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CLOTHELICE 34 40 3

BUNTE WELT

Nr. 26

Unterhaltungsbeilage

Brauner Bär und blauer Tiger

Meine Liebe, meine ewige Sehnsucht, mein für eine zwei bis dreitägige Erpedition nötig immer wieder neu erwachender Forscherdrang war, hatten wir mit. Und mit etiva drei Tagen gehört jenen Teilen Sibiriens , die in ihrer mußten wir rechnen, denn der Bär hatte sich nördlichen Einsamkeit und Gefährlichkeit selten sicher ins Vorgebirge zurückgezogen. von europäischen Expeditionen aufgesucht wer­den.

Ich kann wohl sagen: In der Gegend bin ich wie zu Hause. Und es wird nicht lange dauern, bis ich sie vielleicht wieder sehe.

Ja, ich habe so einiges schon da oben er­lebt. Und überschaue ich die vergangenen Jahre, so stehen mir besonders ein paar Stunden vor Augen, Stunden, in denen man- wie man hier zu Lande sagt um ,, ein paar Jahre älter" geworden ist.

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Um erst einmal die geographische Lage" jener Begebenheit vorzustellen, die ich erzählen will. Wir sißen tief in Südost- Sibirien. Der Amur durchfließt unser Gebiet, das zudem von einem Gebirge durchstrichen wird, dem Apfel­gebirge. So heißt es in deutscher Uebersehung, auf dem Atlas findet man die Bezeichnung Jablonie- Gebirge, was ausgesprochen werden muß als Jablonen".

Früh schon, mit dem Morgengrauen, waren wir aufgebrochen, um den Bären zu er= legen, der seit Tagen das Dörfchen, in dem meine Gastgeber wohnten, beunruhigte. Lief verschneit lag das Dorf mit seinen winzigen Hütten am rauhen Nordabhange des Gebirges, und mit aller Wucht fegte der Nordoststurm, der eine Kälte mit sich führte, die bis zu 45 Grad anstieg.

Wiedersehen in der Steppe

Stärker und klarer wurde der Frost. Die fleinen zottigen Pferdchen dampften und ihr Fell war weiß bereift. Der Schnee pfiff und knirschte bei der ungeheuren Kälte, die Sonne zeigte einen großen Hof und hatte vier blasse Nebensonnen. Ein unheimliches Licht lag über der weißen, mit wenigen Kiefern bestandenen Landschaft, die in ein Nichts überzugehen schien.

Es wurde Abend, der Weg war noch weit, uns blieb nichts weiter übrig, als ein Lager aufzuschlagen. Dort, wo wir uns niederließen, stand niedriges Gestrüpp, und kleine dice Kie­fern lieferten uns das Brennholz für die Nacht. Alle Vorkehrungen gegen einen Ueberfall( von Mensch oder Tier) waren getroffen, wir sagen um das Feuer und nahmen unser nicht gerade reichliches Abendbrot ein.

Da spizen unsere Hunde die Ohren und knurren.

Ueberfall!

Sofort greift jeder nach seiner Flinte. Doch in diesem Augenblick schon ertönt wildes Ge­brumm. Ziveige knaden und brechen in unmit­telbarer Nähe des Lagerplates.

Ungefähr in zwanzig Schritt Entfernung sehen wir zwei braune riesige Maffen. Sie nähern sich dem Lagerplak, unklar beleuchtet vom Reisigfeuer.

,, Ja, um Gottes Willen, was ist das?" Es sind Tiere, mächtige Tiere.

Das eine sitzt auf der Hinterhand und schlägt wütend mit der vorderen Pranke den festgefrorenen Schnee. Während das andere tutschnaubend brummt. Bären!

Zu meinem Erstaunen erkenne ich neben den Hodenden Bären einen immer größer wer denden Fled.- Blut!

,, Ist das Tier schon angeschossen?" Oder hat vorher schon ein Kampf mit einem anderen Raubtier ſtattgefunden?"

Rulow, so hieß mein Gastgeber, war ein alter Pelzjäger. Wir hatten uns vor Jahren auf Pelztierfang in der unendlichen sibirischen Steppe an der unteren Lena kennengelernt. Als ich nun Rulow wiedersah, gab es auf beiden Seiten herzliche Freude, und der treue Mann Tud mich sofort ein, ihn in seinem abgelegenen Dörschen zu besuchen. Nach wochenlanger Schlit­tenfahrt bei ständig tiefblauem Himmel und ruhig klarer Luft, die Sonne schien gelblich auf die glitzernden endlosen Flächen, tam ich turz Zum Nachdenken komme ich nicht, denn un­vor Weihnachten zu meinem alten Bekannten fere Hunde, die schon so manchen Bären gejagt und wurde mit jener großartigen Gastfreund hatten, waren von hinten an die Bestien heran­schaft aufgenommen, die diesen Steppenbewoh- geschlichen und versuchten sie zu stellen. Da nern zu eigen ist. drücke ich meine Büchse ab... verflucht! Ich bin durch den Feuerschein geblendet, meine Kugel verfehlt ihr Ziel und streift den Bären nur am Kopfe( wie sich später herausstellte).

