BUNTE WELT

Nr. 2

Fritz Rosenfeld:

Unterhaltungsbeilage

Das glühende Blut

Die Kerzen im Zimmer des Mandarins Kitwang- Si- Teng fladerten. Ein eiskalter Bind schlich auf leisen Raubtierpfoten durch den Pa­last, drang unaufhaltsam durch alle Fugen des Gebältes, fraß sich in die Glieder, biß die Kno­chen auf und fuhr ins Mark. Wenn Kwang- Si­Teng die Augen schloß und die Finger ver­krampfte, spürte er ihn im Herzen.

In tupfernen Kesseln glühte Kohle, die Feuer fnackten und knisterten, aber sie wärmten nicht. Kwang- Si- Teng bielt seine halberstarr­ten Hände über ihren wehenden Atem. Da war es, als wichen sie ihm aus, als verschenkten sie ihre Wärme irgendivem und irgendwohin, nur nicht ihm. Die Hände Kwang- Si- Tengs frochen in die weiten Aermel seines Kleides. Er rief die

Diener und ließ die lohenden Kessel aus dem

Zimmer tragen.

In der Stunde der Dämmerung meldete Mvang- Si- Tengs Haushofmeister den Arzt Su, der den Mandarin jeden Morgen und jeden

Abend besuchte.

Mwang- Si- Teng blidte Su aus strengen und kalten Augen an. Die Seele war in diesen Bliden längst erfroren.

,, Sag mir die Wahrheit," forderte der Mandarin... Ich sterbe hin, ich erfriere langsam, der Frost nistet in meinem Blut und verzehrt es. Gibt es feine Hilfe?"

..Frost im Blut," wiederholte der Arzt, langsam. Er schwieg, die Stirn in Falten. Er blickte auf seine Hände, schmale, magere Grei­senhände.

Gibt es ein Mittel?"

Su nidte. ,, Ein einziges Mittel," sagte er. ..Glühendes Blut. Blut, das brennt. Ein Trop­fen, in die Adern eines Menschen gegossen, der erfriert, taut alle Lebenskräfte wieder auf."

Glühendes Blut?" sagte der Mandarin tonlos. Er sentte die Augen. Dann erwachten seine Blide wieder, sie wurden hell und Nlar. ,, Wer hat glühendes Blut?"

..Nicht viele Menschen haben glühendes Blut," sagte Su langsam. Nur jene, die das Leben noch vor sich liegen sehen und dennoch glücklich find. Menschen, deren Lachen wie die Sonne ist: ein großer Glanz, und gesegnete Wärme

Ein Schwärmer, ein Narr, dachte der Mandarin. Su hat in feiner Jugend Gedichte geschrieben. Unsinn ist, was er redet.

,, Nur ein Tropfen," fuhr der Arzt fort. ,, Doch er muß freiwillig geschenkt werden. Er darf weder mit Geld gekauft noch mit Gewalt geraubt sein. Geld und Gewalt nehmen dem Blut feine Kraft. Es erfaltet, erfriert...

Unsinn, dachte der Mandarin, als er be­reits auf seinem Lager ruhte, viele Stunden später. Glühendes Blut? Allez Menschenblui ist

warm

Er schlief nicht in dieser Nacht. Zu viele Gedanken jagten durch seinen Kopf. Er dachte an alle Menschen, die er kannte. Wer hatte das Leben noch vor sich, und war dennoch glücklich? Seine Freunde waren alt, wie er, ausgebrannt, wie er, in ihrem Lachen war kein Glanz und

feine Wärme, fie maßen das Glas Wein, das sie tranken, sorgsam nach der Vorschrift des Arztes, sie hockten am Feuer, sie flohen in ihren schlaflosen Nächten zu Büchern, sie kauften für Gold und Silber Worte, von denen sie Trost er­hofften. Seine Diener, seine Soldaten? Die Beamten, die ihm unterstanden? Sie zitterten vom Aufgang der Sonne bis Mitternacht vor feinen Befehlen, vor ihnen lag nicht das Leben, vor ihnen lag der Hunger, der Frost, der Tod.

Suchen, dachte der Mandarin, man muß suchen. Das Reich ist so weit, die Erde so groß. es muß Menschen geben, vor denen das Leben sich breitet wie ein unbeschrittener Weg, und die doch lachen mit dem Glan der Sonne.

Am Morgen zog Kvang- Si- Teng einen einfachen, schwarzen Mantel über sein seidenes Frost wuchs aus der Erde, troch an feinen Bei­Kleid und verließ ohne Gefolge seinen Palast. nen hoch, umklammerte sein Herz. Langsam ging er, wie im Traum, und es war, als lebten nur seine Augen.

Er sah Straßen, wehende Wimpel mit grellen Schriftzeichen über den Läden, er kam auf den Markt. Menschen standen um einen winzigen eisernen Herd, auf dem ein Händler Reis und Fleisch kochte. Hungrige Augen hingen daran, hungrige Hände streckten sich nach den fleinen Holzschalen mit dem dampfenden Reis, nach dem in schmale Streifen geschnittenen Fleisch. Ktvang- Si- Teng betrachtete fie lange, die Käufer und den Händler. Der Händler? Er hat schlechte Augen, gierige Augen, er greift hastig nach den Münzen, nicht eine Schale Reis würde er verschenken, auch wenn ein Mensch verhungert. Wer kein Herz hat, kann nicht glücklich sein. Und die um seinen Ofen standen, mit den hungrigen Augen? Wie kann ein Mensch glücklich sein, der fürchtet, daß die hand des Hungers ihm die Kehle zuschnürt?

