BUNTE WELT

Nr. 9

Martin Grill:

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Unterhaltungsbeilage

Die letzte Nacht

Der Tag, der dieser Nacht vorausging ,, früheren Fällen widerspruchslos das Feld ge­hatte mancherlei Gefchehnisse gebracht. Kaum räumt hatten, versuchten sie diesmal immer wie waren die Kohlengräber in den frühen Morgen- der an irgendeiner Stelle die Förderung aufzu­stunden in ihre engen Schächte eingefahren, als nehmen. Erst als der Kommandant wütend die in der Nähe einer Arbeitsstelle befindlichen wurde und drohte, alle Schächte sprengen zu Menschen einen dumpfen Schlag hörten und eine lassen, gaben sie die nußlosen Versuche auf. Sie Erschütterung zu ihren Füßen zu verspüren hatten ja auch kein Recht, die übriggebliebene glaubten. Im felben Augenblick blieben an die Kohle aus der Erde herauszuholen. Dieses Recht zwanzig Haspeln soviel Kleine, wilde" hatte nur die Gesellschaft, die das Schürfrecht Schächte gab es im aufgelassenen Tagbau erlangt und den Boden gekauft hatte. Sie nüzie stehen, und ihre Bedienungsmannschaften liefen aber dieses Recht nicht aus, weil sie an anderen an die Stelle, die anscheinend der Schauplak Orten zu eifrig damit beschäftigt war, Millio­eines Unglücks geworden war. Ein feiner Rauch nen aus der Erde herauszuscheffeln und sie teine zog dort aus dem Schacht: Unten war der Zeit hatte, sich um die paar hundert Tonnen Stollen eingestürzt und hatte drei Mann be- vertvitternder Kohle zu fümmern. Warum es graben. dann die hungernden Arbeitslosen nicht tun dürften, das ist eines von den Geheimnissen, deren Gesamtsumme das Mysterium unserer Gesellschaftsordnung ausmacht.

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An das dünne Seil geflammert fuhren zwei Mann ein, mehr hatten unten nicht Plaz. Fieberhaft begannen fie den Schutt wegzuräu­men und bald hörten sie eine schwache Stimme,

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die ihnen sagte, daß die Kameraden wohl im Stollen eingeschlossen, aber sonst unverletzt seien. Aber als man nach einer halben Stunde die Verunglückten glüdlich draußen hatte, zeigte ez sich, daß dem einen ein Erdklumpen, groß genug, um ihm den Rest zu geben, auf den Rüden gefallen war. Sie hatten es der Ret­iungsmannschaft nicht mitgeteilt, weil sie diese nicht unnötig hatten erschrecken wollen; hätten fie es getan man hätte sie ja um feine Minute früher befreien können. Num lag der Mann draußen, stöhnte und spuckte Blut; er fiel immer mehr zusammen und wurde steif tie ein Toter. Man war froh, daß ihn das ange­forderte Krantenauto bald abholte und in das Krankenhaus schaffte. Doch gerade dadurch wurde der Vorfall der Deffentlichkeit bekannt und es war klar, daß in kurzer Zeit die Polizei auf der Bildfläche erscheinen und zum wie vielten Male? das weitere Kohlengraben wegen Gefährdung des Lebens und aus einem halben Dukend anderen Gründen einstellen würde.

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Der Tag begann also vielversprechend. Und wirklich, alsbald fuhr ein graues Auto die Straße, die in weiten Bogen die Halden und Löcher umkreiste, langsam entlang und spuckte alle zwanzig Meter einen schverbewaffneten Gendarmen aus, der sofort den Schächten zulief. Die Menschen sahen sich mit einem Schlage von drei Seiten angegriffen und rannten, so schnell es ging, mit Wagen, Säcken und Werkzeugen der letzten offenen Seite zu. Es wären wohl mehr Leute den Gendarmen in den Weg gelau­fen und aufgeschrieben und bestraft worden, wenn sich nicht drei junge Burschen um den ge­regelten Abzug der Menschen und Wagentolonne verdient gemacht hätten. Sie schienen ein gewisses Vergnügen dabei zu haben, auf erhöhten Punks ten zu stehen und den Flüchtenden den richtigen Weg durch das Hügelgewirr zu weisen, dank ihnen entfamen viele.

Unsere drei Burschen waren die letzten, die den Widerstand aufgaben. ,, Nein, sagte der eine zu seinen Kameraden, die, den immer noch lee­ren Wagen hinter sich herziehend, über ein um­gegrabenes Feld liefen ,,, nein, da kommen sie nicht mehr nach: das ist ihnen zu dreckig."

Sie famen auf einen Fahrweg und gingen auf diesem weiter. Sie mochten alle drei im gleichen Alter sein: Anfang der zwanziger Jahre. Der eine war ein untersetter, stämmiger Bursche, dem die Vorfälle dieses Morgens nicht viel anzuhaben vermocht hatten. Unkompliziert und robust, war er der Führer der kleinen Gruppe getvorden, dessen Entschlüffen sich die beiden anderen meistens chne lange Ueber­legung anschlossen. Sie waren große, hochaufge­schossene Burschen mit bleicher, ungesunder Ge­sichtsfarbe. Der eine, den sie Paul riefen, ging mit müden, schleppenden Schritten, er huſtete oft und sah nicht gut aus. Was werden wir nun tun," sagte er ,,, hier bekommen wir nichts mehr, und ich muß heute Kohle schaffen. Mor­gen soll ich Kostgeld bezahlen, da fehlen mir noch achn Kronen dazu."

