BUNTE WELT
Nr. 15
Unterhaltungsbeilage
Die Entthronung des Severin Gallus
So lange der Seniorchef lebte, hatte Seve- Da traf die Firma jäh ein harter Schlag: rin Gallus nichts zu befürchten. Denn so lange Der Senior vergaß eines Morgens das Aufgab es im kaufmännischen Betrieb der Firma stehen; sein Herzschlag war stehen geblieben, wie Winkelmann, Landesprodukte en gros, keine eine Uhr, die man aufzuziehen vergessen hat. Veränderung. Eine Schreibmaschine für die Kor- Auch Severin Gallus griff nach seinem Herzen, respondenz hatte noch Play bekommen, aber dar- als er die Nachricht empfing; aber da sein über hinaus gab es keine modernen technischen Lebensmotor nicht überölt war, tidte nach kur Arbeitskräfte. Als Wahrzeichen für die gedie- zem Schrecken das Triebwerk weiter. genen Gepflogenheiten des ehrbaren Kaufmanns Der Chef ist totes lebe der Chef! thronte im Büro eine Kopierpresse für die Faf- Winkelmann junior trat ins Büro und turen und wo in anderen Betrieben eine Fat empfing die Kondolenzen der Angestellten, deren turiermaschine den rechnenden kalligraphischen merkliche Unsicherheit seine neugebadene BeZahlenmaler ersetzte, saß Severin Gallus, Fak- fehlgewalt wohltuend erhöhte. Am tiefsten verturist kraft seines unfehlbaren Rechentalentes| bengte sich Severin Gallus, der über die Anteilund seiner Dienſtjahre. nahme hinaus ein wenig vertraulich werden war ein noch verhältnismäßig gehörte O sozusagen zum Inventar
1937
mäßig seinen Morgenspaziergang auf dem Saumpfad zwischen Wasserlauf und Wald. Die Schwalben überquerten pfeilschnell das Flußbett, im Gezweige ging es luſtig zu und, von Natur erfüllt, ging Severin, das Spazierſtöckchen schwingend, ins Büro. Er pfiff sich eins und war beinahe vergnügt. Der junge Chef hatte ihn feit einigen Tagen mit einer gewissen Gutgelaunt heit behandelt. Verdächtig war nur seine Neuerungssucht, die sich vorläufig freilich in der Bereitstellung kleinerer technischer Hilfsmittel erging. Gewiß hatte der alte Herr den Sohn darüber belehrt, daß Severin Gallus die nüßlichte, ja unentbehrlichſte Kraft des Hauſes war. Severin setzte sich auf seinen Drehschemel, machte, mit dem linken Fuß anwippend, den furze
Mann, als er damals ben Bintelbil jener bes Sanies. Der neue Chef war aber Your bei Anfangschnöttel nach rechts, the
eingestellt wurde. Das Geschäft war noch klein. Severin Gallus erlebte das Wachstum der Produktenhandlung en gros und er wuchs mit ihr, er hatte das Gefühl, mit seinen Fakturen sozu sagen zum Aufblühen der Firma mit beigetragen zu haben.
Severin Gallus ging jeden Tag ins Büro, vertauschte seine Röcke und Gefühle und schrieb Fatturen. Immerzu Fakturen, vom ersten Jänner bis zum einunddreißigsten Dezember, mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Was er an diesen Tagen tat, wußte er selbst nicht genau; es war auch nicht das Bedeutsame seines Lebens. Das wirklich Wichtige für ihn war vielmehr, daß er Fakturen schrieb; darin war er Meister. Rechenfehler gab es bei ihm nicht; er kannte seine Arbeit und wußte sein Programm für das ganze Jahr voraus.
Das war eine geordnete Welt für ihn. Und weil niemand die Rechnungen so fehlerfrei, so geduldig und gut gemacht hätte, wie er das von sich behaupten konnte, lebte er sich allmählich zu einem kleinen Tyrannen aus, der die Lehrlinge furanzte, die Arbeit der Kollegen benörgelte und ihnen seine eigene als Muster vorhielt. Er nüßte
ihm stehen geblieben, was die Kollegenschaft mit einem spöttischen Grinsen wohl vermerkte. Zu der Kranzspende gab er den höchsten Beitrag ab; darüber hinaus sandte er der Witwe einen fchtungvoll geschriebenen Beileidsbrief. Beim Begräbnis liefen ihm während der Trauerrede des Pfarrers Tränen über die Wangen. Sie wurden leider nicht von denen vermerkt, die sie sehen sollten und waren doch wirkliche Trauertränen, denn mit seinem Chef sant ein Stück seines Selbsts in die Furche der Vergänglichkeit.
Am Tage nach der Beisehung ging der junge Chef des Hauses mit prüfenden Augen durch die Büroräume. Severin spürte, wie fie an der veralteten Kopierpresse haften blieben und er fühlte, daß sie auch über ihn kaum hinwegzukommen vermochten.
