Feierabera

Feierabe

r. 47.

Linterhaltungsbeilage.

Um Rande des Lebens.

In dem Laden des alten Hulligan herrschte heute ein furchtbarer Lärm. Eine betrunkene Gesellschaft saß drinnen beisam­men, Eisenbahnarbeiter und Farmer aus der Umgebung. Sie hockten auf Schnapstonnen and Kisten, rauchten, tranken und grölten, tanzten auch einmal eins und verbrauchten dabei furchtbar viel Whisky.

Pater Hulligan schenkte ihnen aufmert fam ein, immer sein öliges Lächeln auf den fetten, groben Zügen. Das hatte er sicher moch aus dem Kloster. Sein Wandel vor dem Herrn war sogar für den Abt eines irischen Klosters zu bedenklich gewesen, und er hatte ihn hinausgeworfen. Jetzt verkaufte er hier in Texas Bier und Schnaps, Lebensmittel, Kleidungsstücke und landwirtschaftliche Ma­schinen und wer weiß, was sonst noch.

An der Bar stand ein dürrer, blasser Mann mit ausgesprochen irischem Gesicht und der frummen, eckigen Haltung, die schwere Arbeit hervorruft. Er starrte in fein Glas.

Willst du noch einen, Landsmann?" fragte ihn der Wirt.

Der Blasse lächelte:

Wollen tät ich schon; aber da sitzt mein Kamerad, der hält mir nachher einen Vortrag über die Verderblichkeit des Schnapses im allgemeinen und für meinen schwachen Magen im besonderen. Er hat übrigens verdammt recht, der Deutsche, ich habe genug und heute noch einen großen Weg."

Der Wirt schielte nach der Ecke, in der ber Begleiter des Blassen saß.

" Sollte ein Mensch glauben, daß der leinen Whisky säuft und dabei noch ein Dutchmann ist. Ihr seid Tramps, nicht? Wo wollt ihr denn hin?"

,, Nach Pittsburg , in die letzte Chance", antwortete der Irländer mit einem leichten Seufzer.

weh," lachte der Wirt ,,, da kommt ihr heute freilich nicht mehr hin.' Ungefähr noch fünfzehnhundert Meilen bis dahin, was?"

Ja, so etwas ist's. Da unten kommt wohl die große Trestlebrücke, nicht? Wir wol­len heute noch drüber und bis nach Black burn."

Heiliger Patrick, da habt ihr noch weit", rief Sulligan. Und seht euch auf der Brücke vor. Wenn ihr runterfallt der Sumpf ist zwanzig Meter tief! Es regnet, und die Schivellen sind schlüpfrig!"

Bon Artur Hehe.

Ja, wir müssen fort, es wird Abend. Good by!" sagte der Blasse.

Er holte den Deutschen aus der Ecke und sie gingen hinaus, der Jre ein wenig schwan­tend.

Der Regen schlug ihnen ins Gesicht, und es wehte kalt von den Bergen her.

Der Deutsche atmete tief auf und fab seinen Begleiter forschend an.

Hast du gefragt, wann der nächste Bug fommt, Will? fragte er.

du, das habe ich vergessen!" sagte Will erschrocken.

Wärst du nicht in die Spelunke gagan­gen, so wären wir jetzt drüben. Der letzte Bug ist vor einer Stunde vorüber; wenn wir unterwegs von einem andern erwischt werden..."

Ja, dann wird's gefährlich, der Sumpf soll zwanzig Meter tief sein."

Der Große Schwieg und beugte sich gegen den Wind vornüber. Sein Begleiter tnöpfte feinen Ueberzieher zu und trabte hastig neben den weitausgreifenden Schritten des Deutschen her.

Die Straße fenfte sich, sie verließen sie, wandten sich rechts dem hohen Bahndamm zu und kletterten hinauf. Oben stürmte der Wind scharf daher und warf ihnen sprühende Regen schauer ins Gesichts Die Gegend war tahl und nüchtern, doppelt trostlos im müden Dämmer licht dieses Herbstabends. Oben am grauen Simmel jagten schwarze Wolkenfeßen, und der Sträuchern am Bahndamm.. Wind sang in den zerzausten, hopfenden

es eilig, in die Stahlhöllen nach Pittsburg zu Sie wanderten hastig vorwärts, hatten tommen. Da waren alle möglichen Uebel zu­sammen, eine furchtbare Arbeit, täglich einige schwere Unfälle, schlechter Lohn und Dreck und dazu wohl zwanzig Nationalitäten; bei den meisten saß das Messer locker.

Aber doch Arbeit, ein Unterschlupf für den Winter! Der ist hart in diesem Lande, und die Herzen seiner Bewohner sind's auch.

Alles das ging dem Deutschen durch den gesenkten Kopf. Dabei rannte er mit Riefen­schritten vorwärts.

Der Jre zupfte am Jadett, Was ist's?" fragte er.

Geh nicht so schnell, weißt du, mein Magen...", sagte er mit einem gutmütigen

1926.

Lächeln auf dem blassen Gesicht, aus dem die Nase spitz und schneeweiß heraussah.

Ach so", sagte der Große, und sein etivas starres Gesicht wurde freundlicher. Siehst du, du hast stets bloß Beschwerden, wenn du ge­trunken hast. Bist sonst solch guter Kerl, aber du kannst kein Wirtshaus bloß von draußen betrachten."

Er wandte sich ab. Ein Kerl wie Samt und Seide, bloß schade, daß er suff", rezitierte er leise auf Deutsch .

Da schwang sich der Bahndamm in großem, weitausholendem Bogen nach links herum, eine weite, grünliche Fläche dehnte sich vor ihnen im Schatten des heraufdämmernden Abends der Sumpf.

Die Schienen liefen ineinander, die Bahn wurde eingleisig. Fred sah an dem hoben Signalmaste hinauf, der dort stand, nickte und ging weiter.

Vor ihnen lag die Brücke. Die Gleise lagen auf eingevammten Pfählen, die Schivel len ragten so wenig über die Schienen hinaus, daß außen kein Platz mehr zum Gehen war, man mußte innerhalb der Schienen laufen. Die regengetränkten Schwellen glänzten schwarz und naß. Das Gehen war gefährlich. Zwischen den Schwellen schimmerte der grüne Sumpf, durchsetzt mit großen schwärzen Wasserlachen, berauf.

Der Große ging voraus. Will folgte ihmt ein bißchen unsicher unt ängstlich. Wenn bloß kein Zug kommt, Fred! Wir wären ver­loren, ausweichen geht hier nicht."

,, Na, beruhige dich!" sagte Fred, das von vorn ist ja der letzte Zug kaum vorüber. Signal war auf Freie Strecke" gestellt, und Trotzdem wollen wir so schnell wie möglich machen, daß wir hinüberkommen."

Der Jre gab keine Antwort. Er sah sich von Zeit zu Zeit um und stöhnte manchmal leife; fein Magen schmerzte ihn.

Sie waren ziemlich bis an die Mitte der Brücke gekommen, da blieb der Fre stehen.

" Fred, horch!" Ein Minute verstrich in tiefem Sveigert. Da verzerrte sich Wills Gesicht.

Heiliger Gott, Fred, hörst du es nicht, das Rollen? Ein Zug fommt!" schrie er.

Der Große preßte die Lippen zusammen. ,, Schnell, Will, schnell vorwärts! Dort drüben ist ein Licht, das Bahnwärterhaus.