Feierabend
Feierab
Nr. 11.
Unterhaltungsbeilage.
Der Geist des Böfen.
Es war im Oktober noch warm, und Valentina Lecis, die Frau des Arztes, hörte bis in ihre Kammer das mählich ersterbende Geschwätz und Lachen der Frauen, die sich auf der Straße zusammengefunden hatten, um den milden Abend, er war schön wie einer im Juli- zu genießen.
Ihr Mann war unterwegs und hatte die Haustür doppelt verschlossen, ohne die allabendlich an seine Frau und die alte Magd gerichtete Ermahnung zu vergessen:
Novelle von Grazia Delebba.
1932.
von den Brüdern Bocceni Kleider, seidene flebten anspruchslos dahin, und in einer Gürtel kommen und Strümpfe nach der Freiheit, welche an Sorglosigkeit streifte. Mode. Wenn sie auch an diesem Tage an Später zerstreute sich die Familie: ihr verder Mostpresse gestanden hatte nun, eine blieb das Haus. Ihr Mann hatte Türen und tüchtige Hausfrau muß sich um alles füm Fenster erweitern und Eisenstäbe anbringen mern, was Gott ihrer Sorgfalt anvertraut. lassen; er liebte Symmetrie, Sicherheit, Ordnung; stets hatte er einen guten Grund für alles, was er tat. Das Klopfen dauerte an; die Fenster zitterten davon.
Auch ihr Mann alterte bei seiner Berussarbeit, und er hatte seine Gründe, wenn er die Würde der Familie hochhielt, seiner Gattin und selbst der alten fahlköpfigen, zabulofen Magd nicht gestattete, daß die geringste Sleinigkeit den lieben Nächsten Anlaß zu Klatsch bot.
"
Wenn er es wäre! Mich auf die Probe stellen wollie!:
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Mehr als einmal war so etwas vorgefommen. Sie wußte nicht weshalb- aber dieser bloße Gedanke versetzte sie in Zorn.
Ich will sehen, wer es ist."
Wer da?" fragte sie, ohne sich vom
Verschleiertes, Fleck zu rühren.
,, Weder Tür noch Fenster öffnen, wenn jemand klopft, der Euch unbekannt!" Valenfina fannte jeinen Wunsch zu gut als daß sie Während sie das alles erwog, entledigte fich selbst tagsüberaus Fenster ge- sie sich ihrer Stiefel und freuzte wieder ihre stellt oder am Geplander der Nachbarinnen schönen, schlaufgewachsenen, feinknöcheligen sich beteiligt hätte. Er wahrte jehr das Beine; weiß schimmerte die Haut durch die Doktorum, das Ansehen der Familie, und durchbrochenen Strümpfe. auch sie hielt darauf; niemals erhob sie halb verächtliches, halb mitleidiges Lächeln einen Einspruch. Beim Kirchgang, bei wich- umspielte ihre vollen Lippen; ein beträchtlich tigen Besuchen begleitete sie ihr Gatte. An langes Gähnen, dem ein Frösteln folgte, diesem Oktoberabend hatte sich die alte löste es ab. Magd, die ihre Amme gewesen, schon vor Sie band einen ihver fastanienbrannen 9 1hr niedergelegt, sie schlief mit den Kin- Zöpfe auf, um ihn während der Nacht fester dern mit je einem an jeder Seite in zu flechten; wie sie ihren Kopf zurüdichute, demselben Bett und im ganzen Hause um mit einem gewissen sinnlichen Behagen herrschte Schweigen. ihre Finger in den drei langen, jeidigen Haarsträhnen spielen zu lassen, hörte sie leise ans Fenster Klopfen. Ihre Augen weiteten sich: die Finger umkrampften das Haar, in dem Moment wirbelten gar viele Dinge durch ihren Stopf.
,, Gut Freund."
Es war eine unbekannte Stimme; fie flang wie die eines Mannes, der hier nicht heimisch war.
Was wünschen Sie?"
Ich bin ein Fremder, der hier vor überkommt und überbringe dir Grüße deines Bruders."
was
Sie ordnete rasch ihr Haar; ohne darauf zu achten, daß der Unbekannte übrigens bei den Hirten gewisser Gegenden üblich sie mit„ du" anredete, öffnete sie
Auch fie fonnte nichts besseres tun, als in den friedlichen Schlaf zu versinken. Heute abends aber überkam sie plötzlich ein Gefühl der Unzufriedenheit; sie gähnte und betrach tete ihren fleinen Fuß schloß die Hände das Fenster. Aber statt eines Hirten hob sich überm rechten Knie und schlug das rechte So pochte ihr Mann, als er noch Stu- vom Hintergrund des hellen Mondlichtes ein Bein über das linke. Nicht etiva, daß sie eine dent gewesen und sie, ohne Wissen ihrer eleganter, schwarz gekleideter junger Mann Tanzlust in sich verspürte: sie war ermüdet, Eltern einander zugetan waren. Die ab. Auf dem Dunkel des Gesichtser trug weil sie den ganzen Tag der Magd geholfen, Stammer zu ebener Erde gelegen hatte einen schwarzen Spitbart, zeichneten sich oder vielmehr diese hatte ihr beigestanden an der Westseite zwei Fenster, die zur Straße das Weiße der Augapfel und weiße Zähne -Most zu pressen; der Körper war noch hinansgingen, während man vom dritten wie Perlen ab. von seinem Aroma durchdrungen und ihr Fenster, ostvärts auf eine freie, bügelbeKopf wie von einem leichten Rausche begrenzte Wiese blickte.
Sie entfann sich plötzlich der Gestalt ihres Mannes als Student; aber dieser hier täubt; aber vielleicht war gerade diese Be So pflegte ihr Mann zu klopfen: es war größer, sehr groß sogar. Sie erinnerte täubung, das Geschivät verliebter Frauen, war leicht gewesen, sich an dem nach Often, sich nicht, je cinen so großen Mann geschen ein Choral, der durch die Stille der mond - gelegenen Fenster zu sprechen. Sie ängstigte zu haben; er reichte fast bis zum Fenster, hellen Nacht zu ihr herüberdrang, schuld dar- fich wieder wie damals, wen sie ihn erivar- griff mit gespreizten Armen in die Eisenan, daß sie nervöse Unruhe, eine Sehnsucht tete: er erschien ihr immer wie in einem stäbe; man mußte unwillkürlich an ein nach etwas Neuem, Unfagbarem, befiel. Traum und wenn der Mond sich hinter dem Kreuz denken. niedrigen Hügel erhob, dann fam es ihr vor, als wenn eine goldene Flamme aus dem traußen Haar ihres Schatzes hervorschöffe.
Valentina begann die vom Most besprig ten Stiefelchen auszuziehen; ihre durch brochenen Strümpfe wurden sichtbar. Sie dachte, daß ihr Mann eigentlich ein guter, brab für sie sorgender Gatte sei: er ließ ihr
Riemals hatte sie ihre Unfreiheit, einen Gast zu empfangen, so schmachvoll em funden. Sie konnte nichts anderes tun als ihn höflich und verlegen zu grüßen, wobei sie ihn mit Sic" anrebete. Ich bedanere, daß ich