..Ich bin nicht beffer dran", erwiderte sein Freund ,,, mein Alter sagt wohl nichts, aber die Augen, die er macht, wenn ich wieder nichts heimbringe, die kann ich nicht ertragen. Wir müssen irgendwo eine Wagenladung auftreis ben."

..Schon gut, Richard, das machen wir auch. und ist's nicht hier, dann anderswo. Glaubt ihr denn wirklich, daß wir leer heimfahren? Wozu gibt es denn in andern Tagbanen gefüllte Koh­lenhunde?" Er teilte ihnen seinen Plan wit und sie wußten nichts Besseres, als ihm beizustim­men.

Sie hatten sich zusammengefunden, weil es leichter war, in Gemeinschaft zu arbeiten. Sie legten ihre Arbeitskraft und ihr fleines Be­triebskapital zusammen. Sie holten gemeinsam Kohle und verkauften fie. Kenninis volkswirt schaftlicher Theorie und Pragis war dazu nicht Das Vorgehen der Bereitschaftsabteilung notwendig. Es gab bei ihrer Gesellschaft keine strategisch gesehen ausgezeichnet, Banffredite, teine Direktorengebälter, keine Di­aber es war trotzdem nicht flug. Es erinnerte bidende, Diäten, Spesen und Tantiemen, es gab zu sehr an Hasenjagden, und das reizte die Men- teine Nemunerationen, Bestechungsgelder, Gra­schen zum Widerstand. Während sie in vielen I tisaktien und Bilanzverschleierungen. Es ging

war

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1937

also viel einfacher und anständiger als bei den großen, staatlich anerkannten und durch Steuers nachlässe geförderten Gesellschaften zu.

Obgleich die kleine Notgemeinschaft also niemandem Schaden zufügte, war sie den Bes hörden sehr unangenehm, denn sie durchlöcherte das schon im Paradies aufgestellte und für ewige Zeiten gültige Gesez von der Heiligkeit des Privateigentums,

Bu dieser Beit fand der Wächter einer nahegelegenen Grube, der die Bahnstrecke abs ging, auf der die Kohle vom Tagbau zur Vers ladestation befördert wurde, auf einem der Hunde einen halb mit Kohle angefüllten Sad. Ein anderer Wagen zeigte allzu deutlich, daß man ihn während des Transportes um einen Teil seines Inhaltes erleichtert hatte. Als er noch hie und da hinter den Büschen ihm im Aeußeren wohlbekannte Gestalten auftauchen fah, war ihm auch die Ursache kein Geheimnis mehr. Er war kein Unmensch und drückte manch­mal ein Auge zu, doch als er sah, daß der uns gebetenen Einfäufer immer mehr wurden, schlug er endlich Lärm.

Es war in diesem Falle so ähnlich wie bei den großen Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens: Mit einem Prozent Parasiten findet sich das Bolt schließlich ab, so schlimm ihm auch seine Duldsamkeit bekommen mag. Steigt die Bahl der gutlebenden Nichtstuer auf zehn und fünfzehn Prozent, wie in den Diktaturländern, die nach dem Grundjab regiert werden: Jedem Arbeiter fein Spizel! Dann wird es dem Boll schließlich zu dumm und es räumt mit den Bluts egeln auf; auch in den Ländern, die ihre Drd­nung für tausend Jahre gesichert wissen wollen. Das ist die letzte Ursache der meisten Rebolus tionen und nicht die Propaganda einer fleinen Anzahl von Rebellen.

Die drei Freunde tamen gerade zurecht, um zu sehen, wie das Gelände durch die Gendarmen von unerwünschten Elementen gesäubert" wurde, wie das im Polizeistil so schön heißt. Diesem Ausdruck liegt der Gedanke zugrunde, daß Arbeitslose eben ein Ungeziefer seien, das man am besten vom Erdboden vertilgen sollte.

Es ging weniger harmlos zu als bei der ersten Säuberungsaktion dieses Tages. Die Kohlen- Leute waren erbittert, weil man sie schon wieder verjagte, die Gendarmen ärgerten sich, daß sie in dem regnerischen, kalten Herbst­wetter auf den glitschigen Feldern herumlaufen mußten. Es gab Amtsehrenbeleidigungen von der einen, Kolbenstöße und Gummiknüppelhiebe von der andern Seite. Es braucht kaum er­wähnt zu werden, daß es die Arbeiter waren, welche die Hiebe befamen. Es sind überall die Arbeiter, die geprügelt werden. Wer ein Gewehr in die Hand bekommt, erhält in den meisten Fällen mit ihm das Recht, es gegen die andern zu verivenden, und Gummiknüppel dienen nicht zum Spielen, sondern dazu, den besiglosen Mit­menschen die Unantastbarkeit gewisser Geseze in Erinnerung zu rufen. Vor den Burschen standen plöglich zivei Gendarmen. Sie haben mit den andern Kohle gestohlen, wissen Sie nicht, daß das strafbar ist?" ( Schluß folgt.)

**** nadna stali se stranisuusled

donat abiad sio