Mvang- Si- Teng kam in die Straße der großen Kaufhäuser. Hinter leuchtenden Scheiben lagen die Herrlichkeiten des ganzen Reiches: Seide, Ringe, Armreifen, Halsbänder, Schalen aus Gold und Teller aus Silber, fleine Schränke aus Ebenholz und Geräte aus Vade. Junge Frauen standen vor den Läden, in kost­bare Kleider gehüllt, von einer Schar schweigen­der Dienerinnen begleitet. In ihren Augen sah Kwang- Si- Teng Unrast und Argwohn, Unfrei­heit und Verschlagenheit. Ihr Blick hat heute diese Seide berührt, und sie werden nicht lachen, ehe diese Seide ihnen gehört. Ihr Auge ist heute über dieses Armband geglitten, und das Blut wird ihre Schläfen sprengen, wenn sie das Armband morgen im Hauſe ihrer Freundin wiederfinden. Wer an den Dingen hängt, ist nicht frei und hat Furcht, sie zu verlieren. Wer aber fürchtet, fann nicht glücklich sein.

Vor dem Laden eines Wechslers lagen fleine Berge von Münzen. Der Wechsler, ein dicker Maun mit roten, leuchtenden Wangen, stand neben seinem Tisch, die Hände über dem Bauch gefaltet. Sein Lachen war wie Sonne. Aber der Glanz dieser Sonne war falsch. Er be­trügt seine Kunden, dachte Kwang- Si- Teng.

1937

Doch wer betrügt, kann nicht glücklich sein, denn aus Betrug wächst Angst, und über die kurze Freude fällt der Schatten des Henkers.

Kwang- Si- Lang tam zu einem Plat, auf dem Kinder spielten. Er näherte sich ihnen, er ergriff die Hand eines kleinen Knaben. Daz Leben liegt vor ihm, dachte Kwang- Si- Leng, und er ist glücklich im Spiel mit seinen Names raden. Aber das Kind wich zurüd. Es erschrat. Was will der fremde Mann in dem schwarzen Mantel, mit dem schmalen Bart, der im Winde zittert? Svang- Si- Teng wollte das Lachen des Knaben hören, er griff in die Tasche und holte eine Münze hervor. Da erinnerte er sich: er darf das glühende Blut nicht kaufen. Er warf eine Hand voll einer M in den Sand und

ging weiter. Das Kreiſchen der Kinder, die sich Felder umringten sie mit einem breiten, brauns auf die Geldſtücke stürzten, lief hinter ihm her. Der Mandarin ging vor die Stadt hinaus. grünen Gürtel. Bauern neigten sich tief über den halbreifen Reis, sie standen bis zu den Knien im Wasser. Ihre Häuser hatte der Sturm zerfetzt. Die Dächer waren abgerissen, Swangs Si- Teng blidte in die Stuben. Hausrat aus billigem Holz, Tonschalen mit ausgebrochenen Rändern, Kleider, die siebenmal geslidt waren

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- Schmutz und Scherben. Kwang- Si- Teng bes trachtete die Bauern. Hinter ihnen stand der Hunger, groß und grau wie der Himmel dieses Tages. In ihren Adern fonnte kein glühendes Blut fließen, nur ein träger, falter Strom wie Tränen.

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Der Abend fant. Auf einer Brüde, die vom Ufer eines Teiches zu einer kleinen Insel führte, stand ein junger Mann. Ein junges Mädchen stand neben ihm. Beide wandten ihre Gesichter zu den Sternen und schwiegen. Lange standen sie so, stumm und glücklich. Als sie gingen, schritt Kwang- Si- Teng ihnen nach. Wer schweigt, ist in Frieden mit der Welt versöhnt, dachte

vang- Si- Leng; und wer den Mantel des Friedens trägt, ist glücklich. Vor dem Hause des Mädchens nahm der junge Mann Abschied; er legte die Hand auf sein Herz und verneigte sich tief. Der Mandarin folgte dem jungen Mann, näherte sich ihm und sprach ihn an.

..Einen Tropfen deines Blutes- nur einen Tropfen," sagte er, und das erstemal in seinem langen Leben flangen seine Worte wie eine demütige Bitte.

Da sah er in das Antlitz des jungen Mans nes und verstummte. Es war bleich wie der Mond an einem nebeligen Herbstabend, und tiefe Schatten lagen um die Augen. Der junge Mann sah den Mandarin fest und ernst an.

..Ich liebe Yang," sagte er. Aber der Vater zivingt mich, die Tochter des reichen Kaufmanns Ping- Tao zu heiraten. Unheil liegt über unserer Liebe, darum schweigen wir. Ver zweiflung zerfleischt unsere Herzen, darum fön­nen wir nicht sprechen. Du willst einen Tropfen meines Blutes? Schneide meine Adern auf, ich laß gern all mein Blut verströmen

12

Sewang- Si- Teng sentte den Kopf. Mit einer Gebärde, die um Verzeihung bat, öffnete er die Hände. Der junge Mann ging weiter.

030 sati

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