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Feieraberg

Feierabe

Nr. 5.

Unterhaltungsbeilage.

Arbeit schändet nicht.

Beobachtungen eines Proletariers.

Arbeit schändet nicht, stund auf der beschriebenen Heftseite, in welche meine Frau mein Mittagessen eingepackt hatte. Ich las es, auf einem Zementsad sigend, mit dem Rüden an die Barade gelehnt, während ich mein Mittagsmahl, einen Cervelat und Brot . Unwillkürlich lächelte ich, jenes verächt liche bittere Lächeln, das unerbittliches Schicksal mir so oft schon auf die Lippen gepreßt. Eine Erinnerung aus längst ent­schwundener Zeit war in mir aufgetaucht. Aus fröhlichen Schuljahren. Während der großen Ferien war ich, wie man es heute nennt, als Werkstudent in einer großen Gärtnerei tätig. Daß ich schon am ersten Tag mit einem großen Karren nicht gerade schön anzusehender Gartenabfälle durch die Stadt in eine Schuttablagerungsstätte fahren mußte, tat meiner guten Laune, selbst etwas zu verdienen, keinen Abbruch. Als mir auf der andern Seite vier Studienkollegen mit ihren damaligen Auserwählten entgegeft­famen, ließ ich den Wagen stehen, um sie gebührend zu begrüßen. Doch was war das: sie schienen mich nicht zu kennen. Drei wandten die Köpfe zur Seite, als wäre ich Luft für sie, während der vierte, welcher meiner persönlichen Begrüßung nicht mehr ausweichen konnte, sich mit rotem Kopf auf seine Schuhe herunterneigte und mir ein wütendes Scher dich zum Teufel" zu­fnurrte.

Nach den Ferien hielt ich in der ersten Vereinsversammlung ein Referat über Ethik und Arbeit, oder volkstümlich frei ausge drückt ,, Arbeit schändet nicht". Tas Beneh­men meiner Studiengenossen tagierte ich damals als Kinderstreiche.

Die schrille Pfeife des Vorarbeiters riß mich aus meinen Betrachtungen. Die Fron der Arbeit begann. Heiß brannte die Sonne auf unsere nackten Rücken. Hart und steinig war der Boden, in welchen wir das Fun­dament für einen Neubau gruben. Der Vor­arbeiter gab mir den Auftrag, Pläne in die Baracke der Bauleitung zu bringen. Eine schimpfende Stimme tönte mir entgegen. Wozu sind Sie denn hier, glauben Sie, daß die Firma umsonst die großen Löhne zahlt, treiben Sie die Leute zur Arbeit an."

Aus der Tür der Barade trat mit gerötetem Gesicht der Polier. Ich wollte ihm

1932.

die Pläne übergeben. Unwillig, beinahe| Ständen angehörend, in gemächlichem Spa barsch schnauzte mich der sonst immer zierschritt. Eine Limousine fauste uns ent freundliche Mann an. gegen. Sicher lenkte das geschminkte Girl am Volant den Wagen um eine Wasserpfüße, die sich auf der Höhe der beiden Spazier gänger befand, damit ja kein Sprißer deren weiße Hosen und blaue Röcke beschmußte. Dafür wurden wir von Kopf bis zu den Füßen mit einer schmußigen Douche bedacht. Wir waren eben nur Proleten im Arbeits­fittel, auf die man keine Rücksichten zu nehnien brauchte.

Der Herr Ingenieur. ,, Verdammt lang dauert es, bis die Pläne hier sind", schnarrte mich im Kasernenhofton der Mann in der Baracke mit der dicken Zigarre im Munde an. Wortlos starrte ich ihni ins Gesicht. Der Herr Ingenieur war mein liebster Jugend­freund und Schulkamerad Alfons. Alfons, du?" Keine Wimper zuckte in dem dicken, fleischigen Gesicht, die zum Gruße gebotene Hand sah er nicht. Brüsf wandte er sich weg.

Ich aber blieb starr vor Staunen und Empörung stehen: Was wollen Sie noch?" Das Sie traf mich wie ein Peitschenschlag.

Die große Dame.

Sie wurde vom Vater verschachert, Ein süßes Finanzobjekt,

Die Seele wurde zertrampelt, Mit Pelzen dann zugedeckt.

Und was noch an gutem Empfinden In ihr war, wurde erstickt; Mit Perlen, Gold, Garderoben Ein neuer Mensch geflict. Dann wurde die innere Hohlheit Mit gutem Benehmen gestopft Und auf die sterbende Seele Die Eleganz gepfropft.

Hans Smolit.

Freundschaft fürs Leben hatten wir ge­schlossen. Sie dauerte so lange, bis er mich als Arbeiter im schmutzigen Kleid vor sich stehen sah. Eine Stunde später kontrollierte er mit dem Bauherrn unsere Arbeit. Du", flüsterte mein Arbeitskollege mir zu, der Ingenieur scheint dir nicht grün zu sein, mit dreckigem Lächeln sah er dir zu." Ich gab teine Antwort, denn ich dachte daran, daß ich einen Freund, um den es nicht schade war, verloren hatte, dafür aber um eine Erfahrung reicher geworden war.

Feierabend. Müde, abgespannt trotteten wir auf der Landstraße. Ein Blazregen vom Vortage hatte große Wasserpfüßen zurück­gelassen. Vor uns gingen zwei Herren, der Kleidung gemäß den sogenannten besseren

In dem jeden Abend überfüllten Tram hatten wir das Glück, zwei freie Sitzplätze zu finden. An der nächsten Haltestelle stiegen den nahen Tennisplätzen der feudalen Gesell­weißgekleidete Damen und Herren, die von schaft famen, in den Wagen. Mein Genosse erhob sich, um einem Dämchen mit bren nend rot geschminkten Lippen und gemalten Augenbrauen seinen Platz anzubieten. Ein verächtlicher Blick auf meine Kleidung und naserümpfend wandte sich das Dämchen zur Seite. Neben Profeten setzt sich eine Dame nicht.

Meine Frau hatte als Geburtstags­geschenk in Ermangelung von etwas größerem, wozu der färgliche Lohn nicht reichte, zwei kleine Fruchttörtchen gewünscht. Zu müde, einen Umweg zu machen, betrat ich eine Konditore:, deren Kunden in dem nahen Villenviertel wohnen. Die Verkäu ferin hatte eine Dame bedient. Die Reihe war an mir, doch sie wandte sich an eine später eingetretene Kundin: Frau Doktor, Sie wünschen?" Wieder Klingelte die Laden­glode. Ein hypermodern gekleidetes Dämchen stellte sich vor mich hin. Entschuldigen Sie, ich tomme zuerst", sagte ich ruhig. Die Dame hat schon bestellt", klang es schnippisch hinter dem Ladentisch hervor. Wort- und grußlos verließ ich das Geschäft, lieber machte ich den Umweg.

"

Arbeit schändet nicht, wurde uns in der

Schule gelehrt. Vom Volk der Arbeit sprechen bei festlichen Anlässen die Herren Redner. Im grauen Alltag aber ist der Werktätige im Arbeitstittel nach bürgerlicher Moral: Nur ein Arbeiter.

Erich Ernst.: