernhäusern. Alle diese Lichter hatten etwas von großer, wärmender Geborgenheit um sich, sagien: ,, Da­heim" und Glück". Kitty kam sich hundeelend nnd verlassen vor. Es fror sie.

Sie gingen ins Rafthaus, legten die Ruck­säde ab und fegten noch zwei Stunden über die Halden. Ausgezeichneter Schnee, körnig, troden kurzum: ideal. Kitty kam frisch und aufge­pulvert zum Rasthaus, als es schon Nacht war. Alle Gedanken ans Büro waren wegge= Sie trat zu den Stiern, die noch rings ums blasen; aber die waren eigentlich schon fort, Haus im Schnee steckten und furios und ver­seitdem fie, beim Aufstieg, in den Wald eingelassen aussahen. Sie zog ihre heraus, wischte treien waren. Kitty war immer ganz bei der mit der Hand sorgfältig über die Unterseite; Sache, bei der sie gerade war. gegen die Mitte des Brettes, da wo es aus dem Schneehaufen in die Luft eingetreten war, waren die Schneereste schon gefroren; sie mußte sie abfragen.

Hermann war noch nicht zurück, und auch Meta fehlte. Kittys Brauen zogen sich einen Moment zusammen. Erst jest fiel ihr ein, daß fie ihn nicht mehr gesehen hatte, seit die Bande vom Rathaus ausgeschwärmt war. Aber es war ihre eigene Schuld; sie war gleich schräg den Rot­hang hinabgesaust, ohne sich nach ihm umzu­sehen. Immerhin, nun hatte sie es: alle ande­ren waren da, nur die Beiden nicht. Ihre Stirn hatte sich längst wieder geglättet; aber dahinter ging verschiedenes vor.

Unter den anderen Gästen waren manche, die man tannte. Der Ranten hatte seine kleine Gemeinde. Er lag etwas abseits von der Heer­straße der Touristen, und was sich da sommers und winters traf, war eine kleine Schar von Leuten aus den paar Städtchen der Umgegend, lauter Volk, das in diesen Berg etwas verliebt war. Manche Genossen darunter. Unter ihnen Hans, ein Lehrer aus der Nachbarstadt, der Kitty gewöhnlich rasend machte, weil er so linkisch und ungeschickt war. Sie nannten ihn ,, Schulmeister", und Kitty sagte zu ihm Tol­Nach dem Mittagessen zogen sie los. Die patsch". Freilich nur in Gedanken; denn krän­fleine Stadt lag unter einer niedrigen Nebel- fen wollte sie ihn schließlich nicht. decke; der Schnee war ordentlich, aber etwas an­gefeuchtet; Harry zog ein Gesicht: ,, Faul!"

Trudel schauderte: ,, Brr! Wenn's droben auch so aussieht, geh ich nicht aus der Bude." Kitih schnüffelte. Ihre Nase schien dazu be­sonders geeignet. Sie liebte dieses Gemisch von Nebelgeruch und Duft der harzigen Tannenrin= den. Was sie betraf, so hatte sie nichts gegen den Nebel. Sie konnte stundenlang droben im Nebel laufen. Man sauste durch das reine Nichts, allein mit sich, nur das feine Summen der glei tenden Bretter im Ohr. Man unterschied keine Geländelinien; aber wer seinen Berg kannte, wußte, jetzt mußte gleich halbrechts ein Fels­brocken auftauchen und da war er. Und in einigen Sekunden würde der Waldrand sichtbar werden und da fing es schon an, in der

Hallo," sagte sie ,,, und setzte sich zu ihm. ,, Was denkst du?" ,, Nichts." Er grinjte, die Pfeife zwischen den Zähnen und wurde rot.

,, Mensch," rief sie ,,, du errötest ja wie ein

Mädchen."

,, Bitte, sei still," murmelte er, da die andern auflachten, und fing an, umſtändlich in feiner Pfeife herumzuſtochern.

Kitty tat er leid. Sie tätschelte seine Hand und sagte: Nichts für ungut. War nicht bös gemeint.

Harry, der ans Telephon gerufen worden war, kam zurück und sagte: ,, Hermann hat an­gerufen. Sie sind in St. Peter. Metas Bin­dung ist gerissen, und bis sie geflickt ist, wird es

Sie schnallte die Bretter an, zog den Schal fest um den Hals und ging los. Sie mußte alles überdenken; aber es war eigentlich gar nicht so biel zu denken. Alles war aus. Kitty wußte, immer, was zu tun war; ihre Stupsnafe gab ihrem Gesicht etwas Leichtsinniges, Sorgloses, Schludriges; in Wirklichkeit war sie aber ein festes, entschlossenes Persönchen. In ihrer Welt gab es nur gerade Linien, kein Ausweichen, kein Zwielicht; sie mußte flare Verhältnisse haben, und wenn sie die nicht hatte, schuf sie sie sich. Sie konnte nichts hängen lassen; was unklar war, mußte sofort geregelt werden. Und als sie iebt zum Hornbuck hinaufstieg, um nachzuden­fen, da wußte sie schon beim Weggehen, was sie wollte.

Sie wußte, daß sie es nicht ertragen würde, Hermann morgen ankommen zu sehen, mit ge­zivungener Natürlichkeit, und seine gemachte Un­befangenheit, seine Blide, Worte, Gesten hin­zunehmen, die vielleicht wahr waren, wenn sie auch schon, ohne daß er es wußte, seinen Ber rat vorbereiteten. Es war ihr vollkommen gleichgültig, ob zivischen den beiden wirklich etwas geschehen war und was. Sie wußte, daß er sie verließ, wenn er sie nicht schon verlassen

hatte, und das war das Entscheidende. Nicht wie weit die beiden gegangen waren, spielte eine Rolle, sondern daß sie überhaupt von ihr und den anderen isoliert waren, miteinander für sich waren, sich stundenweit in die Büsche geschlagen hatten. Sie wußte, was los war, und sie hatte die Nase voll. Sie hielt es, kurz gesagt, nicht aus, denn sie liebte Hermann. Sagte sie sich.

Auf der Kuppe des Hornbucks machte sie einige Minuten Halt. Vom Rasthaus bis hier­her mochte sie eine Stunde gebraucht haben. Man konnte gerade noch sein kleines, gelbliches Licht erkennen. Die Täler lagen dunkel; die

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