Drehung unter Lüpfung des rechten Sitzfleisches nach links und griff dann nach dem Federhalter. Seine Feder schritt in wohlgebändigter Grazie über die Fakturenbögen und in furzen Ausruhpausen glitt sein Augurenlächeln durch den etwas altmodischen, niedrigen Raum.
Acht Tage später geschah aber etwas, das Severin erzittern machte. Der Reisende eines Büromaschinengeschäftes, den der alte Herr erst vor einigen Wochen hinausfomplimentiert hatte, ging durch die Räume, verschwand im Chefzimmer und als er herausbegleitet wurde, strahlte sein Gesicht bis zur Glaze.
Bald danach öffnete sich auch schon die Tür zum Privatkontor und der Chef wurde sichtbar. ,, Herr Gallus, kommen Sie bitte zu mir herein!"
Die nächsten Tage geschah aber nichts Auf- Gallus war mit einem Sprung unten, befallendes und Severin hatte beinahe schon wie- rührte sein Vult etwas heftig mit der Knieder sein seelisches Gleichgewicht gefunden. Alles scheibe und verzog zwei Sefunden das Gesicht. schien zu verharren in dieser kleinen Stadt, an Der junge Chef erwiderte den Gruß sehr lieder der Fluß vorbeiſtrich. Gallus machte regel- benswürdig und bot Severin einen Stuhl an.
das Vorrecht durch ſeine vielen Dienſtjahre und Asturische Bergarbeiter
dem Chef war damit gedient, daß in seiner Abwesenheit die Augen des Severin Gallus für ihn jahen. Womit aber nicht gesagt sein soll, daß er ein Angeber war.
Severin Gallus, der Fakturist, führte sein Regiment über Zahlen und Schuldner schon länger als drei Jahrzehnte und er zählte zur Zeit unserer Geschichte 53 Jahre. Als es sich nicht mehr umgehen ließ, eine weitere Schreibmaschine und das dazu gehörige Schreibmaschinenfräulein anzuschaffen, war Severin Gallus nur insoweit interessiert, als ihn die neue Kollegin zu einem neugierigen Seitenblick veranlaßte. Dann schrieb er weiter Fakturen und lächelte: er war Fak turist, wer wollte ihn ersetzen? Das gab es nicht. Und darum mochten sie erfinden, was sie wollten. Noch vor turzem hatte der Chef geäußert, so lange er zu bestimmen habe, werde für die Fakturen feine Maschine angeschafft. Besser als Gallus arbeite eine Maschine auch nicht. Severin war unfreiwillig Hörer dieser Worte gewor den; sie taten ihm wohl. Er konnte nicht sehen, wie Herr Winkelmann junior hinter seiner jugendlichen Stirn über dieses Problem dachte.
Severin merkte, daß sein Herzklopfen nachließ. ,, Herr Gallus", begann der Chef ,,, ich schätze Ihre Kraft außerordentlich und betrachte
Asturische Bergarbeiterie als ein achtenswertes Erbe meines feligen
Von Karl Johannes Wir sind das letzte Aufgebot. die Sonne schien so blutig rot, als wir die Stadt verließen. Im todesdunkeln Grubenschacht, da sind Gedanken aufgewacht, die nun die Freiheit grüßen. Wir sind das letzte Aufgebot, Kameraden riß der Kugeltod, das Gas von unsrer Seite; durchlief den Stollen diese Nacht, wir haben die Augen zugemacht und saben in die Weite.
Dort ist das letzte Aufgebot, es spricht der Späher zum Vilot: fichst du die Fahne feurig wehn? ein Eisen stürzte durch die Nacht, von Licht umstrahlt die letzte Schlacht, fie schwuren, niemals zu vergehn. War'n sie das letzte Aufgebot?
Vaters..." Er machte eine Kunstpause. Severins Brust hob sich. Alle seine Befürchtungen schienen unbegründet. Vielleicht bekam er eine Aufbesserung. Er war doch schon so lange bei der Firma. Seine Aeuglein glizerten erivarmingsvoll. Jafuhr der Chef zögernd fort- aber bei der Neuorganisierung unseres Vetriebes, den mein Vater als ein guter, reeller, aber allzu zeitfeindlicher Kaufmann führte, muß ich auch an Ihre bisher unangetasteie Funktion her antreten..." Er hielt inne, denn Severin war plöglich freideweiß geworden.„ Fürchten Sie nichts", sagte der Chef schnell ,,, ich werde für Sie eine Ihrem Alter entsprechende Aufgabe haben, denn ich glaube faum, daß Sie sich heute noch gerne auf die neue Maschine umſtellen wollen."
Severin schüttelte steif, aber abweisend den Kopf, seine Augen schauten angſtvoll an dem jungen Chef vorbei, der aufstand und die Unterhaltung mit den Worten beendete:
„ Ich werde Ihnen die Aenderung so ivenig als möglich fühlbar machen und das Gehalt bleibt auf alle Fälle das gleiche."