^r. 7.«nteryaltungsvettage 1931. Die Versuchung. RoveUe von crsxe» 9talmuffni. Manchmal überfiel«S ihn wie ei» Krampf, schüttelt« ihn, ritz ihn, bah er die Zähne zusammenbeißen mutzte, um nur die anderen nichts merken zu lassen. Hätte er, Niels Garman, dieser blaffe Mensch mit den großen, hungrigen, fast fiebernd glänzenden Augen, hätte dieser unansehnliche Mensch und ausgezeichnete, pflichttreue Beamt« die Zähne voneinander gelöst in einem solchen Augenblick, er würde schreien müssen vor Qual, vor Trauer, vor Empörung. Dieses Leben dieses grauenhafte Leben! Mit seinem öden Tagaus-Tägein, mit dem Ei­nerlei täglicher achtstündiger Arbeit, mit dem kargen Gehalt und den noch kärgli­cheren Vergnügungen. Dieses Sitzen hinter dem Schalterfenster, in der staubigen, dump­fen Atmosphäre des Büros, und dann, di« nörgelnde, zänkische Frau, deren Anblick ihm weh tat, ihn erbittert« und verstörte. Die niemals, nie auch nur mit leiser Frage sich nach seinem Ergehen erkundigt«, nie zärtlich und freundlich seinen müden, schmerzenden Kopf streichelte, die ausging in ihren klein­lichen Sorgen und Nöten. Er verstand das ja o gewiß, er ver­stand das. Wenn man so arm ist, dann ver­liert die Seele bald ihre Flugkraft, und der Geist bleibt stumpf und flügellahm am Bo­den kleberr. Und doch: iu mancher vergrü- belte», zerquälten Stunde bohrt« ein« Frage in seinem Hirn: Habe ich diese Frau jemals geliebt? Und wenn wie ist es möglich, daß es geschah? Wie ist es möglich, daß sie sich so schnell, so grauenhaft schnell derart verändert hat? Wo wir doch kaum zwölf, höchstens dreizehn Jahre verheiratet sind? Er fand keine Antwort auf diese Frage. Und wenn er schließlich müde wurde, sie sich stets aufs neue zu wiederholen nicht müde wurde er des Wunsches, dieses ganze, öde Leben möge einmal plötzlich ein Ende nehmen. Er müßte reich sein, so reich, daß «r reisen könnte, ganz weit fort. Irgend­wohin, wo die Welt schöner, die- Sonn« leuchtender ist. Wo über fremden, seltsamen Bäumen«in strahlend-blauer Himmel sich wölbt, wo hübsche, kostbar gekleidete Men­schen ein Leben ohne Mühe und Last führe« Und die Tage sich wie schimmernde Perle« äneinanderreihen. Er wußte nicht viel von südlicheren, wärmeren Gegenden. Kaum n«hr, als er gelegentlich in einigen Büchern gelesen hatte. Aber wenn der reich« Fabrikant Ole Warrauson vor ihm stand, dieser Millionär, der sicher an einem Tage mehr verdiente, als er,-Niels Garman, im ganzen Jahr, dann wurde seine Sehnsucht wach, Das war ein vom Glück Auserwählter, dieser Warranson. Einer, dem alles hundertfältig in den Schoß fiel, ohne daß er nötig hatte, einen Finger krumm zu machen'. Der konnte sich sein Leben einrichten, wie er wollte. Sagte er heute: ich will nach Italien fahren nun, so tat er eine» Griff in seinen Tresor, stopfte ein Bündel Banknoten in di« Rock­tasche und fuhr eben nach Italien . Da braucht« es kein großes Ueberlegen und Rechnen. Warranson war oft auf dem Postamt er war ein leutseliger, aber auch miß­trauisch«! Mensch. Jedenfalls hatte er ein­mal schlechte Erfahrungen gemacht. Deshalb erschien er mit ziemlicher Regelmäßigkeit, um etwa eingegaugene Geldsendungen selbst zu quittieren und in Empfang zu nehmen. Man soll seine