والولالا

Feierabend

Feierabe

Mr. 42.

Unterhaltungsbeilage.

Die entmenschten Jahre.

Bruchſtücke aus einem Kriegstagebuch von Kurt Offenburg.

1927.

In Stadt und Land werden Sänger| breite Straßen wandert im Schatten be- ger und sonstige Kleinigkeiten zusammenge bezahlt, die die Tage des Mordes heili- wohnter Häuser. Wo der Boden nicht durch sucht, in einen Sandsad gestopft und bringen gen; den Rest des Jahres deklamieren Sohlen brennt; wo nicht Traum und schwere es so zum Schöpfer aller Dinge. Alles stint Fäden den Menschen umhüllen. Wo nicht der nach Tod und Blut. Und Zivilisation diese Herren gegen die Laſter des Jahr- Geist tropfenweise im Hirn austrocknet! Wo hunderts... nicht die Kraft verblutet wie roter Mohn. Wo nicht über der Menschen Köpfe blei­graue Wolken hängen- vom Nachdenken schwer. Wo befreite Menschen leben, deren Seele in ein lachendes Schicksal mündet...

Voltaire.

Vor dem Aufbruch. Ich bin Soldat: schlafe, effe, rauche, trinke, mache Dienst, sehe hin und wieder

in eine Zeitung, und damit wäre eigentlich

Lezzier Trost, ihr meine Träume. Wenn

alles zu Ende. Sollte zu Ende sein, mir meine ihr zur Tat schreitet, führt ihr zumen- gel an Fensterscheiben. Dann, dann-- breitet

Tage füllen. Doch in mir ist ein heimliches Klingen und Singen, das zum Lichte will. Eine Neugeburt meines Denkens, meines Empfindens. Fern dem Alten- Erlebten Ueberlebten. Noch gehe ich im Joch und in nere Freiheit soll nicht zur Sonne. Tränen Der Empörung überschwemmen sie, weil ich zitternd fürchte, daß der Gott im Menschen langsam sterben wird. Ebenso langsam wie Regentropfen einen Jahrtausend alten Gra­nitblock abschleifen. So tödlich sicher wie Trä­nen des Zornes meine Freiheit zerstören. Und weil ich fürchte zu vertieren.

Ja, ich bin Soldat, und Geistesnahrung und Trank sind Rost und Säure, die Ge wehrläufe und Bajonette zerfraßen. Sind Hand, die Gurgel und Stimmband pressen, daß nur gequälter Hurraschlachtruf in den falten Wintermorgen dampft; find Gebieter, die ein Antifriegsreglement schreiben und es nachts in mein Hirn hämmern. Sind Ab­urteiler, die mich unerbittlich zwingen, selbst Rechenschaft zu geben, daß ich fragen muß, wer ich bin und was ich bin, und was ich geleistet habe. Zwingen mir ihren Willen auf, daß ich frage und es nicht weiß, und es doch weiß!

Aufbruch.

Maschinengewehre flappern durch die Nacht. Zweizentnerminen poltern plump, schwerfällig durch die Luft, mit dem Ge räusch, als ob eine dide Mairone durch den Raum fiele. Elegant und leicht huschen die Geschosse der Feldbatterien durch das Dun­fel. Infanteriefeuer fällt dazwischen, wie Ha­den nicht in das Land seiner Sehnsucht, son- sich über alles Gas; giftiges, tödliches Gas, dern schleift ihn in eine lichiloſe, lautlose mo- wie das Parfüm einer Halbweltdame n derne Zelle.- Durch Nacht und Schred- ihrem Boudoir. Gleich Fontänen, in funſt­nisse, durch myriaden qualenzerfetzter Leiber, voll angelegten Parks, sprißt Erde auf in durch Not und Hunger und unendlich andere der Wüstenei von Gräben, zerschossenen Un Scheußlichkeiten muß ich zum Leben. Hinweg terſtänden, Drahtverhauen. Menschen, die über röchelnde Geräusche sterbender Order Allnatur durch ihr ganzes Leben fremd gane.... Wo bleibt der unergründlich Dog waren, pressen Leib und Schädel an ihren menlose? Sit er nur Sohn in seister Pfaffen Störper, damit surrende Eisenbrocken nicht plärrendem Maul? Wird die Nähe einer ihres Hierseins Lämpchen zerschlagen mögen. Gedanken meinen wandermüden Füßen die Bombenflieger freisen wie ungeheure Nacht­Schwere nehmen? vögel über der Stätte zerfetzter Menschlich­feit, zertrommelter Kultur.

Hölle.

Wie Saiten einer Geige zittern meine Nerven. Mein Hirn bebt durch den Welt­Nacht: erfüllt von würgendem Erleben, raum. Vor Schrecken und erdrosselnder Qual daraus geboren Visionen.

schmerzt mein Störper. Zorn und Verach­tungsreißen in meinem Brustlasten. Mit Pechschwarz der Himmel, wie Trauer- meinen schmalen Händen in das gigantischste feßen über einem Sarg. Sarg: Erde. Ohne Räderwert seit Menschengedanken eingreifen, Sternenſtickerei. Wie Mäuse in altem Pa- es stillhalten und den Männern hier, die dem pier, raschelt Wind in den Bäumen. Zer- Tod entgegengeworfen sind, sagen: Seht, die fette Hecken sind großze, zuſammengefauerte jenseits des Grabens sind gar keine Feinde. Kater. Verstümmelte Pappelſtämme streden Sie schuften wie wir, damit sie etwas zum zersplitterte Aefte zu Gottes " Thron. Der Fressen haben. Befehet ihre zerfurchten Ge­Leib der Straße ist hundertfältig mit Trich- fichter, und betrachtet die eueren! Schauet tern gespidt; sie starren wie aufgerissene euch in die Augen! Sehet den Efel und die Sattheit darin, an diesem Leben. Vier

Wunden.

Ueber der Artilleriebeobachtung gehen Jahre! Und mehr! Leuchifugeln hoch. Erinnern an den Stern Doch da lacht mein Wissen in mir! Lacht Es ist ein Grauenhafies, vor dem Horis von Bethlehem ! Doch verheißen tausend­zonte nur auf den Tod zu sehen! Auf der fachen Tod; Eingang zum besseren Leben. Wie wahnsinnig! Zwei Mondwechsel nach Heerstraße zu marschieren, in stetem Gleich Alle gehen wir zunt besseren" Leben ein: dem Schlachtfest werden alle Schmerzen, schritt ihm entgegen. Und weit, weit hinten im feldgrauen Smoking und genagelten Lack- Tränen und Flüche vergessen sein, und Le­durch Nebel und Finsternisse die blutrote schuhen. Als Vereinsabzeichen: zersplitterie, ben wird in alten Geleisen weiter rollen! zerquetschte Schädel; abgehauene Kinnladen; Deshalb lache ich über meine Brüder hier aus den Höhlen gequollene Augen; Arm­

Sonne. Vielleicht eine Welt in ihren Glanz getaucht! Wo befreite Menschen leben, die nicht stündlich auf die Folgen des Todes ge­spannt sind. Wo Menschen aimen im reinen Licht einer helleren Sonne. Wo man durch

stumpfe; Beinstumpse; außer Betrieb gesetzte vorne, und weiß, daß Vergeßlichkeit Herzkammern. Andere haben ihre Knochen, ihre größte Blutschuld ist!... Gedärme, Kopfhaut, Ohrlappen, Zehon, Fin-|