BUNTE WELT

Nr. 52

Unterhaltungsbeilage

Ein heiliger Abend

Erst hatte ein eisiger Nordwest über das Moor gepfliffen. Tagelang, Er übersprang die hohe Mauer des Lagers und der ebenso hohe Stacheldrahtzaun war ein gliberndes Ge­spinst von Rauhreif geworden. Die Gefan­genen des Lagers standen in der Kiesgrube am Rande des Tannenwaldes, der kristallen fun­felte, und hackten. Manchmal sprühten die Funken auf dem hartgefrorenen Grund; der Klang der Pickel war hart und schrill. Es war widersinnig, bei diesem Frost Kies zu graben, aber darüber hatte nicht die Vernunft zu be­stimmen.

Schach - oder Kartenspiel oder auch zum Lesen an den Tischen niederließen.

Da erhob sich der abseits Sibende, man sah nun sein Gesicht, es war nicht alt, aber wie aus hartem Holz geschnißt und nur die Augen darin schienen zu leben. Er ging schwer und müde hinaus. Der Kamerad, der bei ihm ge­blieben war, folgte ihm in einigem Abstand, fah, daß er plöblich nicht weiterging. Auch er hielt inne. Drüben, vor dem Stacheldrahtzaun, im Dunkel ein Schatten nur, schritt der Posten auf und ab.

Nun fing der Mann da vorne schneller zu Die Posten, in lange Fellmäntel gehüllt, gehen an, immer an der langen Wand der schritten auf und ab. Ihre finsteren Gesichter Barade entlang, stoďte, als er an dem im wurden durch die schwarzen Stahlhelme noch Finstern liegenden Arrestbau antam, denn er finsterer. Die Karabiner hingen über die Schul- hörte die Ketten klirren, lief weiter. Als er in tern. Es war nicht ſchön, Poſten zu brennen, das Ende der Lagergasse einbog, verharrte er indes ein Teil der schwarzen Teufelsgarde wieder. Vorne, wo die Lagerstraße am Stachel­SS genannt sich schon im Weihnachtsurlaub draht nicht weiter ging, jenseits des Hinder­befand. Darum woren die Dagebliebenen fin- nisses erhoben sich, den Rücken schwerfälliger, ster und fluchten; sie hetzten die Gefangenen, gedukter Tiere gleich, Dächer von niederen damit ihnen selber warm würde. Häusern. Es waren die Baracken, die außer Auf dem weiten Egerzierpiaz bei den Geshalb der Gefangenschaft lagen. Fangenenbaracen ging ein Teil der politischen Häftlinge im weiten Halbkreis. Sie sprachen nicht; es war so kalt, daß ihr Atem fror. Zu­veilen wendeten sie den Kopf nach der Gegend der Kiesgrube, aus der das Schimpfen der Posten im Eiswind verbellte. Aus den Abzug= rohren der vielen langen Dächer der Baracken stieg dünner, blaver Rauch; von der Dachrinne hingen spitze Eiszapfen. Der Lagerlautsprecher fandte Weihnachtsgefühle in die kalte, bissige Winterluft. Die Hakenkreuzfahne auf hoher Stange hing schlaff wie ein langer Blutstreifen ins Grau des Nachmittags.

Trompetensignal blötte, kündete den Ar­beitsschluß und den Beginn des Heiligen Abends an. Die Gefangenen in ihren dünnen grauen Anzügen, deren Streifen an den Hosen­nähten und den Rücken entlang wie blutroic Striemen hervorstachen, tehrten in Baraden zurück, hielten den Feuerbäuchen der -Defen ihre Hände hin, stritten um das bißchen Platz im Wärmekreis.

die

In einem der trostlosen Räume saß ein Gefangener für sich. Auch als der schrille Piff zum Essenfassen durch die Gassen strich, blieb er in seiner gebeugten Haltung siben. Die Kameraden machten sich auf ihn aufmerksam, als sie an ihm vorbeigingen. Einer mach: e wieder kehrt, blieb ebenfalls zurück.

Der Eitzende sagte, ohne aufzusehen: Kannst ruhig auch gehen! Brauchst keine Angit um mich zu haben!" Er nahm den kahlge= schorenen Kopf in seine gespreizten Hände, die Spuren schwerster Arbeit zeigten. Das Gesicht war nicht zu sehen.

Der, den er angesprochen hatte, blieb in dem kahlen Raum bei dem rohgezimmerten Tisch stehen. Er tat, als blicke er an dem Ka­meraden vorbei. So verharrten die beiden, bis die übrigen Insassen mit lautem Getrappel vom Essen zurückkamen, ihre Eßgeschirre in der Waschecke nebenan reinigten und sich zum

Der Kamerad hatte ihn eingeholt, stand neben ihm, faßte ihn am Arm.