Angestellten nicht mehr als irgend nötig in Versuchung bringet, pflegte er sein« Handlungsweise mit hämischem Lä­cheln zu begründen. Er bekam viel Geld, aus allen Ecken des Landes. Sein Unternehmen blühte, das konnte man sehen. Und immer waren es größere Summen: zehntausend Kronen, zlvanzigtausend manchmal sogar noch mehr. Er quittiert« über di« Beträge mit der ruhigen Gelassenheit langjähriger und selbscherstandlichcr Uebnng. Aber Garman der ihm das Geld vor dem geöffneten Schalter aufzählte zittert« oft heftig. Er war so aufgeregt, daß er errötete, weil er glaubte, der andere müsse das Beben seiner Hände sehen. Es gab keinen anderen in der Stadt» der derartige Suminen durch die Post erhielt. Aber Warranson sah das nicht viel­leicht weil ihm so ein kleiner Beamter ein zu untergeordnetes Wesen war, um es über­haupt eines Blickes zu würdigen. Er unter­schrieb mit seinen regelmäßigen, runden Schriftzügen, die anzusehen ein« beinahe ästhetische Freüde war. Manchmal, in einem stillen Augenblick, ertappte Garman sich dabei, wie er die Un­terschrift auf- einem Bogen Konzeptpapier nachmalte: Ole Warranson Ole Warrau- ,on Ole Warranson. Er freute sich, wie gut es ihm gelang, dies« Schrift nach­zuahmen. In kurzer Zeit hatte er es soweit gebracht, daß kein Dritter einen Unterschied hätte bemerken können. Lächerlicherweise war er darauf direkt stolz er kam sich beinahe vor, al» wäre er selbst dieser ange- ehene Fabrikant, der so große Summen zu­geschickt bekam... In diesem Frühling, der mit Duft und Wärme und Grün vorzeitig und fast stür­misch ins Land fiel, war Maria, Garmans Frau, besonders unleidlich. Sie war wohl jetzt in den Jahren, wo ihr Körper von der Jugend endgültig Abschied nahm. Garmari bemühte sich, das zu verstehen. Aber kein Verständnis schützte ihn gegen die Auswir­kungen ihrer krankhaften bösen Laune, und er fühlte sich bedrückter, unfreier und gefes­selter als je vordem. Er mied seine Woh­nung, lief stundenlang in Parkanlagen um­her, kam endlich spät abends todmüde nach Haus«. Schlief trotzdem schlecht und wurde von schlimmen Traumen geplagt, fuhr oft schreiend, mit stieren Augen und wirrem Haar, enipor. Dann brummte Maria ärger­lich irgendein Schimpfwort vor sich hin, und leise, beschämt, legte sich Garman in die zer- wühlten Kisten zurück. Dreimal, in drei Nächten hintereinan­der, träumte Garman: da war eine Anwei­sung gekommen, für Warranson, über zwan­zigtausend Kronen. Er, Garman, hätte sie quittiert, mit jenem Namenszug, den er nun schon so gut kannte, hätte das Geld an sich genommen, noch ein paar Tage getvartet, um keinen Verdacht zu erregen, dann Ur­laub beantragt und wäre nach dem Süden gefahren. Nach Rom oder Neapel . Um nie, nie wieder zurückzukehren. Am Mittag des Tages, welcher der drit­ten Wiederkehr dieses Traumes folgte, saß Garmau allein in dem Büro, als der Fa­brikant erschien.Geld für mich da?", fragte er lächelnd. Garman erhob sich, nnl nachzu­sehen, kam mit einer Anweisung über Man- zigtausend Kronen zurück. Warranson un­terschrieb, nahm das Geld, ging fort. Daß Garman sich an deu Tisch lehnte, keuchend, mit schweißnaster Stirn, kaum daß sich die Tür hinter dem Fabrikanten geschlossen hatte, das sah dieser nicht mehr.