BUNTE WELT

Nr. 3

Fritz Rosenfeld:

Unterhaltungsbeilage

Das glühende Blut

Am Morgen wurde ein junger Bauer vor den Mandarin geführt, den die Soldaten nachts bei einer Streife durch den Wald gefangen hat­ten. Der Bauer war gefesselt, aber seine Augen brannten so wild, daß es schien, er könnte seine Fesseln sprengen, sobald er nur wollte. Der Mandarin ließ die Soldaten abtreten, ging auf den Bauern zu, legie beide Hände auf die Schultern des Bauern.

,, Du bist in das Haus des Kaufmanns Yung eingedrungen und haft einen Beutel Geld geraubt," sagte der Mandarin.

( Schluß)

1937

Ma- Sung schlief schon, als Kwang- Si-| nerin, die ins Zimmer stürzte, gab er ein Beis Zeng fam. Ueber ihrem Bett brannte ein Lam- chen, sie verschtvand wieder. Stumm legte der pion, in dem matten Rot ſeines Lichtes fah Ma- Mandarin einen goldenen Ning auf das Tisch­Sung wie ein schlafendes Kind aus, Friede chen neben Ma- Sungs Lager und ging. An der strahlte aus ihren Zügen wie ein stilles, ewiges Türe wandte er sich nochmals um. Er wußte in Leuchten. diesem Augenblic, daß er Ma- Sung nie wieders sehen wird.

Mwang- Si- Teng berührte leis Ma- Sungs Schulter. Ma- Song erwachte, richtete sich auf, rieb sich die Augen. Sie neigte sich vor ihrem Gebieter. Der Mandarin ergriff ihre Hand, eine schmale Hand, deren Haut wie Seide war. Heißes Blut floß unter dieser Haut.

..Ich habe das Geld geraubt, weil ich arm ,, Würde meine angebetete Ma- Sung mir bin," sagte der Bauer. Nur wer reich ist, kann sehr zürnen," sagte Kwang- Si- Teng langsam, beraubt werden." ., wenn ich sie um einen Tropfen ihres Blutes ..Deine Tat ist geglückt. Du wärst glücklich, bäte? Einen einzigen Tropfen? wenn dir keine Strafe drohte?"

Der Bauer schüttelte die Hände des Man­darins ab. Redet nicht viel, Herr, schickt mich gleich unter das Beil des Henkers."

Der Mandarin lächelte. Ich darf das glühende Blut nicht kaufen für Geld, nicht rau­ben mit Gewalt. Aber Freiheit, die ich schenke, ist weder Geld, noch Gewalt.

,, Gibst du mir einen Tropfen deines Blu­tes, wenn ich dich frei lasse?" fragte der Man­darin.

..Und wenn du mein Vater wärest, gäbe ich dir keinen Tropfen meines Blutes."

Der Mandarin wich zurück. Er sah in den Augen des Bauern das glühende Blut. Er mußte seinen Einsatz erhöhen. Nicht Geld, nicht

Ma- Sung blidte den Mandarin verständ­nistos an. In seinen alten, ausgebrannten Augen war eine ungeheure Leere. Mit einer jähen Bewegung zog sie ihre Dede bis an den Hals hinauf, beinahe bis an ihre Augen. Sie zitterte am ganzen Körper. Dieser alte Mann, der fie gekauft hat, den sie haßt, weil sie ihm gehorchen muß, will sie töten. Wohl fagt er, daß er nur einen Tropfen ihres Blutes wolle, in Wirklichkeit aber will er ihr Leben.

,, Hilfe!" schrie Ma- Sung., Mörder! Mwang- Si- Teng sprang auf sie zu, ver­schloß ihren Mund mit seiner Hand. Der Die

Gewalt, dachte er. Ich will leben, dachte er. Was Der Hofpsalmist

ist mein Amt, was bedeutet mein Rang, wenn ich lanafam in meinem Palast erfriere?

., Gibst du mir einen Tropfen deines Blu­tes, wenn ich dir meine Macht übertrage, wenn ich dich an meine Stelle seize, wenn ich dich zum Herrn über die Provinz erhebe?"

Der Bauer lachte. Es war ein Lachen ohne Glanz und ohne Wärme.

,, Meine erste Tat wäre, dich löpfen zu Taffen." sagte der Bauer.

Da richtete der Mandarin sich hoch auf. Aus den Augen des Bauern leuchtete ihm der Saß entgegen. Wer haßt, kann nicht glücklich sein, dachte der Mandarin. Er schlug den Gong. Die Soldaten tamen. Sie führten den Bauern in den Kerker.

Gegen Abend ließ vang- Si- Teng sein reichstes Festkleid bringen. Seine Finger strichen über die kostbare Seide. Lange zögerte er, ob er den Weg wagen sollte, den letzten, der ihm noch blieb. Den Weg zu feiner Geliebten Ma- Sung.

