BUNTE WELT

Nr. 25

Unterhaltungsbeilage

1937

Der Brautstrauß aus Marschall- Niel- Rosen

Claus mußte Gärtner werden, weil sein Vater ihn einem Beruf zuführen wollte, der nicht der Maschinenarbeit erliegen könne. Die Gärtnerei, die er als Lehrstelle durch ebenso schnellen Entschluß wie die Berufswahl gewählt hatte, war flein . Bisher hatte der Meister die Arbeit ganz allein gemacht. Der Garten lag wie ein grünes Band zwischen den Gebäuden. Im vorderen Teile befanden sich zwei Glas­häuſer. Hinter dem die Sicht offen lassenden Eisenzaun waren Blumenbeete als eine Art lebendige Auslage zur Kaufermunterung für

Von Julius Zerfaß

Laden und im Binden von Kränzen und Sträu- nischen Broden auf, deren Bedeutung ihm selbst zen. Claus war ehrlich und geschickt; der Mei- noch nicht geläufig war. ster war zufrieden mit ihm.

Der Artenbestand der eigenen Gärtnerei war nicht sehr reich. Am Ort gab es aber noch einige größere Privatgärten, die sich die letzten Neuheiten in der Pflanzenmode leisten konnten. In einen solchen Garten nahm der Meister Claus einmal mit. Claus war ſchier erdrückt von der Fülle und Breite Breite des botaniſchen Reiches. Beim Durchwandern der Glashäuser schnitt der Meister heimlich da und dort ein Zweiglein ab

die Borübergehenden. Ueber der infant as und ließ es in der Taſche verschwinden, was Claus beinahe bestürzt mitansah, war er doch das Nebeneinander von echter und nachgemachter von zu Hauſe zu eindeutiger Ehrlichkeit erzogen.

taufsraum zum erstenmal betrat, bestaunte er

Natur in Form von Kränzen und Sträußen, sogenannten Arrangements. Der Farbengeruch der Wachsblumen, gestanzten Papierblätter und künstlichen Palmen mischte sich mit dem schwü­Ten Duft von Hyazinthen und erinnerte ihn an den Geruch in Totenzimmern.

Früh um sechs Uhr fam Claus zur Arbeit. Es gehörte schon gleich zu seinen Gepflogenhei­ten, die Läden der Schaufenster zurüdzuklappen und um sieben Uhr die Ladentüre aufzuschlie=

Das Geschäft einer kleinen Gärtnerei schleppt so seine Tage mit kleinen Einnahmen dahin: ein wenig Samenverkauf, Sebpfianzen, billige Blumen für die Gräber. Aber dazwischen gibt es Höhepunkte, die einen kleinen Goldregen heraniragen und den Tagen des Gleichmaßes aufregendes, arbeitsreiches Tempo geben: Ver­lobungen, Geburtstage, Hochzeiten, Todesfälle.

War in der kleinen Stadt ein angesehener

Christus ist unser Leben,

Ben. Oft genug geschah es, daß die Meiſters- Mitbürger gestorben, so empfing Clausens Miei­eheleute und Kinder noch in den Betten lagen, ster das Ereignis mit dem Ausruf: wenn er von der Küche aus durch die Schlaf­kammer in den Ladenraum mußte. Mit innerem Widerstreben buschte er dann durch den verdun­felten Schlafraum und öffnete von innen die Ladentüre.

Sterben unser Gewinn!

Zu dem Gewinn mußte Claus beitragen, der aus dem Walde Tannengiveige und Farn­Claus erlernte zunächst mit Hade und blätter für die Kränze herbeischaffte. Nicht ge­Schaufel die rauheren Grundbegriffe des Gärt- heuer war ihm dabei, denn im Stehlen hatte er ners, die ihm schnell vertraut wurden. Bald schon gar keine Erfahrung und es lag auch gar folgte er mit großem Eifer den Anweisungen nicht an ihm, daß er dem Förster nicht in die des Meisters, mit haarscharfem Messer Ableger Hände lief, wenn er in den Schonungen das von allerlei Krautgewächsen unter dem Blatt- schönste Grün ausſuchte. winkel abzuschneiden und später in die von unten erwärmten Sandbetten des Treibhauses zu stek­

fen. Er betrachtete immer wieder das Wunder neuer Wurzelbildung, das Hervordrängen feiner Knorpelungen aus der Schnittstelle und mit der Wurzelwerdung die Wachstumsgier der abge­trennten Ziveige.