In der warmen Hütte bei summenden Sa­mowar ging es ans Erzählen, und es ist wohl, selbstverständlich, daß wir immer wieder in die Vergangenheit tauchten. Und in der Nacht vor meiner Abreise geschah es, daß ein Bär zwei Pferde meines Gastgebers anfiel. Ganz Ilar: meine Abreise wurde verschoben und wir gingen los, den Bären zu erlegen.

Auf der Spur des Bären Die Spur führte durch meterhohen Schnee. Oft sanken wir sechs Mann mein Gastgeber, seine drei Söhne, ein Jäger aus dem Dorfe und ich mit unseren beiden Schlitten und den Pferden derart tief ein, daß wir zu tun hatten, um wieder flott zu werden. Alles, was

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Schmerzengebrumme, weitere Schüsse fra­chen, braune Körpermassen fliegen über uns hinweg, Schnee stäubt, brennende Holzstücke sausen durch die Luft-- ein markerschüt­ternder Menschenschrei.

Kampf auf Leben und Tod Mir steht das Herz still. Ich sehe, wie die beiden Bestien mit ihren Pranken auf einen menschlichen Körper einhauen und wie Rulow mit dem Beil das Gewehr ist ihm aus der Hand geschlagen- den unverwundeten Bären angehi. Angehen will...

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1937

Denn blitzschnell dreht sich das wutschnau­bende Tier zu dem mutigen Jäger um, und ehe noch Rulow das Beil heben kann, wird es ihm aus der Hand geprellt und die Bestie stürzt sich auf ihn. Ruloip packte den hochaufgerichtet flet­schenden Bären an den Ohren und versucht den Kopf von sich abzuhalten. Ein Kampf auf Leben und Lod entſpinnt sich. Schießen ist für mich un­möglich, ich gefährde damit meinen Freund. Ein Schrei- Rulow taumelt fällt in den Schnee.

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das wütende Tier beißt und schlägt- da fällt ein Schuß. Aber eine Sekunde zu spät. Leblos jadt zwar die gewaltige braune Masse zur Seite, doch neben dem toten Bären liegt ein schwer verwundeter Jäger. Das andere Tier iſt ſpurlos verschwunden.

Nacht...

In der schauderhaften Kälte der Nacht gehen wir zitternd zum Lagerfeuer zurück, und nur das Aechzen unseres verwundeten Gefähr ten war zu hören, als wir uns nach einiger Zeit von dem Schrecken und den Aufregungen des Vorfalles erholt hatten. Abwechselnd ber­juchten wir zu schlafen, aber niemand konnte ein Auge schließen. Ich sezte mich zu meinem Gast­geber, der sich im Wundfieber wälzte. Was blieb uns übrig, als schnellstens den Rückweg anzutreten. Der Bär war ein alter ausgewach sener Bursche mit braunen lückenhaften Zähnen und sehr starkem zottigen Fell. Ich bangte um das Leben meines alten Freundes, da ihm die Bestie die rechte Schulter vollständig zerschlagen und auch die linke Hüfte blutig gefragt hatte... Endet diese Nacht überhaupt nicht?

Niemand sprach ein Wort. Der Mond war aufgegangen und die ganze Landschaft sah in dem fahlen Lichte unwirklich, unheimlich aus. Mir war übel zu Mute, und als ich schließlich einmal aufstand, sah ich das Licht des Morgens trüb im Osten aufglimmen. Nahe unserem Lager hörte ich das frächzende Bellen einiger Wölfe und dazwischen das Heulen und Fauchen eines anderen wilden Tieres.

Die Hunde wurden unruhig und fingen an zu winseln. Immer ein Zeichen der Furcht. Der ältere Sohn meines Gastgebers wurde ebenfalls darauf aufmerksam und rief:

,, Gewehre in Anschlag, ganz in unserer Nähe müssen sich Wölfe oder Tiger befinden!"

Näher und näher kam das Gebell, wir sit­zen alle Mann in Anſchlag. Es iſt inzwiſchen hell geworden, und wir können die Gegend ziem lich gut übersehen. Nur vor uns, dem Gebirge zu, wird die Sicht durch Unterholz und Kiefern verdecki.

Der blaue Tiger

Für Augenblicke wird es wieder totenstill, das Feuer knistert und der Verwundete stöhnt. Jegorow, der Jäger aus dem Dorfe, sitzt vor dem Feuer und beobachtet das Unterholz- ich will mich gerade wieder um den schwer stöhnen­den Rulow fümmern, da sticht ein heller

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