Er hatte Ma- Sung vor einem Jahr von der Besizerin eines Teehauses gekauft und ihr am Rande der Stadt einen Pavillon zugewies sen, in dem er als junger Mann viele Sommer verbracht hatte. Die Erinnerung an die schön­sten Tage seines Lebens atmete ihm von diesen Wänden entgegen, und seine glücklichsten Träume flatterten wie bunie Vögel unter die­sem Dach. Er hatte Ma- Sung in die teuerste Seide gehüllt und leuchtende Kränze von Per Ten in ihr Haar geflochten. Er wußte, daß fie ihn nicht liebte, doch er hoffte, daß ein wenig Dankbarkeit für ihn in ihrem Herzen lebte.

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Durch Feld und Buchenhallen ließ ich mein Lied erschallen und meine Liebste lauschte tief beglüdt. Das war und kommt nicht wieder, jetzt sing ich meine Lieder und niemand ist davon entzückt. Wie fömmt' ich bein vergessen, einst hatten wir zu essen, doch eines Tages kam der blaue Brief. Den Brief erhielten hundert, gar mancher war verwundert, der auf dem Kiffen ,, Dauerstelle" schlief. Beficht du deine Wege,

fo such ich Brücken, Stege, die Fähre Glüd" zu neuer Ueberfahrt. Der Glaube ist verfeuert, nun bin ich ausgesteuert, fast ausgetilgt aus diefer Gegenwart.

Auf, auf, ihr meine Lieder! Ihr Menschen werft hernicder, was eurem Herzen sie entlockt. Echentfrohe Kinderhände flink sammeln sie die Spende, ach, ihre Herzen sind noch nicht verstockt. Wacht auf! ruft's von den Zinnen was foll ich noch beginnen? Mein Lieb ist meine lehte Kraft... Verhärtet nicht, ihr Leute, die Not findt viele Beute und unverhoffte Nachbarschaft. 3. Zerfak.

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Kwang- Si- Leng schlug nicht den Weg zur Stadt ein. Er war so tief in Gedanken versun­ten, daß er nicht wußte, in welche Richtung er ging. Die Nacht hatte bereits den Gipfel über­schritten, als er vor einer Hütte stand. Sie war aus Bambus geflochten, doch hängen Fezen von Seide über das Dach, ale wollte jemand ihre Armseligkeit verbergen und ihr das Ansehen eines Palastes verleihen. In der Hütte brannte ein Licht.

Der Mandarin pochte leise an die Tür. Sie öffnete sich, und ein Mann trat heraus, dessen Haare angegraut, dessen Augen fahl waren. Er starrte Swang- Si- Teng eine Weile an. Als der Mandarin sprechen wollte, hob der Mann schnell die Hand.

Ich weiß alles," fagte er. ,, Ich habe euch

ertvartet."

Kwang- Si- Teng zögerte, als der Mann ihn über die Schwelle ziehen wollte. Doch er vermochte dem Mann nicht zu widerstehen.

..Alles ist vorbereitet," sagte der Mann. ..hr bleibt heute Nacht bei mir, und morgen treten wir gemeinsam die Reise nach Pe- Ning

an.

"

Der Manu flatschte in die Hände.., Eilt euch," rief er. Unser Gast hat Hunger." Ein Lächeln verbreitete sich über sein Gesicht. Ich habe viele Diener," fagte er. Wie es sich für den fünftigen Kaiser des Reiches geziemt."

..Dummkopf," schalt der Mann blötzlich. Warum stellst du die Schüssel an den Rand des Lisches?" Er wandte fich wieder wang- Si Teng zu. Berzeiht," sagte er. Der junge Diener ist erst drei Tage bei mir. Ich habe ihn aus Mitleid in mein Haus genommen."

Kwang- Si- Teng wußte nicht, was er ant­toorten sollte. Der Mann befahl Dienern, die unsichtbar blieben, er überwachte das Auftragen der Speisen, von denen das Auge des Mans darins nicht eine Spur erbliden konnte.

,, Greift zu, Herr," sagte der Mann. Ihr werdet am Hofe zu Pe- King nicht reicher be wirtet, als bei mir."

Bescheidenheit wohnt in diesem Haufe nicht, dachte der Mandarin. Mit staunenden Augen sah er, wie der Mann seine Hände aus­streckte, unsichtbare Speisen ergriff und in den Mund schob. Die Augen des Mannes fieberten. Sie beobachteten Svang- Si- Teng so scharf, daß diefem nichts anderes übrig blieb, als gleichfalls die Hände nach den unsichtbaren Schüffeln aus­zuftreden und zu tun als ob er äße.

Dann erhob sich der Mann, ging zu einer armseligen, wurmstichigen Truhe, die an der Wand stand, und holte einen Arm voll bunter Dinge hervor. Er breitete sie sorgfältig auf dem Tisch aus. Holzstüde, zerbrochene Messer, der abgeriffene Aermel eines leides, Steine, wie sie zu taufenden am Wegrand liegen.