Als aber der Meister Blätter von der buntfarbenen Schiefblatt- Begonie mit ganz fur­zem Stil auf die Sandfläche drückte und sich schon nach einigen Tagen in den Gabelungen der Blatiadern neues Leben zeigte, war Claus des Staunens voll. Das Treibhaus erschien ihm als Zauberwerkstätte, das Vielerlei der Formen

Claus machte die Beobachtung, daß der Meister wiederholt vom Friedhof Bypressen­und Blautannengrün für die feinere Kranzbin­derei brachte und er war deshalb gar nicht er staunt, als der Meister ihm eines Tages befahl, ihn auf diesem Gang zu begleiten. Da huschte er zwischen den alten Gräbern dem Meister nach, der bald da, bald dort aus dem dichten Gebüsch der Koniferen Zweige herausschnitt; an übersichtlichen Stellen duckten sie sich und waren darauf bedacht, das sonst so laute Geräusch des Knipsens der Baumscheren durch vorsichtigen Druck zu dämpfen. Clauſens Herz schlug heftig, er schaute unsicher umher, doch sein Lehrherr und Farben, die Unzahl der Namen verwirrien achtete nicht darauf. Sie wandern ja wieder auf ihn. Die Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse der den Friedhof zurück! sagte er. Pflanzen zwangen ihn zu Umsicht und Wach­famteit. Der lange Tag des Gärtners war fast zu kurz. Fleiß und Eifer trieben ihn und halfen ihm die körperlichen Anstrengungen, die seinem an ſich nicht robuſten Körper auferlegt wurden, leichter zu bewältigen.

Der Meister jäähie Clausens Willigkeit. Er schickte ihn mit dem Karren auf den Markt zum Blumenverkauf, mit dem Handelssad auf die umliegenden Dörfer zum Samenverkauf, unterwies ihn in der Bedienung der Kunden im

Nicht immer ging alles einfach ab, wenn Claus den Meister vertreten sollte. An der Meiſterin hatte er keine Hilfe; zudem war sie augenleidend und hatte genug mit den Kindern zu tun. So waren sie oft beide ratlos und Claus mußte seinen Meister aus irgend einem der nahen Wirtshäuser holen. Vor der Kund­schaft verbarg er schamhaft, wo er den Meister ſuchen mußte.

Dem Leben und dem Tod Blumen zu win­

den, iſt des Gärtnerz Amt. Clauz mußte fich daran gewöhnen, die düsteren Kammern der Hingeschiedenen zu betreten. Wo aber des Lebens frohe Fejte gefeiert wurden, galt es, die

Freuden zu verschönen. Von einem zum andern oft nur ein hinüberivechseln vom Hellen zum Dunklen.

Auch mit dem Theater machte Claus Be fanntschaft. Eine Schauspielertruppe gastierte im benachbarten Theatersaal, Elaus mußte mit Grünpflanzen und Lorbeerbäumen den Kulissen ein Stück Natur beigeben. Er lernte die Thea terleute kennen und bekam als Trinkgeld zu den Benefizvorstellungen eine Freikarte in die Hand gedrückt. Da saß er auf dem erſten Plaß unter

den Vornehmen der Stadt, neben Damen, die er auf der Straße schüchtern grüßte, war fast betäubt von dem Duft ihrer Gewänder. Die Deflamationen der Helden machten Eindruck auf ihn. Die Tränen und Seufzer unglüdlicher Frauen, die Schuftigkeit und abgründige Ges meinheit der Intriganten forderten seine inners ste Feindschaft heraus. Besänftigend wirkte auf ihn das romantische Ritterspiel. Hingerissen toar er, wenn im Trompeter von Sädingen das Abe schiedslied im Brustion tiefsten Weltschmerzes in den Saal schmetterte.

Daß bei den Rosen steis die Dornen stehen, hatte Claus als junger Gärtner schon empfunden, wenn er aus den Sträußen die Stacheln entfernie, damit sie zarie Damenhände nicht verlegen konnten. Rosen waren auch der Anlaß zu einer seelischen Erschütterung in Clausens jungem Dasein.

zeit einer reichen Bürgerstochter. Marschall- Niel­Ein Brautstrauß war bestellt für die Hoch­Rosen mußten es sein. Im eigenen Garten waren sie abgeblüht. Der Meister hat sie in kei­ner der anderen Gärtnereien auftreiben können.

Jetzt gibt es nur noch eine Möglich feit sagte er zu Claus- und eine Stelle, wo wir sie haben könnten. Dieſe Stelle beſchrieb

er Claus und die Art der Rede war ein Auf­trag. Dem Jungen wurde kalt und heiß; er sah seinen Meister bestürzt an.

Wir brauchen die Rosen, du mußt sie herschaffen! In fünf Minuten hast du sie! Du nimmst die Gießkanne mit, gießt in der Nähe unsere Pflegegräber, schauſt dich flink und gut um, ein paar Schnitte und sie sind in der Kanne verschivunden.

Claus hatte alle Hände voll zu tun. Schon nach wenigen Monaten war er sich oft ganz selbst überlassen. Seine Umsicht reifte, aber er wurde auch in vielen Dingen auf den. Weg des Selbilernens abgedrängt und beschritt manchen Irriveg. Die Kunden fragten oft mehr, als er beantworten konnte. Sie wollten Namen wissen, Claus war verzweifelt. Galt hier auch noch die er sich noch gar nicht hatte merken können. des Vaters Anordnung, dem Meister zu gehor­Da wartete er- unsicher freilich mit lateichen? Ein Brautstrauß vom Friedhof! wollte er

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