Was gehst du mir nach?" zischte der Ge­fangene.

Sei vernünftig! Komm herein!" flü­sterte der andere. Im gleichen Augenblick schrie der Posten, der sie bemerkt hatte:

Der kürzeste Tag

Wenn im Herbst der großen Sonne Licht Wie ein Wachlicht schmilzt und fast erblindet, Wundert es uns nicht,

Daß uns täglich auch der Mut entschwindet. Tief in diesem Monat sinken wir In des ewigen Dunkels Nähe, Manchem ist, als ob er das Getier Seines Grabes sähe.

Armer Nebel ist der Vormittag, Mittag dämmert abwärts, kaum gerötet Stürzt der Abend hin, vom Schlag Einer eisern langen Nacht getötet.

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Wie gefangen warten wir. Wer bricht Aus so engem Auf- und Untergange? Wer entflieht dem flichenden Licht? Liegen bange- in der großen Zange Doch die Zeit, der riesigen Nächte satt, Wendet sich, befehlend dem Kalender: Und das Licht, von Blatt zu Blatt, Mit dem fünfundzwanzigsten Dezember. Wieder steigt es, wie ein Fliegerheer, Langsam erst und immer schneller, Auch vor Frösten duckt es sich nicht mehr, Und bald macht es selbst die Menschen heller. Alfred Wolfenstein .

1936

,, Vom Zaun weg!" Und er hatte den Karas biner schon in Schußbereitschaft.

Die beiden machten fehrt und wanderten langsam die Lagerstraße zurück. Aus dem Lautsprecher zwitscherte Kindergesang: Christ, der Retter, ist da...

Drüben, jenseits der hohen Lagermauer, hockten eng aneinander die niederen Baraden, in denen arme Leute wohnten. Lange Arbeits­losigkeit hatte sie verbittert, dann rebelliſch gemacht. Als das Sonnenrad blutig und scharf­gezadt über Deutschlands Himmel aufging, ais die Dittatur ihre Gegner in Massen einterterre, viele heimlich und offen tötete, da krochen dieſe Armen in ihre Hütten und mancher wurde her­vorgeholt und in das Konzentrationslager nebenan geſteckt. Auf die ehemals roten Fähn­hen nähten die Frauen das neudeutſche Heiden­kreuz, um vor den Häschern sicher zu sein...

Nun war Weihnachtsabend in der un­wohnlichen Baradenkolonie. Kleine Bäumchen mit etlichen Kerzen standen in armseligen Stuben. In einer dieser Stuben fehlte immer noch der Vater; er war Gefangener jenseits der hohen Mauer. Oft haben die Kinder am Lager­tor gestanden, zu sehen, ob der Vater nicht mit einer Arbeitskolonne aus dem Tore marschiere. Nur einmal haben sie sein Gesicht erhascht, aber er hat sie nicht einmal gesehen, er hat gerade­aus geschaut, als ginge ihn die Welt nichts mehr an. Vorgestern und gestern waren sie mittags ans Lagertor gegangen; bielleicht war der Vater bei den Weihnachtsentlassenen. Er war nicht dabei gewesen und nun saß die Familie in der Stube und wartete auf das Wunder. Die Mutter hatte ein Weniges gebacken und jie war immer ungeduldiger geworden, so daß die Kinder ihr aus dem Wege gingen. Jetzt say sie am Tisch, den Kopf auf die Hände gestützt. Das Kleinste krabbelte am Boden, die Grö ßeren preßten die Nasen an die Fensterscheiben und hauchten Löcher in die Eisblumen.

Jetzt kommt Vater am Ende doch nicht mehr?" sagte die Aelteste und seufzte. Au, er sollte einfach über Zaun und Mauer sprin gen können! Aber der Draht ist ja elektrisch geladen!"

Die Mutter saß wie eine Skulptur, den Blick ſtarr auf das Bäumchen geheftet, deren Sterzen wie schlanke Finger im Grün der Aeite standen. Sie sollten erst angezündet werden, wenn der Vater fam.

Die Zeiger der Uhr standen senkrecht auf dem Zifferblatt. In der Baracke nebenan san­gen die Kinder, vom Ort her flangen die Glocken; sie läuteten den Heiligen Abend ein.

Plötzlich fing das Elsi zu weinen an, es hatte sich an der Tischkante gestoßen und die anoeren glaubten, es weine, weil der Vater nicht gekommen war, und weinten mit. Die Mutter rückte ihren Stuhl vom Tisch, alle flüch­teten an ihren Schoß und sie saßen da wie ein Klumpen Schmerz.

Die Mutter strich ihnen übers Haar, ein­zelne dicke Tropfen fielen aus ihren Augen­winkeln herab. Ach Kinder" sagte sie, ihr

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